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Cadiz, Spanien, Sightseeing, Erlebnisse und ganz viel Vida boa

 

#26.07.25 – Cadiz, Spanien, Sightseeing, Erlebnisse und ganz viel Vida boa

»Ich finde den Ankerplatz eigentlich ganz passabel«, meinte Vicky am frühen Morgen, als wir an Deck im ersten Licht des Tages unsere Morgenzigaretten rauchten.

In der Morgendämmerung lag die Bucht noch unter einer dünnen Dunstschicht, aber laut Vorhersage sollte es ein sonniger Tag mit angenehmen 25 bis 26 Grad werden. Ziemlich genervt vom dröhnenden Partylärm des Real Club Náutico direkt neben unserem vorigen Liegeplatz hatten wir gestern Nachmittag losgeworfen, abgelegt und hierher verlegt, um das Eisen im Buchtgrund zu versenken.

»Ja, es geht. Cádiz ist halt keine idyllische Postkarten-Marina und erst recht keine naturbelassene Ankerbucht wie an anderen Plätzen, aber akzeptabel. Und diese uralte Stadt ist für eine gerade mal 110.000 Einwohner zählende Küstenstadt wirklich hochinteressant«, lächelte ich zustimmend und nahm einen tiefen Zug. Der laue, salzige Wind wehte mit 11 bis 15 Knoten, in Böen um die 22 Knoten, aus Nordwest übers Deck und trug das gedämpfte, morgendliche Rauschen der Altstadt zu uns herüber.

 

Es folgt eine ausführlichere Revierbeschreibung der Bucht von Cádiz – gedacht für Leser, die hier vielleicht auch mal lieber frei ankern wollen, statt in einer Marina festzumachen:

Die Bucht von Cádiz zwischen der gewaltigen Puente de la Constitución de 1812 (der modernen »La Pepa«) und der älteren José-León-de-Carranza-Brücke (einer Klappbrücke) ist für Segler ein spannender, aber keineswegs unkomplizierter Ankerplatz.

Ankern oder Bojen? Frei ankern ist hier erlaubt und üblich. Es gibt in diesem Bereich keinerlei vorgeschriebene Mooring-Bojen. Du kannst deinen Anker setzen, solange du dich strikt außerhalb des Hauptfahrwassers und der Schifffahrtsstraßen hältst. Der Grund besteht überwiegend aus festem Sand oder Schlick mit guter Haltekraft. Viele Segler ankern etwas nördlich der Marina oder an den Rändern der Bucht auf 5 bis 7 Metern Wassertiefe. Aber Vorsicht: Hier fahren regelmäßig große Frachter, Marineeinheiten und Fähren durch – spürbarer Schwell und nächtlicher Schiffslärm sind keine Seltenheit.

Und noch ein wichtiger Praxistipp für das Ankergeschirr: Da die Bucht jahrhundertelang intensiv militärisch und industriell genutzt wurde, liegt im Flachwasserbereich stellenweise alter Unrat, schweres Kettengerümpel und sonstiger Müll auf dem Grund. Eine Ausbringleine mit Ankerboje oder ein Kettenteufel sind hier definitiv kein Luxus, wenn man seinen Anker nicht an ein altes Wrackteil verlieren will.

Wassertiefen & Gezeiten: Im äußeren Teil der Bucht und im Hauptkanal Puntales stehen bequem 10 bis 15 Meter Wasser unter dem Kiel, teilweise sogar bis zu 18 Meter. Weiter innen und zu den Rändern hin wird es deutlich flacher (oft nur noch 3 bis 8 Meter). Die Gezeiten haben hier einen Hub von 2 bis 3,5 Metern – bei Springtide ist das keineswegs unerheblich. Also Seekarten und Gezeitentabellen penibel beachten, sonst sitzt man schnell auf dem Schlick. Wir lagen auf knapp fünf Metern Wassertiefe und unser 35-kg-Ultra-Marine-Edelstahlanker hielt mit gut 35 Metern Kette problemlos.

Wasserqualität: Kristallklaren Atlantikstrand darf man hier nicht erwarten. Durch Industrie, Hafenbetrieb und die dichte Besiedlung ist das Wasser mäßig belastet – vor allem in den Sedimenten. Aber dank des starken Gezeitenstroms und des ständigen Wasseraustauschs mit dem offenen Meer ist es deutlich besser als in vielen geschlossenen Häfen. Zum Baden weicht man eher an die offenen Atlantikstrände aus, aber für den Wassermacher und zum Duschen an Deck geht es noch in Ordnung. In solchen Gewässern verschmutzen allerdings die Feinfilter des Umkehrosmose-Wassermachers schneller und müssen früher getauscht werden. Für ein paar Tage Zwischenstopp stellt das jedoch kein Problem dar.


 

Was man sonst noch beachten sollte:

  • Die Carranza-Brücke ist eine Klappbrücke und öffnet nur noch selten für größere Schiffe. Die modernere Constitución bietet mit 69 Metern Durchfahrtshöhe auch für große Schiffe reichlich Luft.
  • Starkwind aus Ost (Levante) kann die Bucht ganz schön aufmischen und eine fiese, kurze Welle aufbauen.
  • Schiffsverkehr hat immer Vorrang – strikt auf Kurs achten und den VHF-Kanal abhören.
  • In der inneren Bucht und den Marschen gibt es flache Zonen und Naturschutzgebiete – da sollte man nicht wild rumschippern.

Nordwestlich des Castillo de San Lorenzo del Puntal>>> und nördlich der bunten Letras de Cádiz liegen viele Boote aller Art in einem vor allem in der Hauptsaison riesigen Ankerfeld. Man liegt dort auf 1 bis 8 Metern Tiefe – bei Ebbe teilweise trockenfallend –, aber relativ ruhig und geschützt. Die allermeisten Fahrzeuge dort sind kleine Fischerkähne oder einfache Ruderboote, meist mit kleinen Außenbordern. Yachten sieht man hier nur wenige; die meisten Eigner ziehen offenbar eine der Yacht-Marinas vor. Siehe auch das kleine Video>>>.

Wirklich geräuscharm ankert oder macht man allerdings nirgendwo rund um Cádiz fest. Es ist und bleibt ein betriebsamer Industriehafen, und von den beiden Brücken hört man permanenten Verkehrslärm im Hintergrund. Deshalb legen die meisten Eigner hier nur kurze Zwischenstopps ein oder steuern ruhigere Yachthäfen an der Festlandsküste an. Von dort aus lässt sich das sehenswerte Cádiz entspannt per Mietwagen oder Öffis besuchen.

Dafür empfiehlt sich vor allem die Puerto Deportivo de Rota>>> – eine Marina, Luftlinie nur etwa 10 bis 12 Kilometer nördlich von Cádiz. Allerdings ist diese Anlage in der Hauptsaison meist brechend voll. Wer da nicht lange im Voraus reserviert hat, bekommt schwerlich einen Liegeplatz. Da wir Cádiz spontan und ungeplant angesteuert haben, war das für uns keine Option.

Kurz gesagt: Die Bucht eignet sich hervorragend als praktischer Zwischenstopp in interessanter Kulisse, wenn man Cádiz oder Puerto de Santa María anlaufen will. Frei ankern funktioniert reibungslos, die Tiefen reichen für gängige Yachten aus und die Wasserqualität ist durch den Tide-Durchfluss erträglich. Man muss lediglich den Schiffsverkehr und die Gezeiten im Blick behalten – dann ist die Bucht von Cádiz ein durchaus angenehmer Liegeplatz.

Mit dem Dinghi ist es ein kurzer Weg zu einem winzigen Strandabschnitt, der Playita de Puntales, die selbst bei Hochwasser ausreichend Platz für das Beiboot bietet. Von dort aus sind es nur wenige Meter zu Müllcontainern, Supermärkten und weiteren Geschäften, Restaurants und Bars. Oder man legt direkt am Dinghi-Dock des kleinen Club Náutico Alcázar>>> an. Genau das machten wir schließlich, nachdem auch Demo aus seiner Koje gekrochen war und sich frisch gemacht hatte. (Wichtig: vorher Kontakt aufnehmen und fragen!)

 

Zusammen mit zwei sehr netten Fahrtensegler-Crews aus Belgien und Schottland, die wir kennengelernt hatten, wollten wir uns auf der hübschen Außenterrasse des Bar/Restaurante El Rincón de Silvia im Club Náutico Alcázar ein üppiges Brunch gönnen. Dieses Lokal öffnet derzeit um 09:00 Uhr, macht ab 17:00 Uhr Siesta und ist dann wieder von 20:00 bis 23:30 Uhr in Betrieb. Bei über 1.000 Google-Rezensionen steht das Lokal bei guten 4,3 Sternen. Der Service ist ausgesprochen freundlich und behandelt auch Fremde wie einheimische Stammgäste. Die Preise sind sehr fair – man kann für unter 20 Euro schlemmen und etwas trinken. Wir waren rundum zufrieden und pappsatt, als wir danach mit unseren neuen Bekannten zum ausführlichen Sightseeing starteten.

Als Erstes schauten wir uns das quasi »um die Ecke« gelegene Castillo de San Lorenzo del Puntal>>> an, das neben einer kleinen Marinebasis liegt. Das ist eine alte Festungsanlage mit einem modernen Stahl-Giganten im Zentrum. Direkt an der engsten Stelle der Bucht von Cádiz thront das Castillo – besser bekannt als Castillo de Puntales. Es ist eines der ältesten Verteidigungsbauwerke der Stadt und hat eine ziemlich turbulente Geschichte hinter sich.

Ursprünglich im 16. Jahrhundert als kleiner Artillerieturm gebaut, wurde es mehrfach zerstört und wieder aufgebaut – unter anderem nach dem großen anglo-holländischen Überfall 1596 und später noch einmal während der Napoleonischen Kriege. Seine heutige Form stammt im Wesentlichen aus dem Umbau von 1862/63. Mit ovaler Anlage, zwei Halbbastionen und einem Wassergraben diente es jahrhundertelang dazu, zusammen mit dem gegenüberliegenden Fuerte de Matagorda den Zugang zur inneren Bucht und zum Arsenal La Carraca zu sperren. Während der langen französischen Belagerung von Cádiz (1810–1812) spielte es eine wichtige Rolle bei der Verteidigung.

Heute gehört das Castillo der spanischen Marine und beherbergt die Estación Naval de Puntales. Deshalb ist der Zugang für die Öffentlichkeit normalerweise gesperrt – man kann es also nur von außen oder vom Wasser aus bewundern.


 

Und dann steht da diese imposante, moderne Stahlkonstruktion direkt davor bzw. darin: genannt die Torre de Puntales. Dieser 158 Meter hohe, elegante Hochspannungsmast aus verzinktem Stahl wurde 1955 errichtet. Zusammen mit seinem Zwilling auf der anderen Seite der Bucht (in Matagorda/Puerto Real) überspannt er die Bahía und führt die Stromleitungen auf einer Höhe von 141 Metern über den Schifffahrtsweg. Die schlanke, sich nach oben verjüngende Stahlkonstruktion, mit dem langen Querträger oben, wirkt fast futuristisch und bildet einen spannenden Kontrast zur alten Steinmauer des Castillo. Viele Segler und Passanten staunen zuerst über diesen »Eisengiganten«, bevor sie merken, dass er direkt neben einer historischen Festung steht.

»Wow, dieses Stahlding ist wirklich beeindruckend!«, staunte selbst unser sonst eher mundfauler Demo.

»Und schon 1955 ästhetisch extrem ansprechend gebaut«, meinte Vicky, während wir staunend unsere Köpfe in den Nacken legten und nach oben schauten.

»Yup, hier treffen rund 500 Jahre Militärgeschichte und 1950er-Jahre-Ingenieurskunst aufeinander – und das an einem der strategisch wichtigsten Punkte der gesamten Bucht«, fügte ich hinzu. »Besonders von See aus ein wirklich markantes Wahrzeichen, das man unmöglich übersehen kann. Auf dem Gelände befindet sich auch die Comisión Naval de Regatas, eine Art Aufsichtsbehörde für Segel-Regatta-Veranstaltungen. Schließlich ist Spanien eine stolze alte Seefahrernation und ehemalige maritime Weltmacht; da werden solche Traditionen besonders ernst genommen.«

»Was du nicht sagst, Schlaukopf!«, stichelte Vicky grinsend.

»Sowas interessiert mich halt, da recherchiere ich im Voraus ein bisschen«, schmunzelte ich zurück und schnappte mir die Freche für einen gespielt übertriebenen, leidenschaftlichen Kuss. Ich bog sie dabei so weit nach hinten, dass sie ohne meine haltenden Bärenpranken umgefallen wäre. Die anderen Touristen und die beiden Fahrtenseglerpaare lächelten amüsiert.

Das belgische Paar ist noch jung, ungefähr in der zweiten Hälfte der Zwanziger, und mit der schicken Segelyacht der Eltern unterwegs. Die Schotten dürften Anfang 40 sein: echte Fahrtensegler auf einer ebenfalls älteren, etwas klapprig aussehenden, aber gut gepflegten Ketsch im Stil der 70er/80er-Jahre auf Langfahrt. Sie planen ebenfalls, im Herbst über den Atlantik in die Karibik zu schippern, vermutlich von den Kapverden aus. Sehr sympathische Leute, und trotz der Altersunterschiede – Vicky und Demo sind ja sogar noch jünger als die Belgier – verstanden wir uns auf Anhieb prima.

Ich glaube, ich erwähnte schon mal, dass das unter Fahrtenseglern oft der Fall ist. Man teilt ähnliche Erfahrungen, Hintergründe, Ziele und Absichten, vor allem was das klassische »Bluewater-Sailing« betrifft. Natürlich versammeln sich junge Crews bevorzugt miteinander und Ältere ebenso. Aber echte Fahrtensegler ticken trotzdem oft überraschend ähnlich, weil diese Betätigung besonders für einen bestimmten Menschenschlag reizvoll ist.

Beispielsweise habe ich auch schon sehr junge Fahrtensegler Anfang 20 kennengelernt, manchmal noch Studenten, welche diese Passion trotz ihrer Jugend mit beachtlichem Ernst und tiefem Fachwissen betrieben. Fahrtensegeln kann ein verdammt gefährliches Hobby sein, das viele universelle Fähigkeiten in Schiffsführung, Wartung und Modernisierung erfordert, will man es nicht allzu riskant betreiben. Dafür sind nur relativ wenige Menschen wirklich geeignet.

Okay, genug geschlaumeiert! Als Nächstes machten wir allgemeines Sightseeing mit zu vielen Locations, als dass ich alle ausführlich beschreiben könnte. Es ist wirklich erstaunlich, wie viel Interessantes es in dieser kleinen 110.000-Einwohner-Stadt zu sehen gibt. Ich lasse vor allem die Fotos sprechen, deren Dateinamen den jeweiligen Ort nennen. Das Mittagessen ließen wir nach dem sehr üppigen Brunch komplett ausfallen.


 

Besonders reizvoll fanden wir das Ayuntamiento de Cádiz (das Rathaus) am Plaza de San Juan de Dios>>> und die um diesen zentralen, sehr hübsch gestalteten Platz gelegenen klassizistischen und neoklassizistischen Bauwerke. Hier findet ihr ein kleines Video>>> neben den eingefügten Fotos.

Die malerischen Gassen der Altstadt von Cádiz sind, besonders rund um diesen bezaubernden Platz, überwiegend sehr gepflegt. Unzählige Geschäfte, Cafés, Bars und Restaurants – teilweise in wunderschönen Arkaden gelegen –, südländisch flanierende Menschenmassen aus Einheimischen und Touristen sowie Sonnenschein und Wärme erzeugen quasi automatisch ein wunderbares Lebensgefühl. In dieser Form erlebt man das nur im Süden, und wer kein verknöcherter, sturer Bock ist, genießt das lächelnd mit allen Sinnen.

»Ach ist das schön, ich LIEBE es!«, seufzte Nordlicht Vicky. »In solchen Regionen könnte ich glatt dauerhaft leben.«

»Na los, zieh mit Conchita zusammen, dann könnt ihr gemeinsam als schöne, sexy Künstlerinnen alle Männer verrückt machen, hoho!«, gluckste ich.

»Schwätz nicht so oberschlau, du Gauner! Wie sieht's aus Leute, Eis essen? Ich sehe da eine tolle Gelateria, die auf Google mit 4,7 Sternen hoch bewertet wird.«

»Gute Idee, ein leckeres Eis wäre jetzt klasse!«, stimmten wir alle zu und liefen zur südwestlichen Ecke der Plaza.

Dort befindet sich die hübsche und, wie sich herausstellte, vorzügliche Gelateria Cioccolato>>>. Klein, unauffällig, fast ein bisschen versteckt gelegen und hübsch altmodisch im Inneren, gibt es dort exquisite Eissorten in allerbester italienischer Gelato-Tradition – besser geht es eigentlich nicht. Das Personal ist sehr freundlich, und die Preise sind für heutige Verhältnisse ausgesprochen fair. Geöffnet haben sie täglich von mittags bis mindestens 01:00 Uhr nachts. Sehr empfehlenswert für alle, die echte italienische Eis-Köstlichkeiten mögen.


 

Leider muss man auch anfügen: Aufgepasst bei der Gastronomieauswahl! An so einem touristischen Hotspot wie rund um diese Plaza gibt es typischerweise auch etliche klassische Touristenfallen und professionelle Taschendiebe. Also gut auf Geldbörsen achten und bei Lokalbesuchen vorab über Google recherchieren – so vermeidet man die übelsten Fallen.

»Mmmmhhh… daran könnte ich mich dumm und dämlich schlecken, bis ich zu einer fetten Kuh werde, haha«, lachte die ebenfalls recht hübsche, schlanke Partnerin des belgischen Seglers, und wir stimmten ihr zu. Ich stelle die beiden Seglerpaare nicht weiter vor, weil sie schon morgen oder übermorgen weitersegeln und wir uns dann vermutlich sowieso nicht mehr wiedersehen.

»Was mich betrifft: Mir wurde schon mit zehn Jahren klar, dass italienische Eisspezialitäten genau mein Ding sind und alle anderen Sorten für mich unter die Kategorie 'na ja, ganz okay' fallen«, dozierte ich absichtlich übertrieben snobistisch.

»Steve ist eben ein Genussmensch – in jeder Beziehung, haha!«, lachte Vicky und klaute sich einen Löffel Eis von einer Sorte bei mir, die sie selbst nicht gewählt hatte. Insgesamt verdrückte jeder von uns mindestens drei Kugeln; ich gönnte mir fünf und der Schotte sogar sechs. Übrigens wirkt der Mann eher wie ein klassischer englischer Gentleman – aber wehe, jemand bezeichnet ihn als Engländer oder auch nur als Briten! Viele Schotten legen sehr großen Wert auf ihre schottische Nationalität und Kultur, obwohl sie seit Jahrhunderten zum Empire gehören.

Beim Weiterschlendern amüsierten wir uns über eine wirklich gelungene Street-Art-Installation: eine originell aufgestellte Puppen-Musikertruppe, sehr hübsch anzuschauen. Aus versteckten Lautsprechern erklang passende Musik, und zwei Puppenhunde bewachten eine mittig davorstehende Spendenmuschel, während von dem Künstler selbst nichts zu sehen war.

»Sind die süß! Voll originell!«, waren vor allem die Frauen begeistert und warfen einige Münzen in die Schale.


 

Dann besichtigten wir die beeindruckende Catedral de Cádiz (mit vollem Namen Santa Cruz sobre las Aguas, auch »Catedral Nueva« oder auf Deutsch Kathedrale zum heiligen Kreuze über dem Meer) westlich an der Atlantikküste. Sie ist ein typisch katholischer Prachtbau zur Verherrlichung Gottes und Bereicherung der Kirche. Kurz zusammengefasst die wichtigsten Daten:

  • Baubeginn: 1722 (erste Grundsteinlegung durch Bischof Lorenzo Armengual de la Mota).
  • Fertigstellung / Weihe: 28. November 1838 – nach 116 Jahren Bauzeit!
  • Architekten: Begonnen von Vicente Acero, später u. a. Gaspar Cayón, Torcuato Cayón, Miguel Olivares, Manuel Machuca und Juan Daura.
  • Stil: Eine Mischung aus Barock, Rokoko und Neoklassizismus – entstanden durch die sehr lange Bauzeit.
  • Besonderheiten: Wurde mit Geld aus dem Amerika-Handel finanziert (»Catedral de las Américas«). Die Kuppel erstrahlt mit gelben glasierten Kacheln. Die Krypta liegt unter dem Meeresspiegel (u. a. Grab von Manuel de Falla). Zwei markante Türme (Levante und Poniente).
  • Lage: Direkt am Meer in der Altstadt von Cádiz; sie ist das größte und bekannteste Kirchengebäude der Stadt und bis heute Bischofssitz der Diözese Cádiz y Ceuta.

 

Danach trennten wir uns. Die zwei Seglerpaare und Demo kehrten zurück auf die ankernden Yachten, um eine Siesta einzulegen. Vicky und ich besuchten Conchita, wo sich die Künstlerinnen gegenseitig für Bilder in freizügigen Posen Modell saßen. Diesmal lag Vicky für Conchita in einer klassischen, provokanten »Nackte Schöne auf dem Bett«-Pose, was ich natürlich ebenfalls für ein paar Fotos nutzte. Es soll wohl erst eine Skizze, dann eine Kohlezeichnung und schließlich ein Öl-auf-Leinwand-Bild werden.

Ich hielt mich dabei weitestgehend zurück und überließ den beiden jungen Künstlerinnen das Feld, um sich in Fachkauderwelsch und über typische Interessen auszutauschen. Nach Erfrischungsdrinks und einer Zigarette machten wir in Conchitas Bett Siesta. Sie selbst legte sich drüben im Atelier auf ein Sofa und schlummerte dort; darauf hatte sie bestanden. Da es draußen mit etwa 26 Grad angenehm warm war, standen Fenster und Türen weit offen, um gut durchzulüften und die Farb-, Leinöl und Terpentinausdünstungen zu vertreiben.

Von draußen klang die Melodie der Altstadt herein: unverständliches Stimmengewirr, gelegentlich ein lauteres Lachen, das Klappern von Geschirr auf Lokalterrassen und Essensdüfte, vermischt mit salziger Seeluft. Ab und zu hupte irgendwo ein Fahrzeug, kreischten Seevögel oder zwitscherten Vögel auf den Balkonen und Dachsimsen. All das wirkte überhaupt nicht störend, sondern eher beruhigend wie leise Hintergrundmusik.

Wie üblich schmusten wir erst wundervoll sinnlich, liebten uns und machten dann ein anderthalbstündiges Nickerchen. Nacheinander frisch geduscht – in Conchitas leider sehr kleinen Duschkabine für Einzelpersonen – machten wir uns fertig für das abendliche Ausgehen.

Kurz nach 20:00 Uhr trafen wir uns mit Demo, den zwei Seglerpaaren und Freunden von Conchita in der guten Tapas-Bar La Estrella 1905>>>, an der Ostseite der bezaubernden Jardines de la Plaza de la Candelaria>>>.

Allein diese beiden Orte wären es schon wieder wert, ausführlicher beschrieben zu werden. Aber zusammen mit all den anderen Künstlertreffs und Kneipen, die wir danach noch aufsuchten und in denen wir viel Spaß hatten, würde der Blogeintrag schlicht zu lang. Deshalb mache ich hier Schluss und sage nur: Es wurde wieder eine tolle, laue Nacht mit südländisch lebensfrohen Menschen, köstlichen Tapas, guten Weinen und Drinks.

 

Wir alle amüsierten uns bestens und lernten etliche interessante Menschen kennen. Kurz: Ausgehen und Leben, genauso wie es sein sollte! Das schottische Paar machte nach Mitternacht Schluss, wir anderen kamen erst nach 03:00 Uhr morgens bester Laune zurück auf die ankernden Yachten und schliefen sehr schnell ein.

Ach ja, leben, ausgehen und Spaß haben kann man fast überall – aber im milden Süden mit diesem unnachahmlichen Dolce-Vita-Lebensgefühl ist es einfach besonders schön. smile

Die Portugiesen nennen das übrigens »Vida boa« – wörtlich »das gute Leben«. Das kommt dem italienischen Dolce Vita am nächsten. Es meint eine entspannte, genussvolle Lebenshaltung, bei der man den Moment genießt, ohne ständig unter Druck zu stehen. Interessant ist: Während die Portugiesen international oft mit der melancholischen Saudade – dieser bittersüßen Sehnsucht – in Verbindung gebracht werden, gehört zu ihrer Kultur genauso das bewusste Genießen des Alltäglichen. Desfrutar und Vida boa sind genau die positiven, hedonistischen Seiten davon.

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Algarve, Lagos, Sightseeing, geheimnisvolle Orden und eine Fun-Night

 

#26.07.12 - Algarve, Lagos, Sightseeing, geheimnisvolle Orden und eine Fun-Night

»Morning Britt…« grinste ich am Morgen vergnügt und ließ meine Blicke bewundernd über ihre Silhouette schweifen. »…dein Anblick impliziert die sehr wichtige Frage: Ziehst du dich gerade an oder aus?«

Es war gerade mal 07:20 Uhr an diesem wunderbar stillen Morgen, an dem das erste Licht des Tages über die Finca kroch. Vicky und Demo schlummerten noch tief und fest in den Federn, und ich wollte mich eigentlich nur durch einen raschen Sprung in das kühle Nass des Pools erfrischen, um den Kopf freizubekommen.

Doch dort am Beckenrand stand die auch schon überraschend muntere Britt in einem einteiligen, strahlend weißen Badeanzug, den sie jedoch keck vom Oberkörper heruntergezogen hatte – stand also topless da, und das war im goldenen Morgenlicht natürlich ein überaus reizvoller, ästhetischer Anblick für meine Männeraugen. Mit einer breiten Schirmkappe auf den blonden Haaren, die ihre Augenpartie tief beschattete, schien es, als ob sie nachdenklich an den Fingernägeln knabberte, was jedoch überhaupt nicht zu ihrer ansonsten so diszipliniert und lebensfrohen Wesensart passen wollte.

»Morning Steve, weder noch«, schmunzelte sie mit einem herrlich weiblichen, wissenden Lächeln über meine genüsslichen Blicke, während sie ungerührt in ihrer Pose verharrte. »Ich versuche mir gerade eine widerspenstige Obstfaser aus einer Zahnlücke zu puhlen, verdammt!«

 

»Na, dann wünsche ich dir viel Glück dabei.« Ich entledigte mich mit einer fließenden Bewegung meines dünnen Seidenbademantels, unter dem ich wie gewohnt überhaupt nichts anhatte, trat an die Kante und sprang kopfüber mit einem hoffentlich eleganten, sauberen Eintauchen in den Pool.

Das Becken ist zwar unbestreitbar zu klein, um darin ernsthaft mehr als zwei-drei kräftige Züge am Stück zu schwimmen und somit nennenswert etwas für die sportliche Fitness zu tun, aber für eine willkommene, munter machende Erfrischung am frühen Morgen reicht es allemal. Keine zwei Minuten später wuchtete ich meinen noch klatschnassen Adonis-Körper schon wieder geschmeidig über den Beckenrand hinaus ins Freie und ging direkt in den hell gekachelten Dusch-Anbau, der sich seitlich an die Finca schmiegt, um mir das Chlorwasser rasch abzuspülen und die Haare gründlich zu säubern.

Eigentlich war Letzteres eher unnötig, denn momentan trage ich einen den Sommertemperaturen angepassten, sozusagen militärischen Kurzhaarschnitt; trotzdem will man sich beim morgendlichen Duschen ja auch ausgiebig mit duftendem Duschgel shampoonieren oder einseifen und sich nicht nur plump mit kaltem Wasser abspülen.

Das von drinnen hörbare, unbeschwerte weibliche Lachen und Kichern verriet mir schon vor dem Betreten des Raumes, dass sich vermutlich gerade die beiden Haushaltshilfen Olga und Olea unter den Brausen abduschten. Doch beim Eintreten sah ich: Nein, es waren Olga und unser allseits bekannter Frechdachs Lena, die also schon wieder mal früh am Morgen zu uns in die Finca gestoßen sein musste. Seit einigen Tagen ist sie fast ständig hier bei uns in Rodrigos Finca aktiv, beziehungsweise mit unserer gesamten Truppe unterwegs und geht eigentlich nur noch zum Schlafen spätnachts zu ihren lieben, alten Gastleuten zurück.

Diese hatten dafür genauso viel Verständnis wie wir selbst, denn für eine so lebens- und abenteuerlustige junge Frau von gerade mal Anfang 18 (erst frisch seit April), ist es bei den älteren Leuten natürlich vergleichsweise sterbenslangweilig, während sie mit uns viel mehr erleben, unternehmen und echten Spaß haben kann.

»Morning ihr Hübschen…« grinste ich, während ich den Vorhang beiseiteschob und meine Mundwinkel noch ein ganzes Stück breiter nach oben zog als zuvor bei Britt. »…lasst euch ruhig ganz viel Zeit beim genüsslichen Duschen und Abtrocknen, hoho.«

»Aaaahaha-hihi…, Morning Captain!« prusteten die zwei sehr hübschen Nackedeis wie aus einem Mund los und amüsierten sich prächtig, prompt wie junge Girls es in solchen Situationen halt unbeschwert gern tun. Olga ist höchstens ein Jahr älter als Lena, und in dieser speziellen Lebensphase sind junge Frauen, egal wie lebenserfahren sie sonst in manchen Dingen bereits sein mögen, halt doch noch zu gern, zumindest ab und zu, wie verspielte, jüngere Teengirls. »Sollen wir dir vielleicht ein bisschen beim Rücken einseifen helfen, hihi?«

Etwa 20 Minuten später versorgte ich mich, herrlich sauber, erfrischt und rundum munter bei Maria, der treuen Haushälterin und Köchin, zunächst mit einem guten, kräftigen Café Crema, einer reifen Banane und saftigen Wassermelonenstücken. Wir scherzten kurz in der Küche, während Olea fleißig bei den weiteren Frühstücksvorbereitungen half – sie ist im Grunde genauso eine junge, aufgeweckte Frechdachs-Frau wie Olga und Lena. Dann schlürfte ich draußen am Pool in der Morgensonne meinen heißen Kaffee und paffte dazu genüsslich meine geliebte Morgenzigarette noch vor dem eigentlichen Frühstück, wie ich es nun mal liebe und so gut wie jeden Morgen zelebriere.

Derzeit erleben wir hier an der Algarve noch diese für den Monat Juli etwas ungewöhnliche, kühle Wetterphase. Nachts sinkt die Temperatur teils unter die 20°-Marke und tagsüber klettert das Thermometer kaum über 25°C. Diese angenehme Wetterlage soll laut Vorhersage noch bis zum kommenden Montag anhalten, danach sollte es wieder richtig sommerlich heiß um oder über 30° werden.

Für uns war das eine ideale Phase für ausgiebige Inlandsausflüge oder allgemeines Sightseeing in Lagos, ohne direkt in schweißtreibende Hitze zu geraten. Darüber diskutierten wir dann auch wenig später beim sehr munteren, lockeren Frühstück am großen Tisch, das von viel Lachen und gegenseitigen Scherzen begleitet wurde. Rodrigo, der geradezu glücklich und sichtlich gerührt über so viel junges, unbeschwertes Leben in seiner sonst eher stillen Finca strahlte, hatte plötzlich einen feinen Vorschlag parat.

Wir fünf könnten uns am Vormittag erst einmal in aller Ruhe in Lagos umschauen, und am Mittag treffen wir uns dann mit ihm und Lois, die heute Vormittag von ihrem anstrengenden Mode-Shooting aus Madrid zurückkommt, in einem richtig guten Restaurant in der City. Nach dem gemeinsamen Mittagessen wollte er uns dann etwas »Geheimnisvolles« zeigen, was normale Touristen nicht zu sehen bekommen. Mehr verriet der alte Herr darüber zunächst beim besten Willen nicht, egal wie charmant, hartnäckig und weiblich raffiniert ihn Britt, Vicky und Lena mit Fragen löcherten. Schmunzel



 

Und genau so machten wir es dann auch. Bald nach dem reichhaltigen Frühstück brachen die drei Hübschen, Demo und ich gut gelaunt auf. Bei momentan sehr milden, angenehmen 23 bis 24°C spazierten wir gemächlich in die historische Altstadt von Lagos und schauten uns ohne ein besonderes Ziel einfach in den Gassen um. Natürlich wurden die Frauen auch diesmal wieder von den vielen hübschen, kleinen Geschäften, versteckten Boutiquen oder den typischen Touristen-Souvenirshops zum ausgiebigen Stöbern verlockt, was wir Männer mit einem milden, verständnisvollen Lächeln beobachteten und ihnen gern diesen typisch weiblichen Spaß gönnten.

Pünktlich um 13:15 Uhr trafen wir uns wie vereinbart mit Lois und Rodrigo im wunderschönen Traditionsrestaurant Don Sebastião>>>, Rua 25 de Abril 20-22. Eine Rezension auf Google beschreibt dieses sehr hübsche, exzellente Lokal wirklich treffend, weshalb ich den Text hier einfach unverändert reinkopiere:

»Wir verbrachten einen sehr schönen Abend im Don Sebastião in Lagos. Das Restaurant besticht durch sein klassisch-portugiesisches Interieur – traditionell und bestens gepflegt –, das eine authentische und behagliche Atmosphäre schafft. Der Service war hervorragend – aufmerksam, professionell und aufrichtig freundlich, ohne aufdringlich zu sein. Wir fühlten uns den ganzen Abend über bestens betreut. Das Essen war exzellent. Von den Vorspeisen bis zu den Hauptgerichten war alles hervorragend zubereitet, schmackhaft und ansprechend angerichtet. Man merkt deutlich, dass hier Qualität und Tradition großgeschrieben werden. Insgesamt ein sehr gelungenes Abendessen und ein Restaurant, das wir bei unserem nächsten Besuch in Lagos gerne wieder aufsuchen werden.«

 

Auf Google werden sie erstaunlicherweise nur mit 4,3 Sternen im Schnitt bewertet, was ich nach unserer heutigen, durchweg positiven Erfahrung beim besten Willen nicht nachvollziehen kann. Meiner persönlichen Ansicht nach verdienen sie mindestens eine 4,5 oder 4,6 für das stimmige Ambiente, den tollen Service und die hohe Qualität der Speisen. Geöffnet haben sie täglich durchgehend von 12:00 bis 22:30 Uhr, und je nachdem, wie intensiv man dort schlemmt und welchen der guten Weine man trinkt, sollte man etwa 40 bis 60 Euro pro Person einplanen. Man kann aber auch schon für knapp über 20 Euro mit einem einfachen Hauptgericht und einem Getränk delikat satt werden.

Wir fühlten uns jedenfalls pudelwohl, schlemmten ausgiebig mit köstlichen Vor- und Nachspeisen und bewunderten die klassische Inneneinrichtung sowie den wirklich beeindruckenden Weinkeller des Restaurants. Bei dem angenehmen Wetter, das weder zu heiß noch zu kalt war, speisten wir gemütlich draußen auf der malerischen Terrasse, wo man uns extra zwei runde Vierertische zusammengeschoben hatte. Aber wir gingen während des Aufenthalts immer wieder gerne abwechselnd ins Innere des Restaurants, um die bezaubernd altmodische, aber ungemein schicke und sehr gepflegte Einrichtung zu bestaunen.

Dort standen alte, hochwertige Holztische und Stühle, wobei jeder Tisch sorgfältig wie in bester, klassischer Gastronomie-Tradition hübsch und einladend eingedeckt war. Es gab eine ebenfalls sehr gepflegte, dunkel glänzende Holzbalkendecke, weiße Rundbögen und an den Wänden hingen unzählige bunte, historische Porzellanteller; der Fußboden ist in einem markanten hell-dunklen Schachbrettmuster gepflastert, und alles, bis hin zu den Toiletten, war pikobello sauber.

»Die Stühle sehen zwar ein bisschen unbequem aus, aber es ist echt voll hübsch hier drinnen, so herrlich altmodisch«, meinten Britt und Vicky übereinstimmend, während sie sich umsahen.

»Ein bisschen wie unser lieber Rodrigo, hihi«, stichelte Lena sogleich wieder süß-frech wie immer, was den elegant gekleideten alten Herrn amüsiert lächeln ließ, während er mit einem Zwinkern konterte.

»Deshalb mag ich dieses Restaurant besonders, liebe Lena, hier passe ich einfach perfekt hinein.«

»Als wäre es dein ganz persönliches Speisezimmer«, schmunzelte auch Lois liebevoll und streichelte ihm über den Unterarm.


 

Beim starken Kaffee nach dem üppigen Essen erzählte uns Rodrigo dann endlich in ruhigem Ton, was er uns später zeigen wollte und was besonders mich als geschichtsinteressierten Mann definitiv faszinierte. Portugal war historisch gesehen tatsächlich eines der wichtigsten Rückzugsgebiete für die sagenumwobenen Tempelritter, nach ihrer brutalen Verfolgung und Zerschlagung durch den französischen König Philipp IV. und Papst Clemens V. im schicksalhaften Jahr 1307.

Viele Templer flohen damals nach Portugal, wo der weitsichtige König Dinis I. sie bereitwillig schützte. Im Jahr 1319 gründete Dinis dann den Orden von Christus (Ordem de Cristo) – was eine direkte, geschickte Nachfolgeorganisation der Templer war. Der neue Orden übernahm kurzerhand viele der alten Besitzungen, wehrhaften Burgen und Privilegien der Templer auf portugiesischem Boden.

Die Festung von Lagos (Forte da Ponta da Bandeira) und die gesamte Küstenregion waren damals stark vom Orden von Christus geprägt. Der Orden hatte in der gesamten Algarve einen erheblichen Einfluss, besonders während der großen Epoche der Entdeckungszeit; kein Geringerer als Heinrich der Seefahrer war seinerzeit Großmeister des Ordens von Christus. Viele der hölzernen Schiffe der berühmten portugiesischen Entdecker trugen das Kreuz des Ordens von Christus auf den Segeln – das markante rote Kreuz auf weißem Grund, das später zum weltbekannten portugiesischen Nationalzeichen auf stürmischer See wurde.

Die berühmteste und am besten erhaltene Templer- und Christusritter-Burg in ganz Portugal ist das Convento de Cristo in Tomar, nördlich von Lissabon gelegen – ein absolutes, architektonisches Highlight und zu Recht UNESCO-Weltkulturerbe. Portugal war also ein sicherer Hafen für die verfolgten Templer, und der Orden von Christus war quasi ihre direkte portugiesische Fortsetzung im Gewand der Krone. In Lagos selbst gibt es zwar heute keine Templerburg zu bewundern, aber die gesamte Region war spürbar vom Geist und dem mächtigen Einfluss dieses Ordens durchdrungen.

Was es in Lagos und vermutlich in großen Teilen Portugals im Verborgenen aber bis heute gibt, ist eine aktive Außenstelle des Ordem Militar de Nosso-Senhor Jesus Cristo, oder kurz Ordem dos Templários… und unser Gastgeber Rodrigo ist tatsächlich ein echtes Mitglied des Ordem dos Templários instala Comendadoria de Santiago em Castro Marim, kurz Templar Corps oder auch Secular Militant Order of the Temple of Jerusalem, Außenstelle Lagos, und zwar im stolzen Rang eines »Knight Commander«.

Rodrigo deutete jetzt an, dass diese teilweise unter dem öffentlichen Radar zusammenarbeitenden Organisationen, in welcher er Mitglied ist, doch erheblich mehr Einfluss und Macht hat als allgemein bekannt. Das beeindruckte mich allerdings wenig. Es kommt erstaunlich häufig vor, dass sich selbst so intelligente, gebildete Mitglieder solcher elitärer Logen, Orden und Sekten selbst einreden, dass was sie da machen, sei wesentlich bedeutsamer und sie selbst wichtiger als es ist. Deshalb lächelte ich nur nichtssagend dazu, beschloss allerdings genauer darüber zu recherchieren.

 

Damit der tiefere Zusammenhang hier im Blog nicht vergessen wird, füge ich an dieser Stelle gleich ein, was meine eigene, gründliche Recherche im Nachgang über diese modernen Gruppierungen ergeben hat. Meine Erfahrung und mein Bauchgefühl haben mich da nämlich mal wieder nicht getäuscht:

1. Der historische Teil: Absolut wasserdicht!

Alles, was ich über die packende Geschichte der Templer in Portugal herausgefunden habe, ist historisch absolut korrekt. Der Zufluchtsort Portugal war eine historische Realität: Während Philipp IV. (der Schöne) die Templer in Frankreich 1307 auf dem Scheiterhaufen qualvoll brennen ließ, weigerte sich König Dinis I. von Portugal standhaft, dem Papst zu gehorchen. Er benötigte die immense militärische Macht und das taktische Wissen der Ritter dringend für die Rückeroberung (Reconquista) des Landes gegen die Mauren.

Die Umbenennung im Jahr 1319 war ein genialer Schachzug: Er löste die Templer formell auf, gründete den Christusorden und übertrug einfach alle Besitztümer, Ritter und die gesamte bewährte Struktur eins zu eins in den neuen Orden. Das war reine Kosmetik, um den Papst in Rom zu beruhigen. Heinrich der Seefahrer nutzte als Großmeister später das immense, angehäufte Vermögen des Ordens, um die portugiesischen Karavellen für ihre riskanten Fahrten in die neue Welt zu finanzieren. Und Tomar bleibt das absolute Epizentrum dieser Epoche.

2. Der moderne Teil: Der Mythos der Neo-Templer

Hier kommen wir nun zu Rodrigos geheimnisvollen Andeutungen und der Organisation, der er angehört. Das von ihm erwähnte Templar Corps International (beziehungsweise die OSMTH) existiert tatsächlich als weltweites Netzwerk. Psychologisch und realpolitisch sieht die nackte Realität im Vergleich zur Legende aber genau so aus, wie ich es vermutet hatte: Es handelt sich hierbei um sogenannte Neo-Templer-Orden. Diese Gruppen haben keinerlei legitime, geschichtlich ununterbrochene Nachfolgekette zum echten, historischen Templerorden, der 1312 von Papst Clemens V. offiziell und endgültig per Dekret aufgelöst wurde.

Es sind reine Neugründungen, die meist erst im 18. oder 19. Jahrhundert im Zuge der Freimaurer-Bewegung und der Epoche der Romantik entstanden sind. Heute sind diese Gruppen rechtlich als gemeinnützige Kultur- und Hilfsvereine (NGOs) registriert, sammeln brav Spenden für wohltätige Zwecke (oft im Heiligen Land), pflegen historische Traditionen und verleihen sich im stillen Kämmerlein gegenseitig prachtvolle Titel wie »Knight Commander«. Es gibt in diesen Zirkeln keine geheimen Netzwerke, die im Hintergrund die Fäden der Weltpolitik oder der globalen Wirtschaft ziehen. Der Vatikan erkennt diese Orden nicht als offizielle Ritterorden an, und sie besitzen keinerlei realen politischen Einfluss.

3. Die Psychologie dahinter: Warum Rodrigo das tut oder so gern daran glauben möchte

Meine Beobachtung trifft den psychologischen Kern solcher Zirkel perfekt. Warum neigen selbst intelligente, gebildete und wohlhabende Männer wie Rodrigo im Alter dazu, die Bedeutung solcher Orden aufzubauschen? Da ist zum einen das Eliten-Bedürfnis: Menschen in gehobenen gesellschaftlichen Positionen suchen oft nach Gleichgesinnten. Ein exklusiver Club mit edlen Gewändern, geheimnisvollen Ritualen und historischen Titeln befriedigt das zutiefst menschliche Bedürfnis nach Exklusivität und elitärer Zugehörigkeit.

Zum anderen ist es eine Flucht vor der gefühlten Bedeutungslosigkeit im Alter: Rodrigo ist Witwer, nicht mehr der Jüngste und lebt im Alltag recht zurückgezogen auf seiner Finca. Der klangvolle Rang eines »Knight Commander« in einem vermeintlich mächtigen, weltweiten Orden gibt dem Lebensabend eine tiefere, fast schon mystische Bedeutung. Es wertet das Ego auf und gibt einem das erhebende Gefühl, Teil von etwas Großem und Geheimem zu sein.

Das Einzige, was an Rodrigos Aussage über »Einfluss« wirklich stimmt, ist jedoch die rein informelle Ebene: In solchen Orden sitzen oft wohlhabende lokale Unternehmer, Anwälte, Ärzte oder regionale Politiker. Man hilft sich untereinander oder vermittelt diskret Kontakte und Geschäfte – aber das ist klassische Kungelei und simples Vitamin B, keine templarische Weltverschwörung.

Okay, so weit, so gut. Nach dem Kaffee führte uns Rodrigo dann stolz zu einem der besagten, angeblich »geheimen« Treffpunkte seines Ordens, wo aktuell tatsächlich einige wenige Mitglieder anwesend waren. Alle waren in meinen Augen in eher lächerliche Templer-Uniformen und schwere Umhänge gewandet, hantierten mit traditionellen Schwertern und pflegten ebenfalls eher amüsante, furchtbar förmliche Umgangsformen miteinander.

So etwas tun gewöhnlich Menschen, die sich halt im Inneren besonders wichtig und bedeutend fühlen wollen, es im harten, realen Leben da draußen aber oft nur sehr begrenzt sind. Die wirklich Mächtigen von heute haben solche theatralischen Spielchen überhaupt nicht nötig. Denen gehört sowieso fast alles auf der Welt, und sie können mit einem ganz sanften, unscheinbaren Wink im Hintergrund nahezu alles beeinflussen, was immer sie wollen.

 

Beeindruckend und optisch interessant war die Szenerie trotzdem, und ich gönne den Leuten in solchen Organisationen auch gern ihren Spaß oder die Freude, sich selbst im Alltag ein wenig aufzuwerten, wenn sie meinen, das für ihr Seelenheil zu brauchen, und solange sie damit keinen Schaden anrichten. So ticken nicht wenige Menschen nun mal auf dieser Welt, deshalb gibt es ja auch Religionen, Geheimbünde und unzählige Clubs und Vereine jedweder Art. Also hielt ich mich höflich zurück, schwieg gentlemanlike und lächelte nur still in mich hinein.

Architektonisch war dieser »geheime« Treffpunkt allerdings unbestreitbar spannend anzusehen. Er liegt verborgen in einer alten, mittelalterlichen Festung, ähnelt im Inneren stark einer düsteren Kapelle, und die geschichtsträchtigen Innenwände sind vollständig mit den traditionellen blau-weißen Azulejo-Kacheln ausgekleidet, die vermutlich aus dem späten 18. Jahrhundert stammen. Es ist ein tunnelähnliches, kühles Gewölbe mit schweren »Kardinals«-Stühlen an den Längsseiten und an der Kopfseite einer Art Altar, hinter welchem der »Knight General« oder »Knight Grand Cross« die Versammlungen leitet und sich dabei für ein paar Stunden furchtbar wichtig fühlen kann. schmunzel

Danach wechselten wir gut gelaunt zum offiziellen, nicht geheimen, wenn auch für die Öffentlichkeit nicht frei zugänglichen Treffpunkt oder Clubhaus von Rodrigos Orden, Sekte oder wie immer man so eine Vereinigung am Ende auch nennen mag. Immerhin sind sie dort dann doch so modern eingestellt, dass es sogar einige, wenn auch ganz wenige Frauen als vollwertige Mitglieder gibt; das ist für einen katholischen Orden bereits ungewöhnlich fortschrittlich. Die meisten Logen und Orden ähnlicher Art bestehen ausschließlich auch Männern.

Neben den regelmäßigen Club-Treffen zum gegenseitigen verbalen Bauchpinseln, beschäftigen sie sich offenbar hauptsächlich mit regionaler Traditionspflege, sozialem Engagement und gelegentlich auch mit feierlichen, öffentlichen Auftritten in der Art von Karnevals- oder ähnlichen Traditionsvereinen zur Unterhaltung der einheimischen Leute und Touristen.

Die allermeisten Mitglieder dort waren typischerweise Männer in bereits gesetzterem Alter; der Jüngste, den ich dort erblickte, dürfte etwa Mitte 30 gewesen sein, die allermeisten waren locker über 50 oder älter. Und ebenso typisch, auch wenn sie es in ihrem stark katholisch-christlich geprägten Glauben und ihrer offiziellen Moral eigentlich nicht so offen zeigen und tun dürften: Sie waren selbstverständlich über den von Rodrigo mitgebrachten Besuch so charmanter, schöner junger Frauen insgeheim ziemlich erfreut und ließen ihre Blicke wandern. Scheinheilige Verlogenheit ist ja gerade im traditionellen Katholizismus sozusagen eine altbekannte Grundeinstellung, sonst gäbe es weltgeschichtlich nicht so viele pädophile Pfaffen und ähnlich fragwürdige Gestalten in den weitverzweigten Kirchenorganisationen.

Na, jedenfalls war es alles in allem ein durchaus interessanter, in Teilen amüsanter Nachmittag, bei dem wir fünf unseren Spaß hatten und viel Neues sahen. Gegen 18:00 Uhr abends kamen wir schließlich zurück in die Finca und legten frisch geduscht erst einmal eine schöne, ausgiebige und sinnliche Siesta in den Gemächern ein. Mit einem kleinen Nickerchen etwas Schlaf auf Vorrat zu tanken, war an diesem Tag auch wahrlich nicht die verkehrteste Idee.

Nach dem anstehenden Abendessen wollten wir nämlich alle, außer dem alten Rodrigo, der lieber geruhsam daheim blieb, richtig schön ausgehen und ganz klassisch Spaß bei einer feuchtfröhlichen Pub-Crawl-Tour durch diverse angesagte Lokale der Stadt haben. Wie schon mal erwähnt, kennt sich Lois hier in der Gegend durch bestens aus und kennt viele coole Lokalitäten oder eher private, versteckte Treffpunkte, wo junge Menschen ungestört Spaß haben und zu moderner Musik bis in den Morgen abtanzen können.

 

Das alles hier im Blog haarklein aufschlüsseln und in allen Einzelheiten beschreiben zu wollen, würde am Ende einfach viel zu viele Seiten Text erfordern und den Rahmen sprengen. Deshalb schreibe ich jetzt zum Abschluss nur noch kurz, dass wir uns alle zusammen prima amüsierten und bis fast 03:00 Uhr morgens ausgelassen feierten. Erst dann fielen wir, wohlig müde und leicht erschöpft von dem langen, ereignisreichen Tag und fast der ganzen durchgemachten Nacht, nach einer nur noch kurzen, schnellen Dusche glücklich in die Betten. Was Vicky und mich betraf, pennten wir nahezu sofort Arm in Arm ein, und den anderen in der Finca dürfte es in ihren Zimmern ganz genau so ergangen sein. Und das war es dann auch schon wieder für heute… schnarch

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