Spanien, Segeltörn nach Barbate mit Rookie an Bord

 

#26.08.05 – Spanien, Segeltörn nach Barbate mit Rookie an Bord

Teil 1 – der Morgen vor dem Auslaufen

»Na, Conchi, wie hast du deine erste Nacht an Bord überstanden?«, fragte Britt lächelnd, als die Künstlerin morgens verschlafen den Kopf ins Cockpit steckte.

»Überraschend gut, ehrlich gesagt!«, gähnte sie herzhaft. Nur in einem viel zu kurzen Schlafshirt und mit verstrubbelten Haaren bot sie uns einen unverschämt hübschen Anblick.

Gestern war Conchitas Mäzen, auf dessen Finca sie in den letzten Wochen aufgepasst hatte, wieder nach Cádiz zurückgekehrt. Abends trafen wir uns quasi zum gemeinsamen Abschiednehmen in der Stadt. Im Laufe des feuchtfröhlichen Abends entschloss sie sich spontan, uns heute auf dem Törn nach Barbate zu begleiten.

Da sie momentan keine dringenden Verpflichtungen hat und sowieso brennend neugierig auf unser Fahrtensegler-Dasein war, passte das wie die Faust aufs Auge. Wir nahmen sie natürlich sehr gerne mit. Und falls ihr das Segeln auf See überhaupt nicht liegen sollte oder sie gar von der Seekrankheit gepackt wird, kommt sie von Barbate aus unkompliziert und schnell per Bus oder Taxi über Land zurück nach Cádiz.

 

Also hatte sie noch in der Nacht schnell ein paar Siebensachen zusammengepackt und war direkt bei uns an Bord eingezogen. So konnte sie gleich einmal am eigenen Leib austesten, wie es sich auf einer vergleichsweise kleinen, engen und selbst im geschützten Hafen leicht schaukelnden Segelyacht schläft. Von Seefahrt und Segeln versteht Conchita rein gar nichts; sie war noch nie auf einem Boot auf dem offenen Meer unterwegs. Allerdings fand sie unsere Philosophie des autarken Fahrtensegelns ungemein faszinierend und wollte neugierig am eigenen Leib ausprobieren, wie sich dieses freie Leben anfühlt.

Die untere U-Dinette auf der Steuerbordseite – direkt gegenüber der Backbord-Galley – lässt sich durch das Absenken des Massivholztisches im Handumdrehen in ein breites Doppelbett verwandeln. Da sich dieser Schlafplatz an einem der tiefsten Punkte nahe dem Schwerpunkt der Yacht befindet, sind die Bootsbewegungen dort am geringsten. Das gilt insbesondere auf hoher See oder an einem rolligen Ankerplatz, wenn die Dünung quer zum Schiff einläuft. Deshalb wird diese U-Kojen-Kombination auf mehrtägigen Törns auch richtig gerne als Schlafplatz für die jeweilige Freiwache genutzt. Wenn der Wind auffrischt und die Yacht unter Segeln stark krängt und arbeitet, isst und schläft man dort unten spürbar ruhiger als im höher gelegenen Deckssalon oder draußen im Cockpit.

Bei herrlich sonnigen 24 Grad frühstückten wir gemütlich draußen im Cockpit nahe dem Steuerstand. Wie immer bei uns an Bord ging es dabei ausgesprochen humorvoll zu: Wir überzogen uns gegenseitig mit kumpelhaften Frotzeleien, fällten spitzfindige Bemerkungen und lachten herzlich über die ersten Gehversuche unseres Neuzugangs. Naturgemäß geriet vor allem Conchita ins Visier der einen oder anderen scherzhaften Bemerkung. Wer sein ganzes Leben an Land verbracht hat, ahnt schließlich gar nicht, wie grundlegend sich der Alltag auf einer Fahrtenyacht von dem in einer Wohnung unterscheidet. An Land betätigt man gedankenlos Lichtschalter, dreht Wasserhähne auf, geht auf die Toilette oder nimmt eine lange Dusche, ohne auch nur eine Sekunde darüber nachzudenken.

Auf einer Yacht ist jedoch schon die Benutzung der Bordtoilette eine feine Kunst für sich, die einem erst einmal geduldig erklärt werden muss. Wer hier vorschnell wie gewohnt aufs Knöpfchen drückt oder falsche Dinge hineinwirft, erzeugt im Handumdrehen eine unschöne Verstopfung des Pumpsystems. Auch beim Händewaschen und Duschen geht man an Bord unvergleichlich bedachter und sparsamer vor als im heimischen Badezimmer. Gleiches gilt für den Stromverbrauch: Ein Boot, das nicht fest in einer Marina an Landstrom und Wasserschlauch angeschlossen ist, sondern autark vor Anker liegt oder Meilen macht, lebt von streng begrenzten Vorräten. Mit diesen Ressourcen muss man vorausschauend und klug haushalten.

Um das mal an einem greifbaren Beispiel zu verdeutlichen: Der typische Wasserverbrauch bei einer ganz normalen Dusche an Land liegt bei etwa zehn bis fünfzehn Litern pro Minute. Bei einer flotten Fünf- bis Acht-Minuten-Dusche rauschen so rasch zwischen 60 und 120 Liter kostbares Trinkwasser durch den Abfluss. An Bord einer Yacht gelten heutzutage speziell belüftete Low-Flow-Duschköpfe und maritime Sparduschköpfe als wichtiger Standard. Sie bieten hervorragenden Duschkomfort bei drastisch reduziertem Wasserdurchfluss und sind perfekt auf die Förderleistung unserer Druckwasserpumpe sowie die Kapazität der Wassertanks abgestimmt.

Ein praxiserprobter Kompromiss für die meisten Fahrtensegler liegt bei etwa fünf bis acht Litern pro Minute mit gut belüftetem Wasserstrahl. Das fühlt sich nach wie vor wie eine vollwertige Dusche an und nicht wie ein trostloses Rinnsal. Wenn man dann noch nach der bewährten Navy-Methode duscht – Wasser kurz zum Nassmachen an, Wasser aus zum Einseifen, Wasser an zum Abspülen – verbraucht man pro Person lediglich 15 bis 30 Liter. Bei derzeit fünf Personen an Bord summiert sich das trotz strenger Disziplin dennoch schnell auf 75 bis 150 Liter Frischwasser am Tag.

Nun besitzt unsere Nauticat 42 für ein Schiff dieser Größenordnung mit 700 Litern Fassungsvermögen bereits außergewöhnlich bemessene Tanks; vergleichbare moderne Yachten müssen oft mit mickrigen 300 bis 500 Litern auskommen. Dank unseres neuen Wassermachers, einer Kyma 100, können wir zwar pro Stunde rund 100 Liter frisches Trinkwasser direkt aus dem Meerwasser produzieren. Doch dieser Prozess frisst vor Anker oder auf See ordentlich elektrischen Strom.

Und Strom ist an Bord nun einmal ebenfalls ein hohes Gut, das erst mühsam über unsere Solarpaneele und den Windgenerator zurück in die Akkubänke geflossen sein will. Den Diesel-Hauptmotor oder den Generator nur zum Wassertanken laufen zu lassen, widerstrebt echten Fahrtenseglern zutiefst; das machen wir wirklich nur dann, wenn die Akkus völlig im Keller sind und gar nichts anderes mehr geht.

Kurzum: Was auch ich an Land gelegentlich aus vollem Herzen genieße – sich nämlch mal zwanzig oder dreißig Minuten lang entspannt unter eine plätschernde Wellness-Dusche zu stellen und dieses Duschvergnügen vielleicht noch mit einer Geliebten zu teilen – würde die Wassertanks der meisten Yachten auf einen Schlag leeren. An Bord ist ein solches Verhalten schlichtweg undenkbar. Eine Landratte muss sich diese absolut notwendige Achtsamkeit erst einmal antrainieren und verinnerlichen.

Von den klassischen Katastrophen bei der Toilettenbenutzung durch unerfahrene Gäste möchte ich an dieser Stelle gar nicht erst im Detail anfangen! Jedenfalls überlegst du dir als Skipper ernsthaft und fluchend, einen Gast achtkantig über Bord zu werfen, wenn du in glühender Hitze die stinkende Sauerei einer verstopften Bordtoilette und ihrer Pumpe zerlegen und reparieren musstest. Das ist wahrlich kein Vergnügen! schiefgrins

Selbstverständlich haben wir – allen voran Britt und Vicky in geballter weiblicher Solidarität – Conchita geduldig und freundlich in die Geheimnisse des Bordlebens eingewiesen. Sie haben ihr erklärt, was man an Bord einer Segelyacht tunlichst vermeidet und wie die Pumptoilette richtig bedient wird. Wer allerdings noch nie auf einem Schiff gelebt hat, hängt fest in seinen tief sitzenden Landgewohnheiten. Man muss sich erst mühsam dazu erziehen, nicht aus Versehen den Wasserhahn beim Zähneputzen durchlaufen zu lassen oder gedankenlos Papiertaschentücher, Essensreste oder – der absolute Albtraum jedes Eigners – Hygieneartikel und Tampons in die Bordschüssel zu werfen.

Zusammenfassend lässt sich sagen: Das Leben auf einer Fahrtenyacht – das sogenannte »Sailing Saltlife«, wie es die Amerikaner gern treffend nennen – lehrt einen auf unnachahmliche Weise, viel bewusster, respektvoll und durchdacht mit Wasser, Energie und Proviant umzugehen. Hat man diesen Rhythmus erst einmal verinnerlicht, stellt man mit Erstaunen fest, wie verschwenderisch und gedankenlos man früher an Land mit den Ressourcen dieser Erde umgegangen ist. Man beginnt diese achtsame Lebensweise nicht nur zu schätzen, sondern empfindet sie als bedeutend verantwortungsvoller und befriedigender.

 

Fahrtensegeln ist eben so viel mehr als bloßes Segeln, das Erlernen von Seemannschaft, das Bändigen der recht komplexen Bordtechnik oder das traumhafte Ankern in einsamen Buchten. Es ist eine Haltung zum Leben. Genau deshalb ticken die meisten Langfahrtsegler auf ähnlichen Wellenlängen und verstehen sich auf Anhieb blendend: Man muss aus einem ganz bestimmten Holz geschnitzt sein, um dieses bewusste Leben auf dem Meer von Herzen zu lieben.

Teil 2 - Kurs Barbate, Knotenkunde und nützliches Orca-Wissen

»Los geht’s! Endlich wieder segeln, juhuuu!«, freute sich Britt ausgelassen, als wir gegen 08:20 Uhr das Frühstücksgeschirr abgeräumt hatten und das Schiff klarmachten zum Auslaufen.

»Yup, endlich wieder Meilen machen!«, brummte Demo gewohnt wortkarg vor sich hin und übernahm als aktueller Wachführer das Kommando an Deck.

»Was kann ich tun, um zu helfen?«, erkundigte sich Conchi eifrig. Sie hatte schon beim Aufräumen, Tischabwischen und Spülen mit angepackt, als wäre sie seit Wochen Teil der Crew.

»Da du von Seemannschaft noch keine Ahnung hast und schwer einschätzen kannst, was an Deck potenziell gefährlich ist, schlage ich vor: Schau uns anderen am besten erst einmal in Ruhe zu und lerne«, lächelte Vicky. Sie turnte wie gewohnt völlig ungeniert splitternackt an Bord herum und verschwendete keinen einzigen Gedanken an eventuelle Beobachter auf den Nachbarbooten, was natürlich entzückend für genießende Männeraugen war. grins

»Ja, schau erst einmal entspannt zu. Später draußen auf See kannst du sehr gerne ans Steuer und uns bei den kleineren Handgriffen unterstützen«, lächelte ich die sympathische Künstlerin ermutigend an. »Und eine goldene Regel, Conchi, die WICHTIGSTE überhaupt: Greife NIEMALS nach einer Schot, einem Fall oder irgendeiner der vielen Leinen im Cockpit, wenn du glaubst, dass sie wegrutscht oder so! Im falschen Moment kannst du dir damit übel die Finger verbrennen oder schwere Verletzungen zuziehen!«

»Aye, aye, Captain! Dann spiele ich jetzt den neugierigen Bordgast und genieße die Sonne an Deck!«, blinzelte sie mir charmant zu.

Aus Zeitgründen und um den typischen Umfang eines Blogartikels nicht völlig zu sprengen, fasse ich die Überfahrt an dieser Stelle ein wenig zusammen. Allein die ausführliche Beschreibung all der amüsanten Momente an Deck, unserer tiefgründigen wie albernen Gespräche und der klassischen Manöver auf See, würde mühelos ein halbes Buch füllen.

Wir erwischten schwache bis mäßige Winde von 5 bis 12 Knoten, in kleinen Böen kurzzeitig mal bis zu 18 Knoten aus West-Nordwest. Dazu gesellte sich eine verträgliche Welle samt Dünung von etwa 0,7 Metern, viel Sonnenschein und angenehme 27 Grad. Unter diesen Bedingungen machte unser schwerer Rundspant-Verdränger mit Deckssalon raumschots hervorragende Fahrt mit 2,5 bis 7 Knoten. Bei Nauticat wusste man eben damals noch ganz genau, wie man grundsolide, seetüchtige und unverwüstliche Yachten baut, die dennoch hervorragend durchs Wasser schippern.

Wenn ich mir im Vergleich dazu heutzutage manche Großserien-Yachten anschaue, sträuben sich mir als erfahrenem Skipper ehrlich gesagt die Nackenhaare vor Entsetzen! Was da teilweise für hunderttausende oder gar über eine Million Euro auf den Markt geworfen wird und dennoch gläubige Abnehmer findet, ist gelinde gesagt abenteuerlich. Aber Halt! Das ist ein Thema für einen separaten, detaillierten Artikel und würde diesen Rahmen sprengen.

Jedenfalls hatten wir absolute Bilderbuch-Bedingungen für ein entspanntes Schönwetter-Segeln mit einem blutigen Anfänger an Bord. Die Vikarelia krängte kaum, rollte und gierte nur minimal, und Conchita zeigte zu unserer Erleichterung nicht das geringste Anzeichen von Seekrankheit. Aus Rücksicht auf sie verzichteten wir auf diesem 40 Seemeilen langen Schlag auch auf Segel- oder Mann-über-Bord-Manöver, die wir sonst gerne zur Routine-Auffrischung einbauen.

Blitzschnell erfasste die reizende Künstlerin hingegen, wie man einen Palstek knüpft. Der Palstek ist wohl der mit Abstand wichtigste Seemannsknoten überhaupt. Er dient dazu, eine feste, verlässliche Schlaufe zu knüpfen, die sich selbst unter enormer Last niemals von alleine zuzieht, sich danach aber spielend leicht wieder öffnen lässt. Ein absolutes Must-have für jeden Segler und zentraler Bestandteil jeder praktischen Prüfung zum Sportbootführerschein.

 

Schritt für Schritt gelingt der Knoten am einfachsten mit der berühmten Eselsbrücke vom Männlein und dem See:

1.     Den See bilden: Man legt im Uhrzeigersinn ein kleines Auge in die stehende Part (das lange Seilende). Das lose Ende liegt dabei oben auf.

2.     Das Männlein taucht auf: Führe das lose Seilende (das Männlein) von unten durch das kleine Auge (den See) nach oben heraus.

3.     Um den Baum laufen: Führe das lose Ende einmal hinter der stehenden Part (dem Baum) herum.

4.     Zurück in den See: Stecke das lose Ende von oben wieder zurück durch das kleine Auge.

5.     Festziehen: Halte das lose Ende und die parallel verlaufende Schlaufe fest und ziehe gleichzeitig kräftig an der langen, stehenden Part. (Wer sich das visuell veranschaulichen möchte, findet hier ein anschauliches Erklärvideo zum Palstek.)

Ansonsten verlief der Törn wie am Schnürchen. Einzig schade war, dass sich diesmal keine Delfine an unserem Bug zeigten – was für Conchita garantiert ein unvergessliches Highlight gewesen wäre. Selbst alte Hasen auf Langfahrt freuen sich schließlich jedes Mal wie kleine Kinder, wenn diese faszinierenden Meeressäuger für ein paar Minuten in der Bugwelle mitreiten und ihre Kunststücke vollführen.

Ach ja, und noch ein wertvoller Tipp bezüglich der in diesem Revier leider nicht seltenen Orca-Interaktionen mit Segelyacht-Rudern: Wie ich vor Kurzem aus verlässlicher Quelle erfuhr, sollte man sich bei Kursen an den iberischen Küsten nach Möglichkeit strikt innerhalb der 20-Meter-Tiefenlinie entlang der Küste halten. Bisherige Auswertungen aller Vorfälle zeigen nämlich, dass die Schwertwale ihre teils gefährlichen Spielchen mit den Ruderblättern fast ausschließlich außerhalb der 20-Meter-Isobathe austragen – im flachen Uferwasser ist es diesen Meeresriesen offenbar zu seicht.

Es ist zwar nicht auf jedem Abschnitt möglich, so dicht an der Küste zu bleiben, insbesondere wenn man Fischernetze weiträumig umfahren muss. Doch die Wahrscheinlichkeit einer Begegnung sinkt dadurch drastisch. Besondere Aufmerksamkeit erfordert die riesige Almadraba-Thunfischfanganlage vor Barbate, deren seeseitige Umfahrung einen kurzzeitig zwingt, in tiefere Gewässer auszuweichen.

Etwas nach 16:00 Uhr liefen wir schließlich im geschützten Puerto Deportivo de Barbate ein und machten sanft am per UKW-Funk zugewiesenen Liegeplatz fest. Über die gesamte Distanz entsprach das einem beachtlichen Schnitt von knapp 6 Knoten SOG (Speed over Ground) – was bei den vorherrschenden schwachen Winden für eine Nauticat 42 wirklich aller Ehren wert ist. In kleinen Böen waren wir zeitweise sogar mit knapp 8 Knoten unterwegs. Conchita fand ihren allerersten Segeltörn »voll steil und wunderschön«, hatte keinerlei Magenprobleme und war – wie nahezu alle Neulinge – völlig aus dem Häuschen, als wir sie draußen ein Stück selbst ans Steuerruder ließen. lächel

 

 Teil 3: Einlaufdrinks, Thunfisch-Magie und Wasserschlacht

»Jetzt muss der Skipper – also unser verehrter, allmächtiger Captain Steve – erst einmal Einlaufdrinks und lecker Futter spendieren!«, forderte Britt mit ihrem typischen, frechen Lächeln, kaum dass wir die Vikarelia am Steg festgemacht und die Leinen aufgeklart hatten. »Wer ist dafür? Demokratische Abstimmung!«

Tja, natürlich schoss keineswegs nur ihre Hand augenblicklich in die Höhe. Die Arme der anderen folgten ohne Verzögerung. Bevor hier also eine handfeste Meuterei ausbrach und der Captain im Hafenbecken versenkt wurde, stimmte ich der demokratischen Mehrheit zähneknirschend, aber gut gelaunt zu.

Wir hatten auf See in vorausschauender Erwartung dieses freudigen Ankunftsrituals schließlich nur ein paar leichte Happen zu Mittag gegessen. Dementsprechend groß war der Appetit – Seefahrt macht bekanntlich verdammt hungrig. Glücklicherweise hatte ich vorab bereits eine hervorragende Adresse herausgesucht: Die mit 4,8 Google-Sternen überragend bewertete Taberna Barbatún, an der Avenida de la Mar, direkt oberhalb des weitläufigen Meeresstrandes.


 

Barbate ist ein traditionsreicher Küstenort an der andalusischen Costa de la Luz in Südspanien, gut 66 Kilometer südöstlich von Cádiz und etwa 20 Kilometer nordwestlich von Tarifa gelegen. Der Hafen und das fast 23.000 Einwohner zählende Städtchen sind seit Jahrhunderten vom traditionellen Thunfischfang geprägt und haben sich bis heute ihren unaufgeregten, urigen Charakter weitab vom durchorganisierten Massentourismus bewahrt. Wer spektakuläre Natur sucht, findet sie in den direkt angrenzenden Nachbarorten wie dem schneeweißen Bergdorf Vejer de la Frontera oder den berühmten Strandparadiesen Zahara de los Atunes und Los Caños de Meca.

»Yeah! Tapas ohne Ende, ich LIEBE es! Danke, Captain!«, freute sich Britt ausgelassen und bedachte mich sogleich mit einer verflixt erotischen Küsschen-Umarmung.

»Fall mir hier bloß nicht in Ohnmacht, Schatz, haha!«, lachte Vicky vergnügt in Richtung Britt und mir. »Oder eigentlich doch… dann bleibt für uns anderen noch mehr zu futtern!«

»Das könnte dir so passen! Nix da – der ehrenwerte Captain bekommt hier traditionell den allerersten Happen auf den Teller, sonst lasse ich euch wegen Meuterei allesamt kielholen, hehe!«, konterte ich amüsiert.

Die Taberna Barbatún, von außen eher unspektakulär und im Inneren einfach und zweckmäßig eingerichtet, erwies sich als Volltreffer. Eine klassische, andalusische Tapas-Bar mit unzähligen regionalen Köstlichkeiten, exzellenten Weinen, kühlem Bier, ausgesprochen herzlichen Gastgebern und aufmerksamem Service. Praktischerweise öffnete das Lokal punkt 16:30 Uhr wieder seine Pforten für die Abendschicht. Wir wurden herzlich empfangen, bestellten die ersten kühlen Drinks und eine Reihe delikater Appetithappen.


 

»Oh Mann, diese ›Atún Picante‹ sind ja der absolute Wahnsinn! Die müsst ihr unbedingt probieren!«, seufzte Britt schwärmerisch. Der rohe Thunfisch, marinierte in einer fein abgestimmten, leicht scharfen Sauce, schmeckte in der Tat phänomenal. Und das will etwas heißen – wenn man bedenkt, dass ich eigentlich gar kein so riesiger Thunfisch-Fan bin.

»Wir befinden uns hier schließlich auch im absoluten Thunfisch-Paradies! Denkt nur an die riesige Thunfisch-Farm, die wir vorhin auf See weiträumig umfahren mussten«, griff auch Conchi mit spürbarem Appetit zu.

»Stimmt auffallend! Sehr aufmerksam beobachtet von unserem neuen Leichtmatrosen-Rookie!«, knuffte Vicky die Spanierin freundschaftlich in die Seite.

Wie es bei uns gute Tradition ist, bestellten wir quer durch die Karte eine bunte Vielfalt an verschiedenen Speisen, um so viel wie möglich zu probieren. Wir alle lieben die spanische Tapas-Kultur: Man orderte eine Schale nach der anderen, schlemmte nach Herzenslust so viel man Lust hat, plauderte ungezwungen und witzelte mit dem Personal sowie den Nachbartischen. Selbst wenn die Sprachkenntnisse auf beiden Seiten nicht immer für tiefgründige Philosophie reichten – mit Händen, Füßen, einladender Gestik und herzlichem Lachen versteht man sich in Spanien immer blendend.

Dass drei so außergewöhnlich attraktive Frauen von Model-Format, die zudem charmant, aufgeschlossen und schlagfertig auftraten, das Blut der anwesenden spanischen Männer ein wenig in Wallung brachte, versteht sich von selbst. Kurz gesagt: Wir hatten einen Mords-Spaß und schwelgten ausgiebig im kulinarischen Genuss – selbst unsere stets auf ihre Linien bedachten Damen drückten heute beide Augen zu.

»Was für ein herrliches Leben!«, stöhnte Britt glücklich und rieb sich den Bauch. »Aber jetzt muss ich echt aufpassen, sonst kann ich demnächst nur noch als Plus-Size-Model anheuern, haha!«

»Genau die richtige Zeit für ein bisschen Ausgleichssport! Auf an den schönen Strand!«, schlug Vicky spontan vor. Ein naheliegender Einfall, auf den wir natürlich sofort eingingen, schauten wir doch schon die ganze Zeit sehnsüchtig vom lokal aus zum breiten, schönen Strand.


 

Die Schönen hatten in ihren Umhängetaschen vorausschauend sexy Badebekleidung mitgeführt, und wir Männer konnten lediglich in unseren modischen Unterhosen Boxershorts ins Wasser springen. Das von uns sonst so geschätzte Nacktbaden, war hier keine Option; auch am späten Nachmittag war der Playa del Carmen noch gut besucht, mit nicht wenigen Familien mit Kindern. Wieder einmal waren die touristischen Benennungen der einzelnen Strandabschnitte kaum nachvollziehbar, aber das tat der Freude keinen Abbruch.

»Yuhuuuu!«, rannte die Damenriege zusammen mit Demo mit Anlauf in die Brandung, während es bei mir wie gewohnt ein etwas länger dauerte. Ich mag es schlichtweg nicht, meine Kleidung beiläufig in den Sand zu werfen, den man später wieder mühsam rausschütteln muss. Demo war das völlig schnuppe, und die Mädels stopften ihre reizvoll luftigen Sommerkleider unkompliziert in die Umhängetaschen. Doch kurz darauf war auch ich bereit für die herrliche Erfrischung im rund 24 Grad kühlen Atlantik. Einfach himmlisch!

Wegen nicht mitgenommenen Sportgeräte für klassische Strandspiele, veranstalteten wir in der Brandung erst einmal eine gewaltige, lustige Wasserschlacht – Frauen gegen Männer - mit viel Lachen und Kreischen der Badenixen. Die drei Hübschen sind auch gute Schwimmerinnen, mit wenig Angst vor dem tiefen Meer, aber arg weit schwimmen sie dann doch nicht so gern hinaus. Demo und besonders ich lieben das, kraulten weit auf das offene Wasser und zogen ordentlich Bahnen.

Schwimmen ist und bleibt schließlich eine der effektivsten Methoden, den gesamten Körper fit zu halten und überschüssige Kalorien zu verbrennen. Bei sommerlichen gut 30 Grad Lufttemperatur ist es zudem eine hochwillkommene Abkühlung – und macht mir persönlich tausendmal mehr Freude als stumpfes Schindern im Fitnessstudio oder Joggen an Land. Die Mädels und Demo gehen zwar gerne laufen, aber für das Joggen konnte ich mich noch nie wirklich erwärmen.

 

Da die Sonne hier im Süden derzeit erst gegen 21:44 Uhr untergeht, blieb uns reichlich Zeit. Nach den langen Nächten in Cádiz wollten wir es heute Abend erst einmal etwas ruhiger angehen lassen, bevor wir in den kommenden Tagen das Nachtleben von Barbate näher erkunden. Die Marina von Barbate ist zwar zweckmäßig und selbst in der Hochsaison erstaunlich günstig, wenn auch optisch kein architektonisches Highlight.

Der Puerto Deportivo de Barbate gehört zu den staatlich verwalteten Häfen der andalusischen Hafenbehörde (APPA). Da diese Häfen subventioniert werden, ist Barbate dafür im Vergleich zu privaten Marinas unschlagbar günstig. Am besten nutzt man vorab die offizielle Preiskalkulator-Webseite der Puertos de Andalucía. Dort tippst du einfach die exakte Länge und Breite deines Bootes und den Buchungszeitraum ein, um den genauen Tagespreis für den gewünschten Zeitraum zu sehen.

Die eher unhübsche, etwas langweilige Marina-Umgebung war uns jetzt allerdings völlig egal. Nachdem wir das immer wieder faszinierende Schauspiel eines romantischen Sonnenuntergangs am Ozeanstrand genossen hatten, kehrten wir an Bord zurück und machten es uns an und unter Deck gemütlich.

 

»Moment mal… du kannst jetzt nicht einfach gleich pennen gehen, mon Capitaine!«, zwinkerte Vicky mir mit sinnlichen Schlafzimmerblicken zu, die ihre ziemlich eindeutigen Absichten unmissverständlich verrieten.

»Uff… ist dem armen, hart arbeitenden Skipper denn niemals etwas Ruhe vergönnt?«, grinste ich scheinbar leicht überfordert, widmete mich aber natürlich sofort und aus vollem Herzen ihrer verlockenden Fraulichkeit.

»Wage es ja nicht, dich auch noch zu beschweren, haha!«, lachte der sich an Bord typischerweise sofort wieder entzückende unbeschwerte Nackedei.

Nun, wohin das unvermeidlich führte, muss ich wohl kaum näher beschreiben! Eine gute Stunde später, verschwitzt und wohlig befriedigt und erschöpft, duschten wir uns ausgiebig frisch – was hier im Hafen mit Landwasser- und Stromanschluss ja glücklicherweise problemlos möglich war. Dann bezogen wir das achterliche Kajüten-Doppelbett neu mit frischer Bettwäsche, legten uns unbedeckt darauf und gähnten inzwischen immer wieder herzhaft. Von der Seeluft eines immerhin fast achtstündigen Segeltages, der Wasserschlacht und dem Schwimmen angenehm müde, dauerte es nicht lange, bis alle in den Kojen verschwanden und auf der Vikarelia tiefste Nachtruhe einkehrte.

 

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Cadiz, ein schöner Tag in vier Teilen

 

#26.08.01 – Cadiz, ein schöner Tag in vier Teilen

Teil 1: Frühstück im »El Café de Ana«

»Auf geht’s, trödel nicht so rum, Vicky!«, trieb ich die Hübsche gutmütig zur Eile an. Wir drei anderen standen bereits fix und fertig angezogen an Deck, wo wir rauchten, während sie immer noch völlig ungeniert splitternackt durch die Kajüte wirbelte.

»Ja, ja, hetz mich nicht so, Captain!«, lachte sie, schlüpfte schließlich doch noch in knappe weiße Shorts, ein Trägershirt und Sandalen, schnappte sich ihre Umhängetasche und signalisierte Landgang-bereitschaft.

Gut gelaunt und ohne jede Hektik spazierten wir durch die morgendliche Wärme zum El Café de Ana. Dort waren wir mit Conchita und einem ihrer Kunstliebhaber zum Frühstück verabredet. Der Typ hatte der spanischen Künstlerin bereits einige Kohlezeichnungen und Ölbilder abgekauft und zeigte nun eventuell auch Interesse an Vickys großformatigen Werken. Wir hatten ihn in einer der letzten Nächte beim Ausgehen schon kurz kennengelernt.

 

Das Café an der Avenida Ana de Viya erwies sich als echter Glücksgriff. Schon beim Näherkommen verliebten sich die Frauen sofort in die Kulisse: Der Eingang ist wunderschön von pinken, duftenden Bougainvillea-Blüten umrahmt. Innen empfängt einen eine liebevolle,  altmodisch-gemütliche Saloon-Atmosphäre, die sofort entschleunigt.

»Ist das hübsch! Voll bezaubernd!«, schwärmten Britt und Vicky unisono – und selbst als Mann mit geschultem Blick für Raumgestaltung konnte ich dem nur beipflichten. Der Service erwies sich ab der ersten Sekunde als herzlich und aufmerksam, wie man es sich in der Gastronomie nur wünschen kann. Dazu stimmt das Preis-Leistungs-Verhältnis: Für nicht einmal zehn Euro bekommt man hier ein fantastisches, superfrisches Frühstück samt Kaffee und Fruchtsaft serviert. Man fühlt sich auf Anhieb so unbeschwert willkommen wie bei guten Freunden.

Nach den typisch südländisch ausgiebigen Begrüßungsumarmungen mit Bussi links und rechts machten wir es uns bei angenehmen 25 Grad auf der schattigen Straßenterrasse unter den Kolonnaden bequem. Conchita und der besagte Kunstliebhaber Ignazio kannten die Karte natürlich längst. Wie fast immer bestellten wir alle quer durch die Speisekarte unterschiedliche Gerichte, um möglichst viel probieren zu können.

Ignazio erwies sich als attraktiv-intellektueller Mittdreißiger. Elegant gekleidet, mit ausgeprägten Gentleman-Manieren und von sichtbarer Bildung. Er machte auch menschlich einen sympathischen, seriösen Eindruck auf mich. Ich verließ mich da wie gewohnt auf meine ausgezeichnete Menschenkenntnis, gepaart mit langjähriger Lebenserfahrung und Bauchgefühl – eine Kombination, die mich bekanntlich derart selten täuscht, dass ich mich gar nicht mehr daran erinnern kann, wann ich jemanden das letzte Mal falsch eingeschätzt habe.


 

Dazu fällt mir eine amüsante Anekdote ein: Vor langer Zeit bat mich ein guter Geschäftsfreund, für den ich in gewisser Weise als Vorbild galt, um meine Einschätzung zu einem potenziellen Geschäftspartner. Nach kaum zehn Minuten Gespräch stand mein Urteil felsenfest und ich riet ihm dringend von jeglicher Kooperation ab. Mein Freund fragte mich arg verblüfft, wie ich mir nach so kurzer Zeit bereits so absolut sicher sein könne.

Ich konnte es ihm damals gar nicht genau erklären, weil dieser Instinkt bei mir seit jeher ganz automatisch abläuft. Mein Freund schlug meine Warnung schließlich aus und stieg in ein dubioses Immobiliengeschäft mit besagtem Typen ein. Erst etliche Jahre später, während einer feucht-fröhlichen Kneipentour, gestand er mir zähneknirschend, dass er dabei einen satten sechsstelligen Betrag in den Sand gesetzt hatte. Seitdem galt meine Menschenkenntnis bei ihm als geradezu legendär. Aber die Wahrheit ist: Selbst heute, mit weit mehr intellektueller Reflektion, kann ich nicht genau an einer Formel festmachen, weshalb mein Radar so zuverlässig ausschlägt. schmunzel

Ignazios Begleiterin an diesem Morgen passte auf den ersten Blick nicht ganz zu seiner gediegenen Art. Aber man begegnet in diesen Künstlerkreisen eben ab und zu diesen faszinierenden Kontrasten: Eine makellose, klassische Schönheit, die durch bewusste Brüche – ein kleines Tattoo hier, ein Piercing da – eine ganz eigene, fast störrische Note bekommt. Nicht unbedingt mein persönlicher Schönheitsbegriff, aber eine interessante Aussage gegen das stramme Diktat der Makellosigkeit propagierenden Modebranche. Die Geschmäcker sind bekanntlich verschieden, und wenn er auf diesen Stil steht, ist das ganz allein seine Sache. Ich persönlich finde es aber immer ein wenig bedauerlich, wenn junge Frauen, mit einer von der Natur so reich beschenkten Ästhetik, sich in meinen Augen unnötig verunstalten.

Teil 2: Flanieren durch Cádiz

Wir waren inzwischen schon wieder deutlich länger in Cádiz hängengeblieben, als wir ursprünglich geplant hatten. Aber wie schon zuvor in Lagos galt auch hier: Vor allem Vicky konnte sich die erstklassigen Gelegenheiten zum Verkauf ihrer Kunst in diesen lebendigen Künstlerszenen um einfach nicht entgehen lassen. Und um ehrlich zu sein: Wir fühlten uns in dieser bezaubernden Küstenstadt mit all den neuen Bekanntschaften rund um Conchita schlichtweg sauwohl. Was dieser lebendige, mit gut 100.000 Einwohnern überschaubare Ort an Kultur, Geschichte und Traumstränden zu bieten hat, ist für diese Größe wirklich erstaunlich.


 

Köstlich gesättigt und hochzufrieden verließen wir das Café und schlenderten in der Morgensonne zunächst zur Plaza de la Merced. Dort steht das Centro Municipal de Arte Flamenco la Merced – ein heutiges Tanzstudio und Kulturzentrum mit einer faszinierenden Geschichte. Die filigrane Eisenkonstruktion stammt ursprünglich aus der Feder der berühmten Pariser Werkstatt von Gustave Eiffel und diente Ende des 19. Jahrhunderts als Ausstellungspavillon. Um 1930 wurde das komplette Stahlskelett demontiert, hierher verlegt und jahrzehntelang als städtische Markthalle genutzt, bevor man das geschichtsträchtige Bauwerk vor einigen Jahren aufwendig restaurierte und schallisoliert der Flamenco-Kunst weihte.

»Echt krass, was es hier an jeder Ecke zu sehen gibt!«, meinte Britt begeistert beim Weiterlaufen und steuerte kurz darauf zielstrebig mit Vicky und Conchita auf eine kleine Boutique zu. »Kommt Mädels, die haben voll hübsche Kleider!«

Wir Männer machten das, was erfahrene Begleiter in solchen Momenten eben tun: Wir blieben geduldig draußen im angenehmen Sonnenschein stehen, zündeten uns eine Zigarette an und steuerten kurz darauf eine eigentlich noch geschlossene Tapas-Bar an. Ignazio wechselte ein paar charmante Worte auf Spanisch mit dem Betreiber, woraufhin dieser verständnisvoll grinste und uns prompt mit eiskalten Erfrischungsdrinks versorgte. Da meine Spanischkenntnisse bekanntlich bestenfalls als rudimentär zu bezeichnen sind, übersetzte ich mir das Wortgefecht aus Tonfall, Gestik und Mimik selbst: »Was sollen wir armen Männer schon machen, wenn die Damen Kleider shoppen? Angeblich ja nur, um uns anschließend mit reizenden Anblicken zu erfreuen…« schmunzel

Nach vielleicht einer halben Stunde – für weibliche Einkaufsverhältnisse erstaunlich schnell – tauchten die drei Schönheiten wieder auf. Britt und Conchita präsentierten sich direkt in neuen, farbenfrohen Sommerkleidern, während Vicky unverändert schien, aber erzählte, zwei sexy Dessous erstanden zu haben. Nebenbei bemerkt: Sämtliche Einkäufe wurden völlig selbstverständlich aus der eigenen Tasche bezahlt. Kein Winken nach der Geldbörse des Mannes, keine Erwartungshaltung. Ein kleiner, aber feiner Hinweis auf die innere Haltung und Klasse dieser noch jungen Frauen mit Klasse, Charakter und Niveau.

»Na?«, blinzelte vor allem Britt leicht provokant-frech auf typisch weibliche »Fishing for Compliments«-Art und drehte sich einmal schwungvoll vor unseren erfreuten Männeraugen, sodass der knielange Rocksaum weit hochflog.

Willst du als Mann überleben, hast du in so einem Moment natürlich gar keine andere Wahl als wie aus der Pistole geschossen mit »WOW! Bezaubernd schön! Entzückend!« und ähnlichen Bekundungen zu reagieren. Aber ganz im Ernst: Der bildschönen blonden Schwedin stand das bunte Sommerkleid ganz hervorragend. Wobei man ehrlich sein muss: Alle drei sehen sowieso immer hinreißend aus – ganz gleich, was sie anhaben. Oder eben noch besser: was sie nicht anhaben! hehe

Durch die malerischen Altstadtgassen – an fast jeder Ecke bieten sich architektonisch reizvolle Ausblicke – schlenderten wir weiter zum Denkmal La Perla de Cádiz. Die lebensgroße Bronzestatue ist eine Hommage an Antonia Gilabert Vargas, die unter ihrem Künstlernamen als eine der bedeutendsten und kraftvollsten Stimmen des andalusischen Flamencos in die Geschichte einging.


 

Nur wenige Meter weiter stießen wir auf das Las Cigarreras de Cádiz-Denkmal, ein ziviles Monument, das den Zigarrenmacherinnen der Stadt gewidmet ist. In der einstigen Königlichen Tabakfabrik arbeiteten zu Spitzenzeiten Ende des 19. Jahrhunderts fast 4.000 Frauen. Sie waren nicht nur das wirtschaftliche Rückgrat von Cádiz, sondern spielten auch eine mutige, wegweisende Rolle in der frühen spanischen Arbeiter- und Frauenrechtsbewegung. Ein Stück echter, stolzer Stadtgeschichte mitten im quirligen Alltag.

Teil 3: Unterschiedliche Wege und eine wilde Fahrt

Bei inzwischen gut 30 Grad im Schatten trennten sich am frühen Nachmittag unsere Wege. Demo machte sich auf die Suche nach einer Ersatz-Fußpumpe von Whale. Wir hatten ihm dafür vorab zwei Adressen herausgesucht, die das passende Teil am ehesten vorrätig haben dürften: Zum einen Puerto Náutica SL in El Puerto de Santa María – eine allgemeine Vertretung für nautisches Zubehör direkt nahe der Marina, wo man sich die Teile direkt anschauen kann. Zum anderen Suidamar, in der Zona Franca von Cádiz, die eher etwas technischer auf Industrie- und Pumpentechnik ausgerichtet sind. Spoiler vorab: Demo wurde schließlich bei Puerto Náutica fündig und ergatterte das richtige Modell.

Britt und Ignazios Begleiterin Isabella steuerten einen Friseursalon in der Altstadt an, und wollten sich danach noch ein wenig dem Shopping hinzugeben. Vicky und Ignazio liefen derweil zu seinem Haus. Er wollte ihr seine Kunstsammlung und seine Einrichtung zeigen, um anschließend zu besprechen, ob eines von Vickys noch in der Heimat gelagerten Kohlebildern zu seinen Räumen passt – oder ob sie ihm ein ganz individuelles Werk auf Auftragsbasis malt. Da der Mann auf mich einen seriösen Eindruck gemacht hatte und ich mich auf mein Bauchgefühl verlasse, hatte ich keinerlei Bedenken, Vicky mit ihm ziehen zu lassen.

Conchita und ich hatten derweil ein anderes Ziel: Wir nutzten einen kleinen Stadtflitzer, den Ignazio uns freundlicherweise zur Verfügung gestellt hatte, um zu jener feinen, abgeschirmten Community auf dem ehemaligen Militärgelände zu fahren, die wir vor Tagen schon einmal besucht hatten. Conchita hütete dort wieder einmal das Anwesen eines befreundeten Kunstmäzens, lüftete die Räume, goss die Pflanzen und ließ ein paar Geräte laufen. Eine Aufgabe, die die feurige Spanierin alle paar Tage mit großer Zuverlässigkeit erledigte.

 

»Nett, dass du mich begleitest«, flirtete Conchita bereits vor dem Einsteigen, schwang sich auf den Fahrersitz und übernahm mit schwungvoller Selbstverständlichkeit das Steuer. Passend zu ihrem Temperament steuerte sie den kleinen Wagen erstaunlich zügig, aber mit sichtbarer Routine durch den gewohnt chaotischen, südländischen Verkehr.

»Ist mir doch stets ein Vergnügen, von einer so reizenden Frau chauffiert zu werden«, flirtete ich vergnügt zurück. Allerdings musste ich mich mit meiner Bärenstatur von knapp 1,90 Metern erst einmal reichlich umständlich in den winzigen spanischen Kleinwagen quetschen – ich glaube, es war ein sehr überschaubarer Seat. Dass mein Kopf beinahe das Dach berührte und meine Knie keinen Platz fanden, amüsierte die gertenschlanke, gelenkige Conchita natürlich köstlich.

»Ich hoffe ja, dass du lebend ankommst! Deswegen beeile ich mich lieber ein bisschen, haha!«, lachte sie heiter, kurvte mit quietschenden Reifen um eine Biegung und stieg kurz darauf vor einer roten Ampel mit Schwung auf die Bremse. Prompt knallte mein rechtes Knie gegen die Unterseite des Armaturenbretts.

»Autsch! Das hat man bis hierher gehört! Tat bestimmt weh, haha?«, prustete sie vergnügt los.

»Hat es auch, du schadenfreudiges Biest! Ich wäre dir überaus dankbar, wenn du deinen Fahrstil zumindest ansatzweise an einen armen deutschen Captain in dieser viel zu engen Blechbüchse anpassen könntest!«

»Aber klar doch, haha!«, rief sie, gab bei Grün sofort wieder Vollgas und jagte den Motor hoch. Mein linker Ellenbogen drückte sich derweil schmerzhaft in die Lücke zwischen Fahrer- und Beifahrersitz. Haarscharf zirkelte sie den Wagen um ein unvermittelt auf der Fahrbahn haltendes Taxi herum, betätigte energisch die Hupe und schleuderte dem Fahrer mit melodischer Stimme ein paar spanische Flüche entgegen. Gleich darauf übersetzte sie mir das Ganze mit einem blitzenden Lachen ins Englische: »¡Vete a la mierda! – Verpiss dich zur Hölle! Diese ¡Gilipollas! – Vollidioten von Taxifahrern glauben immer, ihnen gehört die ganze Straße! ¡Cabrón! – Wörtlich ein Ziegenbock, aber gemeint ist ein saftiges Arschloch!«

»Dem hast du es aber ordentlich gegeben!«, grinste ich amüsiert. Bei unseren weit geöffneten Seitenfenstern und Conchitas beachtlicher Lautstärke dürfte der Taxifahrer mindestens die Hälfte der Breitseite mitbekommen haben. Er hupte und gestikulierte wild im Rückspiegel hinterher, was uns aber nicht hörten, da wir schon wieder zwanzig Meter weiter waren.

Im südländischen Straßenverkehr kann man eben echte Abenteuer erleben – erst recht mit einer so energischen, selbstbewussten Frau an der Seite. Es gibt da übrigens einen gravierenden Unterschied zu den vermeintlich kühlen Fahrern im Norden: Wenn sich dort zwei Autofahrer miteinander anlegen, wird es manchmal bitterernst und endet im schlimmsten Fall in handfesten Schlägereien. Im Süden dagegen wird das Hupen, Fluchen und wild Gestikulieren eher wie ein leidenschaftlicher Volkssport betrieben. Körperlich wird es so gut wie nie. Und wenn dann noch eine so bildschöne Frau wie Conchita am Steuer sitzt, geht der Schlagabtausch oft in einen temperamentvollen, unverbindlichen Flirt über. schmunzel

Es war eine wilde, lustige Fahrt. Conchita jagte den Flitzer wie eine geübte Rennfahrerin aus dem Stadtgebiet. Manchmal wirkte ihr Stil zwar ein wenig gewagt, aber wenn man genau hinschaute, merkte man schnell, dass sie die Ausmaße des Autos und die Situationen gut überlegt im Griff hatte. Ihre noch jugendlich schnellen Reflexe verhinderten verlässlich, dass aus der zügigen Fahrt echter Leichtsinn wurde.

Schließlich bogen wir mit quietschenden Reifen in die bereits erwähnte Einfahrt der geschützten Villensiedlung ein. Dem Wachmann an der Schranke rief Conchita lachend ein paar spanische Brocken entgegen, woraufhin dieser umgehend schmunzelnd die Zufahrt freigab – natürlich nicht ohne ihr im Vorbeifahren noch ein spitzbübisches Kompliment hinterherzurufen. Wir kurvten durch das kleine Wäldchen, steuerten die Auffahrt der schicken Finca-Villa an und kamen vor dem Eingang mit einer punktgenauen Vollbremsung zum Stehen, die mich noch einmal ordentlich durchschüttelte.

»Ähem… auf der Rückfahrt übernehme dann aber vielleicht doch lieber ich das Steuer!«, amüsierte ich mich köstlich über das feurige Spektakel.

»Nööö! Dann brauchen wir dreimal so lange und ich sterbe unterwegs vor Langeweile, haha!«, rief sie, sprang energiegeladen aus der Fahrertür und ließ die Tür ins Schloss fallen. Während ich mich sehr bedächtig und Knochen für Knochen aus dem zwergenhaften Innenraum schälte, steckte sie bereits den Schlüssel ins Hausschloss der schicken Finca, drehte sich noch einmal um und rief mir lachend zu: »Und vergiss deine Kamera nicht auf! Wo wir schon mal hier sind, können wir ungestört ein bisschen shooten!«

Teil 4: Sommerhitze, spanische Kaffeekultur und ein spontanes Shooting

»Hast du hier irgendwas Kühles zu trinken im Haus?«, fragte ich Conchita, als ich ihr schließlich in die schattigen Innenräume der Finca folgte.

Sie war bereits dabei, ein paar Zimmerpflanzen mit Wasser zu versorgen, und hatte im Erdgeschoss fast alle Fenster weit geöffnet, um Durchzug zu schaffen. Draußen wehte ein mäßiger Wind aus Südwest, der nach salziger Seeluft, den umgebenden Pinienbäumen und blühenden Sträuchern duftete und zumindest eine leichte Abkühlung brachte.

»Klaro, im großen Küchenkühlschrank findest du reichlich Mineralwasser und Saftflaschen. Bringst du mir bitte ein Glas eiskalten Zitronentee mit?«, lächelte sie verhalten in meine Richtung, ohne sich groß vom Pflanzengießen ablenken zu lassen.

In den Wohnräumen standen gar nicht so viele Töpfe, das meiste Grün befand sich draußen rund um die überdachten Terrassen. Dort kümmerte sich allerdings eine automatische Bewässerungsanlage um das Nötigste; Conchita musste lediglich kontrollieren, ob die Zeitschaltuhr zuverlässig lief, damit die mediterranen Gewächse nicht vertrockneten. Seit Wochen hatte es in der gesamten Region schließlich kaum oder nur extrem wenig geregnet. Ich wollte mir gar nicht ausmalen, wie die Flora derzeit im Landesinneren aussah, wo große Teile Südeuropas unter erdrückenden Hitzewellen mit weit über 40 Grad stöhnten.

Selbstverständlich verfolgen wir an Bord auch regelmäßig die Nachrichten. So war ich bestens im Bilde über abgeschaltete Kernkraftwerke wegen kochend heißer Flüsse mit viel zu wenig Wasser, verheerende Waldbrände in den Mittelmeerländern mit zehntausenden Evakuierten, verdorrte Ernten und den massiven Wassermangel in mitteleuropäischen Strömen, wo die für die Wirtschaft allgemein wichtige Binnenschifffahrt nur noch mit maximal einem Drittel ihrer gewohnten Ladung manövrieren konnten, was die Transport- und Folgekosten deutlich erhöht.. Ganz zu schweigen von den vielen Hitzetoten – meist ältere oder geschwächt kranke Menschen, deren Kreislauf diesen extremen Temperaturen schlicht nicht mehr standhielt.

In der weitläufigen Küche öffnete ich ebenfalls die Fenster, trank erst einmal selbst ein Glas eiskalten Zitronentee gegen den Durst und schenkte dann Conchita ihr Glas sowie mir noch ein frisches Mineralwasser ein. Damit machte ich mich auf die Suche nach ihr und fand sie im ersten Stock. Hier lagen die Schlafzimmer und Bäder, in denen kaum Pflanzen standen. Conchita lüftete hauptsächlich durch und schwang hier und da kurz den Staubwedel. Allerdings schien mir das eher eine Geste der Gründlichkeit zu sein, denn bis auf ein paar mikroskopische Staubkörnchen war das Haus makellos rein. Sie schaut schließlich alle zwei bis drei Tage nach dem Rechten, da konnte sich gar kein Schmutz ansammeln.

»Hier bitte sehr…«, reichte ich ihr das Glas und fragte rein aus Höflichkeit: »Kann ich dir noch irgendwo zur Hand gehen?«

»Danke, nicht nötig, Steve. Ich bin schon so gut wie fertig«, antwortete sie und warf mit einem verschmitzten Blick ihre Haare über die Schulter zurück. Eine typisch weibliche Bewegung, die bei einer so attraktiven, feurigen Frau natürlich ihre reizvolle Wirkung nicht verfehlt.

Übrigens – ich weiß gar nicht, ob ich das in meinen vorherigen Einträgen schon einmal erwähnt habe: Im klaren, hellen Tageslicht sieht Conchita gar nicht so extrem rassig-südländisch aus wie nachts beim Ausgehen oder mit nassen Haaren nach dem Baden. Ihre Haare sind eher von einem satten Dunkelbraun als tiefschwarz, und auch ihre Augen, die im Barlicht fast kohlschwarz wirken, offenbaren im Sonnenlicht einen warmen, dunkelbraunen Farbton. Die Künstlerin ist tatsächlich eine Ausnahmeschönheit mit den Makellosigkeiten eines internationalen Fashion-Models und einer bezaubernd fotogenen Ausstrahlung.

Conchita ist auch nicht ihr bürgerlicher Name, sondern lediglich ihr Künstlername. Das sprichwörtliche spanische Temperament besitzt sie allerdings durch und durch – wenngleich sie überraschend ruhig, nachdenklich und tiefgründig-intellektuell sein kann, wenn man sie näher kennenlernt. Wir verstehen uns von Tag zu Tag besser, schätzen uns sehr und ohne Frage liegt da auch dieses gewisse Knistern als Mann und Frau in der Luft. Über rein private Dinge haben wir bislang allerdings wenig gesprochen; weshalb ich bis heute nicht einmal ihren richtigen Namen kenne. Ist im Grunde aber auch völlig nebensächlich: In wenigen Tagen werden wir mit der Vikarelia voraussichtlich weitersegeln, und ob man diese faszinierende junge Künstlerin jemals wieder sieht, steht in den Sternen.

 

»Was wolltest du denn shooten, Conchi?«, erkundigte ich mich, als wir die Treppe hinunter zur schattigen Garten-Terrasse traten. Ich verlangte nach einer Zigarette. Hochwertige Holzgartenmöbel – wahrscheinlich Teak – standen mit Schutzhüllen abgedeckt seitlich unter einem Dachvorsprung; zwei Stühle und ein kleines Beistelltischchen waren jedoch unter einer schattenspendenden Pergola voller duftender Kletterpflanzen aufgestellt. Dort machten wir es uns gemütlich. »Nur ein paar sexy-hübsche Snapshots für deine Social-Media-Kanäle oder ein richtiges Shooting? Modelst du eigentlich gelegentlich auch für deinen Lebensunterhalt? So großgewachsen und toll gebaut wie du bist, wärst du dafür doch wie geschaffen.«

»Conchi, haha? Süßer Spitzname, der gefällt mir!«, blinzelte sie lachend. »Ja klar, ab und zu modele ich schon… Aber was versteht ein Gauner wie du unter ›richtig‹? Ich hab dir doch erzählt, dass ich hin und wieder für befreundete Maler, Bildhauer oder Fotografen posiere, manchmal auch recht freizügig.«

»Stimmt schon, aber ich meinte, ob du auch professionell als Fashion- oder Aktmodel arbeitest?«

»Ach so, nein. Professionell will ich das eigentlich nicht machen. Zumindest nicht, solange ich mit meiner eigenen Kunst über die Runden komme und Brötchen sowie Miete bezahlen kann. Wie kommst du darauf?«, fragte sie, streckte ihre langen, ebenmäßigen Beine aus und flegelte sich mit der herrlich unverkrampften Art junger Menschen in den Gartenstuhl. In dem sehr hübschen, weiße Sommerkleid, das sie sich vorhin gemeinsam mit Britt gekauft hatte – luftig geschnitten und aus einem hauchdünnen Stoff, der ihre Formen wundervoll betonte – sah sie schlichtwerg bezaubernd und verlockend fraulich aus.

»Ach, nur so aus Neugierde und als Fotograf. Weil du mit deinen Voraussetzungen fraglos echte Chancen in der Branche hättest. Aber wie läuft es denn aktuell mit deiner Kunst? Verkaufst du genug Bilder, um gut über die Runden zu kommen, wenn ich so direkt fragen darf?«

»Es geht so… Künstler nagen ja bekanntlich meist am Hungertuch, haha!«, lachte sie locker, gab dann aber eine sehr ehrliche und reflektierte Antwort. »Ohne meine Sponsoren, Mäzene und Förderer – zu neunzig Prozent Männer, die das natürlich auch wegen meines Aussehens tun – könnte ich kaum existieren. Für mich ist es also ungemein nützlich, attraktiv und clever genug zu sein, dass wohlhabende Señores gern meine Gesellschaft suchen und meine Arbeit unterstützen. Weniger attraktive Kolleginnen haben es da bedeutend schwerer.«

»Sehr gut, dass du das so realistisch siehst und dir nicht einredest, es läge einzig daran, dass deine Kunst allen anderen überlegen ist. Neunundneunzig Prozent aller Menschen, die sich an der Kunst versuchen, können niemals davon leben. Nur verschwindend wenige werden so erfolgreich oder gar berühmt, dass sie davon sorglos existieren oder vermögend werden. Wenn ich fragen darf: Wie schätzt du deine Talente ganz nüchtern objektiv ein? Hoffst du, irgendwann zu diesen sehr wenigen Ausnahmen zu gehören?«, lächelte ich verständnisvoll. Künstler hatten es schließlich zu keiner Zeit leicht – und in der heutigen Zeit, wo Abermillionen Menschen die Muße haben, sich künstlerisch zu betätigen, ist das Brot noch um einiges kürzer geworden.

»Verdammt kluge Frage, du Captain und Menschenkenner!«, strich sie sich eine dunkle Haarsträhne aus dem Gesicht, trank ihren Zitronentee aus und fragte: »Hast du Lust auf einen Kaffee?«

»Ein guter Kaffee wäre mir jetzt äußerst willkommen. Ich habe vorhin in der Küche eine vorzügliche Siebträgermaschine gesehen.«

»Genau! Was darf es denn sein?«

»Ein Café del Tiempo wäre perfekt, wenn…«

»Kommt sofort, warte hier!«, sprang sie mit erstaunlicher Energie aus ihrer bequemen, halb liegenden Position auf und entschwand ins Haus, bevor ich den Satz zu Ende sprechen konnte. Unsere beiden leeren Gläser nahm sie gleich mit.

Ich zündete mir eine Zigarette an, paffte entspannt in den Schatten der Pergola und hatte gerade zu Ende geraucht, als Conchita mit einem schicken Tablett zurückkehrte. Darauf standen zwei komplette El-Tiempo-Gedecke, die frisch gefüllten Wassergläser, zwei mit Eiswürfeln und Zitronenschalen präparierte Tumbler sowie eine kleine Dose mit feinem Pistaziengebäck.

Der Café del Tiempo dürfte vielen Spanienurlaubern ein Begriff sein: Ein starker, heißer Espresso, der auf Eiswürfeln mit einer Zitrone- oder Orangenscheibe serviert wird. Ein absolut geniales Sommergetränk, das in Spanien allerdings nach allen Regeln der Kunst zelebriert werden möchte.

Das klassische Gedeck besteht aus zwei Gefäßen: Glas 1 ist ein kleines, hitzebeständiges Glas (oft ein klassisches Cortado-Glas), in dem der heiße, frisch gebrühte Espresso serviert wird – meist bereits nach Wunsch gesüßt. Glas 2 ist ein etwas größeres, robustes Trinkglas, gefüllt mit Eiswürfeln und einer frischen Scheibe Zitrone oder Orange.

Die korrekte Handhabung verlangt eine genaue Reihenfolge: Zuerst wird der Zucker im heißen Espresso verrührt, solange dieser noch dampft – im eisgekühlten Glas löst sich der Zucker nämlich kaum noch auf. Erst danach gießt man den heißen Kaffee mit Schwung über die Eiswürfel und die Zitrusfrucht im zweiten Glas. Durch den Schock kühlt der Kaffee augenblicklich ab und nimmt das feine Aroma der Zitrusextrakte an. Getrunken wird anschließend direkt aus dem Eisglas.

In Spanien gilt als unumstößliches Gesetz: Kaltes gehört ins Glas, Tassen sind ausschließlich für heißen Kaffee reserviert. Ein Iso-Becher widerspricht der spanischen Kaffeekultur zutiefst, da das Auge schließlich mitgenießt und man das Spiel aus dunklem Kaffee, Eiskristallen und der gelben Zitronenscheibe beobachten möchte. Wer diesen Kaffee falsch handhabt, erntet von Einheimischen schnell den einen oder anderen amüsierten Blick. schmunzel

Aber keine Sorge: Spanier verzeihen Touristen fast jeden Kaffeefehler mit einem freundlichen Lächeln! Um dennoch absolut stilsicher aufzutreten, sollte man ein paar ungeschriebene Regeln kennen. Hier die wichtigsten Fettnäpfchen, die es zu vermeiden gilt:

1.     Das Timing beim Milchkaffee: Ein Café con Leche ist ein reines Frühstücksgetränk. Spanier trinken ihn fast ausschließlich bis 11:00 Uhr morgens, meist zusammen mit einer Tostada. Einen Milchkaffee nach einem üppigen Mittag- oder Abendessen zu bestellen, sorgt beim Kellner für sanftes Entsetzen. Nach dem Essen ordert man einen Café Solo, einen Cortado oder einen Carajillo.

2.     Bestellung und Bezahlung: Niemals im Stehen »To Go« bestellen! Kaffee ist in Spanien ein soziales Ritual und kein Treibstoff für Hektiker. Man genießt ihn an der Bar (Barra) oder am Tisch (Mesa). Wobei zu beachten ist: Der Kaffee an der Bar ist oft günstiger als am Tisch und spürbar günstiger als draußen auf der Terrasse (Terraza).

3.     Getrennte Rechnungen: Wenn man in einer Gruppe unterwegs ist, zahlt in der Regel einer die gesamte Runde, oder man wirft das Geld am Ende unkompliziert passend zusammen. Nach getrennten Kassenbelegen zu verlangen, bringt Kellner im Stoßbetrieb an den Rand des Wahnsinns.

4.     Das Zucker-Ritual: Spanischer Espresso wird traditionell sehr dunkel geröstet. Es ist völlig normal und keineswegs eine Beleidigung für den Barista, reichlich Zucker hineinzuschütten. Die Tütchen (Azucarillos) werden ungefragt gereicht. Und schließlich: Ein bloßes »Un café, por favor« reicht nicht aus – man sollte immer die exakte Zubereitungsart nennen, etwa »Un cortado, por favor«.

»Danke, Conchi…«, lächelte ich, süßte meinen Espresso, gieß ihn routiniert über das Eis im zweiten Glas und beobachtete für ein paar Momente, wie sich das tiefschwarze Elixier um die Eiswürfel legte, ehe ich einen ersten Schluck des gekühlten Getränks nahm. Conchita schaute mir amüsiert zu, wie ich das Ritual vollzog, während sie selbst quasi blind und eingespielt das Gleiche tat.

»Hey! Du machst das ja fast schon mit dem Schwung eines echten Einheimischen, Señor Capitán!«

»Nimmt mich Señorita Conchita gerade auf den Arm oder flirtet sie mit mir?«, grinste ich zurück.

Tatsächlich unterlaufen mir trotz langjähriger Reiseerfahrung gelegentlich kleine Fehler in der spanischen Kaffeekultur. Aber wenn man ständig unterwegs ist und durch die unterschiedlichsten Reviere und Länder kommt, kann man sich unmöglich jede lokale Gepflogenheit bis ins letzte Detail merken. Das muss man auch gar nicht – doch ein gewisses Grundwissen zeugt schlicht von Respekt gegenüber dem Gastgeberland.

»Beides, hihi! Beides!«, blinzelte sie mir mit einem Blick zu, der bei mir ein sehr angenehmes Kribbeln auslöste. »Und um deine Frage von vorhin zu beantworten: Ganz realistisch betrachtet glaube ich, dass meine Kunst… na ja, nicht wirklich etwas Besonderes ist. Wahrscheinlich werde ich mich einigermaßen durchschlagen können, solange ich noch hübsch und sexy genug bin, um Förderer und Mäzene anzuziehen. Aber wirklich erfolgreich oder gar berühmt werde ich wohl nie.«

»Das nenne ich mal eine mutige, ehrliche Selbsteinschätzung ohne unrealistische Illusionen. Respekt dafür«, antwortete ich und lächelte aufmunternd. »Aber versuche es trotzdem ruhig weiter! Erfolg hängt im Kunstbusiness heutzutage nicht zwingend davon ab, ein herausragender Künstler zu sein. Vermarktung, vor allem geschickte Selbst-Promotion, ist das A und O in diesem Geschäft. Und mach dir klar: Es ist heutzutage vor allem ein internationales, milliardenschweres Business – nichts anderes!« Ich streichelte ihr dabei sanft und freundschaftlich über die zarte Wange.

»Hmm… du bist ein kluger Kopf und, wie ich glaube, auch ein wirklich guter Freund…«, raunte sie leise, ließ ihre Wange für einen kurzen Moment in meiner Handfläche ruhen und blickte fast dankbar zu mir auf.

Als die Gläser geleert waren und ich mir eine weitere Zigarette gegönnt hatte, machten wir uns an ein spontanes, kleines Fotoshooting. Wir schossen wunderschöne, softerotisch-künstlerische Aufnahmen, die Conchitas frauliche Ästhetik perfekt einfingen. Sie ist enorm fotogen und versteht es meisterhaft, sich kopfkinoanregend in Szene zu setzen. Für ein Motiv wickelte sie sich beispielsweise in eine Art weiße Toga, wobei knackige Pobacken und eine Brust auf reizvolle Weise unbedeckt blieben. Ein verlockend weiblicher Blick halb über die Schulter zurück in meine Linse – und in meine genießenden Männeraugen – vervollständigte das Bild der Szene nahezu perfekt.

 

»Wow! Was bist du nur für eine schöne, fotogene und verführerische Frau!«, lobte ich sie mit ehrlicher, männlicher Bewunderung.

»Ach ja? Findet der Señor Capitán mich also schön und verlockend?«, schmunzelte Conchi gleichzeitig amüsiert, flirtend und sichtbar erfreut über das ehrliche Kompliment.

Wie ich schon manchmal erwähnt habe: Manche Menschen – insbesondere Frauen – haben dieses gewisse Etwas einfach im Blut. Sie wirken atemberaubend weiblich oder charismatisch männlich, völlig unabhängig davon, ob sie figurbetont gekleidet sind oder Haut zeigen. Jeder kennt wahrscheinlich diese Momente von Festen oder Partys: Eine Gesellschaft ist zusammen, amüsiert sich – und plötzlich betritt eine ganz bestimmte Person den Raum. Wie von einem unsichtbaren Magneten angezogen, richten sich augenblicklich alle Blicke auf sie oder ihn, und diese Person wird auch meist ohne jegliche Anstrengung zum Mittelpunkt des Geschehens. Man kann es wissenschaftlich kaum erklären, es geschieht vollkommen instinktiv.

Wir produzierten noch eine Reihe ästhetischer Aufnahmen voller weiblichem Sexappeal. Alles durchweg geschmackvoll, künstlerisch und stilvoll – meilenweit entfernt von billiger Nacktheit oder gar Vorstößen ins Pornografische. Conchita ist wie gemacht für die Linse und hat sichtlich Freude daran, mit ihrer Ausstrahlung zu spielen. Viele Künstler haben ja einen gesunden, mehr oder weniger stark ausgeprägten exhibitionistischen Zug und genießen  bewundernden Blicke. Wir hatten anderthalb Stunden lang enormen Spaß zusammen – als Fotograf, Künstler und Model, aber eben auch als Mann und Frau, die sich ohne Frage sehr sympathisch sind.


 

Aber ich muss mich nun langsam kurzfassen, sonst sprengt dieser Beitrag vollends den Rahmen. Da wir alle das Mittagessen hatten ausfallen lsßen, trafen wir uns gegen 17:00 Uhr mit gehörigem Appetit in einer der vielen, mehr oder weniger guten Tapas-Bars und Restaurants an der Playa de la Victoria.

Vicky und Ignazio hatten sich in der Zwischenzeit ebenfalls geeinigt: Er hatte eines ihrer großformatigen Kohlebilder für seine Sammlung geordert und direkt eine Anzahlung von 2.500 Euro geleistet. Wieder einmal ein voller Erfolg für Vickys Kunst und eine sehr angenehme Spritze für die derzeit wohlgefüllte Bordkasse!

Der Abend mündete schließlich in einer ausgedehnten Kneipentour durch etwa ein Dutzend Szenebars, Künstlertreffs und Lokale. Wir kosten das quirlige Sommer-Nachtleben von Cádiz bis tief in die Nacht hinein aus. In den kühleren Monaten geht es hier wohl ruhiger zu, aber Conchita versicherte uns, dass man in Cádiz jederzeit exzellent feiern und Spaß haben, südländisches Nightlife genießen kann, wenn man die richtigen Orte kennt.


 

Es war wieder einmal ein langer, erlebnisreicher und rundum gelungener Tag samt dazugehöriger Nacht. Reichlich beschwingt und in bester Laune kehrten wir vier gegen 02:30 Uhr an Bord der Yacht zurück, springen noch eben unter die Borddusche und fielen heftig gähnend wohlig müde in unsere Kojen. Binnen weniger Minuten herrschte tiefste Nachtruhe auf der Yacht.

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