#26.09.06 – Leinen los in Vlissingen, von Abschiedstränen und Mitternachtswachen
»Was sammelst du denn da für einen Strauß?«, lächelte ich zu Bella hinüber. Wir nutzten die ruhigen Stunden für einen ausgiebigen Spaziergang durch die spätsommerliche Natur rund um Vlissingen, um ein paar neue, stimmungsvolle und sexy-freche Fotos von ihr aufzunehmen – das begehrte Material, nach dem ihre treue Anhängerschaft und die Supporter auf den Plattformen stets verlangen.
»Ich glaube, der lieben alten Dame wird ein Strauß Korbblüten gefallen. Es ist wohl Sonnenhut (Rudbeckia) – so tief stecke ich in der Botanik nun auch nicht drin. Aber die Blüten sind doch wirklich wunderschön, wie sie so kräftig gelb leuchten, oder?!«
»Eine liebe Idee. Ja, darüber wird sich Margriet bestimmt freuen. Ich verstehe selbst absolut nichts von Blumen, aber das ist ja im Grunde völlig schnuppe – Hauptsache, das Arrangement macht in einer hübschen Blumenvase eine gute Figur.« Dennoch siegte kurz unsere Neugier, und wir versuchten die Pflanze mithilfe der Google-KI genauer zu identifizieren.
Gemini meinte nach einem kurzen Scan, die Stängel seien mit hoher Zuverlässigkeit Topinambur (Helianthus tuberosus) – im Volksmund gern als Erdbirne oder kleine Schwester der Sonnenblume bezeichnet. Da ich mit dieser automatisierten Bilderkennung in der Vergangenheit jedoch schon einige absurde Fehlschläge erlebt hatte, blieb ich skeptisch. Doch wie gesagt: Es ist schlichtweg ganz egal, welchen botanischen Lateinnamen die Halme tragen, solange sie das Zimmer erhellen.
»Margriet ist wirklich eine herzensgute Dame. Sie hat uns so unvoreingenommen und großherzig bei sich aufgenommen. Jetzt wirkt sie ein wenig schwermütig, weil wir heute Nacht schon wieder aufbrechen. Dann bleibt sie wieder allein in dem viel zu großen Haus – nur mit Deli, wenn diese mal in Vlissingen weilt. Und das ist ja offenbar auch nicht gerade häufig der Fall«, erzählte Bella leise weiter, während die sanfte Nachmittagssonne bei angenehmen 20 Grad unsere Haut wärmte.
Wir genossen diese Lichtstunden in vollen Zügen, denn der bisherige Tag hatte sich überwiegend unter einer dichten, schummrigen Wolkendecke versteckt. Nur selten waren ein paar einzelne Sonnenstrahlen durch das Grau gebrochen, doch jetzt riss plötzlich eine breite Wolkenlücke auf. Genau diesen Moment ergriffen wir für unseren Ausflug und die geplanten Fine-Art-Akt-Aufnahmen im Grünen.
Deli hatte sich bereits am vergangenen Abend ausgiebig von uns verabschiedet, da sich unsere Wege vor dem Auslaufen nicht mehr kreuzen sollten; sie war fürs gesamte Wochenende für ein Promo-Shooting in Den Haag gebucht. Kasha und Sascha streiften derweil mit einem sympathischen jungen Paar durch die Stadt, mit dem sie sich zuvor im Hafen spontan angefreundet hatten.
Die unerbittliche Wetterlage und der aktuelle Gezeitenstrom zwangen uns dazu, gegen zwei Uhr nach Mitternacht abzulegen. Nur bei diesem Timing können wir schätzungsweise 18 bis 26 Stunden lang von günstigen Winden profitieren. Den verbleibenden und weitaus größeren Teil des langen Törns hinunter nach Brest werden wir jedoch wohl zähneknirschend unter Dieselmotor zurücklegen müssen, sollte die Wettervorhersage recht behalten. Ein fader Beigeschmack, der sich in den anspruchsvollen Gewässern des Ärmelkanals mit seinen tückischen Strömungen aber kaum vermeiden lässt.
Um für das nächtliche Manöver bereit zu sein, hatten wir die Segelyacht bereits an einen Außensteg verholt, von dem aus wir ohne zeitraubende Ablegemanöver direkt auf die freie See gelangen. Heute Abend werden wir die verbliebenen Sachen an Bord stauen und auf dem Boot einziehen. Von Margriet verabschiedeten wir uns bereits nach dem gemeinsamen Abendessen im Haus, damit die betagte Dame ungestört durchschlafen konnte. 82-jährige alte Omas und Opas benötigen meist wirklich ihren Schlaf.
Zusammen mit Deli, die unsere Gastgeberin am längsten und besten kennt, hatten wir uns lange den Kopf darüber zerbrochen, wie wir ihr eine echte Freude bereiten könnten. Schließlich erinnerten wir uns an eine Anekdote, die sie uns bei einem Glas Wein erzählt hatte: ihre Reise nach Berlin vor rund fünfzig Jahren. Damals hatte es ihr eine ganz bestimmte Spezialität angetan – das traditionelle »Berliner Brot«, ein saftiges, würziges Gebäck. Nach kurzer Recherche stießen wir auf einen Traditionsbäcker mit Online-Versand, der genau dieses Gebäck nach altem Rezept herstellt. Wir orderten kurzerhand eine aufwendig gepackte Geschenkbox direkt an ihre Adresse.
Bei solchen Geschenken geht es schließlich um die lieb gemeinte Geste an sich, nicht um den reinen Warenwert oder um teure Luxusgeschenke, von dem in ihrem Anwesen ohnehin genug herumsteht. Genau deshalb hatte Bella ihr auch heimlich ein kleines Aquarell gemalt und pflückte nun diesen wilden Blumenstrauß am Wegesrand. Sie lachte dabei selbstironisch über ihre malerischen Künste und gestand, dass ihre Pinselstriche eher an die Versuche einer Grundschülerin erinnerten – aber es entspannt sie gelegentlich und macht es ihr einfach Spaß, ein bisschen zu malen.
Wir befanden uns etwa einen Kilometer außerhalb von Vlissingen. Entlang des schmalen Feldwegs erstreckten sich sattgrüne Wiesen, abgeerntete Felder und wild belassene Brachflächen, auf denen spätblühende Disteln und Löwenzahn ein dichtes, gelb-grünes Mosaik bildeten. Ein lauer Wind strich aus West-Nordwest mit etwa 4 Beaufort durch die Gräser, Vögel zwitscherten in den Hecken, und dicke Hummeln summten träge durch die Luft.
Bevor sich der Himmel wieder zuziehen konnte, nutzten wir das Licht für eine Reihe von ästhetisch-erotischen Aufnahmen. Bella bewegte sich wie immer völlig locker ungezwungen vor der Linse. Wie schon erwähnt besitzt sie die Gabe, ihre weibliche Ausstrahlung gekonnt ins Licht zu rücken, ohne dass die Bilder jemals billig oder plump wirken. Für einen Fotografen – und ebenso für den genießerischen Betrachter – ist sie ein Glücksfall der von mir schon immer bevorzugten Model- und Frauensorte, weil sie mit spürbarer Freude bei der Sache ist und nicht bloß kühl ein Honorar abarbeitet.
Ihre gut 50.000 Follower auf den Plattformen versorgt sie täglich mit neuen Einblicken. Auch die Abonnenten meines Blogs erhalten über exklusive Ordner Zugänge zu diesen unzensierten Fotoserien einfach schöner Fine-Art-Erotik. Natürlich ist es ein völlig anderes Erlebnis, dieses Spiel aus Licht und Kurven hautnah durch den Sucher der Kamera und mit den eigenen Augen zu begleiten, während man ununterbrochen frotzelt und plaudert.
Frauen wie Bella sind mir als Fotograf und auch als Mann seit jeher die liebsten Partnerinnen. Man kann gemeinsam scherzen und den Tag genießen, während sie im entscheidenden Moment fokussiert bleiben. Selbst wenn Bella kein Geld mit ihren Bildern verdienen würde, hätte sie genauso viel Freude daran sich schön zu kleiden (oder zu entkleiden) und mit ihrer Weiblichkeit zu spielen. Dieses weibliche Selbstbewusstsein überträgt sich direkt auf die Pics – das erkennt selbst ein Laie auf den ersten Blick.
»Was grübelst du da eigentlich schon wieder hinter deiner Denker-Stirn aus, hm?«, lachte sie auf und ließ dabei ganz beiläufig einen Blick auf ihr schönes Dekolleté mit einer sichtbaren, sehr süßen Brust zu.
»Das kannst du im nächsten Blogbeitrag nachlesen«, zwinkerte ich ihr zu.
»Och nööö, ich will das aber jetzt gleich wissen!«, lachte sie herzlich. »Los, erzähl schon!«
Wir legten eine kurze Pause an einem hölzernen Weidezaun ein. Ich zündete mir eine Zigarette an, stieß den Rauch langsam in den Wind und fasste meine Gedankengänge zusammen.
»Das ist ja wirklich abgefahren!«, meinte sie schmunzelnd und blinzelte mir durch die Sonnenbrille zu.
»Was genau meinst du?«
»Du schaffst es irgendwie immer, in deine Beschreibungen zeitgleich galante Komplimente für uns Frauen einzubauen, du Charmeur!«, lachte sie auf ihre herzerwärmende Art. »Ich mag das wirklich sehr an dir. Bei dir klingt das nie nach diesem billigen 'Guckt euch mal die geile Tussi an!'. Von dir habe ich noch nie so plumpe Sprüche gehört wie von manch anderem Fotografen. Es schwingt immer echter Respekt und Bewunderung für unsere Weiblichkeit mit.«
»Nun, liebe Bella, damit machst du mir gerade auch ein schönes Kompliment«, erwiderte ich schmunzelnd. Und weil sie eben so herrlich unverkrampft ist, verschwendete sie keinen Gedanken daran, ihre gerade nur wenig bekleideten, entzückenden Formen im Gespräch sofort wieder sittsam abzudecken. Viele Frauen und Models erkennen das gar nicht und denken, Männer sind sowieso alle gleich und wollen nur das eine.
Genau diese Unbefangenheit unterscheidet sie von rein kalkulierenden Models. Wer seinen Körper ausschließlich als starr verhandelte Ware einsetzt und jede Sekunde gezeigter Haut abrechnen möchte, mag zwar attraktiv und clever sein, bleibt menschlich aber oft fragwürdig. Frauen wie Bella, Deli oder Kasha hingegen besitzen eine erfrischende Natürlichkeit. Sie genießen ihr Frau-Sein, freuen sich am selbstbewussten Spiel mit ihren Reizen und sind gleichzeitig verlässliche Kumpeltypen, mit denen man durch dick und dünn segeln kann. Sie sind einfach gern schöne Frauen und zeigen das auch ziemlich ungeniert.
Wir genossen das warme Spätsommerlicht noch bis zum frühen Abend. Als wir den Rückweg antraten, landete plötzlich ein kleines, unbestimmbares Insekt mitten auf Bellas warmer Haut einer gerade noch sichtbaren Brustrundung im Dekolleté. Sie verharrte kichernd in der Bewegung, während wir das kleine Geschöpf neugierig beobachteten.
»Diese hauchzarten Beinchen kribbeln vielleicht auf der Haut, hihi!«
»Ganz eindeutig ein männliches Exemplar – so zielgerichtet, wie das Kerlchen gelandet ist!«, gluckste ich. Das Insekt verweilte ein paar Momente auf Bellas sonnenwarmer Haut, sammelte Kraft und flog schließlich summend von dannen. Schwer zu sagen, was es war – ob eher eine Schmetterlingsart oder eine junge Libelle oder so was, die auch unangenehm stechen könnte. Ist auch egal, denn außer Stechmücken, die sowieso zustechen und Blut abzapfen wollen, tun einem solche Insekten, Bienen oder Libellen nichts, solange man sie nicht durch hektische Bewegungen erschreckt. Dabei gilt gewissermaßen die Regel: Tust du mir nichts, tu ich auch dir nichts!
»Ach ihr Lieben…, ich weiß gar nicht, was ich sagen soll.« Margriet lächelte gerührt, während ihre Augen verräterisch glänzten. Die alte Dame freute sich sichtbar über die Abschiedsgeschenke, die wir ihr nach dem gemeinsamen Abendessen im stimmungsvoll ausgeleuchteten Esszimmer überreichten.
»Da gibt es auch absolut nichts zu sagen, liebe Margriet«, erwiderte ich, strich ihr sanft über die Wange und zog sie in eine herzliche, ehrliche Bärenumarmung. »Das ist nur ein winziges Zeichen unserer Dankbarkeit für deine großartige, unkomplizierte Gastfreundschaft in den letzten Wochen.«
»Genau, hihi!«, kicherte Kasha dazwischen. »Ich habe ja selbst eine wunderbare Omi, aber wenn ich mir auf der Stelle noch eine aussuchen dürfte: Sie wären sofort meine erste Wahl!«
Bella und Sascha schlossen sich der Runde an, und binnen Sekunden entwickelte sich das Ganze zu einer kollektiven Umarmungs- und Abschiedsorgie. Der klugen, lebenserfahrenen Gastgeberin stiegen doch tatsächlich ein paar Tränen in die Augenwinkel, und sie holte tief Luft. Als Kapitänswitwe, deren Mann früher oft viele Monate am Stück auf den Weltmeeren unterwegs gewesen war, kennt sie solche Momente des Aufbruchs nur zu gut. Dennoch schmerzt das Verabschieden jedes Mal aufs Neue.
Als das Herzen und Händeschütteln schließlich ausklang, schnappten wir uns die letzten Gepäckstücke, drehten noch eine Kontrollrunde durch die Räume und vergewisserten uns, dass kein Ladekabel oder Ausweisstück liegen geblieben war. Dann machten wir uns auf den Weg zum Steg, wo die auslaufbereite HC-48T bereits ruhig in der leichten Dünung wippte. Unter Deck verstauten wir die Reisetaschen schiffsfest in den Schränken und Lasten. Bei einer vollgepackten Langfahrtyacht, die Tonnen an Werkzeugen, Ersatzteilen, Ausrüstung und Proviant an Bord hat, muss jedes Teil seinen festen Platz haben. Nichts ist nerviger und gefährlicher, als wenn bei der ersten Böe und Schräglage schwere Gegenstände frei durch den Saloon fliegen.
Anschließend versammelten wir uns im Cockpit zur finalen Crewbesprechung. Ich hängte die Wachrolle – die exakte Einteilung, wer wann die Orientierung an Deck behält – gut sichtbar am vorderen Saloon-Schot auf. Wir fahren auf diesem Törn ein klassisches Vierstunden-System, allerdings ohne bürokratische Sklaverei. Sascha und Bella haben genug Meilen im Kielwasser, um im stark befahrenen Ärmelkanal auch ohne ständige Hilfestellung den Durchblick zu behalten, und ich stehe ohnehin als Backup parat.
1. Wachtafel (Klassisches 4-Stunden-System)
Auf einer Route wie der dicht befahrenen Kanal-Passage empfiehlt sich bei vier Personen an Bord stets eine aufmerksame Doppelwache an Deck (Ausguck, Radarbeobachtung, Navigation und Bordsysteme).
Ich als Skipper ist fest im 4-Stunden-Rhythmus integriert und geht drei von sechs Wachen selbst mit an Deck. Dafür bin ich von Routine-Küchendiensten befreit, um freie Kapazitäten für Wetter-Routing, Taktik, Bilgen- und Maschinenchecks sowie spontane Manöver zu haben. Bella, Sascha und Kasha rotieren so durch, dass jeder vier Stunden Wache und acht Stunden Freiwache hat. So steht immer eine erfahrene Doppelbesetzung im Cockpit.
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Uhrzeit |
Wachbezeichnung |
Wachführer |
Wachgänger (Ruder/Ausguck) |
Freiwache |
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00:00 – 04:00 |
Hundewache / Nacht 1 |
Steve (Skipper) |
Bella |
Sascha, Kasha |
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04:00 – 08:00 |
Morgenwache |
Sascha |
Kasha |
Steve, Bella |
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08:00 – 12:00 |
Vormittagswache |
Steve (Skipper) |
Sascha |
Bella, Kasha |
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12:00 – 16:00 |
Nachmittagswache |
Bella |
Kasha |
Steve, Sascha |
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16:00 – 20:00 |
Plattwache / Abend |
Steve (Skipper) |
Kasha |
Bella, Sascha |
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20:00 – 24:00 |
Erste Nachtwache |
Bella |
Sascha |
Steve, Kasha |
2. Küchen- & Putzdienst (Backschafts-Rotation)
Der Küchen- und Reinschiff-Dienst rotiert im Dreitages-Takt unter den drei Crewmitgliedern. Die diensthabende Person bereitet die warme Hauptmahlzeit zu, hält die Kombüse sauber und führt den Routine-Check im Sanitärbereich durch.
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Tag |
Backschaft (Küche/Putz) |
Aufgabenbereich |
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Tag 1 |
Bella |
Zubereitung Hauptmahlzeit, Kombüse aufklaren, Abwasch, WC-Check |
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Tag 2 |
Sascha |
Zubereitung Hauptmahlzeit, Kombüse aufklaren, Abwasch, WC-Check |
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Tag 3 |
Kasha |
Zubereitung Hauptmahlzeit, Kombüse aufklaren, Abwasch, WC-Check |
Mit einer eingespielten Crew, bei der jeder freiwillig anpackt, muss man diese Pläne nicht stur abreiten. Wenn die See ruhig ist und keine Manöver anstehen, kann der Diensthabende auch mal entspannen, die Aussicht genießen oder Schlaf auf Vorrat tanken. Einzig Kasha sollte vorerst nie völlig alleinverantwortlich an den Strippen ziehen. Sie ist die Unerfahrenste in der Runde und neigt in ihrer spritzigen Frechdachs-Art gelegentlich dazu, Risiken etwas zu locker einzuschätzen.
Laut Wetterbericht sollten wir gegen zwei Uhr nachts in der Scheldemündung südlichen Wind um 8 bis 10 Knoten vorfinden. Da wir zunächst nordwestlich halten müssen, um die hochfrequentierten Verkehrstrennungszonen möglichst rechtwinklig zu schneiden, bedeutet das mit Südwest-Wind: feinstes Backbord-achterliches bis Halbwind-Segeln. Das bringt unsere schwer beladene, gut 24 Tonnen verdrängende Yacht wunderbar in Schwung.
Moderne Serien-Yachten aus GFK verdrängen bei dieser Bootsgröße meist nur die Hälfte. Die springen bei jedem Hauch von Wind schneller an, tanzen bei einer kurzen Kreuzsee von einem Meter Welle aber wie ein Korken auf dem Wasser – und das schlägt gehörig auf den Magen. Der schwere Langkieler Hans Christian 48T schneidet dagegen unbeirrbar durch die Wellen, krängt selbst bei kräftigeren Böen kaum und zieht wie auf Schienen seine Bahn.
Wir krochen gegen 22 Uhr in die Kojen, um vor dem nächtlichen Ablegen noch etwas Ruhe zu finden. Punkt zwei Uhr nachts war es dann soweit. Wer dachte, die Freiwache würde weiterschlafen, lag falsch – alle standen an Deck. Jeder brannte darauf, das Schiff bei der ersten Nachfahrt zu erleben. Für mich war das Verhalten des Schiffes kein Rätsel, da ich viele Jahre Erfahrung auf schweren Langkielern mitbringe. Entsprechend war ich vermutlich der Einzige, der tief und fest geschlafen hatte. Bella brachte das beim Bechern des ersten Kaffees lachend auf den Punkt:
»Du hast geschnarcht, wie ein müder, zufriedener Schnarchbär, haha!«
»Jau, hihi, das hörte ich bis in unsere Bugkoje.« Haute typischerweise Frechdachs Kasha sofort in die gleiche Kerbe und knuffte Sascha in die Seite, also wolle sie ihn zur unterstützenden Zustimmung auffordern. Der grinste jedoch nur breit und ich konterte:
»Völlig unmöglich! Ein gottähnlicher Kapitän schnarcht nicht! Oder wollt ihr etwa behaupten, Gott selbst würde schnarchen?« Spielte ich damit natürlich darauf an, dass Kapitäne in früheren Zeiten von ihren Crews tatsächlich als nahezu gottgleich angesehen wurden, weil er praktisch unbegrenzte Macht über Leben und Tod an Bord hatte.
»Also ob ausgerechnet du totaler Atheist irgendwas mit Gott am Hut hätte?!« Warf Sascha nun doch ein und wir lachten, während wir uns je nach Appetit, Lust und Laune mit einem kleinen Mitternachtssnack stärkten.
Wir schnappten uns ein paar Brote und Müsli, während ich kurz das Manöver durchging: »Passt auf, so läuft das Ablegen: Wir dampfen rückwärts in die Achterspring ein; dann drehen wir den Bug mithilfe des Querstrahlruders sauber zum Fahrwasser heraus. Konkret heißt das: Wenn der Diesel auf Betriebstemperatur ist, legt ihr die Steuerbord-Achterspring auf Slip, damit wir sie bequem von Deck aus einholen können. Alle anderen Leinen werden gelöst. Kasha, du achtest darauf, wie die Fender achtern sitzen, damit der Rumpf beim Drehen keinesfalls den Steg berührt; zeigt ihr wie das richtig gemacht wird. Alles klar?«
»Aye, Captain!«, schallte es spöttisch, aber diszipliniert zurück. Bella und Sascha kennen solche Standardmanöver im Schlaf, aber für Kasha war diese Auffrischung wichtig. Sie ist bisher eher als Entspannungsgast auf Yachten mitgefahren, ohne sich um die Details dahinter zu kümmern.
Wer sich dieses Festmache-Manöver als ungeübte Landratte bildlich vorstellen möchte, findet auf YouTube unter den Stichwörtern „Ablegen und eindampfen über die Achterspring Segelboot“ passende Anschauungsbeispiele. Bedenkt dabei jedoch: Solche Lehrvideos werden fast immer bei Kaiserwetter unter Idealbedingungen gedreht. In der Realität drücken dich oft Gegenwind und kabbeliger Tidenstrom mit gewaltiger Kraft an die Pier. Ein tonnenschwerer Langkieler reagiert in solchen Momenten ungleich träger als ein leichtes Schulungsboot. Wenn das Wetter ganz übel ist, kann es das Ablegen und Auslaufen sogar unmöglich machen, dann bleibt nur das Warten auf bessere Bedingungen übrig.
Das Ablegemanöver klappte wie am Schnürchen. Wir tuckerten mit schlanken 7,5 Knoten durch das Mündungsgebiet der breiten Schelde hinaus auf die offene See. Draußen empfing uns ein schwacher bis mäßiger Wind von 9 bis 12 Knoten aus Südwest zu Süd, der langsam weiter nach Süden drehte und etwas zulegte. Dass ein massiver Langkieler selbst bei moderaten Windverhältnissen keineswegs eine lahme Ente ist, bewies die Hans Christian auf der Stelle.
Sobald die Masse einmal in Bewegung geraten ist, schiebt das Schiff kraftvoll durch die Wellen. Unter Großsegel und dem ausgerollten Leichtwind-Code-Zero erreichten wir mühelos 6 bis 7,5 Knoten Fahrt über Grund, in Böen sogar über 8 Knoten. Das machen modernere Leichtbauten auf diesem Kurs auch nicht viel besser. Dank des Rollbaums für das Großsegel und der Endlos-Reffanlage für den Code Zero – alles bequem über elektrische Winschen vom Cockpit aus bedienbar – lässt sich die Tuchfläche schnell anpassen, ohne dass man auf dem Vordeck herumturnen muss.
Wie für den Ärmelkanal typisch, herrschte auf den Schifffahrtswegen gewaltiger Betrieb. Riesige Frachtschiffe, Autotransporter und Öltanker schoben sich durch die Nacht. Radar und AIS liefen auf Dauerschleife, während wir scharf Ausguck hielten. Dabei gilt an Bord unumstößlich das oberste Gebot: Drauf geschissen, ob du laut KVR Vorfahrtsrecht hättest – zieh als kleines Segelboot gegenüber einem 300-Meter-Koloss niemals stur deinen Kurs durch, sondern weiche frühzeitig und eindeutig aus!
Ein wichtiger Punkt bei der Elektronik: Man muss peinlich genau prüfen, ob das eigene AIS-System die Signale nicht nur empfängt, sondern auch aktiv sendet. Es passiert erschreckend oft, dass Fahrtenseglern gar nicht bewusst ist, dass ihr Transponder stumm bleibt – womit sie für Frachter bei Nacht oder Nebel unsichtbar sind.
Solange die Kontroll-LED an unserer Raymarine AIS700 Box dauerhaft grün leuchtet, ist die Welt in Ordnung. Wer die Signale genauer kontrollieren möchte, kann auf den klassischen Plottern der Raymarine E-Serie ein verstecktes Systemmenü aufrufen. Über die Pfade System Setup -> System Diagnostics -> External Interfaces lassen sich die Rx- (Empfang) und Tx- (Sende-) Zähler direkt ablesen. Ergänzende Erfahrungswerte dazu finden sich im YBW Forum.
Um vier Uhr morgens übernahmen Kasha und Sascha die Wache, während Bella und ich in die Kojen verschwanden. Es galt wie immer die Grundregel: Bei Unsicherheiten, Problemen oder ungeklärten Radar-Zielen wird der Skipper sofort geweckt. Um acht Uhr morgens saßen wir wieder alle im Cockpit und frühstückten mit gutem Appetit, während die Yacht stoisch und ohne hartes Einstampfen durch das graue Wasser glitt.
Der Himmel war zwar noch von schummrigen Wolken verhangen, was Bella und Kasha jedoch nicht davon abhielt, auf dem schmalen Seitendeck ein spontanes Freudentänzchen aufzuführen, um den Meeresgott milde zu stimmen. So amüsant das aussah, veranlasste es mich doch zu einer Mahnung: Das Cockpit sollte auf See niemals ohne angelegte Lifebelts verlassen werden; bei Schwerwetter zusätzlich eingepickt in übers Deck gespannte Lifelines.
Natürlich kenne ich die typische Bordrealität: Wenn die See ruhig ist, hält sich kaum jemand daran. In kühleren Breiten stören die Gurte über der Kleidung noch relativ wenig. In den Tropen hingegen hat bei brütender Hitze niemand Lust, sich ständig Sicherheitswesten überzuziehen und noch mehr zu schwitzen.
Das ist menschlich, verständlich und akzeptabel, erfordert an Deck aber Vorsicht und kein allzu leichtsinniges Verhalten. Die übliche Draht-Reling an Bord fast aller Yachten reicht, je nach Körpergröße, kaum übers Knie oder bis zu den Schenkeln. Man kann bei zu viel Unachtsamkeit oder Leichtsinn allzu leicht über eine der unzähligen Stolperfallen an Deck von Segelbooten stolpern und über Bord fallen, was auch bei ruhigen Seebedingungen immer schnell lebensgefährlich werden kann. In einem früheren Blog-Beitrag an Bord einer Nauticat 42 erklärte ich das und die Pflicht zum Üben von Mann-über-Bord Manövern schon mal ausführlich. Das hatten wir hier an Bord eines netten Seglers geübt, mit dem wir dazu raus auf See gefahren waren.
Erstaunlicherweise klagte nach den langen Wochen an Land keiner von uns über Seekrankheit. Wir hatten am Vorabend vorsorglich Scopolamin-Pflaster hinter das Ohr geklebt. Diese Wirkstoffe halten rund drei Tage vor und dämpfen die Empfindlichkeit des Gleichgewichtsorgans erheblich.
Wer diese Pflaster nutzt, sollte zwei Praxistipps beherzigen:
- Nach dem Anbringen unbedingt sofort die Hände gründlich mit Seife waschen! Reibt man sich danach versehentlich die Augen, weitet der Wirkstoff die Pupillen extrem weit aus – verschwommenes Sehen über Stunden ist die Folge.
- Nach ein paar Stunden stellt sich oft ein extrem trockener Mund ein. Das ist völlig normal und harmlos – einfach viel stilles Wasser trinken.
Im Laufe des Tages flaute der Wind leider weiter ab und drehte auf Süd-Ost zu Süd, was uns einen spürbaren Am-Wind-Kurs bescherte. Bei mageren 8 bis 12 Knoten Wind lief die Yacht dennoch passable 3,5 bis 6 Knoten. Sie lag derart ruhig in der kabbeligen Welle, dass das Segeln pure Entspannung war. Natürlich zieht ein schwerer Langkiel-Rumpf bei Flaute den Kürzeren gegenüber einer leichten, modernen Yacht mit Kurzkiel. Doch sobald das Schiff Fahrt aufgenommen hat, schiebt die eigene Masseträgheit das Boot sanft durch jede Welle. Und mal ehrlich: Welchen Fahrtenseglern kümmert es schon, ob er einen halben Knoten schneller oder langsamer unterwegs ist? Solche Daten interessieren nur Hektiker und Regatta-Freaks, die sprichwörtlichen Schootenzupfer. Uns geht es um Sicherheit, Komfort und das freie Leben auf dem Wasser – und genau dafür ist die Hans Christian gebaut.
Am Nachmittag brach die Wolkendecke auf und schenkte uns Sonnenschein bei angenehmen 23 Grad, während wir an der englischen Küste entlang im Bereich Margate, Deal und Dover vorbeizogen. Gegen Abend zog sich der Himmel jedoch wieder zu. Wir hielten uns dicht an die Küstenlinie, da im Kernbereich des Kanals südlich von Dover fast vollständige Flaute herrschte.
»Ähm… und was treibst du da eigentlich gerade?«, amüsierte ich mich über Kasha, die vollkommen unbefangen und hüllenlos in der kleinen Badkabine an der Toilettenschüssel hockte und augenscheinlich auf Spurensuche war.
»Ahaha…, grins nicht so vergnügt, du Gauner-Kapitän!«, lachte sie gewohnt unbeschwert und blinzelte mir frech über die Schulter zu. »Mir ist mein Deoroller aus der Hand gerutscht und natürlich genau in die hinterste, unzugänglichste Ecke geflogen. Ich muss hier gerade echte Schlangenakrobatik veranstalten, um das Ding wieder herauszufummeln.«
»Hmm… lass dir ruhig alle Zeit der Welt. Ich danke unterdessen dem Schutzheiligen der Kosmetikartikel aus tiefstem Männerherzen dafür, dass er mir durch diesen kleinen Ausrutscher solch einen bezaubernden Anblick beschert!«, grinste ich breit und gab einer ihrer knackigen, samtweichen Pobacken einen zärtlichen Klaps. Das brachte den Frechdachs natürlich erst recht zum Prusten.
»Baaahahahaha…, was du für Sprüche auf Lager hast! Das sind gleichzeitig die verklausuliertesten Komplimente für uns Mädels, echt der Hammer!«, presste sie sich lachend tief zwischen Toilettenschüssel und die edle Holzeinfassung des Waschtischs, fummelte am Boden herum und jubelte schließlich: »Ha! Erwischt! Mir entkommt so schnell nichts, haha!«
»Ach schade, schon vorbei? Wirklich ein Jammer – ich hätte dir zu gerne noch eine Stunde oder tagelang bei diesen Verrenkungen zugeschaut, hohoho«, gluckste ich mit ihrer ansteckenden Lache mit.
Wie schon öfter erwähnt, ist Kasha ein herrlich ungenierter Wirbelwind. Es gibt kaum etwas, das sie lieber tut, als Männer mit ihren bezaubernden Reizen ein wenig aus dem Konzept zu bringen. Und mal ehrlich: Welcher Mann würde das ungenierte Vertrauen einer so attraktiven, verspielten Frau nicht genießen? Dazu müsste man schon ein extrem verknöcherter, weltfremder Querkopf sein, den man eigentlich nur bedauern kann. Ich jedenfalls werde solcher Anblicke nie überdrüssig und erfreue mich aus vollem Herzen an Frauen ihrer Art.
»Du glotzt ja immer noch wie der Ober-Feinschmecker vor einem Gourmet-Buffet, haha!«, schnellte sie lachend wie eine Feder aus der Hocke nach oben und stellte sich bewusst frontal vor mich hin.
»Sagen wir lieber: wie ein Ober-Genießer echter, ungestellter Weiblichkeit!«, konterte ich amüsiert und ehrlich erfreut.
Natürlich besitzen solche vertrauten Momente unvermeidlich eine spürbare, sinnliche Dynamik, der sich kaum jemand entziehen kann – es sei denn, man besteht aus kaltem Beton. Frauen wie Kasha oder Bella genießen dieses unverkrampfte Spiel mit den Reizen auf ihre eigene, weibliche Art genauso wie wir Männer. Wobei wir Kerle dafür verdammt dankbar sein sollten: Denn auch wenn Frauen auch nicht die besseren Menschen sein mögen – die schöneren sind sie allemal.
Und damit mache ich für heute Schluss – der Bericht ist ohnehin schon wieder arg lang geworden. Die nächsten Neuigkeiten gibt es voraussichtlich erst nach unserer Ankunft im Hafen von Brest!
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