#26.08.11 – Spanien, Barbate nach La Linea und Gibraltar
Wir waren von Barbate losgesegelt, mit Ziel La Línea de la
Concepción und Gibraltar. Wegen aktuell wichtiger Recherche- und anderer
Online-Arbeiten hatte und habe ich jedoch eher wenig Zeit zum Blogschreiben
übrig, weshalb dieser Beitrag etwas knapper ausfällt als sonst. Was für ein
Glück, oder je nachdem wie man es sieht, auch für eine Plage, dass man
heutzutage problemlos mit hohen Datenraten über Starlink, auch auf See
mühelos und ohne Unterbrechung kommunizieren kann.
»Gibraltar wird spannend, oder?« fragte Britt beim Plaudern
darüber an Deck. »Eine legendäre Festung mit riesigen Tunnelanlagen direkt am
Eingang zum Mittelmeer.«
Das Boot zog bei Schwachwind-Schönwettersegeln mit zu Beginn nur
5 Knoten, später bis zu 11 bis 15 Knoten westlichen Winden gemütlich, aber
dennoch erstaunlich flott seine Bahn durch sehr wenig Meeresdünung und Wellen.
»Oh ja, ich glaube, es sind rund 80 Kilometer Tunnelanlagen in
den Felsblock gehauen worden, vor allem während des Zweiten Weltkriegs und der
Großen Belagerung im 18. Jahrhundert. Jahrhundertelang eine strategisch extrem
wichtige Festung, essenziell für das britische Empire.« dozierte ich lächelnd.
»Und dann noch die beeindruckende St. Michael’s Cave, eine natürliche
Tropfsteinhöhle mit gewaltigen Formationen des größten Künstlers der Welt,
nämlich der Natur. Die Höhle hat so eine phänomenale Akustik, dass sie heute
sogar als Konzertsaal genutzt wird. Auch die gesamte Umgebung ist historisch
wie geografisch faszinierend.«
»Oh, wow, dann werden wir Tage brauchen, das alles zu erkunden.«
stellte Conchi richtigerweise fest. Spanier sind ja traditionell eher kritisch
eingestellt, was Gibraltar und die britische Besetzung und Präsenz auf der
Halbinsel angeht. und redeten wir während des gut siebenstündigen Törns
mehrfach darüber, woraus ich mich wegen meiner Online-Aufgaben allerdings die
meiste Zeit ausklinken musste.
»ACHTZIG Kilometer Tunnel? Das ist ja eine richtige
unterirdische Stadt! Kann man das alles besichtigen? Da braucht man ja Tage
oder Wochen?!« Staunte Britt.
»Nein, es ist natürlich nur ein relativ kleiner Teil zur
Besichtigung freigegeben und so manches Tunnelsystem dient wohl immer noch
geheimen, militärischen Aufgaben als Sperrgebiet.« grinste ich ebenfalls
gespannt. Ich war vor langer Zeit schon einmal dort, aber das ist ewig her und
damals hatte ich fast gar keine Zeit für Besichtigungen. »Ihr werdet jedenfalls
viel Spaß haben, denn… ach nein, mehr verrate ich nicht und ihr solltet vorher
auch nicht weiter recherchieren! Lasst euch einfach überraschen.«
»Gemeinheit!« maulte Britt spielerisch, war aber natürlich damit
einverstanden. Denn wie bei einem neuen Film möchte man den Inhalt ja
schließlich nicht vorher gespoilert bekommen.
Ansonsten war es einfach ein schöner, ruhiger Törn mit
wundervollem Sommerwetter. Besonders zu Conchis Freude bekamen wir kurz eine
Delphin-Eskorte, und diese faszinierenden Tiere spielten elegant und
ausgelassen in unserer Bugwelle. Leider dauerte das Ganze nur vielleicht zwei
Minuten, in welchen mir lediglich ein einziger, eher schlechter Schnappschuss
minderer Qualität gelang, so extrem flink waren sie unterwegs. Aber egal,
selbst sehr erfahrene, hartgesottene Langfahrtsegler lieben Delphineskorten und
werten sie als gutes Zeichen der Götter für eine glückliche Reise. Für Neulinge
wie Conchi ist es zudem ein geradezu magisches, sehr faszinierendes Erlebnis.
Je näher man dem Nadelöhr der Straße von Gibraltar kommt, desto
dichter wird der Schiffsverkehr. Manchmal riesige Fracht- und sonstige Schiffe,
Küstentransporter, Fischer und Yachten wollen gleichzeitig durch, hinein oder
heraus auf den Atlantik. Da musst du als Segler gut aufpassen und nicht selten
vorausschauend deinen Kurs ändern. Nicht direkt wegen der Seeverkehrs-Regeln;
die bevorteilen traditionell aus alten Zeiten segelnde Seefahrzeuge gegenüber
Maschinenfahrzeugen. Aber nur Idioten bestehen auf einer vergleichsweise
winzigen Segelyacht starr auf ihr Vorfahrtsrecht gegenüber beispielsweise einem
gigantischen Containerschiff.
Um es für Landratten etwas verständlicher zu formulieren: Stell
dir vor, du bestehst auf deinem Fahrrad auf deine Vorfahrt gegenüber einem
großen LKW. Dann hast du vielleicht recht, bist aber tot oder schwer verletzt!
Nein, die Grundregel für jeden auch nur einigermaßen vernünftigen Segler muss
stets lauten: lieber selbst ausweichen und auf Nummer sicher gehen!
Diese riesigen Transportschiffe, mit heutzutage aus
Kostengründen nur sehr wenig Personal an Bord, können dich glatt überfahren,
ohne es auch nur zu bemerken. Dank moderner Technik, besonders AIS – einem
automatischen Identifikationssystem, bei dem Schiffe ihre Positions-, Kurs- und
Geschwindigkeitsdaten per UKW-Funk aussenden und empfangen, sodass sie auf dem
Plotter sichtbar werden –, passierte das nach meinem Wissen schon lange nicht
mehr.
Aber es gab früher tatsächlich Fälle, in denen ein
Riesenfrachter in einen Hafen einlief und überrascht festgestellt wurde, dass
ein Segelmast am Rigg im Ankergeschirr am Bug hing, ohne dass an Bord des
Frachters irgendjemand etwas davon bemerkt hätte, dass sie ein Segelboot
irgendwo auf dem Meer überfahren hatten. (sic!)
Wer glaubt, solche Geschichten über unbemerkt überfahrene
Yachten seien nur schauriges Seemannsgarn für die Hafenbar, irrt gewaltig. Der
spektakulärste und traurigste Fall trug sich im Januar 1980 mitten auf dem
Atlantik zu. Die 13-Meter-Stahlyacht Sayonara eines deutschen
Eignerpaars wurde in einer ruhigen Tropennacht von dem gigantischen, 280 Meter
langen britischen Erztanker Nordic Crusier gerammt und förmlich
überrollt. Die Besatzung des Frachters bemerkte den tödlichen Zusammenstoß auf
ihrer hochgelegenen Brücke nicht einmal ansatzweise und dampfte mit
Reisegeschwindigkeit weiter.
Das entsetzliche Ausmaß der Katastrophe wurde erst Tage später
enthüllt, als der Frachter in seinem Zielhafen in Brasilien festmachte:
Hafenarbeiter entdeckten erschrocken, dass sich der gebrochene Mast, Teile des
Rigges und Trümmer der Sayonara tief in der Ankerklüse und am Buganker
des Kolosses verhakt hatten und über Tausende Seemeilen durch den Ozean gezogen
worden waren. Genau solche Tragödien waren es, die der Seefahrt drastisch vor
Augen führten, wie blind und unbarmherzig Großschiffe sein können – und warum
man als Segelboot-Skipper auf See niemals starr auf sein Recht pochen darf.
Kurz nach 18 Uhr liefen wir schließlich in die Bucht Bahía de
Algeciras (oft fälschlicherweise als Bucht von Gibraltar bezeichnet) ein und
gingen vor La Línea de la Concepción vor Anker. Ein sehr gut gelegener
Ankerplatz, der auch im Sommer so gut wie nie überfüllt ist. Tagsüber gibt es
viel Radau und Verkehr mit Wassersportaktivitäten, aber abends ist es meist
ruhig. Sehr gut geschützt vor den Winden, vor allem aus Südost, bietet er einen
außergewöhnlichen Halt im Sand in einer Tiefe von 5 Metern. Eine perfekte
Alternative zum Yachthafen, auch bei schlechtem Wetter. Von hier aus hat man
einen atemberaubenden Blick auf den berühmten Felsen von Gibraltar. Das Beiboot
kann man bei Landgängen für 6–8 € pro Tag in den Yachthäfen, beispielsweise dem
von Puerto Chico, sicher zurückgelassen werden.
Einlaufdrinks und delikate Speisen genossen wir im Restaurante
Puerto Chico, direkt am Yachthafen Club Marítimo Linense, wo wir mit dem Tender anlegten und
mit einem Marina-Mitarbeiter wegen eines Liegeplatzes sprachen. Sie haben 278
Liegeplätze von 2 bis max. 6 m Breite und Längen bis 12, maximal 15 m am „T“-Stegkopf,
alle mit Strom- und Wasseranschluss, aber sonst anscheinend keine sonst
üblichen Dienstleistungen. Über UKW-Kanal 9 oder Handy 691052756 anrufen. Eine
Rezension von »Juanma« beschreibt es treffend:
»18. Juni 2026. Wir verbrachten ein paar Tage in diesem kleinen,
aber gepflegten Yachtclub mit langer Tradition. Die Kommunikation per Telefon
oder WhatsApp verlief hervorragend, und man wies uns einen Liegeplatz an einem
der Schwimmstege zu. Der Hafenarbeiter, ein echter Profi, half uns beim
Anlegen. Hier ist alles unkompliziert und freundlich; gegen eine Kaution von 30
€ erhält man eine Karte, mit der man das gesicherte Tor zum Steg öffnen kann.
Sicherheitsbedenken gibt es keine: Es wird eine 24-Stunden-Überwachung
gewährleistet. Der Preis ist sehr angemessen: 14 € pro Nacht, inklusive Strom
und Wasser, ohne versteckte Gebühren für unser 8-Meter-Boot in der Hochsaison.
Wenn man an der Rezeption nach dem Schlüssel fragt, hat man
Zugang zu einigen kleinen Toiletten – etwas in die Jahre gekommen, aber sehr
sauber. Was die Lage in Bezug auf die Stadt La Línea angeht, ist sie
hervorragend: Supermärkte, Tapas-Bars und Restaurants sind alle innerhalb von
20 Minuten zu Fuß erreichbar. Ebenso lässt sich der unverzichtbare Ausflug nach
Gibraltar zu Fuß in etwa derselben Zeit bis zur Grenze zurücklegen, und sobald
man auf der anderen Seite ist, gibt es Busse, die einen für etwa 2,50 € ins
Herz des Felsens bringen. Kurz gesagt: Es ist ein klassischer Yachtclub, bei
dem wir immer einen Zwischenstopp einlegen, wenn wir in die Bucht von Algeciras
einlaufen.«
Wir luden den Mitarbeiter oder Manager des Yachtclubs zum
Abendessen ein, was der angesichts der geballten Schönheit unserer charmanten
Crew-Ladys sichtlich gern annahm. Tatsächlich hatte er trotz Hochsaison auch
gleich einen T-Anlegeplatz für uns, was wir sofort erfreut annahmen. Bei der
aktuellen Windlage gab es doch etwas Schwell am Ankerplatz, nicht schlimm, aber
mit einem Wasser- und Stromanschluss am Steg lagen wir ruhiger und konnten bei
gut 30° draußen auch bedenkenlos duschen oder die Klimaanlage laufen lassen.
Britt und Demo tuckerten gleich mit dem Beiboot zurück an Bord,
um den Anker aufzuholen und hierher zu verlegen. Vicky und ich gingen kurz
danach auf den Steg, um beim Anlegen zu helfen, während Conchita zudem in ihrer
Heimatsprache den ca. Enddreißiger weiter bezirzte und den Liegeplatzpreis auf
günstige 21 € Tag/Nacht runterverhandelte. lach
Nein, im Ernst: Das hätte wahrscheinlich auch so alles funktioniert,
denn die Mitarbeiter des Yachtclubs sind wirklich sehr freundlich, hilfsbereit
und bemüht. Vermutlich auch um auszugleichen, dass sie hier außer Wasser und
Strom keine der sonst üblichen Dienstleistungen anbieten können. Duschen,
Toiletten, Waschmaschinen, WLAN/Internet usw. benötigen wir ja sowieso nicht,
das haben wir alles autark an Bord. Doch eines steht außer Frage: Wirklich
außergewöhnlich attraktive, charmante und clevere Weiblichkeit dabei zu haben,
schadet ganz gewiss auch nicht! zwinker
Nun, wir verbrachten einen schönen Abend im bis 23 Uhr
geöffneten Restaurante Puerto Chico, das in etwa auf gutem 4,3 Sterne
Google-Niveau liegt und für ein Yachtclub-Restaurant auch eher günstig
einzustufen ist. Das Ambiente drinnen ist hübsch-elegant-gemütlich und von der
oberen Außenterrasse, wo wir schlemmten, hat man eine schöne Aussicht auf die
große Bucht, all die vielen Schiffe, Boote und Yachten vor Anker oder in
Marinas an Liegeplätzen. Auch dort ist das Personal freundlich-hilfsbereit, die
Speisen sind nicht auf Top-Niveau, aber sehr lecker und wir fühlten uns rundum
wohl. Alles in allem würde ich ihnen solide 4,2 Sterne zuerkennen.
Angeschlossen, oder vielleicht als separater Betrieb, gibt es
auch noch eine bis Mitternacht geöffnete Bar, wo wir noch zum Abschluss Drinks
nahmen und mit einigen wenigen Yachties oder den Angestellten plauderten. Diese
Ambigu Club Marítimo Linense-Bar liegt allerdings nur auf 3,6
Google-Sterne-Niveau und wirkt leicht heruntergekommen, doch das störte uns
nicht groß; die Drinks und Cocktails waren ausreichend gut, teils sogar besser
als erwartet.
Natürlich gibt es in La Línea, quasi direkt nebenan und leicht
zu Fuß erreichbar, deutlich bessere Lokalitäten. Jedoch waren wir inzwischen
auch richtig müde und hatten nicht wirklich Lust, noch auf Entdeckungstour im
Nachtleben zu gehen. Also gingen wir dann auch bald zurück an Bord, duschten
uns nochmal frisch und verschwanden dann gleich in den Kojen.
#26.08.08 – Barbate, Sex Sells, Hitzeüberlastung, Strandfreuden
und Nachtleben
Teil 1 – Sex Sells, ehrliche Worte und der Duft von Pinien
»Bevor wir losziehen, musst du noch ein paar verkaufsfördernde
Spezialfotos von mir und der Lederjacke schießen!«, verlangte Britt bereits
beim Frühstück im sonnigen Cockpit.
»Muss ich?«, fragte ich grinsend und rückte schmunzelnd etwas
weiter in den schützenden Schatten unseres Bimini-Tops, denn die andalusische
Sonne brannte schon am frühen Morgen mit erstaunlicher Kraft auf das Teakdeck
nieder.
»Jahaaa…, bitte, bitte! Ich bin danach auch ganz lieb und kraule
dir deinen kratzigen Dreitagebart«, zwinkerte die schwedische Schönheit mit
jenem unnachahmlich klassischen, leicht spitzbübischen Blick, den Frauen seit
Jahrtausenden perfektionieren, um uns Männer exakt dorthin zu manövrieren, wo
sie uns haben wollen.
»Oh! Nun, unter diesen Bedingungen kann ich unmöglich Nein
sagen. Ich liebe es schließlich maßlos, wenn man mir den Bart krault, hoho!«
»Das kann ich aus erster Hand bestätigen, haha!«, lachte Vicky,
während sie genüsslich an ihrem dampfenden Kaffee schlürfte und mir scherzhaft
in die Seite knuffte. »Aber ich persönlich würde es ja noch viel mehr lieben,
wenn ihm endlich mal jemand diese borstigen Stoppeln komplett abrasiert!«
»Wer es wagt, die ehrwürdige Manneszierde Seiner Herrlichkeit
des Kapitäns anzurühren, spielt hier an Bord vorsätzlich mit seinem Leben!«,
feuerte ich drohend, aber mit unverkennbarem Schalk in den Augen, eine
Breitseite in die Runde dieser unverschämt frechen Crew.
»Baahaha… ihr seid einfach zu köstlich!«, prustete Conchi
spontan los und verschluckte sich prompt ein wenig an ihrem dickflüssigen,
dunkelgrünen Frucht-Gemüse-Smoothie. Ich habe zwar nach wie vor keinen blassen
Schimmer, was vor allem die Damenwelt da jeden Morgen an hochkonzentrierten
Zutaten zusammenmixt, aber es schmeckt erstaunlich lecker und fühlt sich beim
Hinunterschlucken tatsächlich so an, als würde eine vitale Nährstoffbombe
wohltuend im Magen einschlagen.
So begann also auch dieser Tag exakt in jenem Tonfall, den wir
an so schätzen: im uneingeschränkten Gute-Laune-Modus, begleitet vom leisen
Plätschern des Hafenwassers, gelöstem Scherzen und herzhaftem Lachen, während
wir uns für den Tag stärkten, über anstehende Pläne plauschten und uns
gegenseitig aufzogen. Natürlich geht es bei uns keineswegs ausschließlich um
puren Klamauk, Spaß und Spiel. Doch auch potenziell ernsthaftere Themen lassen
sich nun einmal bedeutend entspannter bequatschen, wenn man sie mit einer Prise
trockenem Humor würzt – solange es sich nicht um todernste Angelegenheiten
handelt.
Heute Morgen ging es Britt beispielsweise durchaus ernstgemeint um
typische, gewohnt sexy Promotion-Fotos für ihre Social-Media-Kanäle als
Influencerin. Es ging um die Vermarktung einer schicken, aber maßlos
überteuerten Lederjacke, deren Hersteller ihr saftige Provisionen dafür zahlt,
dass sie als bildschönes Model im freizügigen »Sex Sells!«-Stil mit diesem
Kleidungsstück vor der Linse posiert.
Ich persönlich kann diesem modernen Influencer-Wahnsinn im Netz
zwar rein gar nichts abgewinnen, aber im Grunde ist dieses Treiben auch nichts
anderes als das, was die Werbebranche seit ihren Anfängen exzessiv betreibt.
Der überwiegende Großteil aller Aufträge für männliche, weibliche und sogar
tierische Models besteht am Ende genau darin: irgendein beliebiges Produkt auf
mehr oder weniger direkte, ungeschönte oder eben raffiniert verschleierte Art
zu promoten, damit die verführbare Masse da draußen den Kram schlussendlich
kauft.
Natürlich würde das in der schillernden Welt der Werbung,
Agenturen und Influencer niemals jemand öffentlich vor einer Kamera
aussprechen. Aber hinter verschlossenen Türen oder zu fortgeschrittener Stunde
auf den entsprechenden Partys mokieren sich nicht wenige Akteure ganz
unverhohlen darüber, wie erstaunlich naiv, leichtgläubig und manipulierbar
(direkter: Saudämlich) ein Großteil der Kundschaft ist.
Sehr viele der von Influencern wortreich angepriesenen
Lifestyle-Produkte entstammen dem billigen Drop-Shipping-Prinzip. Da werden
extrem preiswerte No-Name-Artikel aus Asien im Zentnerpack eingekauft, mit
einem schicken eigenen Logo bedruckt und anschließend durch das hochgradig
emotionale Marketing – bevorzugt über den zeitlosen Klassiker »Sex Sells« – des
Models oder der Influencer:in um das Fünf- bis Zehnfache des tatsächlichen
Warenwerts weiterverkauf.
In diesem konkreten Fall wird die Jacke für stramme 999,- Euro
feilgeboten – garniert mit dem vermeintlich unwiderstehlichen
Lockvogel-Argument, dass Käufer über Britts speziellen Affiliate-Link stolze 10
% Rabatt kassieren und somit »nur noch« 900,- Euronen hinblättern müssen. In
Wahrheit bekommt man eine handwerklich vergleichbare, hochwertige
Echtlederjacke im gut sortierten Fachhandel problemlos für etwa 300,- Euro, in
Schlussverkäufen, Outlets oder bei Rabattaktionen sogar schon für rund 200,-
Euro nachgeworfen.
Und warum funktioniert diese dreiste Masche trotzdem so
hervorragend? Warum gibt es immer noch mehr als genug Leute, die 900,- Euro für
so etwas auf den Tisch legen? Das ist reine, eiskalte Verkaufspsychologie, auf
die Spitze getrieben durch den »Sex Sells«-Effekt. Britt präsentiert diese
Jacke nämlich für jeden Betrachter unmissverständlich erkennbar völlig nackt
unter dem feinen Leder – ohne dabei allerdings Busen oder intimere Zonen direkt
preiszugeben.
Es ist das klassische, hocheffektive Spiel mit dem Kopfkino, das
sowohl bei Männern als auch bei Frauen verlässlich verfängt. Die Kerle geben
sich der irrationalen Illusion hin, mit dem Kauf irgendwie auch einer so
umwerfenden Frau näherzukommen oder eine vergleichbare Partnerin anziehen zu
können. Die Frauen wiederum erhoffen sich, durch das Tragen genau dieser Jacke
dieselbe sexy, unwiderstehliche Ausstrahlung zu versprühen. Mit exakt diesem
altbewährten psychologischen Kniff arbeitet die gesamte Fashion- und
Modelbranche – selbst wenn sich die Damen dort oft etwas bedeckter zeigen – und
generiert damit Jahr für Jahr Milliardengewinne.
»Komm, lass uns kurz da drüben vor diesem schneeweißen Gebäude shooten!
Das können wir hervorragend als neutralen Hintergrund für die Nahaufnahmen
nutzen«, schlug Britt mit dem geschulten Blick des erfahrenen Models vor. Sie
weiß nun einmal aus jahrelanger Praxis – ob nun im klassischen
Fashion-Business, vor der Kamera professioneller Fotografen oder als clevere
Influencerin –, wie eine Frau ihre reizvollen Vorzüge perfekt in Szene setzt
und maximale Wirkung erzielt.
»Ja, passt, gute Idee!«, stimmte ich zu. Die anderen drei
verweilten derweil noch an Bord und packten unsere bewährten Kühlrucksäcke voll
mit eisgekühlten Getränken, frischem Obst und energiereichen Snacks für die
anstehende Klippenwanderung.
Ehrlich gesagt kamen mir bereits leise Zweifel auf, ob es
wirklich klug war, ausgerechnet heute eine stramme Wanderung anzugehen. Es
zeichnete sich schon jetzt ab, dass dies ein drückend heißer Sommer-Tag werden
würde. Die Sonne brannte bereits am Vormittag gnadenlos von einem nahezu
makellos blauen, andalusischen Himmel herab, und mir standen schon die ersten
Schweißperlen auf der Stirn.
Frei nach der goldenen Branchen-Regel »Schieße lieber fünfzig
Fotos, um am Ende drei bis fünf wirklich überzeugende Bilder herauszufiltern«
machten wir eine ganze Serie von Aufnahmen, was dank moderner Digitaltechnik
heutzutage ja viel leichter geworden ist als früher mit echten Filmen. Der
Speicherkarte ist es völlig schnuppe, ob du hundert oder zweitausend Fotos
schießt. Britt wählt daraus später mit treffsicherem Gespür für die
ausdrucksstärksten Posen ihre Favoriten für die Social-Media-Kanäle aus.
Verdammt, diese Frau ist einfach ein phänomenal fotogenes,
Bilderbuch-Beispiel für die sprichwörtlich nordisch-schwedische, blonde
Schönheit! Und sie versteht es meisterhaft, mit ihren Reizen zu spielen. Da
kannst du nicht nur als leidenschaftlicher Profi-Fotograf mit der Kamera,
sondern vor allem auch als Mann mit einem ausgeprägten Blick für echte Klasse,
schlichtweg nur bewundernd und dankbar sein, mit so einem Topmodel zu shooten
und diese atemberaubende Weiblichkeit hautnah in Natura bewundern zu dürfen.
Ganz abgesehen davon, dass Britt auch menschlich ein „Hauptgewinn“ ist: durch
und durch verlässlich, herzlich, charmant und einfach ein verdammt guter Kumpel
an Bord oder an Land.
Nun gut. Damit habe ich wohl wieder einmal mehr als genug
»kluggeschissen«! Wenden wir uns lieber den erfreulicheren Dingen zu, die wir
für den heutigen Tag auf dem Zettel hatten: einen ausführlichen Landgang samt
ausgedehnter Wanderung im faszinierenden Naturschutzgebiet Sendero de La Breña
– Barbate Parque Natural La Breña y Marismas del BarbateParque Natural La Breña y Marismas del Barbate!
Wer an der wildromantischen Atlantikküste Andalusiens unterwegs
ist und unverfälschte Natur abseits der üblichen, reinen Strandtage sucht,
kommt an diesem einmaligen Naturpark kaum vorbei. Zwischen dem geschäftigen
Fischerort Barbate und dem hippen Surfer-Hotspot Caños de Meca erstreckt sich
eines der flächenmäßig kleinsten, aber landschaftlich abwechslungsreichsten
Schutzgebiete ganz Andalusiens. Mittendrin verlaufen die populärsten
Küstenwanderwege der Region, die meist schlicht unter dem Begriff »Sendero de
La Breña« zusammengefasst werden.
Der unbestrittene Königsklassiker unter diesen Pfaden ist der
spektakuläre Sendero del Acantilado (der Klippenweg). Er windet sich
über mehrere Kilometer an der imposanten Steilküste entlang, die hier als Tajo
de Barbate bekannt ist. Die zerklüfteten Felswände stürzen an dieser Stelle
über 100 Meter fast senkrecht in die tosende Gischt des Atlantiks hinab. Der
schmale Pfad schlängelt sich durch dicht gewachsene, schattige Pinienwälder –
in denen vor allem die Schirm-Pinie (Pinus pinea) und duftender
Wacholder gedeihen –, führt vorbei an durchharztem mediterranem Buschwerk und
belohnt einen immer wieder mit atemberaubenden Panoramaausblicken über den
schimmernden Ozean. An herrlich klaren Tagen kann man am Horizont sogar die
silhouettenhaften Konturen der afrikanischen Küste ausmachen.
Der natürliche Mittelpunkt und unangefochtene Haupt-Fotostopp
dieser Route ist die imposante Torre del Tajo, ein historischer, weithin
sichtbarer Wachturm aus dem 16. Jahrhundert, der erhaben hoch über den
schroffen Klippen thront. Von seiner Basis aus genießt man den mit Abstand
überwältigendsten Rundumblick über die gesamte Küstenlinie. Viele Wanderer
starten ihre Tour wahlweise direkt am Ortsrand von Barbate (nahe der Playa
de la Yerbabuena) oder im stimmungsvollen Caños de Meca und bewältigen die
Strecke entweder als Streckenwanderung in eine Richtung oder als ausgedehnte
Hin- und Rücktour.
Für all jene, die es etwas ruhiger angehen lassen wollen, bieten
sich zudem kürzere Etappenvarianten an – wie etwa der Sendero Torre del Tajo
(je nach gewähltem Startpunkt rund 2 bis 5 Kilometer lang). Diese Route eignet
sich perfekt, wenn man vorrangig die schönsten Aussichtspunkte und den würzig
duftenden Pinienwald genießen möchte, ohne gleich die volle Distanz marschieren
zu müssen.
Unterwegs marschiert man keineswegs nur durch die
charakteristische Küstenvegetation, sondern trifft mit ein wenig Aufmerksamkeit
und geschultem Blick auch auf die hiesige Fauna: Mit etwas Glück bekommt man
eines der gut getarnten Europäischen Chamäleons zu Gesicht oder beobachtet
seltene Küstenvögel bei ihren kühnen Windmanövern. Der faszinierende Kontrast
aus dem satten Grün der Baumkronen, den warmen Goldtönen der steil abfallenden
Sandsteinklippen und dem tiefen, satten Blau des Atlantiks ist es, was die
Besucher an diesem Fleckchen Erde ausnahmslos in seinen Bann zieht.
Ein kleiner, wertvoller Insidertipp am Rande: Wer möchte, lässt
sich nach der Wanderung zu einem erfrischenden Bad an der naturbelassenen Playa
de la Yerbabuena verlocken oder stattet dem historischen Palomar de la
Breña einen Besuch ab – einer faszinierenden, riesigen Anlage, die einst zu
den größten Taubenhäusern der Welt zählte.
Und zum krönenden Abschluss genießt man in einem der urigen
Lokale von Barbate oder Caños de Meca fangfrischen Fisch nach klassischer,
andalusischer Zubereitungsart. Kurz um: Ein wunderbarer, denkbar
unkomplizierter Küstenpfad, der genau das richtige Maß an unberührter Natur,
grandioser Weitsicht und echtem Atlantik-Feeling bereithält.
Teil 2 – Wanderabbruch und erfrischende Strandfreuden
»Oh menno, ich glaube, es war nicht so wirklich clever,
ausgerechnet heute diesen Ausflug zu unternehmen…«, stöhnte Britt vollends
durchnässt vom Schweiß – und uns anderen ging es nicht ein Deut besser.
Tatsächlich hatten wir ausgerechnet den wohl bisher heißesten
Tag erwischt, den die sonst vom Atlantik spürbar moderater gekühlte Küste
Andalusiens in diesem Sommer zu bieten hatte. Schon vor 10:00 Uhr morgens
überschritten die Quecksilbersäulen mühelos die 30-Grad-Marke, kletterte
unaufhaltsam weiter nach oben und sollten im weiteren Tagesverlauf sogar fast
an die drückenden 40 Grad heranreichen.
Uff! Wir hätten definitv besser auf die detaillierten Wetter-
und Hitzevorhersagen achten sollen. Für unsere Segeltörns prüfen wir die
meteorologischen Daten selbstverständlich stets penibel und bis ins Detail; für
diesen vermeintlich einfachen Spaziergang an Land hatten wir das Thema jedoch
sträflich vernachlässigt und waren einfach so drauflos gestiefelt.
»Oh ja, kommt Leute, lasst uns schleunigst einen Abstecher
runter zum Strand machen und uns erst einmal gründlich erfrischen! Vielleicht
verschieben wir eine ausführliche Erkundung dieses hübschen Wandergebietes
lieber auf einen deutlich kühleren Tag«, schlug ich vor – während mir der
Schweiß vermutlich von allen Fünfen am reichlichsten von der Stirn tropfte.
Topfit, gut trainiert und kerngesund sind wir zwar an Bord
ausnahmslos alle – dafür tun wir auch regelmäßig einiges, selbst wenn ich in
meinem Blog eher selten großen Wind darum mache. Aber jüngere Menschen stecken
eine solch brütende Sommerhitze nun einmal naturgemäß bedeutend leichter weg
als ein spürbar älteres Semester wie meine Wenigkeit.
Am wenigsten machte diese glühende Hitze natürlich Conchita aus,
die in Cádiz lebt und die andalusische Bullenhitze von klein auf gewohnt ist.
Dennoch waren sofort alle geschlossen für eine vorläufige Unterbrechung oder
gar einen kompletten Abbruch dieser schweißtreibenden Tour – inklusive einer
unverzüglichen, erlösenden Erfrischung in den rund 24 Grad kühlen Fluten des
Atlantiks.
Um möglichst ungestört und völlig natürlich nackt im Salzwasser
plantschen zu können – und um womöglich anwesende andere Badegäste nicht in
ihrem vielleicht etwas verklemmten Moralempfinden zu provozieren –, suchten wir
über Google Maps auf unseren Smartphones nach einem abgelegenen Plätzchen.
In der Urlauber-Hauptsaison sind die leicht zugänglichen
Hauptstrände zwar typischerweise überfüllt, und auch so manch entlegene Bucht
wird gerne von Insidern angesteuert. Dennoch versammeln sich die allermeisten
Menschen nach wie vor wie verlässliche Herdentiere exakt dort, wo sich auch
alle anderen tummeln. Und bei der heutigen Gluthitze dürften ohnehin nur die
wenigsten Touristen die Strapaze auf sich genommen haben, entlang der steilen
Klippen zu marschieren, um ein einsames Fleckchen Erde zu erobern.
Genauso war es dann auch: Wir entdeckten einen gar nicht mal so
kleinen, wirklich malerischen Sandstrand direkt unterhalb der aufragenden
Steilküste, an dem sich keine einzige Menschenseele aufhielt oder in Sichtweite
war. Sogar ein wohltuendes Stückchen Schatten bot sich uns hinter einigen
wuchtigen, bewachsenen Felsformationen – ein unschätzbarer Vorteil an dieser nach
Süden ausgerichteten Küstenlinie, auf die die andalusische Sonne bis zum späten
Abend ungebremst mit voller Wucht niederknallt.
Blitzschnell schlüpften wir aus sämtlichen Klamotten und
sprinteten in jauchzender Vorfreude direkt in die sanfte Brandung. Wir tauchten
komplett unter – und diese schlagartige Erfrischung war schlichtweg himmlisch!
»Ich lebe wieder… hurra, hurra, hurra!«, lachte Vicky
hocherfreut übers ganze Gesicht, und wir anderen stimmten tief erleichtert in
ihr Lachen ein.
Als wir uns kurz darauf im Schatten niederließen, gut gekühlte
Getränke und saftig-süße Wassermelone aus den hochwertigen Kühlrucksäcken
genossen, besprachen wir in gewohnt lockerer Runde das weitere Vorgehen. Wobei
es im Grunde überhaupt nichts mehr zu diskutieren gab: Heute war es definitiv
viel zu heiß – selbst oben im lichten Schatten der Pinienbäume, wo kaum ein
einziges Lüftchen für Kühlung sorgte –, um eine ohnehin anstrengende Wandertour
durchzuziehen. Stattdessen schalteten wir kurzerhand um auf einen herrlich
faulen Strandtag an diesem verträumten, abgelegenen Beach unter den schroffen
Klippen, garniert mit ausgiebigem Badespaß im erfrischenden Meeresnass.
Demo erklärte sich spontan bereit, gleich den Weg zurück zur im
Hafen festgemachten Vikarelia anzutreten, bevor die Hitze ihren
absoluten Höchststand erreichte. Der Plan: Er holt unser Beiboot, setzt zu uns
an den Strand über und bringt klassische Strandutensilien, noch mehr
eisgekühlte Drinks und leckere Snacks für ein entspanntes Mittagessen mit. Im
Bordkühlschrank warteten schließlich noch feine, kleine Frikadellen, ein
würziger Kartoffelsalat und sagenhaft schmackhafte Tomaten, die sich
hervorragend als kühle Beilage für ein sommerliches Picknick am Strand
eigneten.
»Mmmhhh… diese wahnsinnig aromatischen Tomaten hier im Süden! So
etwas Geniales bekommst du im Norden selbst in den teuersten
Feinkost-Delikatessenläden nicht für Geld und gute Worte!«, schwärmte Vicky
genüsslich.
»Oh ja…, absolut genial!«, nickten Britt, Demo und ich aus
voller Überzeugung im Gleichtakt. Die drei sind schließlich waschechte
Nordlichter – ich als Mitteleuropäer, wo man solch sonnengereifte
Geschmacksexplosionen im Supermarkt gewöhnlich vergebens sucht –, und nur für
Conchi gehörte diese Qualität zum ganz normalen Alltag.
Diese vollfleischigen, prallen Gemüsefrüchte, von heimischen
Bio-Bauern aus der Region, schmecken hier einfach unvergleichlich intensiv. Ein
Spritzer gutes Olivenöl, eine Prise Meersalz und etwas Kräuter – mehr braucht
es im Grunde gar nicht zum puren Glück. Auch die kleinen Frikadellen aus einer
saftigen Schweine- und Rindfleischmischung, die die Frauen gestern fertig im
lokalen Geschäft besorgt hatten, schmeckten verblüffend lecker. Dazu der kalte
Kartoffelsalat mit Erbsen, Mais und feiner Würze – alles wunderbar frisch zu
genießen, untermalt von eisgekühlten Getränken und knackiger Wassermelone aus unseren
Isolierbehältern. Was um alles in der Welt will oder braucht man mehr für einen
glühend heißen Strandtag als diesen perfekten Mittagsimbiss?!
Tatsächlich kletterte die Lufttemperatur im Laufe des
Nachmittags weit über die 35-Grad-Marke hinaus. Es fühlte sich stellenweise so
an, als stünde man direkt vor der geöffneten Klappe eines voll hochgeheizten
Backofens. Also faulenzten wir weitgehend bewegungslos im schützenden
Felsenschatten und flüchteten in regelmäßigen Abständen ins kühle Meer. Dort
trieben wir träge in der sanften Dünung, warfen uns eher unwillig einen
Wasserball zu oder schwammen einfach entspannt ein paar Züge im erfrischenden
Nass.
Das war ohne jeden Zweifel der mit Abstand heißeste Tag an der
iberischen Atlantikküste, den wir in diesem Jahr bisher erlebt hatten. Kam man
tropfnass aus dem Wasser und erfreute sich noch an der wohltuenden
Verdunstungskälte auf der Haut, war man nach den wenigen Schritten zurück zu
den Liegematten im Schatten schon wieder fast knochentrocken gebacken. Nein,
unter diesen Bedingungen wäre eine stramme Wanderung durch den Naturpark
schierer Wahnsinn gewesen.
Doch hier an diesem versteckten Strändchen, unbeschwert, völlig
natürlich nackt und mit der ständigen Option, sich im glasklaren Atlantik
abzukühlen, ließ es sich erstaunlich gut aushalten. Selbst ein winziger
Tuchzipfel oder nur eine Hand auf dem nackten Körper ließ einen sofort wieder
spürbar intensiver schwitzen – was sich wiederum nur durch den nächsten
entschlossenen Sprung ins Salzwasser kompensieren ließ.
Im kühlen Meer ein wenig sportlicher zu schwimmen, um etwas für
die Fitness und den Kalorienverbrauch zu tun, war ebenfalls noch gut machbar.
Viel mehr aber auch nicht. Selbst das bloße Lesen im Schatten schien einen
schon körperlich anzustrengen und den Schweiß aus den Poren zu treiben, weshalb
wir natürlich viel Flüssigkeit durch isotonisches Mineralwasser, Säfte und
kühlen Tee nachschütteten.
Hier unmittelbar an der Wasserlinie knackten die Temperaturen
die 40-Grad-Marke zwar nicht, aber viel fehlte nicht mehr – und weiter im
Binnenland dürfte es draußen schlicht unerträglich gewesen sein. Dank des
kühlenden Meereswasser-Effekts an der Küste sollten die Werte am Abend und in
der Nacht glücklicherweise wieder zügig und deutlich unter die 30-Grad-Marke
fallen. Das erlaubt es einem zumindest, später noch angenehm auszugehen und zu
schlafen, ohne auf die künstliche Kälte von stromfressenden Klimaanlagen
angewiesen zu sein, oder in schweißnassen Klamotten unterwegs sein zu müssen.
Wie das im Zuge des voranschreitenden Klimawandels und der
globalen Erderhitzung in den kommenden Jahrzehnten noch weitergehen soll und
wie die Menschen damit auf Dauer umgehen wollen, mag ich mir ehrlich gesagt gar
nicht mehr ausmalen. Wahrscheinlich werden uns unsere Enkelkinder eines Tages
bitterlich dafür verfluchen, was wir in der blinden Gier des maßlosen
Kapitalismus unserer sensiblen Biosphäre angetan haben – obwohl es eigentlich
alle längst besser wussten und seit vielen Jahrzehnten wissenschaftlich
unumstößlich feststeht, dass der menschliche Raubbau diese fatale Entwicklung
massiv beschleunigt. seufz
Teil 3 Hitze überlebt, nächtliche Genüsse und Vergnügungen
»Auf, auf Mädels! Trödelt nicht so rum und hört endlich auf
damit, euch noch schöner zu machen, als ihr ohnehin schon seid!«, trieb ich die
Girls grinsend zur Eile an, nachdem wir uns an Bord der Vikarelia für
den Abend frisch gemacht hatten. »Köstliche kulinarische Genüsse warten auf uns
und euer unersetzlicher Skipper – die mit Abstand wichtigste Person an Bord –
fällt gleich vor lauter Hunger in Ohnmacht!«
»Jetzt hört euch bloß diesen unverbesserlichen Angeber an,
haha!«, lachte Britt Oben-ohne und warf mit treffsicherer Hand ein kleines
Deko-Kissen in meine Richtung, dass ich im Flug lässig aus der Luft pflückte.
»Aber sein Magen knurrt tatsächlich schon verdammt laut, der
Arme!«, schmunzelte Conchi, die sich nach der Erfrischungsdusche noch völlig
unbedeckt und tiefenentspannt auf den Polstern räkelte, während Vicky
ungewöhnlicherweise bereits komplett ausgehfertig und stylisch gekleidet im
Salon stand.
Nun gut. Demo, Vicky und ich rauchten draußen im Cockpit noch in
aller Ruhe eine Zigarette, und schließlich waren auch die letzten beiden Girls
fertig für den Landgang. Das Schiff war zügig verriegelt, und so spazierten wir
munter plaudernd in die warme Abendluft hinaus, um das Bar Restaurante Paco El
Barq an der Avenida de la Constitución anzusteuern – gelegen etwa zwei
Straßenblöcke hinter der belebten Uferpromenade und dem Strand. Dieses Lokal
hatte Vicky im Vorfeld recherchiert, und es erwies sich als Punktlandung.
Ausgesprochen aufmerksames, geradezu herzlich-familiäres Personal kümmert sich
dort flott um die Gäste und serviert exquisite Spezialitäten der Region.
Ganz gleich, ob man sich durch die Vielfalt der Tapas schwelgt
oder ausgiebig wie in einem klassischen Restaurant speist: Wer die ehrliche,
andalusische Küche schätzt, wird hier garantiert voll auf seine Kosten kommen.
Preislich ist der Laden für die gebotene Qualität sogar erstaunlich günstig.
Geöffnet hat das Restaurant täglich von 08:00 bis 23:30 Uhr – und wir waren am
Ende rundum begeistert.
»Oh Gott, wie schafft ihr es bei diesem genießerischen
Lebensstil eigentlich, nicht kugelrund und fett zu werden? Das ist alles so
unfassbar köstlich, mmmhhh…«, stöhnte unser Neuling Conchi und futterte – genau
wie der Rest der Mannschaft – mit hervorragendem Appetit.
»Du weißt doch wohl, was Mann und Frau am liebsten, besten und
häufigsten zum hocheffektiven Kalorienabbau tun können, oder, haha?!«, lachte
Vicky spitzbübisch – und natürlich verstand die clevere Künstlerin
augenblicklich, worauf die Anspielung abzielte. Die Hübschen prusteten
kollektiv erheitert los, Demo schmunzelte in seinen Bart, und ich grinste mit
tiefer männlicher Gelassenheit in die Runde.
»¡Sí, señores y señoritas!, ich verstehe nur zu gut, haha!«,
lächelte Conchi mit reizvollem, fraulichem Charme. »Aber sagt mal: Wenn ich
eure Erzählungen in den letzten Tagen richtig verstanden habe, lebt ihr hier an
Bord doch polyamor als Vierergruppe zusammen, oder?«
»Yeah, Darling, ganz genau. Warum fragst du?«, hakte Britt
neugierig nach. Ich ahnte jedoch sofort, worauf Conchitas Frage hinauslief, und
ergänzte ruhig:
»Theoretisch, liebe Conchi, ja.«
»Theoretisch? Wie meinst du das, Steve?«, schaute mir die
attraktive Spanierin direkt und tief in die Augen. Ich erwähnte es ja schon an
anderer Stelle: In ihrer Art als temperamentvolle, rassige Frau besitzt sie
eine natürliche, verlockend frauliche Ausstrahlung, die kaum einen Mann
kaltlässt.
»Schau, es verhält sich so: Ja, rein theoretisch leben wir als
polyamores Gefüge zusammen. Das bedeutet: keine Eifersucht, keinerlei
Besitzansprüche, jeder und jede ist absolut frei zu tun und intim zu werden,
mit wem und wie er oder sie möchte – ohne dass sich die anderen daran stören
würden. Kein dramatischer Beziehungsstress, keine dämlichen
Partner-Streitereien und so weiter. Aber…«, unterbrach ich meine Ausführungen
kurz, um einen genüsslichen Schluck des schweren spanischen Rotweins zu
trinken. Vicky knüpfte nahtlos an und übernahm das Wort:
»…aber in der realen Praxis läuft es bis jetzt schlicht so ab,
dass Britt mit Demo rundum glücklich ist – und umgekehrt. Und ich mit Steve –
und umgekehrt. Bislang verspürte keiner von uns das tiefere Bedürfnis oder die
neugierige Abenteuerlust nach irgendwelchen Bäumchen-wechsel-dich-Spielchen
untereinander oder mit Außenstehenden. Verstehst du?«
»Ach so, ja klar!«, meinte Conchi nachdenklich und griff nach
einer der delikaten Scampis auf dem Tisch. »Aber widerspricht das nicht
irgendwie dem eigentlichen Poly-Prinzip dahinter?«
»Welchem Prinzip? Es gibt kein starres Poly-Prinzip – zumindest
nicht in echt gelebten, Poly-Gruppen. Es gibt lediglich ein paar fundamentale
Grundregeln, gegen die niemand verstoßen darf, weil das Ganze sonst krachend
scheitert«, stellte ich mein Weinglas ab und fuhr fort. »Das einzig
entscheidende Prinzip besteht doch genau darin, dass alles, was auch immer an
Beziehungsdynamiken geschieht, absolut freiwillig und ohne jeden emotionalen
Druck abläuft – schlicht weil es alle Beteiligten aus freiem Herzen genau so
wollen. Wenn wir also aktuell keine Bedürfnisse nach Intimitäten mit anderen
oder untereinander hegen, dann ist das vollkommen in Ordnung und Punkt. Sollte
Britt allerdings irgendwann dem unvergleichlichen Charme Seiner Herrlichkeit
des Kapitäns erliegen und mir nicht nur den Bart kraulen wollen, hoho – und ich
umgekehrt ihrer strahlenden Schönheit erliege –, dann ist das genauso okay.«
»Duhuuu…, hahaha…«, drohte Britt herzlich lachend mit dem
Zeigefinger und schnippte einen kleinen Brotkrümel über den Tisch nach mir.
»…nein, im Ernst, Conchi: Genau so läuft es. Wenn Vicky mit Demo schlafen
möchte – oder umgekehrt –, können sie das jederzeit tun, und niemand von uns
würde sich daran stören. Nur hat derzeit eben keiner von uns das Bedürfnis nach
Sex mit anderen. Wir sind rundum zufrieden mit dem, wie es aktuell ist.«
»In echten polyamoren Zirkeln geht es schließlich keineswegs
darum, mit so vielen Partnern wie irgend möglich frei herumzuficken – was sich
ja meist die Männer träumerisch ausmalen«, hakte Vicky wieder ein. Sie wählte
ihre Worte dabei bewusst drastisch und direkt, obwohl wir Ausdrücke wie
»ficken« normalerweise meiden und lieber von den schönen Freuden der
körperlichen Liebe sprechen. »Es geht schlicht darum, dass alle Beteiligten die
Freiheit besitzen zu tun, was sie möchten – völlig befreit von diesem ganzen
dämlichen Beziehungsstress, Eifersuchtswahn und einengendem Besitzdenken.«
»Find ich großartig, gefällt mir!«, nickte Conchi sichtlich
fasziniert. »Ich habe selbst zwar keinerlei Erfahrung damit, aber im Grunde
wünsche ich mir für mein Leben genau das. Ich hasse unnötigen Beziehungsstress wegen
irgendwelchen belanglosen Nebensächlichkeiten. Und noch viel mehr hasse ich es,
wenn selbstgerechte Machos glauben, man würde automatisch in ihren Besitz
übergehen, nur weil man einmal im Bett gelandet ist.«
»Dann solltest du das auf jeden Fall mal ausprobieren, sobald du
auf die passenden Menschen dafür triffst. Aber passe bloß auf, dass es sich
nicht um die klassische Nummer handelt, wo sich ein oder zwei Typen eine Schar
von Frauen als ständig verfügbaren, austauschbaren Harem halten und das Ganze
dann fälschlicherweise als polyamores Beziehungsmodell verkaufen wollen! Bei
erschreckend vielen läuft das exakt so ab, aber in Wahrheit hat das absolut
rein gar nichts mit echten polyamoren Werten zu tun. Wer einfach nur möglichst
unverbindlich viel Sex mit ständig wechselnden Gesichtern sucht, ist in
einschlägigen Swinger-Clubs bedeutend ehrlicher aufgehoben«, ergänzte ich in
absichtlich hörbar ernsthafterem Tonfall, damit unmissverständlich klar wurde,
dass uns dieser feine Unterschied eine echte Herzensangelegenheit ist.
»Wirklich interessant…«, sinnierte Conchi und tauchte kurz in
ihre eigenen Gedanken ab. Wenig später beglichen wir die Gesamtrechnung für die
kulinarischen Köstlichkeiten unkompliziert aus der Bordkasse, was die
Künstlerin sogleich zu einer besorgten Frage veranlasste: »Wie beteilige ich
mich denn am besten an den Kosten? Ich kann euch doch nicht dauernd auf eure Kappe auf der Tasche
liegen!«
»Ach, mach dir bloß keinen Kopf, Liebes! Du steckst aktuell eben
in der klassischen Situation ›Künstler – arm wie eine Kirchenmaus‹. Genieße die
Zeit einfach als geschätzter Gast im Urlaub bei Freunden und verschwende an das
Geld keinen Gedanken!«, winkte Vicky großzügig ab.
Für den weiteren Verlauf der Nacht schlenderten wir zur
lebhaften Live-Musik- Bar
Atarrayaam Paseo
Marítimo, direkt oberhalb des Strandes. Hier herrschte bereits prächtige
Stimmung. Südländische Lebensfreude pur – täglich (außer montags) von 15:00 bis
04:00 Uhr morgens geöffnet. Die Preise sind absolut fair, das Getränkeangebot
gut sortiert, und man kann hier hervorragend feiern. Eine architektonische
Perle ist der rustikal eingerichtete Laden sicher nicht, eher eine ehrliche,
unkomplizierte Strandbar für Einheimische und Urlauber in ausgelassener
Sommerlaune – solides, grundehrliches ungefähr 4,1-Google-Sterne-Niveau ohne
hochgestochene Allüren.
Bei inzwischen herrlich angenehmen 27 Grad und einer leichten,
erfrischenden Meeresbrise aus West vergnügten wir uns dort, sowie in den
umliegenden Biergärten und Lokalen an der Uferpromenade bis weit nach 02:00 Uhr
nachts. Es waren schlichtweg zu viele Stopps, als dass ich sie hier alle im
Detail aufzählen könnte. Überall erlebten wir eine ausgelassene, herrlich
entspannte Atmosphäre mit feiernden Menschen, ohne dass nervige, völlig
abgefüllte Gestalten das Bild gestört hätten.
Dass unsere drei bildhübschen Begleiterinnen dabei unvermeidlich
einiges an männlicher Aufmerksamkeit auf sich zogen – allen voran natürlich
Britt mit ihrer auffälligen, strahlenden, nordisch-blonden Erscheinung unter überwiegend
südländisch dunklen Feiernden–, versteht sich von selbst. Doch niemand wurde
unangenehm aufdringlich, und die Frauen konnten den Abend in vollen Zügen
genießen, ohne sich dauerhaft im direkten Schutz von Demo und mir aufhalten zu
müssen.
Alles in allem war es wieder einmal ein rundum gelungener Abend.
Ich persönlich schätze es durchaus, das ungestellte Alltagleben der
Einheimischen und Urlauber in solchen charmanten Provinzstädtchen hautnah
mitzuerleben. Es bildet eine herrlich unaufgeregte, erdende Abwechslung zum oft
anstrengenden Trubel in den überlaufenen Großstädten und mondänen Jetset-Hotspots.
Zurück an Bord der Vikarelia duschten wir uns wohlig müde
nur noch schnell den Schweiß der Nacht von der Haut und verschwanden umgehend
in den Kojen… schnarch