Cadiz, Spanien, Ankunft und erste Erkundungen mit viel Spaß

 

#26.07.19 – Cadiz, Spanien, Ankunft und erste Erkundungen mit viel Spaß

»Moin Herr Kaleu, Kurs 101° mit vollen Genua und Großsegeln, 12-15 kn Wind aus Nordwest zu Nord, etwa 1 m Wellengang; das Boot macht 6,6 bis fast 8,5 kn Fahrt über Grund; voraussichtliche ETA jetzt 11:50 Uhr. Alles stabil, null Problemo, haha«, meldete Britt sichtlich bester Laune in einem hübschen, luftigen weißen Sommerkleid, als ich bestens ausgeschlafen gegen 07:40 Uhr an Deck kam.

»Fein, fein Ma’am Steuerfrau, weitermachen!« Grinste ich ebenfalls vergnügt.

Wie meistens auf See, wenn die Bedingungen nicht zu hart sind und eine Yacht nur sanft schaukelnd rollt und giert, hatte ich bestens geschlafen und war erholt. Vicky hatte sich nach ihrer langweilig-anstrengenden Nachtwache noch mal hingelegt und schlummerte tief in der Koje. Eine Banane hatte ich bereits in der Pantry gegessen, mich mit einem guten Café-Crema aus der Kapselmaschine versorgt und zündete mir jetzt genüsslich meine geliebte Morgenzigarette an.

Der Autopilot steuerte die Vikarelia sicher durch den erstaunlich geringen Wellengang, Demo werkelte mit angelegter Rettungsweste konzentriert irgendwas auf dem Vordeck, und nicht weit entfernt zog eine andere, wunderschöne Traditionsyacht ihre Bahn durchs tiefe Blau des Meeres. Es war eindeutig eine klassische Yawl mit riesigem Gennaker ohne Großsegel, charakterisiert durch einen eleganten Kanubug, ein markantes Heck und ein langes Bugspriet. Die originalen Holzmasten unterstrichen den klassischen Look. Ein Traum von einem Boot mit schneeweißem Rumpf, gut 18 bis 20 Meter lang, vermutlich ein edler Bau aus den 1920er oder 30er Jahren. Eine wahre Augenweide für jeden Liebhaber klassischen Yacht-Designs.

 

Höchst erfreuliche Anblicke natürlicher Ästhetik gab es allerdings auch an Bord, direkt vor meiner Nase. Gerade wehte ein kräftiger Windstoß Britts luftig schwingenden Rocksaum weit nach oben und entblößte ihre wunderschönen Beine und Hüften. Darunter blitzte ein so knapper Tangaslip hervor, dass man von hinten fast glauben konnte, sie sei vollkommen unten ohne. Ein Anblick, der Männeraugen unvermeidlich wie ein superstarker Magnet anzieht und eine enorme Faszination ausübt.

Eigentlich ist das natürlich ziemlich amüsant und typisch männlich ein bisschen bescheuert. Ich meine, wir sehen uns so oft völlig nackt, beispielsweise beim erfrischenden Baden im Meer; ich kenne im Grunde jeden Millimeter von Britts schönem Körper in- und auswendig. Dennoch wirkt so ein hochgewehter Rock, der unerwartet Beine und Pobacken freigibt, instinktiv erotisch inspirierend auf mich als Mann und löst sofort ein kribbelndes Verlangen auf mehr aus. Es ist schon faszinierend, wie Natur und Evolution uns programmiert haben – selbst ein so erfahrener, selbstbeherrschter Mann wie ich kann sich diesen evolutionären Impulsen einfach nicht entziehen. »Man bleibt eben Mann, und das ist auch gut so«, schmunzelte ich leise vor mich hin.

Meine Blicke genau registrierend, kam Britt mit lächelnd funkelnden Augen zu mir rüber und schnappte sich wie so oft meine Hand mit der glimmenden Zigarette, um sich wortlos zwei, drei Züge zu klauen. Typischerweise nahm sie sich dabei nicht etwa die Zigarette aus den Fingern, sondern führte meine Hand direkt an ihren Mund, sodass ich an meinen Fingerspitzen ihre weichen, sinnlichen Lippen spürte. Wie sie als schöne Frau und Profi-Model besonders charmant sein und Männer ein bisschen verrückt machen kann, weiß Britt selbstverständlich ganz genau.

Im privaten Alltag denkt sie über solche Dinge eher wenig nach; sie ist als weibliches Wesen einfach ganz natürlich so – es sei denn, sie ist als selbstbewusste Skandinavierin scharf auf einen Kerl und will ihn gezielt verführen. Dann kann sie eine ungeheure erotische Anziehungskraft entwickeln. Viele skandinavische Frauen nehmen sich völlig gleichberechtigt dieselben Rechte heraus wie wir Männer, agieren gern selbstbestimmt und warten nicht erst passiv auf den ersten männlichen Schritt.

Demo kam mit federnden Schritten vom Vordeck nach achtern ins Cockpit, schüttelte sich ein paar salzige Wassertropfen aus den Haaren und meinte gewohnt wortkarg:

»Hab zwei Stagreiter an der Sturmfock ausgewechselt; zwei weitere sollten auch bald getauscht werden, aber wir haben leider keinen passenden Ersatz mehr an Bord.«

»Dann schreib auf die To-do-Liste, was uns fehlt. Sobald wir in Cádiz festgemacht haben, besorgen wir im nächsten Shipchandler neue Vorräte und Ersatzteile«, kommentierte ich zustimmend und mit aufforderndem Nicken.

In ihren jeweiligen Verantwortungsbereichen an Bord agiert die Crew weitgehend eigenständig und bezahlt kleinere Besorgungen unkompliziert aus der gemeinsamen Bordkasse. Nur bei größeren Anschaffungen ab 500 Euro stimmen sie sich vorher ab. Man darf auch nicht vergessen: Die Vikarelia gehört rechtlich Vicky und Demo. Ich bin nur temporär als Freund, Liebhaber und Erfahrungen weitergebender Skipper dabei. Die beiden haben die Yacht damals gemeinsam gekauft und erhebliche Summen in das aufwendige Refit investiert. Britt ist als geschätzte Mitseglerin an Bord und trägt im Rahmen ihrer Möglichkeiten fair zur Bordkasse bei, ist an einer echten Beteiligung am Schiffseigentum jedoch nicht interessiert.

Sie ist ohnehin nicht die gesamte, weite Strecke vom Baltikum in den tiefen Süden mitgesegelt, sondern klinkt sich zwischendurch immer wieder für einige Tage oder Wochen aus, um für gut bezahlte Model-Jobs um die Welt zu fliegen. Als diszipliniertes und gefragtes Model verdient sie so ihr eigenes Geld – auch wenn es in der Branche bekanntlich nicht leichter wird, wenn man sich nicht ständig auf den Branchenevents der Model-Metropolen zeigt. Das stört ihre gelassene Art jedoch kein bisschen. So kann sie sich gezielt die wirklich guten Engagements mit interessanten Künstlern und Fotografen aussuchen.

Demo wiederum steuert finanziell wohl am wenigsten zur Bordkasse bei – er verdient gelegentlich etwas mit handwerklichen Helferjobs dazu, wie damals am Rio Arade. Dafür ist sein unbezahlbarer Beitrag der ständige, intensive Einsatz für Wartung, Motor und Technik der Yacht, was er meisterhaft beherrscht. Den Löwenanteil des Geldes für das süße Seglerleben erwirtschaftet Vicky als freischaffende Künstlerin durch den Verkauf ihrer großformatigen Werke und gut bezahlte Live-Performances an Land. Zusätzlich generieren die beiden Frauen über ihre Social-Media-Kanäle ein kleines, aber erfreulich stetiges Zusatzeinkommen.

Das dauerhafte Leben auf einer Segelyacht ist eben deutlich teurer, als es sich manch ein romantischer Träumer an Land vorstellt. Ein solches Schiff verursacht unablässig Kosten für laufende Wartung, unvorhergesehene Reparaturen, teure Versicherungen, Liegeplatzgebühren in den Marinas und Dieselkraftstoff. Zumal die drei auch keineswegs spartanisch leben: Sie schätzen moderne Technik, gehen leidenschaftlich gern gut essen, kaufen auf den Märkten hochwertige Lebensmittel und genießen das Leben in vollen Zügen.

Alles in allem ist die Crew finanziell zwar gesund aufgestellt und kann das Abenteuer noch viele Jahre fortsetzen, doch die Realität schlägt im Schnitt mit 1.800 bis 3.500 Euro pro Monat zu Buche – je nach Reiseabschnitt und Hafen. Und darin sind die nötigen Rücklagen für die großen Brocken noch gar nicht enthalten. Allein eine neue Rollgenua aus haltbarem Tuch kostet schnell zwischen 3.200 und 4.500 Euro, während ein kompletter neuer Segelsatz die Kasse mal eben um 15.000 Euro erleichtert. Ganz zu schweigen von plötzlichen Getriebeschäden oder streikender Navigationselektronik. Ein Boot ist und bleibt eben ein wunderschönes, aber auch verdammt teures Vergnügen – besonders auf Langfahrt.

Bald darauf kam Vicky heftig gähnend an Deck, grüßte mit einem fröhlichen »Moin Leute« und legte sich, wie könnte es bei ihr anders sein, so splitternackt wie sie war aufs Vordeck, um die warme Morgensonne zu genießen. Am Himmel standen noch ein paar dunstige Schleierwolken, bei auf See bereits sehr angenehmen 23 Grad – für die drei Nordlichter fühlt sich das bereits hochsommerlich warm an. Laut der Wettervorhersage erwarteten uns in Cádiz um die Nachmittagszeit herrliche 27 bis knapp 30 Grad.

Da es schon fast neun Uhr war, frühstückten wir nur eine Kleinigkeit – heute gab es mal ganz gesundes Müsli mit viel frischem Obst. Nach der Ankunft in Spanien planten wir schließlich das von uns gern rituell zelebrierte Einlaufvergnügen. Das bedeutet konkret: Nach dem Festmachen und Aufklaren des Bootes folgt ein ausgiebiges, gemeinsames Essen nach Lust und Laune in einer exzellenten lokalen Lokalität, traditionell bezahlt aus der Bordkasse, oder ich spendiere es als Skipper spontan selbst.

Etwa 10 Seemeilen vor der Küste nutzte ich die stabilen Bedingungen und ordnete zur Übung ein weiteres Mann-über-Bord-Manöver an. Das gelang ähnlich gut wie beim letzten Mal, ging mit etwas über fünf Minuten aber deutlich schneller, weil die Crew diesmal spürbar entschlossener und ohne zögerliche Unsicherheiten agierte. Übung macht eben den Meister. Wenn sie so weit sind, das Manöver in rund drei Minuten fehlerfrei zu fahren, sind sie als eingespielte Crew ausreichend sicher unterwegs.

 

Nach dieser reibungslosen Fahrt erreichten wir schließlich problemlos das geschichtsträchtige Cádiz und steuerten direkt die Marina Puerto América an. Optisch ist der Hafen zwar wahrlich kein architektonisches Highlight, aber er liegt spürbar ruhiger und ist vor allem deutlich preiswerter als der direkt daneben angesiedelte Real Club Náutico de Cádiz.

Obwohl das Areal dank des aufmerksamen Sicherheitspersonals und einer lückenlosen Videoüberwachung rund um die Uhr bewacht und sicher ist, muss man für das Prozedere der Anmeldung, die Bezahlung und die üblichen behördlichen Formalitäten die regulären Bürozeiten nutzen. Das Hafenbüro hat ganzjährig täglich von 08:00 bis 20:00 Uhr geöffnet, wobei sich die Zeiten in den Wochen der betriebsamen Hauptsaison auch schon mal bis 21:00 Uhr verlängern können.

Für unsere 42-Fuß-Nauticat mit einer Gesamtlänge von rund 12,80 Metern – sind die Liegeplatzgebühren hier erfreulich fair gestaffelt, wenn man die aktuellen Tarife betrachtet. In der ruhigen Nebensaison von November bis März schlägt die Nacht mit etwa 28 bis 35 Euro zu Buche. In der Zwischensaison, also in den Monaten April, Mai und Oktober, klettert der Preis auf moderate 38 bis 48 Euro, während in der sommerlichen Hauptsaison von Juni bis September zwischen 52 und 65 Euro inklusive Mehrwertsteuer pro Nacht fällig werden. Ein netter Nebeneffekt für Langzeitlieger: Bleibt man länger als sieben bis zehn Tage, gewährt die Marina meist einen spürbaren Rabatt von 10 bis 20 Prozent auf den Gesamtpreis.

Was die Ausstattung der Gastliegeplätze betrifft, lässt der Hafen kaum Wünsche offen. Der Strom fließt zuverlässig mit 220 Volt und liefert je nach Liegeplatz ordentliche 32 bis 63 Ampere, was unsere modernen Lithium-Akkus im Nu wieder füllt, selbst wenn die stromfressende Klimaanlage läuft. Frischwasser gibt es an fast jedem Stegplatz, eine Absaugstation für das Abwasser ist vorhanden, und das kostenlose WLAN erfüllt zumindest für den normalen Alltagsgebrauch seinen Zweck, auch wenn die Verbindungsqualität eher mittelmäßig ausfällt.

Die Sanitäranlagen sind sauber und völlig zurecht gut bewertet, und praktische Annehmlichkeiten wie Waschmaschinen, Trockner, eine eigene Tankstelle sowie eine gut sortierte Werft in der näheren Umgebung runden das Angebot ab. Mein Gesamtfazit fällt daher durchweg positiv aus: Die Marina Puerto América gehört definitiv zu den besseren, sauberen und modern ausgestatteten Häfen in Andalusien und wird von vielen Langfahrtseglern völlig zu Recht als angenehmer Zwischenstopp gelobt.

Da wir selbst eine gute Waschmaschinen-Trockner-Kombination an Bord haben, über Starlink kommunizieren und komfortable Nasszellen besitzen, benötigen wir von der Infrastruktur meist kaum mehr als Landstrom, Frischwasser und eben den sicheren Liegeplatz an sich. Innerhalb von knapp zwanzig Minuten hatten wir die festgezurrte Vikarelia perfekt aufgeklart, sodass sich alle frisch geduscht und in lockerer Sommerkleidung auf die berühmten Köstlichkeiten der andalusischen Küche freuten.

 

Sobald man den Fuß von den Stegen der Marina setzt und das eher funktional-unschöne, von Containern und Gewerbe geprägte Hafenumfeld hinter sich lässt, spürt man sofort den ganz besonderen Atem der Geschichte, der durch die engen Gassen weht. Cádiz gilt als die älteste durchgehend bewohnte Stadt Westeuropas. Phönizische Seefahrer gründeten die Festung bereits um 1100 vor Christus unter dem Namen Gadir. Später hinterließen Karthager, Römer und Mauren ihre Spuren in der strategisch genial auf einer Landzunge gelegenen Atlantik-Metropole. Die stolze Stadt zählt heute im eigentlichen Stadtgebiet etwa 110.000 Einwohner, während im gesamten Großraum der gleichnamigen Provinz rund 1,1 Millionen Menschen leben.

Ihren absoluten Boom erlebte die Stadt jedoch im 18. Jahrhundert, als sie Sevilla den Rang ablief und zum stolzen Hauptumschlagsplatz für das spanische Silber und den gesamten Überseehandel mit Amerika aufstieg. Der Reichtum dieser Epoche spiegelt sich noch heute im prächtigen Stadtbild wider – allen voran in der monumentalen, barocken Kathedrale mit ihrer weithin leuchtenden, goldenen Kuppel, die direkt am Meer thront. Für uns Segler ist es faszinierend zu wissen, dass schon Christoph Kolumbus von genau dieser Bucht aus zu seiner zweiten und vierten Entdeckungsreise in die Neue Welt aufbrach. Wer tiefer in die packende Historie dieser seefahrerischen Perle eintauchen möchte, findet auf Wikipedia jede Menge spannenden Lesestoff.

»Steil, ich freu mich schon auf geniale Tapas und Meeresfrüchte«, meinte Britt voller Vorfreude, während wir gut gelaunt losspazierten.

»Oh ja! Kann man das hier am offenen Atlantik eigentlich noch südländisch-mediterrane Küche nennen? Ganz egal, ich LIEBE das einfach!« Seufzte auch Vicky glücklich. Demo brummte ein seltenes, aber rundum zustimmendes Murmeln, und ich ergänzte grinsend:

»Völlig shiet-egal, wie man es nennt! Jedenfalls sind die südländischen Speisen und die entspannte Lebensart in diesen sonnenverwöhnten Gefilden tausendmal besser als im kühlen Norden!« Ich verkniff mir an dieser Stelle weitere typische Steve-Erklärungen – wie etwa den Fakt, dass ich den Norden, seine raue Natur und die bodenständige Küche natürlich trotzdem schätze und diese drei skandinavischen Nordlichter sowieso. Es war auch so völlig klar, was ich meinte, und die Crew empfand das spürbar genauso.

 

Kurz nach 13 Uhr erreichten wir das von mir vorab ausgewählte und telefonisch reservierte Restaurante Balandro in der Alameda Apodaca 22, direkt an der markanten, bogenförmigen Nordküste der Landzunge. Das Lokal wird oft als klassische Tapas-Bar betitelt, ist in Wahrheit aber ein hervorragendes, vollwertiges Restaurant mit einer kreativen, regionalen Küche, die exzellente Meeresfrüchte, erstklassige Fleischgerichte und eine wunderbare Weinauswahl in einem stilvoll-eleganten Ambiente mit grandiosem Buchtblick vereint. Man kann entweder direkt an der lebhaften Bar erstklassige Tapas genießen oder sich, wie wir es taten, in den eleganten Restaurantbereich setzen und ausgiebig schlemmen.

Das Balandro wird im Netz im Schnitt mit 4,4 Sternen bewertet – nach unserer heutigen Erfahrung hat es locker eine 4,6 verdient. Es wird spürbar mit echter Gastronomen-Leidenschaft und viel Liebe zum Detail geführt. Das Personal war ungeheuer freundlich und bewies bei unseren sprachlichen Barrieren eine charmante Geduld. Wie gewohnt bestellten wir eine bunte Auswahl verschiedener Vorspeisen und Tapas zum Teilen, gefolgt von individuellen Hauptgerichten und feinen Desserts, um möglichst viele Aromen auszuprobieren. Alles war handwerklich exzellent zubereitet, frisch und so intensiv gewürzt, wie man es eben nur im tiefen Süden erleben kann.

»Mmmhhh… diese Muscheln hier sind ein absoluter Traum!« Britt schaufelte sich beinahe gierig eine weitere Muschel in den Mund, kombiniert mit einem wunderbar cremigen Risotto und knackigen Salatbeilagen. Die Weinauswahl hatten wir komplett unserer supernetten Bedienung überlassen, und sie hatte voll ins Schwarze getroffen.

Die junge Kellnerin sprach und verstand glücklicherweise passables Englisch, sodass wir gemeinsam viel über spanische Begriffe und kleine Missverständnisse lachen konnten. Flott im Service, hübsch anzusehen und verdammt schlagfertig war die Mittzwanzigerin obendrein. Sie sorgte mit ihrer herzlichen Art dafür, dass wir uns im Balandro rundum wohlfühlten, ohne dabei jemals aufdringlich zu wirken.

Geöffnet hat dieses empfehlenswerte Haus täglich von 13:00 bis 16:15 Uhr sowie abends von 20:00 bis 23:15 Uhr. Preislich bewegt sich das Restaurant im gehobenen Segment, wobei man auch für einen Zwanziger schon sehr glücklich werden kann. Wer allerdings so ausgiebig schlemmt wie wir – mit drei Gängen und feinen Weinen, Mineralwasser und dem obligatorischen Café con leche zum Abschluss –, sollte faire 40 bis 60 Euro pro Person einplanen.

 

»Vielen Dank für deinen fantastischen und humorvollen Service, Lucia«, lobte ich die sympathische junge Frau beim Bezahlen und ließ das Ganze natürlich von einem sehr ordentlichen Trinkgeld begleiten.

Unsere Rechnung belief sich am Ende auf 228 Euro und ein paar Zerquetschte. Mit den typischen zehn Prozent Trinkgeld landete man also bei runden 250 Euro, doch ich fand, dass sich Lucia aufgrund ihres engagierten Einsatzes und ihres Charmes ein bisschen mehr verdient hatte. Wichtig zu wissen für Spanien-Reisende: Trinkgeld sollte man hierzulande fast immer bar hinterlassen. Selbst wenn man die Hauptrechnung bequem mit Kreditkarte zahlt, ist es unüblich, den Tipp einfach auf den Kartenbetrag aufzuschlagen. Man legt die Münzen oder Scheine stattdessen traditionell auf den kleinen Rechnungssteller oder den Tisch. Das monatliche Grundgehalt für das Servicepersonal ist oft sehr knapp bemessen, weshalb Trinkgelder eine existenzielle Einnahmequelle für die Angestellten darstellen.

Weil das für Reisende ein durchaus wichtiger Aspekt ist, möchte ich kurz die Realität beleuchten: In Andalusien verdient eine Servicekraft in Vollzeit typischerweise ein Grundgehalt von gerade einmal 1.200 bis 1.450 Euro brutto im Monat. Nach Abzug der Sozialabgaben bleibt oft ein Nettoverdienst von mageren 1.100 Euro auf dem Konto. Trinkgelder sind daher das entscheidende Zubrot, um die niedrigen Löhne aufzubessern.

Anders als in den USA sind spanische Kellner zwar regulär sozialversichert und nicht rein vom Gast abhängig, aber es schmerzt die Belegschaft dennoch merklich, wenn gar nichts hinterlassen wird. Die Lebenshaltungskosten und vor allem die Mieten in den Tourismus-Hotspots sind in den letzten Jahren drastisch gestiegen. Das Grundgehalt allein reicht kaum aus; die monatlichen Trinkgelder entscheiden oft darüber, ob die Angestellten gut über die Runden kommen.

Dabei gilt in den meisten traditionellen Bars und Restaurants das sogenannte Bote-Prinzip: Die Trinkgelder werden gesammelt (el bote) und am Ende des Tages oder der Woche zu gleichen Teilen unter dem gesamten Team aufgeteilt – davon profitieren also auch die Köche und Spülkräfte im Hintergrund. Ein guter Tipp hilft der gesamten Belegschaft und sollte idealerweise bei acht bis zehn Prozent liegen. Ich legte also noch einen Zwanziger bar obenauf, was Lucias Augen sichtlich zum Leuchten brachte. smile

»Die war wirklich unglaublich sympathisch. Lieb von dir, dass du fast zwanzig Prozent gegeben hast«, meinte Britt anerkennend, als wir das Lokal verließen und ich mir erst einmal die heißgeliebte Zigarette nach dem Essen anzündete; die anderen taten es mir gleich.

»Und charmant und hübsch war sie obendrein, was unser Captain ja bekanntlich immer ganz besonders zu schätzen weiß, haha!« Lachte Vicky mit einem liebevollen Knuff in meine Seite, während auch sie genüsslich den blauen Rauch in den andalusischen Himmel blies.

»Stimmt auffallend, haha! Und was unternehmen wir als Nächstes?« Die Frauen waren sich einig, was Demo und mir ein amüsiertes Grinsen entlockte.

»Wie wäre es mit den Jardines del Paseo de Carlos III direkt beim Parque Genovés?« Schlug ich vor. »Das ist eine malerische Parkanlage mit einer faszinierenden botanischen Vielfalt, und schönen Spazierwegen.« Ich zeigte ihnen kurz den historischen Hintergrund auf meinem Smartphone unter: Paseo de Carlos III.

 

»Jau, sehr gern. Warst du etwa schon mal dort?« Fragte Britt neugierig, während wir gemütlich in Richtung der grünen Oase flanierten.

»Nein, ich habe das im Vorfeld unserer Route ein bisschen recherchiert und fand die Fotos extrem einladend. Der Paseo de Carlos III liegt genau zwischen dem Genovés-Park und der Alameda de Apodaca. Dieser kunstvoll gestaltete Komplex verläuft parallel zur Küstenpromenade direkt an der weiten Bucht und wurde bereits 1927 vom renommierten Architekten Juan Talavera y Heredia entworfen.«

»Also los, das klingt nach einem wunderbaren Plan«, meinte Vicky, und wenige Minuten später standen wir auch schon inmitten der üppigen Pracht.

Der dreieckige Garten verläuft parallel zur Uferpromenade, ist zwar eher überschaubar, aber architektonisch ein Juwel. Die dichte, mediterrane Bepflanzung spendet wunderbaren Schatten und kühlt die Luft an heißen Tagen spürbar ab. Die Anlage ist im charmanten andalusischen Regionalismus-Stil gehalten, und ein echter Hingucker ist der kunstvolle Boden, der mit Fliesen in einem strengen Schachbrettmuster ausgelegt ist. 

 

Der Außenbereich wird von prächtigen Platanen gesäumt, während die schattigen Pergolen üppig mit Bougainvilleas, Trompetenblumen und duftendem Geißblatt bewachsen sind. Dazwischen entdeckt man immer wieder exotische Raritäten wie uralte Drachenbäume. Das gestalterische Herzstück bilden die charmanten Springbrunnen, die mit historischen Keramiken aus Triana verziert sind. Der Park ist vollkommen frei zugänglich, täglich 24 Stunden geöffnet, hundefreundlich, barrierefrei und schlicht der perfekte Ort für einen ruhigen Spaziergang mit weitem Blick über den Atlantik. Genau genommen handelt es sich um mehrere, nahtlos ineinander übergehende Parkanlagen unter verschiedenen Namen.

»Zauberhaft, das gefällt mir unglaublich gut. Der perfekte Ort zum Entspannen oder für eine ausgiebige südländische Siesta«, lächelte Britt, während wir die kunstvollen Pfade entlangschlenderten.

»Und alles ist so wunderbar gepflegt und sauber hier. Kein achtlos weggeworfener Zivilisationsabfall, keine Zigarettenkippen; wirklich wunderschön!« Vicky war sichtlich begeistert von der Ästhetik.


 

Ich werde im Blog hauptsächlich die geschossenen Fotos für sich sprechen lassen, denn sie vermitteln einen weitaus besseren Eindruck von der blühenden Pracht, den subtilen Pflanzenfarben und den reizvollen Ausblicken auf das Meer, als es Worte je könnten. Solche Parkanlagen haben überall ihren Reiz, aber unter der warmen, südländischen Sonne und direkt an der salzigen Meeresluft gewinnt die Kulisse noch einmal eine ganz andere, bezaubernde Dimension als ein barocker Schlosspark im kühlen Mitteleuropa. Die Vibes sind hier einfach anders, gelassener, und man spürt augenblicklich die Lust auf das süße Nichtstun.

Jedenfalls fühlten wir uns auf Anhieb pudelwohl, ließen die Seele baumeln und schalteten komplett in den Chill-Modus. Besonders die Frauen versetzte die malerische, romantische Kulisse in eine spürbar verschmuste Stimmung, was bald zu intensiven Küssen, zärtlichen Berührungen und innigem Schmusen auf einer der schattigen Bänke führte. Da wir aus verschiedenen Gründen voraussichtlich ein bis zwei Wochen hier in Cádiz verbringen werden – dazu erzähle ich in den nächsten Beiträgen mehr –, hatten wir es mit dem touristischen Pflichtprogramm ohnehin nicht eilig. Und damit dieser Eintrag nicht den Rahmen sprengt, mache ich es für heute kurz.


 

Ab 17:30 Uhr legten wir an Bord der Vikarelia erst einmal eine ausgiebige, wunderbare Siesta ein, einschließlich leidenschaftlichem Liebesspiel und einem erfrischenden Nickerchen. Frisch gemacht und passend locker für die laue andalusische Nacht gekleidet – das Thermometer sank selbst tief nachts nicht unter 22 Grad –, starteten wir zu viert eine ausgiebige Pub-Crawl-Tour durch die urigen, lebendigen Kneipen der malerischen Altstadt.

Großartige lokale Weine, köstliche Tapas als ausreichend sättigende Häppchen im Stehen und lebensfrohe Menschen mitten im südländischen Dolce Vita… kurz gesagt: Wir hatten unglaublich viel Spaß und kamen mit etlichen interessanten Charakteren ins Gespräch. Darunter war auch die rassig-attraktive, junge Künstlerin und Malerin Conchita, mit der wir direkt  Kontaktdaten austauschten und uns für die nächsten Tage zu weiteren Treffen verabredeten.

 

Mit einem recht ordentlichen, aber überaus angenehmen Schwips, leicht aufgekratzt, in bester Laune und wohlig müde enterten wir erst weit nach zwei Uhr morgens wieder unser Boot und verschwanden kurz darauf in den gemütlichen Kojen. Mit einem zufriedenen Lächeln auf den Lippen schlummerten wir nach diesem perfekten Tag zügig ein, und es kehrte eine friedliche Schlafensstille an Bord ein.

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Lagos nach Cadiz, Bittersüße Abschiede, Bordenergie & Starlink

 

#26.07.18 – Lagos nach Cadiz, Bittersüße Abschiede, Bordenergie & Starlink

Den Vormittag über erfreuten wir uns noch ein letztes Mal an herrlichem Badespaß an der malerischen Küste der Algarve und genossen Rodrigos unvergleichliche Gastfreundschaft in seiner hübschen Finca. Am späteren Nachmittag nahte jedoch der für Segler und Globetrotter unausweichliche, immer ein bisschen traurig-melancholische Moment des Abschiednehmens von lieb gewonnenen, neuen Freunden. 

 

Vicky und Britt knutschten und drückten den alten Herrn, bis er kaum noch Luft bekam. Unterdessen verdrückten Lena, Olga und Olea sogar ein paar süße Tränchen, während sie voller Herzlichkeit auch Demo und mich heftig umarmten und endlos Abschiedsküsschen verteilten.

»Och, mennoooo…, es wär so geil, wenn ich mit euch segeln könnte!« sniefte Lena und knutschte vor allem mich ab, als wäre ich ihr fester Liebhaber, der seine Liebste verlassen und in die weite Welt hinausziehen muss. schmunzel

Wir hatten darüber zuvor schon ausführlich gesprochen und hätten den sympathischen Frechdachs natürlich auch gern mitgenommen. Lena versteht sogar ein bisschen was vom Segeln, da sie in ihrer schwedischen Heimat Freunde mit Booten hat und schon auf einigen Küstentörns dabei war. Von Cádiz über den Landweg zurück nach Lagos zu kommen, oder von Spanien aus am Ende ihres Sommerurlaubs direkt zurück nach Schweden zu fliegen, wäre für sie ein Leichtes gewesen.

Aber da zeigte sich auch wieder ihr wunderbarer, treuer Charakter. Für ihre liebe Gastfamilie – die wir anderen inzwischen ebenfalls kennengelernt hatten und die für sie wie eine Art Großeltern waren – ist Lena fast so etwas wie eine eigene Enkelin und der Sonnenschein im gehobenen Alter. Diese wollte sie nicht, ein bisschen undankbar oder egoistisch wirkend, einfach zurücklassen. Also blieb der Frechdachs aus eigener Entscheidung hier.

Unsere ganzen Sachen hatten wir im Laufe des Nachmittags bereits zurück an Bord unserer Nauticat geschafft. Vor allem Demo übernahm pflichtbewusst die üblichen Vorbereitungen, um die Yacht komplett seeklar zu machen: Beispielsweise das Inbetriebnehmen des Umkehrosmose-Wassermachers inklusive dem anschließenden Durchspülen der Membranen, die sorgfältige Kontrolle von Hauptmaschine und Rigg sowie die Überprüfung von stehendem und laufendem Gut. Jedes Segel, alle Fallen, Schoten und Schäkel wurden inspiziert – eben alles, was absolut dazugehört, um mit einer Segelyacht sicher und beruhigt auf Langfahrt zu gehen.

Die Frauen beschäftigten sich derweil hauptsächlich mit letzten Einkäufen an frischen Lebensmitteln, allerdings nur in überschaubaren Mengen. Heute Abend wollten wir pünktlich um 18:30 Uhr auslaufen und das rund 122 nautische Meilen entfernte Cádiz an Spaniens geschichtsträchtiger Atlantikküste ansteuern. Bei den vorhergesagten Wetter- und Windbedingungen – solide 17 Knoten Wind aus Nordwest, in Böen auch mal bis zu 26 Knoten – sollten wir die Strecke mit achterlichen Winden und einem Schnitt von über 6 Knoten Fahrt über Grund (SOG) in etwa 18 Stunden bewältigen. Unsere voraussichtliche Ankunftszeit (ETA) lag damit um 13:30 Uhr am nächsten Mittag.

Rodrigo, Olga, Lena, Lois und Olea warteten geduldig am Hafenkanal, um uns ein letztes Mal zum Abschied zu winken, als wir exakt nach Zeitplan aus der Marina ablegten und unter der geöffneten Fußgängerbrücke den Kanal zur Hafenausfahrt entlangtuckerten. Wir winkten natürlich zurück, mussten uns im Cockpit aber gleichermaßen auf das fehlerfreie Steuern durch das schmale Fahrwasser, das korrekte Abmelden per Funk bei der Hafenmeisterei und das Bereitmachen der Segel konzentrieren.

 

Gern wären wir noch bei diesen lieben Menschen in Lagos geblieben. Aber wir waren ohnehin schon wesentlich länger dort verweilt als ursprünglich geplant, und irgendwann zieht man als permanent Reisender eben unvermeidlich weiter; so ist nun mal der Lauf der Dinge. Lois ist als Model und Künstlerin gleichermaßen an häufig wechselnde Aufenthaltsorte gewöhnt und nahm den Abschied entsprechend cooler – und wer weiß, vielleicht kreuzen sich unsere Wege ja mal wieder. Jedenfalls hatten wir eine fantastische Zeit miteinander, jede Menge Spaß, haben viel fotografiert und verstanden uns so außergewöhnlich gut, als wären wir schon seit halben Ewigkeiten beste Freunde.

Amüsanterweise und typisch für Vicky mit ihrer naturverbundenen, völlig ungenierten Art, machte sie sich noch im Hafenkanal kurzerhand komplett nackt und setzte sich stolz in den Bugkorb. Dass die vielen Spaziergänger, Touristen, Einheimischen und andere Bootsfahrer sie in ihrer ganzen Pracht bestaunen konnten, störte sie kein bisschen. Eher im Gegenteil: Sie empfindet es selbst als aufregend kribbelnd, so ungeniert angeschaut zu werden, und genießt es durchaus, ein wenig provokant aufzutreten. lach

»Ich schätze, Lagos Männerwelt wird deinen Besuch hier so schnell nicht vergessen, hoho«, gluckste ich amüsiert.

»Ha! Niemand, der mich treffen und sehen durfte, vergisst mich jemals wieder, haha!« konterte sie gewohnt schlagfertig, worüber auch Britt und Demo breit lächelten.

Dann erreichten wir das offene Meer. Der Wind wehte mit etwa 17 Knoten aus Nordwest – für uns ein klassischer, tiefer Vorwindkurs bei unserem anliegenden Kurs von 126 Grad. Aktuell befand sich Britt am Steuer. Sie blickte kurz prüfend zum Windrichtungs- und Stärke-Anzeigeinstrument im Cockpit, dann drehte sie die Segelyacht sanft fast flach an den Wind und kommandierte mit fester Stimme:

»Klar zum Segelsetzen! Zuerst das Groß!«

Ein Knopfdruck genügte, und das Rollgroßsegel glitt mit einem leisen, kraftvollen Surren der elektrischen Cockpitwinschen aus dem Mast. Alle Schoten, Fallen und Reffleinen waren bequem ins Cockpit umgelenkt, sodass wir die Segelfläche flott und ohne große körperliche Anstrengung bändigen konnten. Kaum stand das Groß, fiel Britt wieder ab, drehte den Bug also weg vom Wind, und rief: »Und nun die Fock!«

Das Vorsegel rollte sich geschmeidig aus, die Tücher fassten kurz flappend und mit einem dumpfen, energischen Schlagen den frischen Wind, bevor sie sich prall und lautlos blähten. Britt ging auf endgültigen Steuerkurs, aktivierte den Autopiloten, deaktivierte die Maschine und atmete sichtlich zufrieden die salzige Luft ein. Übrigens lässt sich dieses Boot auch hervorragend einhand segeln, wenn man ausreichend Erfahrung mitbringt. Nun war es Zeit für unser traditionelles Auslaufritual – eine kleine Gabe für Poseidon darf schließlich nie fehlen.

»Cheers!« stießen wir passend zu Portugal mit einem schweren, mir zu süßlichen Portwein an und gossen andächtig einen großzügigen Schluck davon über Bord in das weiße schäumende Wasser, das um den Rumpf rauschte. Ein kleiner Tribut, um die Meeresgötter für unseren Törn gnädig zu stimmen. Nicht, dass ich an so einen Blödsinn glauben würde; für mich ist das einfach ein Spaß und traditionelle Seemannspflege, während es selbst in unserer aufgeklärten Zeit gar nicht so wenige Segler gibt, die dieses Ritual bitterernst nehmen. schmunzel

17 Knoten Windgeschwindigkeit sind immerhin eine stolze Windstärke von 5 auf der Beaufortskala. Bei diesem Wind kam selbst ein schwerer, solider Verdränger wie unsere SV-Vikarelia vor dem Wind so richtig ordentlich ins Laufen. Der Bug schnitt mit 6,5 bis 7,7 Knoten durch die Wellen, die hier in der schützenden Landabdeckung noch recht flach blieben, während die lange, tiefe Atlantikdünung das Boot bereits wie eine riesige Wiege sanft hob und senkte. Bis Mitternacht sollte der Wind laut Wettervorhersage auf gemütliche 3 Beaufort abflauen, bevor er gegen Morgen wieder langsam zulegen würde. Für alle Leser, die sich mit den nautischen Begriffen nicht ganz so auskennen, füge ich unten mal eine Windstärkentabelle an.

 

Insgesamt kann man die Windstärken 3 bis 5, in Böen vielleicht mal eine 6, als Schönwettersegeln bezeichnen, bei dem das Reisen auf dem Wasser einfach nur pure Freude bereitet. Das Boot glitt mit einer leichten Lage von 15 bis 20 Grad ruhig und ein rundum sicheres Gefühl gebend durch die bald zunehmenden Wellen. Dennoch darf man die immense Windkraft auf so vielen Quadratmetern Segeltuch keineswegs unterschätzen. Die Kräfte, die da im Rigg und an den Schoten wirken, können einen leicht übel verletzen oder unbarmherzig über Bord schleudern.

Da uns ein Nachttörn bevorstand, entschieden wir uns bewusst dazu, nur die kleinere, stabilere Stagfock und nicht die große Genua zu setzen. Unangenehme Überraschungen wie ein plötzlicher Squall – eine jener gefürchteten Gewitterböen mit schlagartigem Starkwind – muss man auf See einfach immer einplanen. Und in der pechschwarzen Dunkelheit dieser Neumondnacht sieht man diese Wetterwände oft erst dann kommen, wenn es bereits zu spät ist, um die Segelfläche noch risikofrei zu verkleinern.

Fahrtensegler sind schließlich keine Regattasegler, die jedes Zehntelknoten zusätzliche Geschwindigkeit ausreizen, sondern im Allgemeinen eher defensiv und gemütlich unterwegs, wobei die Sicherheit immer oberste Priorität hat. Radar und AIS informierten die Wachhabende – aktuell laut Wachplan eben Britt auf dem Nav-Plotter – zuverlässig über andere Boote und Schiffe in der Umgebung, soweit wir sie im schwindenden Abendlicht nicht ohnehin noch sehen konnten. Aktuell wurden uns fünf andere Seefahrzeuge angezeigt, alle weit genug entfernt und auf Kursen, die keinerlei Gefahr darstellten.

»Gut gemacht, Leute«, lobte ich aus meiner nur zuschauend kontrollierenden Kapitäns-Perspektive und hakte grinsend nach: »Wer hat laut Plan gerade Küchendienst und versorgt den darbenden Captain bald mit einem guten Abendessen?«

»Ähm, ich…« antwortete Demo leicht säuerlich. Er vergräbt sich nun mal viel lieber in der Technik, den Maschinenraum oder erledigt handwerkliche Arbeiten, anstatt in der Kombüse zu stehen.

»Komm, das erledigen wir zusammen, bevor uns der allmächtige Captain noch kielholen lässt«, lächelte Vicky spitz, blickte nach oben und seufzte: »Ach herrlich, endlich wieder ein echter Segeltörn!«

Die zwei blieben noch einen Moment an Deck und genossen das für Nichtsegler kaum fassbare Gefühl, ohne jeden Maschinenlärm, nur angetrieben von der Natur, durch den zunehmenden Wellengang zu rauschen. Britt und ich machten es uns nach einem letzten Kontrollrundumblick auf der leeseitigen Cockpitbank bequem. Ich zündete mir eine Zigarette an und paffte genüsslich.

»Lass mich mal ziehen…« griff Britt nach meiner Hand, führte den Glimmstängel an ihre sinnlichen Lippen und nahm einen tiefen Zug. Von uns vieren raucht sie am wenigsten und am seltensten; meist ist sie schon mit zwei, drei Zügen ein paar Mal am Tag vollkommen zufrieden. »…was meinst du, Steve? Mein Ablegemanöver in der engen Marina war vorhin nicht so toll, oder?«

»Realistisch selbst eingeschätzt, Britt. Aber du hast es dennoch gut gemeistert, ohne dass es wirklich gefährlich wurde oder ich hätte eingreifen müssen«, lächelte ich durchaus anerkennend.

In einer engen, vollgepackten Marina bei guten 5 Beaufort Wind aus ungünstiger Richtung abzulegen, ist wahrlich kein Kinderspiel. Da kommen selbst erfahrene Seebären nicht selten heftig ins Schwitzen, und es kommt schnell zu unschönen Rumpfkollisionen.

»Danke…, aber was sichere Hafenmanöver betrifft, haben wir drei alle noch eine Menge zu lernen. Genau wie mit den Mann-über-Bord-Manövern, die du bei der Herfahrt mit uns geübt hast«, erklärte sie leicht nachdenklich.

Das zeigt wieder einmal, dass sie trotz ihrer Jugend und der Verwöhnung als schöne Frau und erfolgreiches Model, eine erstaunlich realistische Selbsteinschätzung besitzt. Sie kann ehrlich reflektiert nachdenken, besitzt eine Menge Selbstdisziplin und durchaus mehr Vernunft als viele umschwärmte Schönheiten ihres Alters.

»Da mach dir mal nicht zu viele Gedanken«, ich nahm einen letzten, tiefen Zug aus der Zigarette und drückte sie im windgeschützten Cockpit-Ascher aus. »Ich kenne Bootsführer mit etlichen Jahren Erfahrung, die bei Hafenmanövern unter solchen Bedingungen immer noch heftig ins Schwitzen kommen und gelegentlich Stege und Nachbarboote demolieren. Man lernt nie aus, auch ich nicht, und ihr drei seid für eure überschaubare Erfahrung bereits eine ziemlich gute Crew. Demnächst üben wir einfach wieder MoB und andere Manöver.«

»Danke, Captain, haha!« Sie lehnte sich seitlich vertrauensvoll an mich und strich sich in einer typisch weiblichen Geste eine vom Wind verwehte Haarsträhne aus dem Gesicht. Natürlich blies ihr der Wind sofort neue Haare in die Augen, und ich bekam noch ein zärtliches Backenküsschen. »Du bist ein guter Kapitän.«

»Essen ist fertig!« rief da schon Vicky von unten aus dem Niedergang. »Hört auf zu turteln, kommt und holt es euch!«

Trotz der spürbaren Schräglage und des inzwischen stärkeren Schaukelns durch die höheren Wellen außerhalb der schützenden Landabdeckung, speisten wir bei noch angenehmen 25°C im Cockpit. Es gab ein einfaches, aber leckeres Gericht: hergerichtete Appetithappen in Tapas-Art, gefolgt von einer großen Schüssel Nudelsalat mit saftigem Lachs und frischem Gemüse wie Erbsen, Mais und Tomaten. Zum krönenden Abschluss gab es, vor allem für mich, mit würzigen Käsesorten belegte Salzkräcker, Weintrauben und jede Menge saftige Wassermelone.

Dazu tranken wir ein wenig Weißwein, Demo hingegen lieber ein kräftiges Craft-Bier, während uns der Autopilot zuverlässig durch einen farbenfrohen Sonnenuntergang steuerte. In unserer östlichen Kursrichtung dämmerte es bereits stark, während hinter uns im Westen die glühende Sonnenscheibe dem Horizont immer näherkam und langsam dahinter versank.

 

»Sonnenuntergänge auf See sind jedes Mal etwas ganz Besonderes, egal wie viele man davon schon im Leben gesehen hat, nicht wahr?!« meinte Vicky in fast schon besinnlicher Stimmung.

»Und so unendlich romantisch!« stimmte Britt leise zu.

»Aufgepasst, Demo!« grinste ich breit. »Wenn Frauen bei Sonnenuntergängen in solchen Situationen von Romantik reden, wird es meistens gefährlich oder anstrengend für uns Männer, hoho!«

»Du Schuft wieder, haha!« Dafür kassierte ich prompt zwei kräftig-liebevolle Knüffe von beiden Seiten in die Rippen.

»Stimmt auffallend…« grinste Demo, wie meist eher wortkarg, umarmte Britt von hinten und knetete sanft ihre schönen Brüste. Das hielt wiederum ich für eine nachahmenswerte Vorgehensweise bei Vicky, die immer noch unverändert nackig herumlief.

So steuerten wir in die tiefe Nacht – respektive übernahm der Autopilot die Arbeit, während wir knutschend den rauschenden Wind, das regelmäßige Plätschern der See am Bootsrumpf und das rhythmische Schaukeln des Bootes genossen, das wie auf Schienen sicher durch die Wellen schnitt.

Übrigens erkennt man an genau solchen Momenten immer schnell die unerfahrenen Landratten. Die wollen meist zu gern selbst am Steuerrad stehen und sich wie ein großer Captain fühlen. Für erfahrene Segler ist das stumpfe Steuern eines Bootes am Ruderstand auf Langfahrt eher langweilig, solange es nicht wegen Kurswechseln oder dem Segeltrimmen gerade notwendig ist. Fahrtensegler lassen lieber den Autopiloten oder eine Windfahnensteuerung die Arbeit machen, während sie sich selbst mit anderen Dingen beschäftigen, lesen, aufs Meer schauen, Aufräumen, Kombüsendienst erledigen oder notwendige Wartungsarbeiten vornehmen.

Ab 22:00 Uhr übernahm Demo planmäßig die Wache von Britt, und Vicky sollte ihn um 02:00 Uhr ablösen. Momentan fuhren wir ein klassisches vierstündiges Dreiwachen-System, wobei ich mich als Springer & Captain nur gelegentlich einmische oder mal freiwillig eine Wache übernehme. Anzeichen von Seekrankheit zeigte zum Glück niemand, obwohl wir nun viele Wochen an Land verbracht hatten und nicht mehr an das schaukelnde Segeln bei Lage gewohnt waren.

Vicky schlummerte deshalb in der Koje etwas auf Vorrat, während Britt und ich Demo an Deck noch ein wenig Gesellschaft leisteten. Später arbeitete ich dank Starlink noch eine Weile online am Laptop. Bekanntlich bin ich alles andere als ein Fan von Elon, aber was er mit Hilfe seiner Ingenieure bei Tesla, SpaceX und Starlink auf die Beine gestellt hat, ist technologisch schon eine Wucht. Bis vor wenigen Jahren waren stabile Online-Satellitenverbindungen auf See mit ähnlichen Datenübertragungsraten wie an Land reine Fantasieträume.

Jetzt bekommt man mit über 10.000 Starlink-Satelliten in niedrigen Orbits bereits fast überall auf den Weltmeeren blitzschnelle Verbindungen. Datenraten von 40 bis 220 Megabit pro Sekunde im Download und 10 bis 25 im Upload sind plötzlich auf dem Ozean völlig normal geworden. Die Latenz bewegt sich meist zwischen schmalen 40 und 60 Millisekunden. Zuvor hatte man mühsamen Kurzwellen-Funk & PACTOR oder sündhaft teure Iridium-Anlagen mit bestenfalls homöopathischen Übertragungsraten und schweineteuren Tarifen.

Starlink Maritim ist auf See ein echter Gamechanger, der unterwegs genauso sorgenfreies Arbeiten und Surfen erlaubt, wie man es von zu Hause kennt. Für die echte Ozean-Abdeckung ist der Mobile-Priority-Service notwendig. Die Tarife unterscheiden sich im Grunde nur anhand des inkludierten Highspeed-Datenvolumens, und solange man ausreichend Energie an Bord zur Verfügung hat, flutscht das System problemlos. Dank moderner Solarpaneele ist die Stromversorgung auf Yachten heutzutage aber meist auch kein Thema mehr, sodass man den Generator (falls vorhanden) oder die Hauptmaschine nur noch selten laufen lassen muss.

 

Eine Windturbine haben Vicky, Britt und Demo aktuell zwar nicht an Bord, dafür aber nagelneue, extrem hochwertige Solarpaneele und moderne Lithium-Akkus, die in den typisch sonnigen Regionen für Fahrtensegler mehr als genug Energie für den täglichen Betrieb all der Geräte einspeisen. Nur bei intensiver Nutzung der Klimaanlage oder des energiefressenden Wassermachers wird es gelegentlich eng, und wir müssen den extra schallschutzgekapselten Westerbeke-Generator zuschalten.

Dank solcher moderner Solarpaneele ist die Stromversorgung auf Yachten heutzutage aber meist auch kein Thema mehr, sodass man den Generator oder die Hauptmaschine nur noch selten laufen lassen muss. Die drei, allen voran Vicky und Demo, haben eine Menge Geld in das Refit der zehn Jahre alten Yacht gesteckt.

Das gesamte Bordnetz läuft über ein hochmodernes Victron-System mit dem Cerbo GX MK2 als Kommunikationsknotenpunkt und passendem Touch-Display, kombiniert mit satten 810 Amperestunden LiFePO4-Servicebatterien von Battle Born. Geladen wird das Ganze primär über drei rigide 375-Watt-Solarpaneele. Nur wenn der energiefressende Wassermacher oder die Klimaanlage zu lange laufen, schalten wir den extra schallschutzgekapselten Westerbeke-Generator mit seinen 4 Kilowatt hinzu, der mit gerade einmal 215 Betriebsstunden noch wie neu im Motorraum schnurrt.

Für ein weltweites Starlink-Komplettpaket auf einer Segelyacht mit hoher Datennutzung auf dem offenen Ozean muss man mit einmaligen Hardwarekosten von ca. 2.400 € bis 2.850 € und monatlichen Abo-Kosten zwischen 240 € und 1.120 € rechnen. Für die Nutzung auf hoher See und während der Fahrt wird von SpaceX offiziell die Flat High Performance Antenne vorgeschrieben. Zusatzkosten für Halterungen, seewasserbeständige Kabelführungen und die Integration in das Bordnetz schlagen meist noch mit 200 € bis 500 € für die Installation zu Buche.

Ein guter Tipp unter Cruisern: Viele Langfahrtsegler nutzen mittlerweile auch das kleinere Starlink Mini-Kit für rund 400 €. Das spart Anschaffungskosten, ist aber offiziell von Starlink nicht für extreme Bedingungen auf dem Ozean lizenziert. Billig ist der Spaß also nicht, aber es gehört bei vielen Fahrtenseglern inzwischen fast zur Standardausrüstung – auch weil es sich relativ einfach selbst installieren lässt, wenn man ein bisschen Ahnung hat. Und die meisten echten Fahrtensegler haben von solchen Arbeiten ohnehin jede Menge Ahnung.

Das ideale Hybrid-Modell für Segler sieht in der Praxis so aus: Man muss auf der Yacht nicht dauerhaft den teuren Ozean-Tarif bezahlen. Die meisten nutzen eine clevere Kombination. Sie buchen den normalen Reise-Tarif für rund 95 € im Monat, solange sie in bis zu 12 sm Entfernung der Küste segeln, in Buchten ankern oder im Hafen liegen. Vor dem Aufbruch zu einer echten Hochseepassage wechselt man in der Starlink-App einfach per Klick auf den teuren Mobile Priority Tarif. Nach der Ankunft im neuen Zielgebiet stellt man den Tarif in der App ebenso einfach wieder zurück.

Gegen Mitternacht gingen auch Britt und ich schließlich schlafen, womit sie nach sechs Stunden Schlaf wieder erholt genug sein wird, um ab 06:00 Uhr die Wache von Vicky zu übernehmen. Was mich betrifft, pennte ich neben der selig schlummernden Vicky schnell ein. Als sie um 02:00 Uhr die Wache übernahm und leise aufstand, wurde ich nur kurz halbwach und versank sofort wieder im Reich der Träume. Alte, tief verinnerlichte Seefahrerinstinkte würden mich ohnehin sofort hellwach machen, sollte es auf dem Boot nachts auf See irgendwelche ungewöhnlichen Geräusche oder Rumpfbewegungen geben, die auf Gefahr hindeuten.

 


 

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