Algarve, ein Segelausflug mit wichtigem „Mann über Bord“ Manöver

 

#26.06.27– Algarve, ein Segelausflug mit wichtigem „Mann über Bord“ Manöver

Gestern brachten wir all die ausgeräumten Sachen zurück auf die im Fluss ankernde Yacht und zogen endgültig zurück aufs Boot. Das war eine gehörige Menge Arbeit und beschäftigte uns den ganzen Tag über. So eine Fahrtenyacht hat unglaubliche Mengen an Ausrüstung, Ersatzteilen, haltbaren Lebensmittelvorräten und natürlich auch Privatsachen an Bord. Alles wird sorgsam verstaut in schier unzähligen Schapps, Stauräumen, Schränken und Kisten, am besten in luftdichten Boxen, die irgendwo tief in der Bilge und an Stellen gelagert werden, wo man im Alltag nur schwer hinkommt.

Um das jeweils Gebrauchte bei irgendeinem Anlass schnell wiederzufinden, ohne erst stundenlang suchen zu müssen, ist das sorgfältige Führen und stetige Aktualisieren gut organisierter Staulisten absolut erforderlich. Das ist Vickys Aufgabe für den allgemeinen Teil, während Demo für die technische Liste mit Ersatzteilen, Werkzeugen, Öl und was halt so alles zur Technik gehört zuständig ist. Dazu müssen sie sich natürlich eng absprechen, denn der Platz auf so einem Boot ist begrenzt. Es muss beispielsweise im Vorfeld entschieden werden, was für eventuelle Probleme und Notfälle leicht erreichbar und schnell zugänglich sein muss; für andere, nicht so wichtige Sachen muss nicht selten erst einmal ein Haufen Zeug ausgeräumt werden, bevor man überhaupt herankommt.

Die beiden machen das ziemlich gut; da muss ich mich gar nicht groß einmischen und kann die Verantwortung beruhigt delegieren, auch wenn ein Skipper letztlich für einfach alles auf einem Boot oder Schiff rechtlich voll verantwortlich bleibt. Sie haben zwar noch nicht überwältigend viel Erfahrung, aber ausreichend und machten das ja schon monatelang, bevor ich überhaupt an Bord kam. Auch Britt ist keineswegs unerfahren, denn in ihrer Familie gibt es mehrere Segler und sie war schon als junges Mädchen oft mit dabei; früher allerdings vor allem in der reinen Gastrolle, ohne sich selbst wirklich um irgendwas Wichtiges kümmern zu müssen oder dafür verantwortlich zu sein.

Sie beherrscht alle typischen Handgriffe auf einer Segelyacht, kann sicher steuern, ankern, Segel setzen und einholen sowie auf der elektronischen Seekarte navigieren; jedoch lief das alles eher wie ein Hobby nebenher, ohne sich ernsthaft mit den tieferen Details zu beschäftigen. Damit fing sie erst an, als sie neben dem Modeln für einige Teilstrecken der Überführung vom Baltikum an die Algarve mitsegelte. So wie sie als Model gelernt hat, trotz ihrer noch jungen Jahre fleißig, diszipliniert und zuverlässig zu arbeiten, beschäftigt sie sich nun seit einiger Zeit auch ernsthaft mit dem echten Seglerleben.

 

Den ersten Schwung des ganzen Krams brachten wir noch zu viert gemeinsam an Bord. Dann teilten wir uns auf: Vicky und Demo blieben an Bord, um alles ordentlich zu verstauen und gegebenenfalls die Staulisten direkt zu aktualisieren. Britt und ich übernahmen den Pendel-Zubringerdienst; einen Haufen Zeug zum Ufer und Beiboot bringen, einladen, übersetzen zur ankernden Yacht, ausladen und es Vicky und Demo übergeben, dann direkt zurück und die nächste Tour vorbereiten.

Zu Mittag machten wir nur eine kurze, etwa 40 Minuten lange Pause mit kühlem Sushi aus einem Geschäft, selbstgemachtem Mischsalat mit Fetakäse und Schinkenstücken sowie Obst, vor allem Wassermelone und gutem Kaffee. Mit dem Wetter hatten wir Glück, es war überwiegend bewölkt und eine kühle Luftströmung sorgte für Temperaturen von höchstens 24 bis 25°C. Dadurch schwitzten wir nicht so furchtbar, aber als wir gegen 17 Uhr alles geschafft hatten, waren wir natürlich dennoch verschwitzt und etwas schmutzig.

»Ich dusch mal bei euch, ihr seid doch schon fertig, oder?« Kam Britt topless nur im Slip in die Achterkabine geschlendert. »Demo findet kein Duschende.«

»Immer rein, wir sind fertig.« Winkte Vicky die nordische Schöne in unser deutlich größeres Bad der Heckkabine; hier können sogar zwei Personen gleichzeitig duschen, während das Steuerbord-Badkabuff im Bug erheblich enger ist. Demo hatte sich im Maschinenraum und bei der Technik deutlich mehr mit teils öligem Dreck beschmiert als wir anderen, weshalb er sich in der Dusche auch länger einweichen und abschrubben musste.

 

Quasi zur Feier des Tages lud ich dann alle ins Borda do Cais ein, wo Vicky und ich schon mal essen waren und das ich bereits als richtig gutes Restaurant der gehobenen Kategorie beschrieben habe. Dort schlemmten wir delikat und plauderten über unsere Absicht, morgen zur ungefähr 10 Seemeilen westlich gelegenen Küstenstadt Lagos zu segeln. Dabei sollten auf See, je nach Wetterlage, einige Übungsmanöver durchgeführt werden, und ich sprach noch einen wichtigen Punkt an:

»Hört mal zu…« wartete ich kurz, bis sich die Aufmerksamkeit auf mich konzentrierte, und schaute allen der Reihe nach fest in die Augen »…versucht mir eine ehrliche, realistische Selbsteinschätzung zu geben, wie fit ihr für „Mann über Bord“ Manöver seid.«

»Oh je…, also ehrlich, ich hab die Theorie im Kopf, fühle mich aber in der Praxis nicht fit dafür.« Gestand Britt schnell als Erste und schob sich eine leckere Riesengarnele mit Kräuterdip in den sinnlichen Mund.

»Das haben wir zuletzt vor Monaten in der baltischen See durchgeführt, als wir den Törn hierher starteten.« Gab auch Vicky offen zu. »Jetzt, wo du es ansprichst…, ja, das sollten wir dringend öfter üben; ist wichtig, nicht wahr?!«

Demo nickte zustimmend, und ich führte weiter aus: »Oh ja, das ist sogar sehr wichtig, schlimmstenfalls überlebenswichtig. Besonders wenn ihr jetzt wirklich dauerhaft als Fahrtensegler an Bord leben und im Herbst über den Atlantik segeln wollt! Ihr müsst die dazu notwendigen Verhaltensweisen so verinnerlichen, dass ihr in einem echten Notfall quasi automatisch richtig in der Aufregung reagieren könnt, ohne lange überlegen zu müssen. Hiermit ordnet der Captain an: Das wird ab heute mindestens einmal pro Woche geübt, bis alles sitzt und ihr instinktiv richtig reagiert!« Zwinkerte ich lächelnd, um es nicht ganz so furchtbar streng klingen zu lassen; aber mit einem Tonfall, der unmissverständlich aussagte, dass es mir ernst ist, und im Grunde wissen die drei das ja auch selbst.

»Aye, aye Captain…« salutierte Britt auf amüsante Art im Sitzen, Vicky und Demo machten es ihr sogleich nach.

Das wirkte im ersten Moment locker-unernst. Doch die Körpersprache und ihre Blicke verrieten mir, dass sie durchaus verstanden hatten und Mann über Bord Manöver für sie nicht nur frustrierender Kram sind. Die drei sind noch junge Erwachsene mit der typischen, etwas leichtsinnigen Selbstüberschätzung, wie wir sie alle in diesem Alter hatten; ich war da früher auch nicht wesentlich anders. Aber sie sind eben auch clever, diszipliniert und vernünftig genug, um die harte Notwendigkeit solcher Übungen einzusehen.


 

Zufrieden säbelte ich mir ein ordentliches Stück Schweinesteak ab, kaute genüsslich und schob einige knusprige Pommes plus gemischten Salat hinterher. Da das Borda do Cais leider schon um 21:45 Uhr schließt, wir aber gern noch ein bisschen Spaß haben wollten, schlug Vicky nun vor, die originelle Freiluft-Bar in alten, ehemals kirchlichen Gemäuern zu besuchen, wo wir auch schon mal waren. Die Os Três Macacos hat täglich, außer an Sonntagen, von 21 bis 02 Uhr geöffnet.

Die kaum 200 Meter durch die alten Gassen des Fischerortes Ferragudo spazierten wir gemütlich nach dem Essen. Der malerische Ort setzt sich aus drei oder vier etwas auseinanderliegenden Dörfern zusammen. Dank guter Einnahmen aus dem Tourismus ist das meiste hübsch hergerichtet, und jetzt in der vollen Urlaubssaison sind die pittoresken Gassen an den Hauptwegen oft bis tief in die Nacht voller lebensfroher Menschen. Es wimmelt von überwiegend guten bis sogar sehr guten Restaurants, Bars und Kneipen, die in der Saison das meiste Geld fürs ganze Jahr verdienen. Manche Leute tanzen mit südländischer Lebensfreude auf Plätzen, in Gassen oder halt in passenden Lokalen.

Wir hatten in der »Drei Affen« Bar noch bis kurz nach Mitternacht Spaß mit netten Leuten, wollten heute aber nicht ganz so lange machen, um morgen ausgeschlafen und munter zu sein. Mit einem leichten Schwips schlenderten wir lachend durch die oft intensiv nach blühender Bougainvillea duftenden Gassen und kletterten am Anlegekai leicht schwankend in unseren dort festgemachten Tender. Gut gelaunt setzten wir an Bord über, wobei Britt verspielt das Beiboot extra stärker ins Schwanken brachte. Ich drohte ihr grinsen, sie über Bord zu werfen, was sie natürlich nur zum Lachen brachte.

Auf der Nauticat machen wir uns dann in den Bäder frisch und krochen gleich darauf in unsere Kojen, wo wir bald einschlummerten.

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Die wichtigste Kür auf dem Wasser oder warum wir regelmäßig das »Mann über Bord« Manöver simulieren

»Start Engine!« Rief Demo vom Ruderstand und drehte den Zündschlüssel des guten 107 PS YANMAR-4jh4-HTE Schiffsdiesels, Baujahr 2015, für etwa 15 Sekunden auf Vorglühen. Dann drehte er weiter auf Zündung und die Maschine sprang sofort an, lief rund, wurde warm und schnurrte zufrieden wie die sprichwörtliche Nähmaschine vor sich hin. Die JH-Serie gilt allgemein als guter, zuverlässiger Schiffsdiesel mit einer Lebensdauer bei guter Wartung von über 10.000 Stunden.

»Kühlwasser spritzt!« Bestätigte Britt mit einer Daumen-hoch-Geste, dort über die Reling gebeugt, wo sich der Auspuff befindet. Das sollte man immer gleich überprüfen. Kommen nur Abgase ohne spritzendes Seewasser heraus, wüsste man sofort, dass es ein Problem mit dem Impeller gibt und die Maschine bald überhitzt. So könnte man den Motor sofort wieder abstellen und das Problem suchen, bevor man beispielsweise ablegt oder den Anker hochzieht und in ernste Schwierigkeiten käme, wenn man den Motor beim Manövrieren plötzlich abstellen muss.

Vicky, typischerweise völlig ungeniert nackig an Deck einen sehr reizvollen Anblick bietend, hatte bereits den Heckanker auf die vordere Winsch umgeleitet, und den zogen wir als Erstes ein. Danach holten wir den Bug-Hauptanker auf, wonach Demo den Kahn locker in der Strömung des Rio Arade manövrieren und die Hafenausfahrt ansteuern konnte. Alle Manöver klappten sauber so wie es sein sollte, das beherrscht die Crew offensichtlich gut.

 

Gefrühstückt hatten wir ab 07:30 Uhr ganz gemütlich und besprachen dabei im Detail, was wir heute vorhatten. Die Wettervorhersage versprach nach Abzug morgendlicher Schleierwolken viel Sonnenschein, bis zu 27°C und 3 bis 15 Knoten Wind aus wechselnden Richtungen. Nicht ideal, etwas mehr konstanter Wind wäre mir lieber gewesen, aber okay, man muss halt nehmen, was man bekommt.

Draußen auf See gab es nur sehr schwache Atlantikdünung mit kaum nennenswerten Wellen; wir drehten in den Wind, setzten die Roll-Genua und mit dem Seldén In-Mast-Furler das Großsegel. Auf SWzS (Südwest zu Süd) Kurs hatten wir zunächst nur 5 bis 6 Knoten Wind von Steuerbord-Achteraus, etwas später immerhin 8 Knoten von Steuerbord-Querab, also klassischen Halbwind. Dafür, dass die Nauticat ein schwerer Rundspant-Verdränger ist, kam sie recht ordentlich ins Laufen. Der Bug schnitt mit um die 5 Knoten durchs Wasser, und wir kamen gut voran.

Geplant war das Üben diverser Segelmanöver sowie vor allem das wichtige MOB-Manöver (Man over Board oder deutsch: Mann über Bord).

Stellt euch vor: Die Sonne brennt vom azurblauen Himmel, der Wind bläst mit einer mäßigen Brise von der Seite, und unsere Nauticat zieht mit einer eleganten Leichtigkeit durch die glitzernden Wellen des Atlantiks. Der Duft von salziger Gischt mischt sich mit dem Aroma von frischem Kaffee, den Vicky gerade in der Pantry aufgesetzt hat. Britt sitzt tiefenentspannt auf dem Vordeck, die Beine baumeln über dem Wasser, und die Sonne zeichnete goldene Reflexe auf ihre Haut. Ein absoluter Postkarten-Moment. Alles flutscht, das Leben ist herrlich.


 

Und genau in diesem Moment der Schönwettersegeln Perfektion leitete ich das MOB-Manöver ein und warf am Heck einen schweren Seesack mit einer Boje als Kopf über Bord; gerade so austariert, dass sich der Bojen-Kopf noch über Wasser halten konnte und so einen Menschen simuliert.

Ein lauter Knall? Nein. Meistens ist es ein kurzes, tückisches Stolpern. Eine unerwartete Welle, die das Boot ins Rollen bringt, ein Griff, der ins Leere geht. Und plötzlich hörst du nur ein dumpfes Platschen, das man leicht überhören könnte, wenn man gerade mit etwas anderem abgelenkt ist.

Wer noch nie auf einer Yacht mitgesegelt ist, denkt jetzt vielleicht: »Na und? Dann dreht der Captain eben um, fischt denjenigen wieder auf, und weiter geht’s.« Klingt logisch, oder? In der Realität ist das der Moment, in dem dein Puls schlagartig von gemütlichen 60 auf Anschlag hochschießt. Denn eine Yacht ist kein Auto, das man einfach rückwärts einparkt. Wenn du mit fünf, sechs oder sieben Knoten (das sind immerhin gut 9 bis 13 km/h) unter Segeln unterwegs bist, hat sich das Boot in der Zeit, in der du einmal tief Luft holst, bereits dutzende Meter vom Unglücksort entfernt.

»MANN ÜBER BORD!« brüllt Demo, und seine Stimme schneidet durch das friedliche Rauschen des Windes wie ein Messer. Er zeigt mit ausgestrecktem Arm nach hinten ins Kielwasser.

Und genau jetzt entscheidet sich alles. Jetzt darf kein Auge trocken bleiben und kein Handgriff ungeübt sein. Wenn du in diesem Moment erst anfangen musst zu überlegen: »Mensch, wie war das noch gleich im Lehrbuch vor fünf Jahren?«, dann hast du schon verloren. Deshalb üben wir das ab jetzt immer und immer wieder. Bis es sitzt wie das tägliche Zähneputzen.

»Vicky, Ausguck! Nicht den Blick verlieren! Demo, wirf den Rettungskragen mit MOB-Signalboje!« Kommandiere ich im Kapitäns-Befehlston, während meine Hände bereits automatisch das Steuer übernahmen und herumreißen. Diese MOB-Bojen sind gewöhnlich lange Stangen mit einem Schwimmkörper und Gewichten, die sie senkrecht aufrecht halten, oben versehen mit einer bunten Fahne, um besser sichtbar zu sein.

Das Erste, was Nicht-Segler verstehen müssen: Das größte Problem auf dem offenen Meer ist nicht einmal die Kälte oder schlecht schwimmen zu können – es ist die Sichtbarkeit. Der Kopf eines Menschen im Wasser ist kaum größer als eine Kokosnuss. Bei ein bisschen Wellengang verlierst du ihn zwischen den Wellentälern in Sekundenschnelle aus den Augen. Wenn du einmal wegschaust, findest du ihn im unendlichen Blau oft nie wieder. Deshalb gibt es an Bord eine eiserne Regel: Wer den »Mann über Bord« zuerst sieht, wird zum festen »Ausguck«. Diese Person tut absolut nichts anderes, als ununterbrochen mit dem Finger auf den Schwimmer im Wasser zu zeigen. Starr, wie eine menschliche Kompassnadel.

»Ich habe ihn! Ungefähr auf sieben Uhr! Er treibt hinter der Heckwelle!« Ruft Vicky mit konzentriertem, ernstem Blick. Das Adrenalin hatte die anfängliche Gemütlichkeit komplett weggespült.

Jetzt beginnt das eigentliche Manöver, und das ist reine Physik und Handwerk. Man kann nicht einfach geradewegs zurücksteuern. Wenn man den Bug direkt in den Wind dreht, bleiben die Segel back stehen, das Boot verliert an Fahrt, wird manövrierunfähig und driftet unkontrolliert ab. Wir übten heute die klassische Q-Wende. Das Manöver wird typischerweise aus einem Amwind- oder Halbwindkurs gefahren. Dabei steuert man erst ein Stück weg, fährt dann einen großen Kreis, der wie der Buchstabe Q aussieht, und nähert sich dem Verunglückten schließlich von Lee – also von der Seite, wohin der Wind bläst.

Hier findet ihr ein gutes Lehrvideo zur Durchführung der Q-Wende im Detail: YouTube: Q-Wende Manöver Wer sich noch genauer über dieses und ähnliche wichtige Manöver informieren möchte, kann auf Google z. B. »Mann über Bord Q-Wende« eingeben; dann bekommt man viele Links und Videos dazu vorgeschlagen. Das verlinkte Video erklärt es jedoch wirklich gut und relativ leicht verständlich, weshalb ich es herausgesucht habe.

Warum von Lee? Ganz einfach: Wenn du dich von der windabgewandten Seite näherst, treibt der Schiffbrüchige durch den Wind langsam auf das Boot zu. Würdest du von der anderen Seite kommen, könnte die wuchtige, tonnenschwere Yacht durch eine Böe direkt über den Schwimmer gedrückt werden. Und glaubt mir, von einem Segelboot überrollt zu werden, macht überhaupt keinen Spaß.

Die Segel flattern wild, das Aluminium des Mastes erzittert leicht, und der Motor brüllt auf, als wir uns der Unglücksstelle wieder nähern. Das Boot legt sich in die Kurve, das Wasser spritzt über die Reling, und Britt platziert die See-Badeleiter ungefähr mittschiffs, wo die Bootsbewegungen bei Seegang am geringsten sind.

»Fahrt ist fast raus! Demo, mach die Bergeleine klar!« Rufe ich gegen den Wind an.

Wir schaffen es, die Yacht knapp zwei Meter neben dem Verunglückten zum Stehen zu bringen. Die Segel hängen killend im Wind, die Nauticat stampft leicht in der schwachen Dünung. In unserem Fall ist der »Mann über Bord« heute zum Glück nur der mit Schmutzwäsche vollgepackte Seesack plus Kopfboje, die wir liebevoll »Oscar« getauft haben. Aber das Gefühl ist genau das gleiche.

Jetzt kommt der zweite, oft unterschätzte Teil: Wie kriegst du einen nassen, schweren, vielleicht verletzten oder unterkühlten Menschen über die hohe Bordwand wieder nach oben? Ein erwachsener Mann in nassen Klamotten wiegt locker 80 bis über 100 kg. Den zieht niemand mal eben so aus dem Handgelenk über die Reling. Da müssen Hebelkräfte her, die Badeleiter, im Ernstfall sogar das Fall, mit dem man sonst die Segel hochzieht, um denjenigen per Winschenkraft an Deck zu kurbeln.

Demo angelt sich »Oscar« geschickt mit dem Bootshaken, Vicky packt mit an, und mit vereinten Kräften ziehen sie den mit Meerwasser vollgesogenen, schätzungsweise gut 50 kg schweren Sack über die Badeplattform am Heck zurück an Deck. Selbst das ist schon erheblich schwerer, als man denkt, und wäre mit einem ohnmächtigen oder geschockt starren, schweren Erwachsenen, den man ja auch nicht verletzen will, noch erheblich schwieriger; doch zur Übung reichte das fürs Erste.

Nun stelle man sich zusätzlich vor, man müsste das Ganze bei schlechtem Wetter oder gar Sturm, hohen Wellen und Dünung in schlechter Sicht durch Wolken und Regen durchführen, während eine relativ kleine Segelyacht heftig rollt und stampft. Dabei müsste man sogar sehr darauf achten, dass nicht womöglich in all der Aufregung durch hektisches Vorgehen eine weitere Person über Bord ins Meer fällt, was es noch viel schwieriger machen würde. Das ist wirklich kein Spaß und kostete schon so machen, auch sehr erfahrenen Seglern das Leben!

»Manöver beendet! Zeit: knapp über sieben Minuten für den ersten Versuch«, stellte Demo fest und wischt sich den Schweiß von der Stirn. Seine Augen blitzten zufrieden.

»Puh… das war knapp, haha! Oscar sieht ziemlich mitgenommen aus«, lachte Britt aufgeregt, während sie uns eine Flasche kaltes Wasser reicht. Das weiche Zittern in ihrer Stimme verrät, dass das Spiel dennoch seine Wirkung hinterlassen hat.

»Gute Arbeit, Crew! Mit etwas mehr Übung sollten wir es in Zukunft unter fünf Minuten schaffen«, grinste ich lobend, und wir löschten unseren Durst. Dazu gab es dann auch noch köstliche, große Stücke saftig-süßer Wassermelone, sozusagen als verdiente Belohnung.

Das ist das ganze Geheimnis. Es ist wie beim Brandschutz im Hotel: Niemand hofft, dass es brennt, aber jeder sollte wissen, wo der Notausgang ist. Solche Manöver zu üben, nimmt der Crew die Panik und gibt dem Skipper die Sicherheit, dass im Ernstfall jeder Handgriff sitzt. Denn am Ende des Tages ist die See ein herrlicher, wildromantischer Spielplatz – aber eben einer, der Respekt verlangt und auch lebensgefährlich sein kann.

Und nach so viel gelungener Action schmeckt der eiskalte Melonensaft-Mix im Schatten des Bimini-Tops gleich doppelt so gut. Wir setzen die Segel wieder dicht, die Nauticat legt sich sanft auf die Seite, und das friedliche Plätschern der Wellen hat uns wieder. Zufrieden steckten wir uns Zigaretten an, während der Autopilot die Yacht steuerte, plauderten, lachten und besprachen das durchgeführte Manöver noch mal im Detail.

 

Jetzt muss ich mich etwas kürzer fassen, sonst wird dieser Blog-Beitrag entschieden zu lang.

Wir übten danach auch noch einige Wenden und Halsen, was die Crew mittlerweile wirklich gut beherrscht. Auf etwa zwei Drittel des kreuzenden Segelkurses drehten wir auf See bei, genossen einen leichten Mittagsimbiss, ergänzt von ausgiebigem Badespaß rund um das treibende Boot im herrlich erfrischenden Meer. Zur Sicherheit blieb abwechselnd immer einer an Deck als Wache zurück, während die drei anderen im Wasser plantschten.

Das letzte Stück mussten wir ohne Segel unter Motor zurücklegen, fast exakt Westkurs, weil uns der Wind direkt von gegenan kam. Schließlich erreichten wir den Einfahrtskanal zur Marina de Lagos und tuckerten diesen langsam hoch. Vorbei an der im Kanal festgemachten Caravela Boa Esperança, dem historischen Nachbau einer klassischen Karavelle aus der Entdeckerzeit auf hölzernen Segelschiffen, näherten wir uns langsam einer Klappbrücke und nahmen über Funk Kontakt auf.


 

Die Fußgänger-Klappbrücke »Ponte Pedonal Basculante« öffnet auf Anfrage – on demand; Boote und Schiffe rufen die Marina per VHF-Kanal 09 oder telefonisch unter +351 282 770 210 an und bitten höflich um die Öffnung. Einzige Ausnahme: 10 Minuten vor Abfahrt der Züge vom Bahnhof Lagos, der direkt neben der Marina liegt, haben Fußgänger absoluten Vorrang – in dieser Zeit wird die Brücke unter keinen Umständen für Boote geöffnet. Die Brücke öffnet während der regulären Betriebszeiten der Marina-Rezeption, derzeit im Zeitraum vom 7. Juni bis 15. September von 8:00 bis 21:00 Uhr.

Außerhalb dieser Zeiten bleibt die Brücke in der Regel fest geschlossen.

Das macht die Brücke zu einem netten Schauspiel für Touristen am Ufer – sie hebt sich immer genau dann, wenn ein größeres Boot ein- oder ausläuft. Hier gibt es die offiziellen Informationen der Marina für die Brücke (Beispiel-Link).


 

Nachdem wir sicher durch waren, steuerten wir in der eng und voll belegten Marina einen Platz zum Festmachen an, der einem unserer neuen Seglerfreunde gehört. Den oder die hatten wir im Rio Arade kennengelernt, und sie segeln mit ihrem ähnlich großen Boot derzeit im Mittelmeer; bis August ist dieser Platz also unbelegt, und der Eigner stellte ihn uns großzügig zur Verfügung. Das Anlegemanöver in diesem engen Raum war etwas kniffelig, auch wenn die Nauticat über ein praktisches Bugstrahlruder verfügt. Doch Vicky, die ich das Manöver absichtlich ausführen ließ, machte das richtig gut und routiniert ohne größere Probleme.

Nun wurde geschwind das Deck aufgeklart, Fender und Festmacherleinen noch einmal genau überprüft. Dann duschten wir uns unter Deck frisch, zogen locker-luftige Sommersachen über und starteten zu einem ersten Landausflug. Doch dazu im nächsten Blog mehr, sonst wird dieser hier einfach zu lang und vermischt zu viele Themen auf einmal.

 

Also, bis demnächst! 😊

Steve & Crew

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Algarve, Schnorcheln, Schwimmen und Felshöhlen-Erkundungen

 

#26.06.23 – Algarve, Schnorcheln, Schwimmen und Felshöhlen-Erkundungen

»Uuups… haha.« In der ersten, kühlen Morgendämmerung prallte Britt in der Küche frontal gegen mich. Eigentlich war es noch viel zu früh zum Aufstehen, die Sonne klettert derzeit erst um 06:14 Uhr über den Horizont. Aber ein dringendes Bedürfnis hatte mich aus den Federn getrieben, und jetzt wollte ich mir einen Schluck Kaltes aus dem Kühlschrank holen. Britt hatte vermutlich etwas Ähnliches zum frühen Aufstehen veranlasst und ich grinste vergnügt.

»Ja, ups – und was für ein Glück, dass du da einen wunderschönen, doppelten Aufprallschutz hast, hoho.« Wir waren tatsächlich voll frontal zusammengestoßen, aber weiche Weiblichkeit mit einem schönen Busen dämpfte den Aufprall perfekt ab.

»DEIN Glück und DEINE Freude, hahaha!« Lachte sie unbekümmert locker. Sie stand genauso nackt da wie ich, was in der stillen morgendlichen Frische der Wohnung schon einen leicht kribbelnden Reiz hatte. Sie ist einfach eine verdammt gut gebaute Schönheit.

»Genau, zu MEINER Freude! So früh schon wach, moin Britt?«

»Moin, moin. Ich hatte voll Durst, richtig wach bin ich eigentlich noch gar nicht.«

»Ich auch nicht, ich wollte mich gleich wieder hinlegen.« Lies ich sie los, ging zum Kühlschrank und goss mir ein Glas aus der gestern frisch kaltgestellten Karaffe mit Melonensaft-Mineralwasser-Mix ein, das ich auf einen Zug austrank. »Aaah… das tut gut!«

»Yep, habe ich auch getrunken. Und gleich wieder hinlegen klingt supi.« Sie gähnte ausgiebig. Wir trotteten also zurück in unsere Zimmer und krochen wieder unter die Laken, um noch ein gemütliches Stündchen zu schlummern. Vicky pennte tief und fest; sie reagierte überhaupt nicht auf die Bewegungen der Matratze durch mein Gewicht.

Gegen 07:20 Uhr standen wir schließlich endgültig auf, duschten uns frisch und versammelten uns danach mit Britt und Demo zum gemeinsamen Frühstück auf der Terrasse. Wie ich es liebe, futterte ich zunächst eine Banane und rauchte mit einem guten Café Crema meine geliebte Morgenzigarette, bevor ich überhaupt ans Essen dachte. Die anderen drei sind zwar auch Raucher, qualmen aber deutlich weniger als ich. Sie legten schon kräftig los, und zehn Minuten später verputzte auch ich gutes, dunkles Roggenbrot mit Butter, Aioli-Creme, Avocado, köstlichem Räucherfisch und dazu noch dicke, fette Oliven, Peperoni sowie scharfe Jalapeños.

Die Frauen griffen zwar auch zu, hielten sich jedoch hauptsächlich an Müsli und frisches Obst – natürlich „wegen der Figur“ –, während Demo und ich völlig ungeniert reinhauten. Dabei sprachen wir über unsere Tagesvorhaben, die sich heute ausschließlich um vergnügliche Abenteuer drehten. Das im Fluss ankernde Boot hatten wir in den letzten beiden Tagen an Deck und vor allem unter Deck auf Hochglanz poliert und geputzt, die Arbeit war also erledigt.

Gemeinsam mit ein paar angefreundeten Yachties wollten wir an der malerisch rauen Felsküste mit den Tendern schnorcheln gehen, diverse Felshöhlen erkunden und natürlich auch einfach erfrischend im Meer plantschen. Die Felslandschaften der Algarve sind ja weltweit berühmt und wirklich faszinierend. Es gibt unzählige Stellen, die von der Landseite aus nur mit gefährlichen Klettertouren und professioneller Bergsteigerausrüstung erreichbar wären.

Mit kleinen Booten oder schwimmend kann man jedoch wunderbar durch die von der Erosion ausgewaschenen, wuchtigen Felsbögen navigieren oder in halb unter Wasser stehende Höhlen vordringen. Kleine, versteckte Sandstrände unter rauen Felsklippen tauchen hier und da wie aus dem Nichts auf. Das Ganze wirkt so mystisch, als müsse man jeden Moment einen versteckten Piratenschatz entdecken. Ein bisschen echtes Abenteuerfeeling ist also garantiert. Natürlich ist dieser Küstenabschnitt seit Jahrhunderten, wenn nicht gar Jahrtausenden genau untersucht, trotzdem sollte man hier niemals leichtsinnig sein, sondern vorsichtig und überlegt vorgehen.

Die Erosion durch Wind, Regen und Meereswellen arbeitet unaufhörlich; jederzeit können sich an den hohen Klippen schwere Gesteinsbrocken lösen und in die Tiefe stürzen. Bekäme man so einen Brocken ab, wäre das fraglos tödlich oder würde zumindest schwerste Verletzungen verursachen. Wenn der Ozean-Schwell oder die Brandungswellen zu stark werden, können sie dich außerdem im Nu gegen eine raue Felswand oder in einer Höhle an die Decke klatschen, was unvermeidlich mit Knochenbrüchen endet. Man muss also zwingend auf schönes Wetter und ruhige See achten und darf keinesfalls gedankenlos leichtsinnig losziehen!


 

»Ich freu mich schon voll, ihr auch?!« War Britt die Erste an unserem Beiboot, einem Talamex TLX 300 mit Aluboden und 5 PS Honda Motor. Das ist ein solider Mittelklasse-Tender für Yachten, und die fünf Pferdestärken reichen bei ruhigem Wetter völlig aus, um im Atlantik sicher zu manövrieren.

»Na klar, die Küstenlandschaft ist doch echt schön. Los, lasst uns einen Piratenschatz finden, haha!« Lachte Vicky.

»Ihr wisst aber schon, dass der Captain historisch immer den weitaus größeren Anteil an der Beute erhält als die Crew?!« Grinste ich spielerisch übertrieben hochnäsig.

»Aye Sir, oh großer Captain.« Zwinkerte Britt und konterte schlagfertig. »Aber du weißt auch, dass ein Captain, der seiner Crew nicht genügend Beute organisiert, ganz schnell abgesetzt und über Bord geschmissen wurde, haha?!«

»Verdammt, stimmt, unter Piraten war das früher wirklich so.« Gestand ich ein. Während wir zum vereinbarten Treffpunkt mit den anderen Yachties schipperten, diskutierten wir scherzend über die alten Korsarenzeiten. Die drei lesen alle ganz gern und sind nicht nur durch unrealistische Hollywood-Filme informiert. Der meist eher ruhige Demo taute sogar richtig auf und lieferte eine amüsante, perfekt getroffene Verhaltens- und Stimmenimitation von Jack Sparrow ab. schmunzel

Nach der munteren Begrüßung mit den anderen Yachties – fünf sympathische Leute in einem deutlich größeren, stärker motorisierten Beiboot – ging es auch gleich los. Zu den malerisch rauen, wildromantischen Felsküsten und der bunten, maritimen Unterwasserwelt lasse ich im Blog vor allem die Fotos sprechen, die bekanntlich mehr aussagen als tausend Worte.

Natürlich hatten wir auch Kühltaschen mit gekühlten Getränken und für eine ausgiebige Mittagspause genug zu essen dabei; kalte Hähnchenkeulen, würzige Kartoffel- und Nudelsalate, viel Obst und was man für so ein Strandpicknick in südlichen Ländern halt gern einpackt. Zwei der anderen Yachties kannten sich an der Küste ziemlich gut aus, waren schon öfters hier und zeigten uns einen wunderschönen, winzigen Sandstrand inmitten malerisch-beeindruckender Felsformationen.


 

Dort machten wir es uns zu Mittag gemütlich, stärkten uns und plantschten im herrlich erfrischenden Meer. Vicky versuchte mutig und splitternackt eine raue Felsformation zu erklimmen, was ein bisschen leichtsinnig war. Aber nur ein klein wenig, denn sie ist sportlich topfit und hat auch etwas Klettererfahrung.

Doch sie war vernünftig genug, schnell selbst zu erkennen, dass sie es zwar locker hoch schaffen, dann aber erhebliche Probleme bekommen würde, so ganz ohne Kleidung ohne üble Kratzer oder Abschürfungen wieder herunterzukommen. Also gab sie lachend auf und quittierte meine spitzen Bemerkungen schlagfertig. Sie hatte kein Problem damit, den Rückzug anzutreten, nachdem sie einmal angefangen hatte. Das zeigt mir wieder, dass sie auch als junge Frau vernünftige Entscheidungen treffen kann und sich nicht aus falschem Stolz zu unnötigem Leichtsinn verleiten lässt.

Erfrischt und satt von dem kleinen Gelage sprangen wir noch einmal in das rund 20° kühle Meerwasser, bevor wir eine ruhige Siesta einlegten. Eine mächtige, leicht überhängende Felswand an der Ostseite der kleinen Bucht bot wunderbaren Schatten und lenkte den schwachen Wind zudem so um, dass ein herrlich kühlender Effekt entstand. Ich erlaubte mir ein kleines Nickerchen und wurde etwa eine Dreiviertelstunde später davon geweckt, dass eine lustige Fünfergruppe Nudisten mit einem Schlauchboot ankam.

Die sympathische Truppe – zwei Paare und eine Single-Schwester, also zwei junge Männer und drei ausgesprochen hübsche, junge Frauen – störte uns überhaupt nicht. Wir wollten sowieso gleich zum Schnorcheln etwas weiter draußen aufbrechen. Etwas widerwillig schlüpften wir dazu in die isolierenden, hautengen Taucheranzüge. Wenn du bei 20° Wassertemperatur etwa zwei Stunden schorcheln und tauchen willst, würdest du nackt oder nur in Badekleidung viel zu schnell auskühlen und anfangen zu schlottern.


 

Die maritime Unterwasserwelt ist hier zwar nicht so knallbunt wie in tropischen Korallenriffen, aber es gibt dennoch viel zu sehen. Nahe der Oberfläche war das Meerwasser glasklar, aber etwas tiefer hielt sich durch aufgewirbeltes Sediment eine leichte Trübung mit Sichtweiten von etwa 25 bis 30 Metern, was zum Entdecken völlig ausreichte. Auch hier gibt es viele hübsche Meereslebewesen, die meiner in ein wasserdichtes Gehäuse gesteckten Kamera sozusagen professionell cool als Models posierten.

Trotz der vielen Badeurlauber und Taucher in dieser touristisch gut erschlossenen Küstenregion wirkt die Natur unter Wasser weitestgehend intakt. An manchen Stellen wimmelt es nur so von kleinen, großen und sehr großen Fischen. Obwohl die einheimischen Fischer im Sommer Millionen von Touristen – derzeit etwa 5,3 Millionen jährlich – über die Restaurants mit köstlichen Fischgerichten versorgen und zusätzlich die heimische Fischindustrie bedienen, liegt keine massive Überfischung vor.

Es gibt eine traditionelle, vor allem kleinmaßstäbliche Fischerei an der Algarve, die aber deutlich kleiner ist als der Tourismus. Die Region hat etwa 200 Kilometer Küste mit rund 2.500 registrierten Fischern und über 850 Booten. 2023 lagen die Fänge bei ca. 18.500 Tonnen, was etwa 14 % des portugiesischen Gesamtfischfangs ausmacht. Wichtige Arten sind Polvo (Tintenfisch/Oktopus), Garnelen, Sardinen und Makrelen. Die Aquakultur, zum Beispiel in der Ria Formosa, ist stark aufgestellt und wächst kontinuierlich.

Besonders bei pelagischen Arten wie Sardinen, die national in Portugal als besonders beliebte Fischart früher stark überfischt wurden, gab es in den 2000er- und 2010er-Jahren durch schlechtes Management und Klimafaktoren massive Probleme mit den Beständen. Diese haben sich jedoch durch strenge Quoten und Schutzmaßnahmen teilweise wieder erholt, liegen aber teils noch unter den historischen Niveaus. Die Algarve-Fischerei priorisiert jetzt eine nachhaltige, kleinmaßstäbliche Fischerei mit Reusen, Fallen und selektiven Geräten, was erheblich weniger schädlich für den Meeresboden ist als große Schleppnetze.

Der Polvo-Fang als wichtigster Wirtschaftsfaktor wird aktiv mit Co-Management unter Beteiligung von Fischern, Wissenschaft und Behörden, Mindestgrößen, Fangverboten und Schließzeiten nachhaltiger gestaltet. Lokale Initiativen, wie der Schutz von Riffen durch die Fischer selbst, zeigen positives Engagement und messbare Ergebnisse. Die Fischerei existiert und trägt zur lokalen Wirtschaft bei, befindet sich aber durch diese Nachhaltigkeitsmaßnahmen im Wandel.

Es gibt klare Anzeichen früherer Übernutzung und anhaltenden Drucks, die Unterwasserwelt ist jedoch durch Schutzgebiete und selektive Fischerei teilweise erstaunlich resilient. Sie ist nicht unberührt, profitiert aber von den laufenden Verbesserungen. Für Taucher oder Schnorchler gibt es noch wunderschöne Riffe und eine tolle Vielfalt, besonders in geschützten oder weniger frequentierten Bereichen. Die aktuellen Entwicklungen deuten auf eine nachhaltigere Zukunft hin.


 

»Sehr faszinierend und wunderschön«, staunte einer der Yachtfreunde, der bisher nur in der Nord- und Ostsee segeln, schwimmen und tauchen war, als wir wieder an Land kamen. »Und diese tollen Felslandschaften. Die Algarve ist wirklich extrem reizvoll.«

Amüsanterweise hatten wir unbeabsichtigt einen Praia Naturista, also einen offiziellen Nudistenstrand angesteuert, an dem sich aktuell jedoch kaum jemand befand. Unserer Gruppe war das nur recht, da wir bei 31° Lufttemperatur sowieso am liebsten alles auszogen und komplett nackt blieben. Wir erfrischten uns mit kühler Wassermelone und Getränken oder aßen noch einen Happen von den Resten des kalten Mittagspicknicks.

Zwei Leute blieben zurück, um unsere Sachen und die Beiboote zu bewachen, wir anderen kletterten über eine Art sehr steilen Ziegenpfad hoch auf die Klippen, um von oben die fantastische Aussicht auf das weite Meer und die malerisch rauen Felsküstenformationen zu bestaunen. Diesbezüglich hat die Algarve wirklich viel zu bieten. Man fühlt sich wie ein echter Entdecker und stößt ständig auf neue, faszinierende Felslandschaften. Wie heißt es doch so treffend: Die Natur ist und bleibt der unerreicht größte Künstler überhaupt!

 

»Auf ins Meer! Und der Letzte, also unser tapsiger Bären-Captain, haha, muss zur Strafe ein Eis ausgeben!« Stichelte Britt lachend, als wir staubig, verschwitzt und sandig zurück an den kleinen, zauberhaften Sandstrand kamen.

»Aufgepasst, wenn ich dich erwische, bereust du diese Frechheit!« Grinste ich und jagte den mit entzückend hüpfenden Brüsten fliehenden Nackedei in die herrlich erfrischenden Meeresfluten. Natürlich ließ sie sich nur zu gern einfangen, untertauchen und an besonders empfindlichen Körperregionen unter kreischendem Lachen von mir kitzeln.

Daraus entwickelte sich eine wilde, ausgelassene Wasserschlacht unserer gesamten Gruppe. Danach ging ich mit einigen der anderen auch noch eine Runde sportlich schwimmen. Das ist einfach perfekt für die körperliche Fitness und das Verbrennen von Kalorien, macht so zudem Spaß. Ich liebe es besonders, weit hinaus aufs offene Meer zu schwimmen und mich dann einige Zeit in „Toter Mann“-Rückenlage treiben zu lassen. Natürlich muss man auch dabei immer mit Bedacht vorgehen, wie im Grunde an jeder Meeres- und Ozeanküste.

Im Sommer bei ruhig-schönem Wetter sind die Strömungen an der Algarve-Küste meist moderat, aber keineswegs risikofrei. Die Region liegt direkt am Atlantik, daher gibt es immer potenzielle Gefahren durch Rippströmungen (rip currents) – selbst bei scheinbar ruhiger See und strahlendem Sonnenschein. Diese können völlig unvermittelt auftreten und selbst starke Schwimmer überraschen.

Rippströmungen sind schmale, starke Kanäle, die das Wasser und die Schwimmer seewärts ziehen – oft nur 10 bis 50 Meter breit, aber extrem schnell mit einer Geschwindigkeit von bis zu mehreren Kilometern pro Stunde. Sie ziehen einen nicht unter Wasser, das ist ein weitverbreiteter Mythos, sondern tragen dich einfach unaufhaltsam vom Ufer weg. Wenn du dann panisch versucht, direkt gegen die Strömung zurückzuschwimmen, bist du schnell erschöpft. Bei einer Rippströmung gilt: unbedingt ruhig bleiben, überlegt parallel zum Ufer aus der Strömung hinausschwimmen und erst dann mit den Wellen und der Dünung zurück zum Strand steuern.

Unerfahrenen oder unsicheren Schwimmern ist dringend anzuraten, an Meeresküsten im bewachten Bereich offizieller Strände mit Rettungsschwimmern zu bleiben und sich nicht allzu weit von der Küste zu entfernen. Man sollte sich selbst keinesfalls überschätzen oder falschen Stolz zeigen. Selbst hervorragende Schwimmer von Olympioniken-Format sind in gefährlichen Unterströmungen schon in massive Schwierigkeiten geraten oder gar ertrunken, weil sie in der Panik falsch reagiert haben. Über solche Dinge sollte man sich stets vorher seriös informieren und nicht einfach blind nach dem Motto „oh, was für ein toller Strand und schönes Meer“ hineinlaufen und herausschwimmen!

Ganz im Ernst, nehmt das nicht auf die leichte Schulter! Ich kannte mal einen ausgezeichneten, topfitten Schwimmer, der in einem nationalen Wettbewerb sogar eine Silbermedaille gewonnen hatte. Der kannte aber eben nur Sport-Schwimmbecken und Inlandsgewässer wie Seen. Als er erstmals am offenen Meer in einen dieser Rippströme geriet, von denen er überhaupt nichts wusste, und deshalb falsch reagierte – indem er mit aller Kraft direkt dagegen ankämpfe –, reichten auch seine enormen Kräfte und die ganze Schwimmerfahrung nicht aus. Hätten ihn nicht aufmerksame Lifeguards entdeckt und noch rechtzeitig gerettet, wäre es sein Ende gewesen. Seither hat er einen Mordsrespekt vor Stränden am Meer und traut sich kaum weiter als 20 Meter raus.

Vicky startete unterdessen einen erneuten, nackten Kletterversuch an einer Felswand, die deutlich geeigneter aussah, um daran unverletzt nicht nur hoch, sondern auch wieder runterzukommen. Diesmal kam sie tatsächlich ein paar Meter hoch und lachte von oben triumphierend zu mir herab.

»Hey Captain, traust du dich, mir zu folgen?«

»Nein danke. Das Risiko, mein Schwänzchen irgendwo einzuklemmen, ist mir einfach zu hoch.« Grinste ich cool. »Im Meer plantschen ist mir deutlich lieber!«

»Und wenn dir im Meer ein Fisch dein kleines Würstchen abbeißt, haha?« Warf Britt frech ein und steckte mir die Zunge heraus. Sie hatte das Wort „kleines“ natürlich besonders betont, worüber die gesamte Runde schmunzelte.

»Wenn du zu frech wirst, kann ich dir mal zeigen, wie GROSS das „kleine Würstchen“ in Wahrheit werden kann, hehe!« Machte ich amüsiert ihr Spielchen mit.

»Ha! Leere Versprechungen beeindrucken mich gar nicht!« Konterte sie schlagfertig. So ging der wortwitzige Schlagabtausch noch eine Weile weiter, während Vicky wieder von ihrem Felsenthron herunterstieg und die letzten Meter geschmeidig in den Sand und direkt in meine Arme sprang.


 

Am späteren Nachmittag hatten wir angenehme 27° bei einem schwachen, aber dennoch kühlenden Wind aus Südwest. Vicky, Britt und ich erkundeten die zerklüftete Felsenküste mit ihren Sandstränden noch etwas weiter und entdeckten eine faszinierende, verwunschene Höhle mit einem wunderschönen, feinen Sandstrand davor. Man konnte auf dem sandigen Boden problemlos ein gutes Stück hineinlaufen und sich dabei tatsächlich wie in einem echten Piratenabenteuer auf der Suche nach verbuddelten Schätzen fühlen.

Der feine, kühle Sand in der Höhle war völlig unberührt, und die Luft roch intensiv nach feuchtem Stein und salziger Gischt. Das gedämpfte Licht verlieh dem Ort etwas magisch Geheimnisvolles. Außer unseren Fußspuren waren auf dem glatten, schmalen Sandstreifen bis zum offenen Meer und in der Höhle keinerlei Spuren zu sehen. Das hat natürlich nichts zu sagen, denn bei nur ein wenig mehr Wind und Wellen dürfte der Sand sofort vom Meer überspült werden. Die Höhle muss ein Einschluss weicheren Gesteins im großen Felsenkliff darüber gewesen sein, das von der Brandungserosion über Jahrtausende ausgewaschen wurde.

Das regte nicht nur die Fantasie an, sondern weckte auch sofort das Kind in einem. Man stelle sich vor, als Junge oder Mädchen an einer solchen Küste umherzustreifen, Höhlen zu entdecken, auf Felsen zu klettern oder im Sand zu buddeln; welches Kind würde das nicht als supertolles, aufregendes Abenteuer empfinden? Lächel

»Komm, schieß ein sexy Foto von mir im Höhleneingang!« Bat Britt mit definitiv angeregter Fantasie. Sie ist ja schließlich noch eine junge Frau.

»Als gefährliche oder verlockende Höhlen-Sirene, unwiderstehlich und tödlich für jeden Schiffbrüchigen, hoho?« Kam ich ihrem Wunsch natürlich nur zu gern nach. Sie positionierte sich genau an der Schwelle, wo das helle Sonnenlicht auf das tiefe Dunkel der Höhle traf. Die Strahlen hoben die Konturen ihres nackten Körpers perfekt hervor und ließen ihre nasse Haut wie flüssiges Gold schimmern.

»Unwiderstehliche Sirene passt, haha – und wenn mir der Schiffbrüchige gefällt, darf er von mir aus auch weiterleben.« Lachte sie und stellte sich reizvoll in Pose, was ich als Mann und Fotograf begeistert aufnahm.

»Ich stelle mir das gerade im Kopfkino vor.« Schmunzelte ich männlich. »Stellt euch vor, ein Schiffbrüchiger wird an diesen Strand angetrieben. Als er sich erleichtert über sein Überleben umschaut, kommt ihr beide wunderschön und natürlich nackt aus dem Dunkel der Höhle ins helle Sonnenlicht hervor. Der arme Kerl müsste angesichts so viel entzückender Schönheit doch felsenfest glauben, in Wahrheit tot und im Paradies angekommen zu sein, hoho.«

»Ahaha… wir würden ihm sehr schnell klar machen, dass er noch verdammt lebendig ist!« Lachten die beiden amüsiert und mit funkelnden Augen.

Über diese Vorstellung gemeinsam lachend, verschwitzt und sandig, liefen wir ins wundervoll erfrischende Meer und plantschten noch ein bisschen herum. Dann schlenderten wir plaudernd zurück zur Gruppe, wobei unsere Blicke ständig von den faszinierenden Felsformationen angezogen umherschweiften. Inzwischen näherte sich die glühende Sonnenscheibe dem Horizont und tauchte die bizarren, rauen Felsen in ein romantisch goldenes, weiches Licht.

»So schön… die Algarve ist echt einfach zauberhaft!« Seufzte Britt, und dem konnte man nur zustimmen.

Die anderen hatten sich schon gefragt, wo wir abgeblieben waren, und hatten bereits alles für die Rückkehr zusammengepackt. Von all den Aktivitäten des Tages – Schwimmen und Tauchen, Herumlaufen und Klettern, sportliche und lustige Strand- oder Wasserspiele – waren wir alle doch ein bisschen wohlig erschöpft und müde.

Der Eigner des großen Beiboots, das zu einer über 20 Meter langen Yacht gehört, lud uns noch spontan zum schnellen Grillen als Abendessen bei sich an Bord ein. Er hatte seiner professionellen, angestellten Crew aus Bootsmann und Stewardess bereits über Funk Anweisung gegeben, alles vorzubereiten. Wir nahmen das großzügige Angebot erfreut an.

 

Gleich nachdem wir auf seine traditionelle Jongert-Yacht gestiegen waren, legte seine Crew auch schon das Fleisch auf den längst angefeuerten Grill. Sofort verbreiteten sich köstliche Grillfleischdüfte, die uns in die Nase stiegen und noch mehr Appetit verursachten, als wir ohnehin schon hatten. Ich genehmigte mir zwei dicke Wagyu-Burger mit Backofen-Pommes und viel Salat, bremste mich dann aber rechtzeitig, obwohl ich locker noch mehr davon hätte verputzen können.

Über uns funkelte der südliche Sternenhimmel und an den Ufern des Rio Arade leuchteten romantisch die Lichter der menschlichen Besiedelung. Wein oder Bier trinkend plauderten wir noch ein bisschen und dankten selbstverständlich auch unserem netten, großzügigen Gastgeber. Der etwa 52-jährige Belgier lebt derzeit nur mit seiner Crew an Bord, fühlt sich vielleicht gelegentlich ein bisschen einsam und genoss unsere Gesellschaft, insbesondere die der clever aufgeweckten, charmanten und attraktiven jungen Frauen, sichtlich. Er redete nicht weiter darüber, deshalb wissen wir nicht, ob er geschieden oder verwitwet ist, aus welchem Grund er sonst allein auf seiner Yacht lebt oder ob es nur momentan einen befristeten Grund dafür gibt.

Egal, das geht uns ja im Grunde auch nichts an. Jedenfalls machten sich nach 22 Uhr dann doch bei allen die Anstrengungen des langen Tages bemerkbar. Alle gähnten gelegentlich mehr oder weniger heftig und wollten nur noch ins Bett, weshalb wir uns dann auch bald höflich verabschiedeten.

Zwanzig Minuten später waren wir vier zurück im Appartement, duschten uns noch mal ausgiebig frisch und erledigten die übliche Bad-Routine mit Zähneputzen und allem, was dazugehört. Bei wieder weit offenen Fenstern, um die frische Nachtluft hereinzulassen, krochen wir in die Federn, kuschelten noch ein bisschen, rutschten aber sehr schnell hinüber ins Reich der Träume… und das war ein weiterer, rundum schöner Tag an der malerischen Algarve. schnarch

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