Spanien. Segelspaß, Ankunft in Coruna und Ausgehen

 


#26.09.13 – Spanien. Segelspaß, Ankunft in Coruna und Ausgehen

»Wie sieht’s aus? Schaffen wir es heute noch?«, fragte Bella, als sie sich am Türrahmen zum Bad abstützte und sich ein Handtuch um die feuchten Haare wickelte. Ich saß am Laptop und verglicht Position, Kurs, Fahrt über Grund (SOG) und die voraussichtliche Ankunftszeit (ETA).

»Schätze, wir machen noch vor 20 Uhr in A Coruña fest, Löwin«, antwortete ich und zwinkerte der Blondine zu. »Du könntest dich mal nach einer guten Tapas-Bar umsehen. Sonntags schließen in Coruna viele Läden früh, und bei den verbleibenden geht die Bandbreite von fantastisch bis Fritteusen-Katastrophe. Recherchier mal ein bisschen, wir müssen wahrscheinlich ein Stück tiefer in die Altstadt hinein.«

»Mache ich nachher gleich…«, meinte sie, beugte sich schmunzelnd zu mir herunter und umarmte mich noch völlig unbekleidet. Wir küssten uns innig, während meine Hand über ihre samtweiche Haut streichelte.

Dann gingen wir zu Kasha und Sascha ins Cockpit, wo ich mir eine Kippe anzündete und den für alle Skipper obligatorischen Kontroll-Rundumblick über das Meer und die navigatorischen Anzeigeinstrumente wandern ließ.

Die gestrige Entscheidung, stur einige Stunden unter Maschine nach Süden zu steuern, erwies sich als richtiger Schachzug. Inzwischen blies eine prächtige Brise aus Ost bis Nordost mit 12 bis über 20 Knoten. Unsere Globetrotter marschierte im Schnitt mit 7 Knoten, in den Böen schob sie sich sogar über die 8-Knoten-Marke – und das ganz ohne akribischen Feintrimm der Schoten. Am Vormittag hatte der Wind noch zaghaft mit 7 bis 12 Knoten geweht, doch wie vorhergesagt drehte die Brise auffrischend auf Nordost, je näher wir der galicischen Küste kamen.

Die Atlantikdünung stand mit guten zwei Metern aus Nord bis Nord zu West – eine ungünstige Mischung aus Wind von achtern und Welle schräg von vorn. Das ist nie sonderlich komfortabel, aber bei solchen Bedingungen kann ein schwerer S-Rundspant-Langkieler wie unsere HC-48T seine Trümpfe voll ausspielen. Trotz des soliden Winddrucks von Steuerbord-achtern rollte das Schiff spürbar. Der Autopilot stieß dabei an seine Grenzen: Das Gerät hält stur den Kompasskurs und hat kein Gespür für die Dynamik der Wellen.

Deshalb steuerten wir überwiegend von Hand. Mit etwas Gefühl am Rad lässt sich der Rumpf so durch die seitlich anrollenden Wellen zirkeln, dass der Bug sanft durch die See schneidet. Sascha hatte gerade Wache und führte das Steuer mit beneidenswerter Routine. Alles deutete auf gutes Segelfinale einer gelungenen Biskaya-Passage hin. Lieber nimmt man ein paar Stunden schwachen Wind in Kauf, als in einen herbstlichen Biskaya-Sturm zu geraten. Nicht ohne Grund fürchten Seefahrer diese Gewässer seit Jahrhunderten; die Herbststürme hier können aus einer Urlaubsfahrt rasch einen überaus gefährlichen Überlebenskampf machen.

 

»Ich habe heute noch keinen einzigen Delfin gesehen!«, zog Kasha eine enttäuschte Schnute. Das charakteristische Frechdachs-Funkeln in ihren Augen verriet mir jedoch sofort, dass sie etwas im Schilde führte, als ich hoch ins Cockpit kletterte. »Dafür gab es vorhin eine äußerst unterhaltsame Kinovorstellung, hihi.«

»Ähm… Kinovorstellung?«, stand ich für einen Moment auf dem Schlauch.

»Jaaaa…, hihi… Als ich vorhin durch eure Decksluke linste, lief da unten eindeutig ein erstklassiger Erotikfilm, hahaha!«

»Na sowas, du Freche, was soll ich dazu sagen, hoho?«, lachte ich herzhaft mit, während auch Sascha am Steuerrad erheitert vor sich hin gluckste. »Soll ich dich zur Strafe direkt über Bord werfen, kielholen oder lieber aufknüpfen lassen?«

»Egal, ich mache alles mit, haha!«, hüpfte sie mit einem Satz auf meinen Schoß und spielte das verführbare, anschmiegsame Mädel, das den Kapitän milde stimmen möchte.

Sie ist wirklich ein geborener Frechdachs – manchmal ganz schön raffiniert, aber im Herzen herzlich, fröhlich und immer auf der Suche nach dem nächsten Spaß. Und bei einer derart hübschen, lebenslustigen jungen Frau gehört zum Begriff »Spaß« eben meist auch eine charmante, sinnliche Note, die für dieses herrliche Kribbeln sorgt. Schmunzel

Ich verabschiedete mich wieder nach unten, um gemütlich aufs Sofa geflätzt Online zwei Stunden lang liegengebliebene private und geschäftliche Mails abzuarbeiten. Bella werkelte derweil in der Kombüse und versorgte die Crew mit frischen Obsttellern, dampfendem Kaffee und gekühlten Drinks. Danach klappte auch sie ihren Laptop auf, um das Gastronomieangebot rund um die Marina A Coruña zu durchleuchten.

»Na, fündig geworden?«, erkundigte ich mich, als ihr Lächeln andeutete etwas entdeckt zu haben.

»Ich denke ja! Die Tapas-Bar A Roda in der Rúa Capitán Troncoso liegt nur 15 Gehminuten von der Marina entfernt. Sie hat sonntags durchgehend von 11 Uhr bis Mitternacht geöffnet, hält eine gute Bewertung von 4,3 Google Sternen, bei fast 1.500 Rezensionen und die Fotos sehen vielversprechend aus. Die Preise sind bodenständig und es verkehren offenbar viele Einheimische dort.«

»Wo die in Lokalen essen, ist es meistens gut! Das probieren wir aus«, pflichtete ich ihr bei.

Da man in Spanien eigentlich auch an Sonntagen ein pulsierendes, mediterranes Nachtleben erwartet, ging ich der Sache noch kurz auf den Grund. Die Gemini-KI lieferte auf Nachfrage eine einleuchtende Erklärung für das ruhige sonntägliche A Coruña:

Dass im Altstadt- und Hafenbereich (Ciudad Vieja und Pescadería) sonntags viele Restaurants abends geschlossen bleiben, liegt weder an mangelnder Gastfreundschaft noch an religiöser Strenge. Es ist das Zusammenspiel aus galicischer Tradition, spanischem Arbeitsrecht und dem Rhythmus der Einheimischen:

  • Fokus auf das sonntägliche Mittagessen (El Almuerzo): In Galicien ist das sonntägliche Mittagsmahl zwischen 14:00 und 17:00 Uhr das kulinarische Highlight der Woche. Die Familien kommen zu opulenten Festmahlen mit frischen Meeresfrüchten, Pulpo á Feira oder deftiger Empanada zusammen. Nach diesem ausgiebigen Schmaus legen viele Gastronomen die Messer nieder. Abends wird zu Hause allenfalls eine Kleinigkeit genascht, sodass sich der Küchenbetrieb ab 20:00 Uhr für viele Betriebe schlicht nicht rechnet.
  • Ruhetags-Kultur und Arbeitsrecht: Das spanische Arbeitsrecht garantiert Angestellten zwei zusammenhängende Ruhetage pro Woche. Da Freitagabend und Samstag die umsatzstärksten Zeiten für die Gastronomie sind, nutzen viele familiengeführte Betriebe den Sonntagabend und den Montag als wohlverdiente Ruhetage.
  • Die Hora del Vermut: Am Sonntag zieht es die Einheimischen vor allem zwischen 12:00 und 15:00 Uhr zum Apéro auf die Straßen. Nach diesem geselligen Tapeo leert sich die Altstadt zusehends. Man verbringt den Abend im Kreis der Familie, um montags ausgeruht in die Arbeitswoche zu starten.
  • Rhythmus des Hafenviertels: Das Areal rund um den Hafen lebt unter der Woche stark von Geschäftsleuten und tagsüber von Kreuzfahrttouristen. Wenn am späten Sonntagnachmittag die Kaimauern leer sind und die Büros ruhen, bricht die Laufkundschaft weg.

Tipp für Sonntage in A Coruña:

  • Mittags ausgiebig schlemmen: Verlegt die Hauptmahlzeit nach spanischer Sitte auf den Nachmittag (ab 14:30 Uhr).
  • Tapas-Bars statt Speiselokale: Wer abends Ausgehen möchte, orientiert sich in den Gassen wie der Rúa Galera oder Rúa Barrera an den traditionellen Tapas-Bars. Diese bieten oft durchgehend warme Kleinigkeiten an, selbst wenn die klassischen Restaurants ihre Küchen geschlossen halten.

Ein faszinierendes Beispiel dafür, wie KIs den Alltag vereinfachen, aber auch Nachteile bringen können. Früher hätte ich mich durch dutzende Reiseführer und Foren wühlen müssen, um diese Hintergründe zu verstehen. Die Technik spuckt das in Sekunden aus. Ob es dadurch bald überhaupt noch klassische Reiseberater, gedruckte Reiseführer, Reiseblogs wie meinen braucht, oder die Leute alle ihre Arbeit verlieren, die bisher davon lebten diesen Content zu produzieren, wäre ein spannendes Thema zum Philosophieren – aber das würde den Rahmen dieses Blogs sprengen.


 

Etwa 15 Minuten vor der Einfahrt in die Ria da Coruna meldete uns Bella beim Maritime control tower of La Coruña per Funk an und dann steuerten wir den Liegeplatz am Steg in einer Marina an. Der Yachthafen Coruña befindet sich im Herzen der Altstadt, wo sich Gärten, Plätze, Denkmäler und Kirchen mit Geschichte sowie Restaurants mit besonderem Charme vermischen. Marina Coruña bietet eine Vielzahl von nautischen Aktivitäten, Jollensegeln für Kinder, Erwachsene, Kajaks, Restaurant und Cafeteria für die breite Öffentlichkeit geöffnet. https://marinacoruna.es

Die Marineros empfingen uns trotz der Abendstunde ausgesprochen hilfsbereit und nahmen unsere Leinen entgegen. Auch das Rezeptionspersonal erwies sich als zuvorkommend. Die Stege liegen ruhig und zentrumsnah östlich der Altstadt. Saubere Sanitäranlagen mit heißem Duschwasser stehen bereit, auch wenn wir unsere bordeigene Dusche vorzogen. Wasser ist am Steg inklusive, Strom wird nach Verbrauch abgerechnet.

»Ich freue mich riesig auf fantastische Tapas, einen guten Tropfen Wein und endlich wieder festen Boden unter den Sohlen! Ihr euch auch?«, strahlte Bella, nachdem das Boot aufgeklart, die Fender festgezurrt und wir uns stadtfein gemacht hatten.

»Und wie! Passt auf, ihr Spanier, jetzt kommen wir, haha!«, lachte Kasha voller Tatendrang, und wir schlenderten gemeinsam los.

Es war mittlerweile 21 Uhr durch, das Thermometer zeigte milde 18 Grad und die Wetterprognose versprach sonnige Tage. Das Castelo de Santo Antón erstrahlte in warmem Scheinwerferlicht und wachte über die Hafeneinfahrt. Die imposante Festungsanlage aus dem 16. Jahrhundert wurde einst auf einer kleinen Felseninsel erbaut, um die Stadt vor Angreifern von der See her zu schützen. Im Laufe der Jahrhunderte diente das Bollwerk als Gefängnis sowie als Lazarett. Seit den 1960er-Jahren beherbergt es das Städtische Archäologische und Historische Museum (Museo Arqueolóxico e Histórico de A Coruña). In den Kasematten lassen sich keltisch-galizische Fundstücke wie der berühmte Goldring Torques de Xanceda, römische Relikte sowie historische Kanonen besichtigen. Heute verbindet ein bequemer Damm das Kastell mit dem Festland, und die begehbaren Wehrgänge bieten einen atemberaubenden Panoramablick über die gesamte Bucht.


 

Vom Marinator bis zur Bar A Roda sind es Luftlinie nicht einmal 700 Meter; durch die verwinkelten Gassen summierte es sich auf einen gemütlichen Kilometer. Im Lokal wurden wir herzlich in Empfang genommen. Eine überaus flinke und charmante Kellnerin namens Ana nahm sich unserer an. Wir sicherten uns einen Tisch und bestellten eine bunte Palette galicischer Spezialitäten, feinen spanischen Rotwein und kühles Mineralwasser.

Der Andrang hielt sich in Grenzen – der Sonntagabend ist wie oben beschrieben offensichtlich kein klassischer Ausgehtag für die Einheimischen. Zur Freude von Kasha und Bella knüpften wir über einen Vierbeiner am Nebentisch blitzschnell Kontakt zu einem mittelalten Pärchen. Der kleine, wuschelige Hund namens Cabo – ein treuherziger Terrier-Schnauzer-Mischling – himmelte die zwei Blondinen von der ersten Sekunde an, als wäre er ein verliebter Bursche.

Ein drolliges Kerlchen, das sich genüsslich hinter den Ohren kraulen ließ. Wir fragten die Besitzer höflich, ob der Süße ein Stückchen Fleisch abstauben dürfe. Das Paar sprach zwar nur gebrochenes Englisch, aber man verstand sich trotzdem. Sie hatten sichtlich Spaß daran, wie die Mädels mit ihrem Hund schmusten.

»Ach, ist der süß… Komm her Cabo, komm… hihi«, lockte Kasha den Vierbeiner wie eine ausgefuchste Verführerin mit einem Häppchen Fleisch. »Schaut nur, wie treu und lieb er guckt!«

»Und was ist mit dem armen, hart schuftenden Kapitän?«, brummte ich gespielt beleidigt. »Verdient der etwa keine Streicheleinheiten und Leckerlis?«

»Ahaha, Steve wieder… na gut Bärchen, dann lass dich auch füttern!«, lachte Bella herzlich. Sascha grinste breit; auch das spanische Paar verstand die Gesten und Körpersprache sofort und amüsierte sich über unsere feucht-fröhliche Runde.

Die beiden waren bodenständige, außerordentlich sympathische Leute. Für tiefergehende Fachsimpeleien über Beruf und Alltag reichten die Sprachkenntnisse zwar nicht ganz aus, aber die freudliche Ausstrahlung sprach Bände. Sie gingen liebevoll miteinander und mit ihrem Hund um und freuten sich sichtlich über die mitreißende Lebensfreude der Mädels. Sascha ist zwar im selben Alter wie die beiden und kann genauso ausgelassen sein, wirkt jedoch durch seine nautische Ausbildung deutlich gesetzter. Die Seefahrt duldet keinen Leichtsinn; man lernt früh, Verantwortung zu übernehmen.

Der deutsche Begriff »Schiffbautechniker« greift für sein Berufsbild etwas zu kurz. Im modernen Yachtbereich trifft es die englische Bezeichnung Marine Service Engineer oder Yacht-Mechatroniker wesentlich genauer. Sascha ist ein wahrer Refit-Spezialist und Systemintegrator für moderne Bordelektronik, Navigation und vernetzte Bordsysteme.

»Auf uns! Das war ein schöner Schlag über die Biskaya, und ihr wart eine gute Crew«, erhob ich das Weinglas. Die Gläser klangen hell zusammen.

»Und auf unseren tollen Captain, der jeden Spaß mitmacht, uns so viel beibringt und alle auf Augenhöhe behandelt«, erwiderte Bella mit einem ganz speziellen, fraulichen Blick, der einem Mann eine angenehme Gänsehaut über den Rücken jagt.

»Oho, besten Dank! Aber macht mich hier bloß nicht verlegen«, schmunzelte ich galant zurück.

Wir schwelgten in kulinarischen Genüssen, und ich kann die 4,3-Sterne-Bewertung für die Bar A Roda als angemessen bestätigen. Das Lokal ist nichts Besonderes, aber das Essen schmeckt lecker, die Portionen sind üppig und die Atmosphäre ist ehrlich und herzlich. Unsere Kellnerin Ana glänzte mit trockenem Humor, was ich beim Bezahlen nach 23 Uhr natürlich mit einem großzügigen Trinkgeld honorierte.


 

»Uff, ich bin zwar müde, aber viel zu vollgefressen, um direkt in die Koje zu krabbeln«, stöhnte Kasha gut gelaunt und leicht beschwipst vom kräftigen Rotwein. »Lass uns noch etwas durch die Gassen schlendern. Vielleicht entdecken wir ja noch eine Bar für einen Absacker!«

»Seefahrt macht hungrig und müde, aber ein kleiner Verdauungsspaziergang hat noch niemandem geschadet«, stimmte ich zu. So schlenderten wir durch die nächtliche, ruhige Altstadt.

Die Einschätzung zu den lokalen Gepflogenheiten durch Gemini bestätigte sich auf Schritt und Tritt: Die meisten Lokale hatten längst die Schotten dichtgemacht oder gar nicht erst geöffnet. Außer uns war fast niemand in den Gassen unterwegs, was in südlichen Ländern eher ungewöhnlich ist. Doch kurz vor Mitternacht stießen wir in der Rúa Marqués de Pontejos auf eine liebevoll gestaltete Sportsbar mit dem simplen Namen Sport. Von drinnen drang mitreißende Live-Musik auf die Straße. Rund 20 Gäste scharten sich um eine winzige Bühne, auf der ein Duo aus Sängerin und Tänzer das Publikum einheizte.

Spontan beschlossen wir, dort einzukehren. Die Stimmung in dem bis 2 Uhr geöffneten Laden war hervorragend, die Gäste aufgeschlossen und der Barkeeper überaus gastfreundlich. In Spanien schließt man schnell Kontakte, wenn man den Leuten mit offenem Herzen begegnet. Bella und Kasha zogen mit ihrer strahlenden Erscheinung natürlich einige Blicke auf sich – da sich aber auch einige charmante, attraktive Señoritas unter den Gästen befanden, fielen sie vor allem durch ihre blonden Mähnen auf.

 

Dass wir als Langstreckensegler auf der Durchreise waren, ist in einer Hafenstadt wie A Coruña natürlich keine Sensation. Dennoch entwickelten sich wunderbare Gespräche, und wir amüsierten uns prächtig bis tief in die Nacht, auch wenn der lange Tag auf See langsam seinen Tribut forderte und wir das Gähnen kaum noch unterdrücken konnten. Die Bar bietet zwar auch kleine Snacks an, aber wir beschränkten uns nach dem üppigen Mahl zuvor natürlich auf Drinks. Wer eine unkomplizierte Kneipe für Nachtschwärmer mit gemütlichem Ambiente und fairen Preisen sucht, ist in der Bar Sport bestens aufgehoben.

Leicht beschwipst und mit müden Knochen traten wir schließlich den Rückweg an Bord an. Nach einer schnellen Dusche sanken wir bester Laune in die Kojen, wo mich der Schlaf augenblicklich überwältigte… schnarch

 

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Auf See. Kurs Südwest, Tag #1 & Tag#2

 

#26.09.13 – Auf See. Kurs Südwest, Tag #1 & Tag#2

»Okay, faule Bande, klarmachen zum Auslaufen!«, kommandierte ich in übertrieben autoritärem Tonfall, nachdem wir uns beim Frühstück gestärkt und den Segelplan besprochen hatten.

»Langsam, du Sklaventreiber, haha!«, lachte Bella mit ebenso gespielt verärgerter Miene. »Dürfen wir uns erst mal fertig anziehen?!«

»Anziehen? Kleidung tragen? Davon steht für schöne Frauen rein gar nichts in der Borddienstordnung! Was im logischen Umkehrschluss bedeutet, ihr sollt möglichst gar nichts anhaben, wenn es nicht zu kalt ist, hoho.« grinst ich rüber zu Sascha. Wir Männer standen typischerweise längst voll angezogen und startklar für das Auslaufmanöver an Deck, während die Schönen immer noch völlig ungeniert unbekleidet durch den Salon huschten.

Wir hatten tatsächlich fast punktgenau die Wetterlage, die ich im letzten Blog als Vorhersage beschrieben hatte: Nordwestwind mit aktuell 6 bis 8 Knoten und diese scharfe, diagonale Trennungslinie von Nordost nach Südwest quer über die gesamte Biskaya. Das war zwar etwas schwächerer Wind als erhofft, reichte aber immer noch aus, um unter Segeln mit 2,5 bis 4, manchmal 5 Knoten voranzukommen. Natürlich ist das arg langsam, aber wir hatten es ja nicht direkt eilig und konnten darauf hoffen, auf See später noch etwas mehr Druck auf die Segel abzubekommen.

 

Sascha und ich gingen schon mal nach draußen. Während ich meine geliebte Morgenzigarette genoss, ließ ich den Diesel bereits zum Warmlaufen schnurren. Sascha kontrollierte die Festmacherleine an der Boje – wie üblich auf Slip gelegt, sodass sie von Deck aus einfach losgeworfen und eingezogen werden konnte. Gleich darauf war alles bereit. Bella meldete uns über Funk beim Hafenmeister ab, während ich am Steuer etwas Gas gab und die Globetrotter behutsam aus der Lagune Richtung offene See steuerte.

Der Motor schnurrte so rund und zufrieden wie eine gut geölte Nähmaschine, während ich vorsichtig durch all die Untiefen und Riffe navigierte. In einem so anspruchsvollen Revier, wie rund um Molène, übernahm ich das Steuer lieber selbst, statt es Bella zu überlassen – worüber sie als aktuelle Wachgängerin auch gar nicht böse war. Sie ist zwar eine durchaus erfahrene Seglerin, hatte früher aber nur selten selbst navigiert. In schwierigen Gewässern traut sie sich das vernünftigerweise noch nicht ganz zu. Mit der Zeit wird sie auch das lernen – schließlich soll bei mir nach und nach jedes Crewmitglied alle wesentlichen Aufgaben sicher beherrschen.

Draußen auf See stand eine Atlantikdünung von etwa 1,5 Metern Höhe, von der bei diesem schwachen Wind das meiste als langer Schwell durchlief. Wir hatten angenehme 16 bis 17 °C bei gerade einmal 8 bis 9 Knoten Wind von Steuerbord querab. Also setzten wir angeluvt den Code-Zero und das Großsegel. Dank Rollanlagen und elektrischer Winschen war das fast ein Kinderspiel – mit etwas Erfahrung könnte man das Schiff auf diese Weise sogar einhand segeln.

Wie üblich dauerte es eine Weile, bis unser schwerer Rundspant-Langkieler mit seinen knapp 24 Tonnen Schwung aufnahm. Aber einmal in Fahrt gebracht, zog das Boot mit beachtlichen um die 5 Knoten unerschütterlich seine Bahn durchs Meer. Erster Anliegerkurs: 210°. Bella übernahm als Wachhabende das Steuer.

Der ursprüngliche Plan sah vor, A Coruña an der Nordwestspitze der Iberischen Halbinsel anzusteuern. Wir werden jedoch spontan sehen, wie sich die Wind- und Wetterverhältnisse bei der Annäherung entwickeln. Aktuell deutet die Vorhersage darauf hin, dass wir guten Wind bekommen könnten, um ohne Zwischenstopp weiter nach Süden durchzuziehen. Wie schon oft erwähnt: Das Wetter ändert sich rasch, und als Segler passt man seine Route letztlich immer dem Wind an, den man auf See tatsächlich antrifft, wenn man keine festen Termine und Orte einhalten beziehungsweise ansteuern muss.

Ab jetzt sind wir übrigens nach einem Dauer-Wachplan unterwegs, der wohl auch für nicht-Segler selbsterklärend sein sollte.

DAUER-WACHROLLE

Feste Zeiten    Skipper nur als Springer    24/7/365

Grundprinzip

Jeder der drei Crewmitglieder hat immer dieselben festen Wachzeiten. So bleibt der Biorhythmus stabil. Zwischen den beiden täglichen Wachen liegen jeweils 8 Stunden Freizeit/Schlaf. Der Skipper greift nur bei besonderen Situationen ein (Manöver, Wetter, Notfälle, Navigation in schwierigen Gewässern) und kümmert sich um administrative oder sonstige Aufgaben.

Dies ist ein Anhaltspunkt und Rahmen – kein strenges Militärsystem. Notwendige Arbeiten erledigt, wer sie bemerkt. Entscheidungen werden meist gemeinsam getroffen. Freiwilligkeit: Jeder erledigt, was er sieht und für nötig hält. Die Rolle verhindert nur „Ich dachte, du bist dran“ Missverständnisse.

 

Aktuelle Besatzung (Namen eintragen / austauschen)

Rolle

Name

Ersatz / Wechsel / Mitsegler

Notizen

Person A

Sascha

 

 

Person B

Kasha

 

 

Person C

Bella

 

 

Springer

Steve

 

Skipper

Tages-Wachplan (feste Zeiten)

4 Stunden Wache → 8 Stunden frei. Jeder hat zwei feste Blöcke pro Tag.

Uhrzeit

Wache

Person A

Person B

Person C

00:00 – 04:00

Nachtwache 1

WACHE

Frei / Schlaf

Frei / Schlaf

04:00 – 08:00

Frühwache

Frei / Schlaf

WACHE

Frei / Schlaf

08:00 – 12:00

Vormittag

Frei

Frei

WACHE

12:00 – 16:00

Nachmittag

WACHE

Frei

Frei

16:00 – 20:00

Abendwache

Frei

WACHE

Frei

20:00 – 00:00

Späte Wache

Frei / Schlaf

Frei / Schlaf

WACHE

Zusammenfassung pro Person

Person

Wachzeiten (immer gleich)

Frei-/Schlafblöcke

Person A

00:00–04:00  und  12:00–16:00

04:00–12:00 (8 h)  +  16:00–00:00 (8 h)

Person B

04:00–08:00  und  16:00–20:00

08:00–16:00 (8 h)  +  20:00–04:00 (8 h)

Person C

08:00–12:00  und  20:00–00:00

12:00–20:00 (8 h)  +  00:00–08:00 (8 h)

Kombüse & Putzdienst (täglicher Wechsel)

Einfache Rotation – wer an dem Tag „Dienst“ hat, kümmert sich prioritär um Kombüse, gemeinschaftliche Bereiche und Müll. Alle helfen trotzdem mit, wenn nötig.

Tag

Kombüse / Küche

Putz / Ordnung

Bemerkung

Montag

Person A

Person B

 

Dienstag

Person B

Person C

 

Mittwoch

Person C

Person A

 

Donnerstag

Person A

Person B

 

Freitag

Person B

Person C

 

Samstag

Person C

Person A

 

Sonntag

Person A

Person B

oder gemeinschaftlich

Wichtige Hinweise

  Ankern / Hafen / Segeln: Der Plan gilt überall gleich. Im Hafen / vor Anker wird normal gelebt und geschlafen, die eigeteilte Wache ist nur zuständig für Kontrollen / besondere Vorkommnisse.

  Ablösung: Die ablösende Person kommt 5–10 Min. vorher, Übergabe (Wetter, Verkehr, technische Auffälligkeiten, nächste Schritte).

  Skipper als Springer: Wird gerufen bei schwierigen Manövern, starkem Verkehr, schlechtem Wetter, Navigationsentscheidungen oder wenn die Wache unsicher ist, irgendwelche Situationen unklar sind.

  Flexibilität: Bei Krankheit, Landgang oder Crew-Wechsel einfach Namen tauschen. Der Rhythmus bleibt erhalten.

  Ausdrucken & aushängen: Am besten gut sichtbar in der Kombüse oder am Kartentisch.

 

»Verflucht, kann niemand dieses Mistviech entdecken, damit wir es determinieren können?« Fluchte nicht nur ich über mindestens eine Herbstmücke, die sich irgendwie unter Deck eingeschlichen hatte.

»Wenn ich das Mistviech erwische, wird es das Bereuen!« Meinte Kasha mit einer Fliegenklatsche in der Hand; aber so viel wir auch suchten, wir fanden die Mücke nicht, verdammt.

Deren Stiche juckten fürchterlich und bei der Ausrüstungsorgie in Vlissingen hatten wir doch glatt thermische Geräte wie den wie den Beurer BR 60 oder Bite Away einzukaufen vergessen, die den Juckreiz sofort verschwinden lassen. Also mussten wir den Löffeltrick anwenden und Hautsalben draufschmieren. Kennt jeder den „Löffeltrick“? Einen Löffel mit Heißwasser auf etwa 50-55° erhitzen, dann damit 3-6 Sekunden auf die Stichstelle drücken und sofort ist der Juckreiz dauerhaft verschwunden.

Aber aufpassen, der Löffel darf auch nicht zu heiß sein, sonst verbrennt man sich und bekommt eine Brandblase! Das machen diese kleinen, preiswerten, elektronisch gesteuerten Geräte natürlich viel genauer und leichter. Deshalb lies ich mir gleich einen Text zum Einkaufen mehrerer solcher Geräte nach Spanisch übersetzen, falls der oder die Geschäftsinhaber kein Englisch sprechen:

„Hallo, ich suche ein elektronisches Wärme-Gerät gegen Insektenstiche (wie den Beurer BR 60 oder Bite Away). Es ist ein Gerät, das gezielt Hitze auf die Haut aufträgt, um den Juckreiz zu lindern. Haben Sie so etwas da?“ = »Hola, busco un dispositivo térmico electrónico para aliviar las picaduras de insectos (como el Beurer BR 60 o Bite Away). Es un aparato que aplica calor concentrado en la piel para calmar el picor. ¿Tienen algo así disponible?«

Ansonsten zog die Globetrotter unbeirrbar ihre Bahn durchs Meer und die bis zu 1,5 m Ozeandünung, mit nur wenig Windwellen. Die Wachen wechselten alle vier Stunden und ein typischer, eher ruhiger Bordbetrieb stellte sich ein, da es nicht wirklich viel zu tun gab. Kommt es zu keinen Schäden oder Unfällen und sind keine wichtigen Wartungsarbeiten zu erledigen, können Mehrtages-Törns übers offene Meer eher langweilig sein.

An Bord erlebt man es aber nicht als wirklich langweilig, wenn man die Seefahrt liebt. Wind und Wellen, Seevögel und Sonnenauf- oder Untergänge, manchmal auch die immer hochwillkommenen Delphin-Eskorten, Essenszubereitung, Lesen oder irgendwas Online Streamen, sorgen stets für geruhsame Unterhaltung und Ablenkung. Das Logbuch muss geführt werden, wie haben eine Computergestützte Version an Bord, welche die wichtigsten Wetter-, Kurs- und Winddaten automatisch einfügt, Navigationsplanung, Windvorhersagen und nicht zuletzt natürlich auch die möglichst locker-lustigen Interaktionen zwischen einer guten Crew, lassen dir den Törn nie langweilig werden.

 

Mich persönlich stört es sogar kaum, tagelang nur mit 2-3 kn herum zu dümpeln oder gar in einer Flaute nur dahin zu treiben. Auf See fühle ich mich immer wohl und unter Langeweile leide ich nie. Mit irgendwas, und sei es nur im Kopf zum Durchdenken, einem guten Buch oder Online, bin ich selbst ganz allein stets mit etwas Interessantem beschäftigt. Und mit einer so guten, humorvollen Crew, sowie zwei entzückend netten Frauen…, also wem es da langweilig wird, dem ist eh nicht zu helfen! zwinker

Trotz der überwiegend schwachen Winde schaffte unser schwerer Langkieler einen beachtlichen Durchschnitt von 5,1 kn in den ersten 12 Stunden, also gut 66 Seemeilen. In früheren Zeiten der alten Segelschifffahrt hätte das bereits als Rennboot gegolten und langfristig rechnet man bei Fahrtenyachten immer noch mit einem Durchschnitt von 5 kn; also waren wir wirklich nicht lahm unterwegs. Bis heute nehmen Segler Etmale von 120 bis 150 Seemeilen als gutes Vorankommen, wobei ein Etmal die zurückgelegte Strecke über 24 Stunden bezeichnet. Ergo gab es nichts, worüber wir uns beschweren könnten…, bis auf diese verfluchte Mücke.

Tag #2

Leichte Schräglage und die vertrauten Bootsgeräusche verrieten mir schon unter Deck, dass wir aktuell guten Wind von geschätzten 12 bis 14 Knoten aus nördlicher Richtung hatten. Unsere Globetrotter war richtig in Schwung gekommen und pflügte mit geschätzt beachtlichen 7 Knoten im Schnitt durchs Meer – was ein späterer Blick auf die Instrumente bestätigte.

»Weißt du, Bärchen, was mich echt überrascht?«, lächelte Bella entzückend unbekleidet, als sie aus dem Bad kam.

»Überrascht? Was denn? Etwa meine Künste als Liebhaber, hoho?«, gluckste ich vergnügt stichelnd. Wir hatten uns gerade kurz, aber wunderschön geliebt und frisch geduscht; nun machten wir uns allmählich wieder fertig beziehungsweise startklar.

»Ahaha… du Gauner! Nein, das nicht… obwohl, haha, zugegeben: Die sind allerdings auch beachtlich!«, lachte sie sichtlich amüsiert. Ich beschrieb ja schon bei unserem Kennenlernen in Antwerpen, dass Bella unglaublich gerne und herzlich lacht. »Doch ich meinte eigentlich die Segeleigenschaften der Globetrotter. Von so vielen habe ich früher gehört, dass… wie nennst du das immer? S-Rundspant-Langkieler… lahme Schlachtschiffe wären und sie zu segeln keinen Spaß macht. Ich finde aber, die HC-48T segelt richtig gut und vor allem mit sehr angenehmen Bewegungen in der See. Das vermittelt mir ein unheimlich gutes Sicherheitsgefühl – ich fühle mich hier wohler als auf fast allen Booten, auf denen ich bisher unterwegs war. Außer auf einer… HR-46 war das glaube ich…, die lag ähnlich ruhig im Wasser.«

»Dein Glück, dass du meine Fähigkeiten noch anerkannt hast, hehe!«, lachten wir gemeinsam. »Ja, für reine Regattasegler ist eine traditionelle Hans Christian natürlich viel zu behäbig. Aber man muss das vergleichen wie den Unterschied zwischen einem Formel-1-Rennwagen und einer gemütlichen Oberklasse-Limousine für Langstreckenreisen – oder noch treffender: einem komfortablen Expeditions-Wohnmobil. Es ist natürlich immer schön, wenn ein Boot spritzig am Ruder hängt. Aber wenn du als Langstreckensegler auf den Ozeanen zu Hause bist, brauchst du ganz andere Qualitäten.«

»Klaro… aber ich hätte echt nicht gedacht, dass diese HC trotz ihrer Masse noch so ordentlich marschiert und man sich an Bord so gemütlich fühlt.«

»Der alte Hans Christian, der dieses Design damals entwarf, hat da einen ziemlich genialen Kompromiss geschaffen«, erklärte ich. »Sehr angenehmes, Seegang parierendes Seeverhalten bei erstaunlich passablen Etmalen. Meine erste Fahrtenyacht zum Beispiel – eine Belliure-50 von 1989 – war ebenfalls ein schwerer S-Rundspant-Langkieler. Sie hatte riesige Tankkapazitäten, weil es damals für kleinere Yachten noch keine bezahlbaren Wassermacher gab. Die war wirklich lahm und selbst bei Starkwind nur mit Mühe über 5 Knoten zu prügeln. Als Wohnschiff eine Wucht, solide verarbeitet und mit massig Platz – viel mehr als auf der HC-48T, obwohl es nur zwei Fuß Längenunterschied waren. Aber die Segeleigenschaften blieben ein echter Schwachpunkt. Dieses Problem hatten viele alte Langkieler. Hans hat das bei den Entwürfen für die HC-48T-Reihe wesentlich smarter gelöst.«

»Und was hältst du von den Hallberg-Rassy-Schiffen, Bärchen? Die fand ich auch genial, aber meistens unbezahlbar teuer«, hakte Bella nach.

»Oh ja, HRs sind ebenfalls fantastische Yachten. Hinsichtlich der Segeleigenschaften sogar noch einen Ticken agiler, massiv hochwertig in bester Qualität gebaut und zeitlos elegant«, lächelte ich und zwinkerte ihr mit einem ganz bestimmten Blick zu. »Ich bin schon einige HRs gesegelt und fand sie klasse… aber wenn du dich jetzt nicht langsam fertig anziehst, weiß ich wirklich nicht, wie lange ich mich hier noch beherrschen kann, hehehe!«

»Ahaha, willst du etwa schon wieder über mich herfallen? Hilfe, Hilfe…!«, rief sie prustend durch den Flur von der Achterkabine nach vorne in den Salon, wo sich Kasha gerade auf dem Sofa räkelte – übrigens ebenfalls nur reizvoll spärlich bekleidet.

»Sorry Bella, hab gerade keine Zeit, dich zu retten! Gib dich einfach dem Captain hin, hahaha!«, lachte der Frechdachs und tippte dabei ungerührt weiter auf ihrem Smartphone. Vermutlich tauschte sie gerade Nachrichten mit Freundinnen an Land aus. Natürlich nutzt auch sie, wie die meisten jungen Menschen, diverse Social-Media-Kanäle – allerdings reine Just-for-Fun-Accounts mit ein paar tausend Followern, nicht so professionell aufgezogen wie bei Bella.

 

Lachend gingen wir nach vorne in die Kombüse, um gemeinsam das Mittagessen vorzubereiten; Bella hatte heute Küchendienst. Doch zuerst kletterte ich hoch ins Cockpit, wo Sascha ab 12 Uhr die Nachmittagswache übernommen hatte, rauchte eine Zigarette und warf den gewohnten Kontrollblick über See und Instrumente. Aktuell standen 11 bis 14 Knoten Wind aus fast genau Nord auf der Anzeige, was uns bei Kursen um 200° gute 6,5 bis 7,5 Knoten Fahrt über Grund (SOG) bescherte.

Leider erwies sich diese Brise nur als lokal begrenztes Windband. Die Nadel sackte kurz darauf rapide ab, und bald wehten nur noch mickrige 2 bis 4 Knoten aus Ost. Zeitweise herrschte sogar nahezu Flaute. Laut den aktuellen Vorhersagemodellen drohten wir darin für längere Zeit festzustecken. Mist!

Das auslösende, kleine Hochdruckgebiet lag mit seinem Kern halb über dem französischen Festland und halb über der Biskaya, wobei wir uns genau im schwachwindigen Westsektor befanden. Wenn es wie erwartet weiter nach Osten zieht und wir strikt auf Südkurs bleiben, sollten wir uns in der kommenden Nacht daraus befreien und wieder auf frischeren Ostwind stoßen. Obwohl ich es als Segler nur ungern tue, gab ich daher Anweisung, den Diesel zu starten und das Code-Zero-Leichtwindsegel wegzurollen – was Sascha und ich im Handumdrehen erledigt hatten.

Hoffentlich bleibt das Hoch nicht stationär liegen und löst sich langsam auf. Nun, wir werden es nehmen müssen, wie es kommt. Das Seewetter schert sich nicht um Etmal-Pläne – als Segler lernt man rasch, damit gelassen zu leben. Oder man steigt eben auf ein Motorboot um, wenn man das Warten nicht erträgt.


 

Bella und Kasha verscheuchten mich kurz darauf aus der Kombüse, als ich beim Schnippeln helfen wollte. Die Küche ist richtigerweise so kompakt gebaut, dass sich der Smutje bei einem rollendem und stampfendem Schiff mit Beinen und Hüfte gut verkeilen kann. Für zwei schlanke Frauen geht das noch, aber sobald ein Mann mit meiner Bärenstatur dazukommt, herrscht schlicht Platzangst.

Also kontrollierte ich gegenüber an der Nav-Station, ob das AIS ordnungsgemäß sendete und die Warnzonen korrekt konfiguriert waren. Alles lief perfekt: Das AIS meldete Schiffsverkehr im Umkreis von drei Seemeilen, während das Radar Ziele bereits ab sechs Seemeilen Erfassungsradius darstellte. Der Plotter berechnete daraus laufend die möglichen Annäherungskurse (CPA/TCPA) und schlägt zuverlässig Alarm, sobald sich ein echtes Kollisionsrisiko abzeichnet – etwa bei einer Nächstannäherung (CPA) von unter 0,5 bis 1 Seemeile und einer verbleibenden Zeit (TCPA) von unter 10 bis 15 Minuten.

Unterdessen zauberten die Schönen unter viel Gelächter und frechen Bemerkungen in meine Richtung ein einfaches, aber ausgesprochen leckeres Essen: Eine Fertigmahlzeit Tiefkühl-Paella, die sie mit zusätzlichen Garnelen, Wok-Nudeln, frischen Kräutern, scharfen Gewürzen und knackigem Gemüse so geschickt verfeinerten, dass daraus ein richtiger Schmaus wurde. Verteilt auf vier tiefe, gut zu haltende Schüsseln konnten wir das Gericht oben im Cockpit zusammen mit Sascha problemlos löffeln, während die Globetrotter sanft durch die Atlantikdünung wiegte. Als Nachtisch servierten sie frischen Obstsalat mit Rosinen, etwas Müsli und einem feinen Schuss Cognac fürs Aroma. Hervorragend!

Draußen herrschte inzwischen kaum noch 1 Knoten Wind – echte Ententeich-Flaute. Auf unserem Südkurs unter Maschine mit rund 7,5 Knoten erzeugten wir uns unseren eigenen Fahrtwind von vorn, was Segler „scheinbaren Wind“ nennen. Es gab praktisch keine Windwellen, lediglich eine lange Atlantikdünung von etwa einem Meter aus Nordwest, die uns leicht von Steuerbord achterlich auflief und das Schiff spürbar rollen ließ.

Wir dämpften die Schiffsbewegungen, indem wir das Großsegel stehen ließen und es mit einem Bullenstander leicht Back gesetzt auf einer Seite fixierten. So schlägt das Tuch nicht ständig hin und her – was die Nähte schont –, sondern steht mit leichtem Gegendruck stabil im Fahrtwind. Das bremst die Fahrt zwar um unmerkliche 0,2 oder 0,3 Knoten ab, stabilisiert den Rumpf aber spürbar gegen das lästige Rollen. Mit unserem verlässlichen 160-PS-Diesel und fast 800 Litern Treibstoff in den Tanks war dieser kleine Zusatzwiderstand absolut zu verschmerzen.

Ab 16 Uhr war Kasha als Wache am Ruder eingeteilt, was jedoch keinerlei praktische Auswirkungen auf unseren Nachmittag hatte. Der Autopilot hielt die Globetrotter stur auf Kurs, und wir vier agierten einfach so, als hätten wir alle gleichzeitig Freiwache. Wir machten Späße, spielten ein paar Runden Mau-Mau und lachten jedes Mal extra übertrieben gehässig, wenn jemand aussetzen oder eine Handvoll Strafkarten ziehen musste.

 

Da ich auch internationale Leser habe, die den Begriff Mau-Mau vielleicht nicht kennen, hier ein kurzer Blick auf das Spielprinzip:

Mau-Mau ist ein einfaches, dynamisches Kartenspiel, das mit einem Standard-Skatblatt oder französischen Karten gespielt wird. Das Hauptziel besteht schlicht darin, als Erster alle eigenen Handkarten loszuwerden. Zu Beginn erhält jeder Spieler eine Handvoll Karten – bei uns typischerweise sieben. Der Rest bildet als verdeckter Stapel die Mitte, wobei die oberste Karte aufgedeckt wird und den Ablagestapel eröffnet. Reihum legt nun jeder eine passende Karte ab, die entweder in der Farbe oder im Wert mit der obersten Karte übereinstimmen muss. Kann man nicht bedienen, muss eine Karte vom Stapel nachgezogen werden.

Richtig Schwung bringen die Sonderkarten ins Spiel:

  • Buben: Dürfen unabhängig von der Farbe gelegt werden und erlauben es, sich eine neue Wunschfarbe auszusuchen.
  • Siebenen: Zwingen den nachfolgenden Spieler, zwei Karten zu ziehen – es sei denn, er kontert mit einer weiteren Sieben, wodurch der Übernächste gleich vier Karten schlucken muss, oder der Über-übernächste sechs.
  • Achten: Der nächste Spieler muss einmal komplett aussetzen.
  • Neunen: Kehren die Spielrichtung um.

Wer seine vorletzte Karte ausspielt, muss laut »Mau« rufen, und bei der letzten Karte folgt das erlösende »Mau-Mau«. Wer das im Eifer des Gefechts vergisst, wird gnadenlos mit zwei Strafkarten gehandikapt. Gewonnen hat, wer als Erster blank ist. Das Spiel ist unkompliziert, geht rasend schnell und ist mit der richtigen Besetzung ein Garant für feurige Wortgefechte und laute Lacher.

Selbst für unsere generell sehr ausgelassene Truppe war das ein außergewöhnlich amüsanter Nachmittag. Wir bekamen vor lauter Lachen regelrecht Bauchschmerzen und gerieten mehrfach in echte Lachkrämpfe. Insgesamt spielten wir sechs Runden, amüsierten uns köstlich und lachten uns schlapp darüber, dass der arme Sascha nicht ein einziges Mal gewann. 

 

»Delfine an Steuerbord voraus!«, rief Bella plötzlich, und natürlich stürmten wir sofort alle an die Reling. Ganz gleich, wie oft man das auf See schon erlebt hat: Eine Delfin-Eskorte, die minutenlang mit dem Boot um die Wette schwimmt oder in der Bugwelle spielt, ist für Seefahrer jedes Mal ein magischer Moment. Ganz besonders für Fahrtensegler auf ihren vergleichsweise kleinen, schwankenden, den Elementen ausgelieferten Booten, irgendwo auf der endlosen See.

»Oooooch Mensch, ich wollte am liebsten direkt reinspringen und mit ihnen schwimmen!«, seufzte Kasha mit glänzenden Augen. »Das ist bestimmt ein gutes Omen – bald bekommen wir wieder besseren Wind!«

»Was wettest du darauf?«, grinst Sascha. »Hoffen wir’s! Ich hasse es, motoren zu müssen.«

»Ja, hoffen wir es. Wie ihr wisst, hasse ich es noch viel mehr, ein Segelboot unter Maschinenkraft zu bewegen.«

Freudig schauten wir sicher fünf Minuten lang den unglaublich elegant durchs Wasser flitzenden Delfinen zu, die immer wieder kraftvoll auftauchten. Einer von ihnen vollführte sogar einen geradezu weltmeisterlichen Hochsprung mit unzählig vielen, blitzschnellen Drehungen um die eigene Achse. Offenbar in voller Absicht tauchte er keineswegs lautlos wieder ein – was Delfine spielend leicht beherrschen –, sondern klatschte mit einem gewaltigen Bauchplatscher zurück ins Meer.

Die Wissenschaft ist sich bis heute nicht ganz einig, ob sie solche Akrobatik aus purer Lebens- und Spielfreude machen oder eher, um lästige Parasiten von der Haut zu schütteln. Vielleicht ja aus beiden Gründen. Auf den Betrachter wirkt es jedenfalls wie pure Daseinsfreude – und ich mag diesen Gedanken, ganz gleich, was die Biologie dazu sagt.

Eine Stunde später schenkte uns der Atlantik ein fast unwirklich schönes Lichtspiel, wie man es wohl nur draußen auf See in dieser Intensität erleben kann. Goldene Sonnenstrahlen brachen durch mächtige Wolkenbänke und zauberten ein atemberaubendes Schauspiel an den Himmel, den Horizont und das Meer darunter. Ich sage es ja immer wieder: Wirklich langweilig wird es auf See nie, wenn man die Antennen für solche Momente und Naturschauspiele besitzt, die kleinen Dinge des Lebens genießen kann.

 

»Auf was für einem wunderschönen, kleinen Planeten wir doch leben dürfen… und leider gibt es so viele Idioten, die in endloser, egoistischer Gier unverdrossen daran arbeiten, unsere winzige Biosphäre zu zerstören«, philosophierte ich nachdenklich vor mich hin.

»Oho, unser lieber Kapitäns-Philosoph wieder…«, lächelte Bella mit einem tiefen, anerkennenden Blick. »…und wie recht er leider hat.«

Den Abend ließen wir ganz gemütlich ausklingen. Die Wachhabenden wechselten sich im gewohnten Rhythmus ab, und jeder döste oder schlief so, wie es dem eigenen Biorhythmus gerade am besten entsprach. Je nach Windlage – aktuell schob uns eine leise Brise mit rund 5 Knoten aus Ost voran – erreichen wir morgen Abend, in der Nacht oder vielleicht erst übermorgen die spanische Küste.

Bis denne… 😊

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