#26.08.14 – Gibraltar, Sehenswürdigkeiten, Besichtigungen und Beach-Fun
Gestern unternahmen wir ausgiebiges Sightseeing in Gibraltar, diesem faszinierenden Zwergstaat mit seinen rund 34.000 bis 38.000 Einwohnern. Auf der winzigen Fläche von nicht einmal sieben Quadratkilometern drängt sich eine erstaunliche Fülle an Sehenswertem. Eigentlich benötigte man mindestens einige Tage, wenn nicht gar zwei bis drei Wochen, um dieses historische Freilichtmuseum in aller Ruhe zu erkunden. Da wir jedoch wegen einer festen Verabredung schon morgen früh weiter nach Tarifa segeln wollen, mussten wir das Programm straffen.
Eine skurrile Besonderheit erlebt man bereits bei der Anreise über Land: Um in die kleine Enklave auf der schmalen Landzunge zu gelangen, führt der Weg quer über die Start- und Landebahn des Flughafens. Natürlich ist dieser Gibraltar airport walkway strengstens gesperrt, sobald sich ein Flugzeug im Anflug befindet. Die historische Enge zwischen der spanischen Grenze und dem steil aufragenden Kalksteinmassiv ließ den Ingenieuren beim komplexen Bau des Airports schlichtweg keine andere Wahl.
Bis vor einigen Jahren wälzte sich hier noch der gesamte zivile Autoverkehr, inklusive LKWs und klappriger Mofas, über denselben Asphalt, auf dem Minuten später hunderte Tonnen schwere Passagierjets aufsetzten. Schlug die Ampel auf Rot und gingen die Schranken herunter, kam der gesamte Verkehr der vierspurigen Winston Churchill Avenue zum Erliegen. Erst seit der Eröffnung des modernen Kingsway Tunnels im März 2023 wird der motorisierte Verkehr unter der Startbahn hindurchgeleitet.
Der legendäre Runway Walk auf dem heißen Asphalt blieb jedoch für Fußgänger geöffnet. Es hat etwas Verrücktes, vollkommen seelenruhig über eine aktive Landebahn zu schlendern. Exakt in der Pistenmitte hat man die spektakulärste freie Sicht auf die mächtige, 426 Meter hohe Nordwand des Felsens – ein perfektes Fotomotiv für ein Erinnerungsfoto. Die Grenzpolizei überwacht das Treiben allerdings mit Argusaugen: Schalten die Warnleuchten auf Rot, muss man sofort hinter den Sperren verharren, bis die Turbinen dröhnend vorbeigezogen sind. Trödeln oder gar Müll auf die Piste zu werfen ist strengstens untersagt und wird mit saftigen Geldstrafen geahndet.
Der Grund für diese ungewöhnliche Bauweise liegt in der extremen Topografie: Gibraltar misst gerade einmal knapp 6,5 Quadratkilometer. Da der Felsen fast das gesamte Territorium einnimmt, blieb für eine Landebahn nur der flache Landstreifen direkt an der spanischen Grenze.
Erbaut wurde die Anlage 1939 während des Zweiten Weltkriegs als strategische Basis für die britische Royal Air Force (RAF). Weil das Festland nicht ausreichte, schütteten Ingenieure Unmengen an Gestein auf beiden Seiten in die Bucht von Gibraltar und ins Mittelmeer auf. Bedenkt man die kurze Piste von nur etwa 1,8 Kilometern, das tiefblaue Wasser an beiden Enden und die unberechenbaren Fallwinde, die der Felsen erzeugt, überrascht es nicht, dass der Airport bis heute als einer der anspruchsvollsten Anflüge der Welt gilt.
»Find ich ja mal absolut genial!« rief Britt fasziniert, während die warme Brise durch ihr Haar strich. »Wann hat man schon mal die Gelegenheit, mitten auf einer echten Startbahn herumzuspazieren?«
»Stimmt schon, aber Frauen wie dir müsste das hier eigentlich polizeilich verboten werden!« grinste ich mit mehrdeutigem Unterton.
»Was? Wieso das denn bitteschön?« fragte sie, schaltete aber blitzschnell auf charmante Gegenwehr um.
»Na, wenn anfliegende Piloten im Endanflug deine strahlend blonde Schönheit da unten entdecken, verreißen sie in erotischer Verzückung das Steuerhorn und rauschen direkt in die Felswand; bekanntlich reicht die Blutversorgung eines Mannes nur für entweder Hirn oder Penis, hoho!« Gluckste ich sehr vergnügt.
»Ein typischer Steve-Spruch, haha! Aber wo er recht hat, hat er recht«, lachte Vicky, denn Britt strahlte in der gleißenden Mittagssonne tatsächlich wie ein blondes Leuchtfeuer.
»Sollen sie doch! Selbst schuld, doofe Männer halt!« zwinkerte Britt gekonnt in verführerischer Pose.
»Tja, aber denk doch zumindest an die armen, unschuldigen Passagiere da oben!« prusteten wir alle über diese Albernheit.
Der Runway Walk ist also ein akkurat regulierter Spaziergang. Gibraltar ist übrigens längst keine Kronkolonie mehr, sondern ein Britisches Überseegebiet (British Overseas Territory). Der Begriff der Kronkolonie wurde bereits 1981 gestrichen. Politisch genießt das Gebiet weitgehende Autonomie: Die Bürger wählen ihr eigenes Parlament und stellen eine Regierung unter Führung eines Chief Ministers für die Belange der Innenpolitik, während London für Verteidigung und Außenbeziehungen zuständig bleibt.
Das Verhältnis zum benachbarten Spanien war über Jahrhunderte von Spannungen geprägt, da Madrid den Felsen beansprucht, den es 1713 im Vertrag von Utrecht an die britische Krone abtreten musste. Einst ließ Franco die Grenze sogar komplett abriegeln. Nach dem Brexit-Votum, bei dem die Bevölkerung Gibraltars zu über 95 % für den Verbleib in der EU gestimmt hatte, drohte erneut bürokratischer Stillstand. Doch nach jahrelangen, zähen Verhandlungen kam es im Juli 2026 zu einer historischen Einigung.
In der zweiten Juli-Hälfte 2026 trat das wegweisende Post-Brexit-Abkommen zwischen Großbritannien, der EU und Spanien in Kraft. Der alte Grenzzaun zur spanischen Nachbarstadt La Línea wurde endgültig demontiert und die Kontrollen an der Landgrenze fielen weg. Gibraltar gehört nun de facto zum Schengen-Raum und bildet eine Zollunion mit der EU.
Wer heute von außerhalb – etwa direkt aus Großbritannien – einreist, wird im Hafen oder am Flughafen kontrolliert. Diese Schengen-Kontrollen führen britische und spanische Beamte dort einvernehmlich durch. Das Abkommen beendete die stundenlangen Staus für die rund 15.000 spanischen Pendler, die täglich auf dem Felsen arbeiten.
Am politischen Status ändert diese wirtschaftliche Annäherung jedoch nichts. Die britische Souveränität bleibt unberührt, die Militärbasen bestehen fort und die Bewohner lehnen einen Souveränitätswechsel nach wie vor strikt ab. Die Tore sind somit wirtschaftlich offen wie nie zuvor, während die politische Trennung bestehen bleibt.
Als Nächstes besichtigten wir die beeindruckende 100 Ton Gun Napier of Magdala Battery, ein Monument viktorianischer Festungsbaukunst und eines der letzten erhaltenen Exemplare dieser Art weltweit. Diese gigantische Armstrong-100-Tonnen-Kanone (450 mm Kaliber) stammt aus den 1880er-Jahren. Mit ihrem Gesamtgewicht von rund 100 Tonnen und einem Rohr von über zehn Metern Länge zählte sie zu den gewaltigsten Vorderlader-Geschützen der Militärgeschichte. Nicht ohne Grund trug sie den ehrfurchtsgebietenden Spitznamen »The Rockbuster«.
Entwickelt wurde dieses Monster als direkte Antwort auf die neuen italienischen Schlachtschiffe der Duilio-Klasse. Großbritannien installierte zwei dieser Einheiten auf Gibraltar (Napier of Magdala und Victoria Battery) sowie zwei weitere auf Malta. Die Napier-Batterie wurde zwischen 1878 und 1884 oberhalb der Rosia Bay errichtet und nach dem damaligen Gouverneur Field Marshal Robert Napier benannt.
Die technischen Daten sind auch aus heutiger Sicht erstaunlich:
- Geschossgewicht: ca. 900 kg (2.000 Pfund)
- Treibladung: 450 Pfund Schwarzpulver in massiven Seidenkartuschen
- Mündungsgeschwindigkeit: ca. 470 m/s (1.540 ft/s)
- Reichweite: offiziell bis zu 8 Meilen (effektiv etwa 6.500 Yards / knapp 6 km)
- Bedienung: dampf- und hydraulikunterstützt mit einer Bedienmannschaft von 35 Mann
- Feuerrate: ursprünglich ein Schuss alle 4 Minuten, später auf 2,5 Minuten gesteigert (was vermutlich das spätere Bersten des ersten Rohres begünstigte)
Das heute zu besichtigende Geschütz stand ursprünglich in der Victoria Battery und wurde erst hierher verlegt, nachdem das originale Rohr bei Schießübungen kollabiert war. Im Zweiten Weltkrieg dienten die Stellungen als Flak-Positionen. Im Jahr 2002 wurde die Kanone im Rahmen einer Zeremonie symbolisch noch einmal mit einer Salutladung abgefeuert. Die Batterie thront über der geschichtsträchtigen Rosia Bay – jenem kleinen Hafen, an dem die HMS Victory nach der Schlacht von Trafalgar 1805 ankerte, um den Leichnam von Admiral Lord Nelson an Land zu bringen.
Dieses Geschütz ist ein imposantes Zeugnis für den rasanten Rüstungswettlauf des 19. Jahrhunderts, der jedoch binnen weniger Jahrzehnte durch die Entwicklung moderner Hinterlader überholt wurde.
»Wahnsinn, was für ein unvorstellbarer Brummer!« staunte die Crew mit offenem Mund vor dem gewaltigen Stahlrohr.
Da ich mich schon seit meiner Jugend mit Wehrtechnik beschäftige und die Materie als ehemaliger Offizier auch aus professioneller Perspektive kenne, hielt sich meine reine Faszination in Grenzen. Früher habe ich solche Konstruktionen fasziniert betrachtet. Heute frage ich mich immer öfter, warum die Menschheit seit Jahrtausenden derart gigantische Ressourcen, Geld, Zeit und Erfindergeist darauf verwendet, möglichst effiziente Werkzeuge zur gegenseitigen Vernichtung zu erdenken. Hätte man diese Energie in den zivilisatorischen Fortschritt gesteckt, erforschten wir heute vermutlich längst als vereinte Spezies fremde Sternensysteme. Stattdessen arbeiten wir in blinder Gier daran, die fragile Biosphäre unseres Heimatplaneten zu ruinieren. Seufz
Später ging es hinauf auf den Felsen. Wir ließen uns von einem Großraumtaxi über die engen Spitzkehren nach oben chauffieren und genossen das spektakuläre Panorama. Der Monolith wirkt in dieser Küstenlandschaft wie ein geologischer Solitär – eine steil aufragende Kalksteinmasse mitten in einer ansonsten sanfteren Topografie.
Geologisch lässt sich diese Besonderheit durch dichte tektonische Prozesse erklären:
1. Ursprung im Jura (vor ca. 200–175 Mio. Jahren): Der Hauptteil besteht aus dem sogenannten Gibraltar Limestone – einem dichten Kalkstein, der sich in flachen Meeresbecken aus den kalkhaltigen Überresten von Korallen, Brachiopoden und Muscheln ablagerte.
2. Tektonische Überschiebung im Miozän (vor ca. 20–15 Mio. Jahren): Bei der Kollision der afrikanischen mit der eurasischen Platte wurden riesige Gesteinspakete der Betischen Kordillere stark verformt. Der Felsen ist eine geologische Klippe – der isolierte Rest einer gewaltigen Überschiebungsdecke (Nappe). Die Schichten sind dabei teilweise überkippt, sodass älteres Gestein über jüngerem liegt. Er wurde also nicht vor Ort emporgedrückt, sondern als kompakter Block aus dem Osten an seine heutige Position geschoben.
3. Erosion im Quartär: Meeresspiegelschwankungen und Witterungseinflüsse meißelten im Laufe der Eiszeiten die steilen Abbrüche, Plateaus und Höhlensysteme heraus.
Die gesamte Region war zudem Schauplatz der Messinischen Salinitätskrise vor rund sechs Millionen Jahren, als das Mittelmeer zeitweise austrocknete und später durch den kollabierenden Atlantikdurchbruch wieder geflutet wurde.
Oben angekommen begegneten wir den berühmten Berberaffen. Besonders die Frauen hatten ihren Spaß mit den dreisten Tieren, als diese ohne Scheu nach Essbarem suchten, in Umhängetaschen stöberten oder neugierig in Dekolletees griffen. Bei Demo und mir hielten die Affen etwas mehr Abstand, dennoch musste ich mein Fotoequipment gut im Auge behalten. Mehrmals verhinderte ich im letzten Moment, dass ein teures Objektiv als vermeintliches Spielzeug in der nächsten Schlucht verschwand.
»Der hier ist eindeutig männlich und extrem vorlaut – so wie der mir ohne Hemmungen am Ausschnitt herumfummel, hahaha!« lachte Britt und versuchte sanft, die kleinen Greifhände abzuschütteln, ohne dem Tier wehzutun.
»Unzivilisierte Kerle eben, was hast du denn von der Männerwelt anderes erwartet, haha?« amüsierten sich Conchi und Vicky in weiblichem Verständnis.
Am frühen Nachmittag meldete sich der Hunger, und wir kehrten im Curry and Sushi im Block 2 der Watergardens an der Waterport Road ein. Die hervorragende Google-Bewertung von 4,6 Sternen bestätigte sich vollkommen. Das aufmerksame Personal serviert authentische indische Gerichte in großzügigen Portionen zu fairen Preisen. Auch die frischen Sushi-Variationen und die Thai-Spezialitäten überzeugten geschmacklich auf ganzer Linie. Für etwa 20 bis 30 Euro pro Person bekommt man hier exzellente asiatische Küche geboten.
»Caramba… bei eurem Genießer-Lebensstil muss Frau echt aufpassen, um noch eine halbwegs schlanke Linie zu halten!« seufzte Conchi mit einem Augenzwinkern und einer Spur südlicher Erotik.
»Ich würde mich ja opfern und dir uneigennützig beim Fettverbrennen helfen… wenn es nicht so drückend heiß wäre, hehe«, grinste ich mehrdeutig zurück.
»Vorsicht, Captain! Wenn Conchi darauf eingeht, wirst du schuften müssen, um mit ihrem Temperament mitzuhalten, haha!« stichelte Britt blitzschnell im Hinblick auf Conchis feuriges Gemüt.
Selbst Demo musste herzlich mitlachen. Britts schlagfertige Art bereichert unsere Wortgefechte an Bord immer wieder aufs Neue. Wer sie nur nach ihrem Äußeren beurteilt, erliegt schnell einem Irrtum: Hinter der Fassade des skandinavischen Models steckt ein wacher Verstand, der Situationen extrem schnell erfasst. Ich schätze diese intellektuelle Substanz sehr, denn reine Fassade wird auf Dauer bekanntlich rasch monoton.
Verschwitzt von den Fußmärschen und der Schärfe des indischen Essens verlangte die Damenriege nach einer Abkühlung im Meer. Bei sommerlichen knapp 30 °C knallte die Sonne unerbittlich. Wir kehrten kurz zur Vikarelia zurück, schlüpften in Badesachen, packten Strandtücher sowie gekühlte Wassermelone und Getränke in unsere Isorucksäcke.
Ein Taxi brachte uns in knapp zehn Minuten an den Playa de Santa Bárbara an der östlichen Mittelmeerküste. Kaum angekommen, ließen wir die Taschen im Sand fallen und liefen in die Brandung. Durch das einströmende Atlantikwasser steigt die Wassertemperatur hier selten über erfrischende 23 bis 24 °C – eine ideale Abkühlung im Vergleich zu den aufgeheizten Abschnitten des östlichen Mittelmeers.
Aufgrund der starken Verdunstung im Mittelmeerbecken, die durch die Zuflüsse nicht ausgeglichen wird, liegt der Wasserspiegel im Mittelmeer stets etwas niedriger als im Atlantik. Dadurch strömt kontinuierlich atlantisches Oberflächenwasser mit ein bis drei Knoten durch die Enge von Gibraltar nach Osten. Für die Schifffahrt auf dem Weg ins Mittelmeer wirkt diese Strömung wie ein natürlicher Anschub; will man hingegen hinaus in den Atlantik, nutzt man am besten die küstennahen Neugrund- und Neigeströmungen in Küstennähe. In den Zeiten der reinen Frachtsegler war die Passage westwärts gegen Wind und Strömung oft eine tagelange, mühselige Angelegenheit und gar nicht so einfach.
– Törn nach Tarifa und zurück
Heute Morgen legten wir pünktlich um 09:00 Uhr ab und nahmen bei sanft schaukelnder Dünung Kurs auf Tarifa, die legendäre, windumtoste südlichste Spitze des europäischen Festlands. Wir waren gerade erst aus dem geschützten Hafenbecken hinaus auf das offene Wasser glitten, als es plötzlich laut »Pling« oben in der Takelage machte. Die Blicke der gesamten Crew schossen augenblicklich wie elektrisiert nach oben in die Masten.
Ich konzentrierte meine Aufmerksamkeit jedoch reflexartig auf Deckshöhe – denn alles, was da oben bricht oder sich löst, muss schließlich unweigerlich hier unten aufschlagen. Sofort darauf folgte ein dumpfes, hartes »Plong« durch das Auf- und Abprallen eines Metallteils auf den Teakplanken, bevor ich nur noch einen kleinen, dunklen Schatten wahrnehmen konnte, der gleich darauf mit einem leisen »Plitsch« spurlos in den kühlen Fluten des Meeres versank.
»Huch! Was war denn das für ein Geräusch?« fragte Conchi als seglerisch noch unerfahrener Neuling sichtlich erschrocken und hielt sich an im Cockpit fest.
»Ich geh mal lieber nachschauen…« murmelte Demo gelassen, schnappte sich eines der leistungsstarken Marine-Ferngläser und trat an den Mast, um das Rigg von unten nach oben akribisch zu scannen.
»Irgendein Kleinteil aus der Takelage, Conchi«, lächelte ich beruhigend zu ihr herüber, während uns die Seeluft um die Nase wehte. »Keine Panik! Alles, was an Bord einer Fahrtenyacht kaputtgehen kann, tut das früher oder später auch. Das ist auf See stets nur eine Frage der Zeit, und wenn es so weit ist, repariert man es eben wieder.«
»Genau so ist es!« pflichtete Vicky bei, während wir alle fragend auf den ins Cockpit zurückkehrenden Demo blickten.
»Ich kann es von unten nicht zu einhundert Prozent erkennen; aber es sieht ganz so aus, als ob sich der Schäkel am Fall der aufgerollten Stagfock irgendwie gelockert hat, gebrochen und nach unten gesaust ist. Ich kletter mal eben fix in den Mast und…«
»Stopp, mein Bester!« bremste ich seinen Tatendrang sogleich ab. »Kein unnötiges Risiko eingehen! Bei diesem leichten Sommerwind brauchen wir die kleine Stagfock sowieso nicht, sondern fahren den Code Zero. In ein paar Stunden kann dich Britt dann im geschützten Hafen ganz entspannt nach oben winschen.«
»Aye, Captain…« murmelte Demo eher unwillig. Er sucht ja doch ganz gerne mal die sportliche Herausforderung, und bei den anfänglichen mickrigen 5 bis 6 Knoten Wind im glatten Wasser der Bucht wäre er gesichert im Bootsmannstuhl recht mühelos nach oben gekommen. Schließlich kann so ein Defekt auch bei schwerer See irgendwo draußen auf dem Atlantik passieren, wo man dann zwangsläufig in den heftig schwankenden Mast steigen muss, um das Boot wieder segelklar zu bekommen.
Wir erklärten Conchi in aller Ruhe die Abläufe und die nautischen Fachbegriffe und beließen es bei meiner Entscheidung als Skipper, da das kleine Segel heute tatsächlich überflüssig war. Stattdessen rollten wir geschmeidig den mächtigen Code Zero über den Endless-Furler aus. Dessen beeindruckende 98 Quadratmeter Tuch und das zusätzlich ausgebaumte Großsegel schoben die schwere Nauticat selbst bei der zarten Brise bereits mit immerhin knapp 3 Knoten durch das glitzernde Wasser.
Nach und nach legte der östliche Levante spürbar zu und erreichte um die Mittagszeit feine 9 bis 12 Knoten. Das brachte unsere Yacht auf beachtliche 6 bis 7 Knoten Fahrt, ohne dass wir uns ständig als Schootenzupfer um die allerbeste Segelstellung bemühten. Offenbar wurden wir kaum von Gegenströmungen ausgebremst, denn das GPS berechnete verlässlich ein SOG von 5,7 bis in stärkeren Böen sogar über 7 Knoten. Über die gesamte Strecke ergab das eine flotte Durchschnittsgeschwindigkeit von 5,1 Knoten – was für eine schwere, grundsolide Pilothouse-Fahrtenyacht bei diesen sanften Bedingungen eine wirklich beachtliche Leistung ist.
Gegen 12:45 Uhr erreichten wir schließlich die Hafeneinfahrt von Tarifa, und an dieser Stelle muss eine deutliche Warnung ausgesprochen werden: Dieser geschäftige Fischerei- und Fährhafen ist für Sportbootfahrer und Freizeitsegler im Grunde komplett gesperrt, extrem eng und denkbar ungemütlich! Man sollte ihn als Skipper nach Möglichkeit gar nicht erst anlaufen, so bezaubernd und historisch reizvoll das südliche Städtchen selbst auch sein mag. Nur in echten Notlagen darf man hier offiziell Schutz suchen – oder eben, wie in unserem speziellen Fall, mit den passenden Kontakten und ein wenig Backschisch.
Ein guter Bekannter unserer Künstlerin Conchita ist dort ein höheres Tier bei den lokalen Behörden und verschaffte uns die exklusive Erlaubnis, kurz einzulaufen und an einem halbwegs geschützten Steg festzumachen. Aber eben wirklich nur für einen kurzen Sprung, um Conchi samt ihrem Gepäck abzusetzen und uns gebührend zu verabschieden. Sie muss zu einem Künstler-Event in ihre Heimat und wird von Tarifa aus von einem Bekannten nach Cadiz zurückchauffiert.
Selbst das freie Ankern ist östlich und westlich der Landzunge strengstens verboten oder wegen der Strömung schlicht unmöglich. Das ist extrem schade, denn ich hätte mir diese berühmte südlichste Spitze Spaniens nur zu gerne genauer angeschaut. Um Tarifa zu erkunden, reist man aber besser ganz entspannt über Land an, etwa mit dem Mietwagen von Algeciras aus.
Conchi verdrückte beim Abschied an der Pier ein paar kleine Tränchen, und die Einheimischen wie auch die Hafenoffiziellen behandelten uns überraschend freundlich. Dennoch ist die Liegeplatzsituation vor Ort alles andere als idyllisch und durch das permanente Schwellwasser der ein- und ausrauschenden Schnellfähren sowie der harten Felsmolen sogar recht gefährlich für empfindliche GFK-Yachten.
Der Puerto de Tarifa und die umliegenden Küstenabschnitte sind für die Freizeitschifffahrt aus handfesten Gründen denkbar ungeeignet:
- Kommerzieller Fähr- und Fischereihafen: Der Hafen dient primär den wendigen Schnellfähren der Route Tarifa–Tanger Ville sowie der lokalen Fischereiflotte. Die Fast Ferries benötigen jederzeit uneingeschränkte Bahn in der engen Zufahrt; Yachten stellen da ein erhebliches Sicherheitsrisiko dar.
- Keine Liegeplätze für Fahrtensegler: Die extrem wenigen Dauerliegeplätze werden starr von der Autoridad Portuaria de la Bahía de Algeciras verwaltet. Auf den endlosen Wartelisten werden Segelboote (veleros) gar nicht erst zugelassen. Gastliegeplätze für Durchreisende existieren schlichtweg nicht.
- Keine Marina-Infrastruktur: Es gibt keinerlei Serviceeinrichtungen für Yachten. In sämtlichen Revierführern wird Tarifa rein als Port of Refuge (Nothafen) geführt.
- Strenge Nautische Vorschriften: Die Navigation von Sportbooten ist im gesamten kommerziellen Becken untersagt.
- Unruhiges Ankern: Freies Ankern vor der Küste ist wegen des permanenten Seegangs, des dichten Schiffsverkehrs und der harten Winde bei Levante oder Poniente meist ein ungemütliches und gefährliches Unterfangen.
Kurz gesagt: Tarifa ist infrastrukturell keineswegs auf Wassertourismus ausgelegt. Segler, die dort ohne Genehmigung versuchen festzumachen, werden in der Praxis meist gnadenlos abgewiesen.
Nachdem Conchita sicher an Land war, legten wir unverzüglich wieder ab und schipperten überwiegend unter Motorkraft zurück nach Gibraltar, wo wir wieder an unserem freigehaltenen Liegeplatz festmachten. Um den Defekt oben im Rigg kümmerten wir uns ebenfalls erst nach der sicheren Rückkehr. Ich hatte zwar im Stillen gehofft, dass wir vielleicht doch ein bis zwei Tage in Tarifa bleiben könnten, aber das Risiko zwischen den wuchtigen Stahlkörpern der Fischerkähne war mir für unsere GFK-Yacht schlicht zu hoch. Die hart arbeitenden Fischer haben verständlicherweise wenig Zeit, auf aus ihrer Sicht Luxussegler Rücksicht zu nehmen.
Zurück im Hafen kletterte Demo flink wie ein Affe den Mast empor und stellte fest, dass tatsächlich der Edelstahl-Schäkel am Fall des Fockstags glatt durchgebrochen war. Das überraschte ihn spürbar, da er das Rigg erst vor wenigen Wochen in Portimão gründlich inspiziert hatte und der Schäkel optisch makellos wirkte. Aber genau so läuft es eben auf einem Schiff: Völlig unvorhersehbar gibt immer wieder irgendein Bauteil überraschend seinen Geist auf, ganz egal wie viel Mühe, Zeit und Liebe man in die laufende Pflege und Wartung investiert.
Den verbleibenden Rest des Tages verbrachten wir gemütlich an Deck, bedauerten das Fehlen von Conchita in unserer Runde und widmeten uns ganz entspannt privaten Dingen. Man kann schließlich nicht jeden Abend auf Achse sein, fürstlich dinieren und die Nacht zum Tage machen.
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