Cadiz, ein schöner Tag in vier Teilen

 

#26.08.01 – Cadiz, ein schöner Tag in vier Teilen

Teil 1: Frühstück im »El Café de Ana«

»Auf geht’s, trödel nicht so rum, Vicky!«, trieb ich die Hübsche gutmütig zur Eile an. Wir drei anderen standen bereits fix und fertig angezogen an Deck, wo wir rauchten, während sie immer noch völlig ungeniert splitternackt durch die Kajüte wirbelte.

»Ja, ja, hetz mich nicht so, Captain!«, lachte sie, schlüpfte schließlich doch noch in knappe weiße Shorts, ein Trägershirt und Sandalen, schnappte sich ihre Umhängetasche und signalisierte Landgang-bereitschaft.

Gut gelaunt und ohne jede Hektik spazierten wir durch die morgendliche Wärme zum El Café de Ana. Dort waren wir mit Conchita und einem ihrer Kunstliebhaber zum Frühstück verabredet. Der Typ hatte der spanischen Künstlerin bereits einige Kohlezeichnungen und Ölbilder abgekauft und zeigte nun eventuell auch Interesse an Vickys großformatigen Werken. Wir hatten ihn in einer der letzten Nächte beim Ausgehen schon kurz kennengelernt.

 

Das Café an der Avenida Ana de Viya erwies sich als echter Glücksgriff. Schon beim Näherkommen verliebten sich die Frauen sofort in die Kulisse: Der Eingang ist wunderschön von pinken, duftenden Bougainvillea-Blüten umrahmt. Innen empfängt einen eine liebevolle,  altmodisch-gemütliche Saloon-Atmosphäre, die sofort entschleunigt.

»Ist das hübsch! Voll bezaubernd!«, schwärmten Britt und Vicky unisono – und selbst als Mann mit geschultem Blick für Raumgestaltung konnte ich dem nur beipflichten. Der Service erwies sich ab der ersten Sekunde als herzlich und aufmerksam, wie man es sich in der Gastronomie nur wünschen kann. Dazu stimmt das Preis-Leistungs-Verhältnis: Für nicht einmal zehn Euro bekommt man hier ein fantastisches, superfrisches Frühstück samt Kaffee und Fruchtsaft serviert. Man fühlt sich auf Anhieb so unbeschwert willkommen wie bei guten Freunden.

Nach den typisch südländisch ausgiebigen Begrüßungsumarmungen mit Bussi links und rechts machten wir es uns bei angenehmen 25 Grad auf der schattigen Straßenterrasse unter den Kolonnaden bequem. Conchita und der besagte Kunstliebhaber Ignazio kannten die Karte natürlich längst. Wie fast immer bestellten wir alle quer durch die Speisekarte unterschiedliche Gerichte, um möglichst viel probieren zu können.

Ignazio erwies sich als attraktiv-intellektueller Mittdreißiger. Elegant gekleidet, mit ausgeprägten Gentleman-Manieren und von sichtbarer Bildung. Er machte auch menschlich einen sympathischen, seriösen Eindruck auf mich. Ich verließ mich da wie gewohnt auf meine ausgezeichnete Menschenkenntnis, gepaart mit langjähriger Lebenserfahrung und Bauchgefühl – eine Kombination, die mich bekanntlich derart selten täuscht, dass ich mich gar nicht mehr daran erinnern kann, wann ich jemanden das letzte Mal falsch eingeschätzt habe.


 

Dazu fällt mir eine amüsante Anekdote ein: Vor langer Zeit bat mich ein guter Geschäftsfreund, für den ich in gewisser Weise als Vorbild galt, um meine Einschätzung zu einem potenziellen Geschäftspartner. Nach kaum zehn Minuten Gespräch stand mein Urteil felsenfest und ich riet ihm dringend von jeglicher Kooperation ab. Mein Freund fragte mich arg verblüfft, wie ich mir nach so kurzer Zeit bereits so absolut sicher sein könne.

Ich konnte es ihm damals gar nicht genau erklären, weil dieser Instinkt bei mir seit jeher ganz automatisch abläuft. Mein Freund schlug meine Warnung schließlich aus und stieg in ein dubioses Immobiliengeschäft mit besagtem Typen ein. Erst etliche Jahre später, während einer feucht-fröhlichen Kneipentour, gestand er mir zähneknirschend, dass er dabei einen satten sechsstelligen Betrag in den Sand gesetzt hatte. Seitdem galt meine Menschenkenntnis bei ihm als geradezu legendär. Aber die Wahrheit ist: Selbst heute, mit weit mehr intellektueller Reflektion, kann ich nicht genau an einer Formel festmachen, weshalb mein Radar so zuverlässig ausschlägt. schmunzel

Ignazios Begleiterin an diesem Morgen passte auf den ersten Blick nicht ganz zu seiner gediegenen Art. Aber man begegnet in diesen Künstlerkreisen eben ab und zu diesen faszinierenden Kontrasten: Eine makellose, klassische Schönheit, die durch bewusste Brüche – ein kleines Tattoo hier, ein Piercing da – eine ganz eigene, fast störrische Note bekommt. Nicht unbedingt mein persönlicher Schönheitsbegriff, aber eine interessante Aussage gegen das stramme Diktat der Makellosigkeit propagierenden Modebranche. Die Geschmäcker sind bekanntlich verschieden, und wenn er auf diesen Stil steht, ist das ganz allein seine Sache. Ich persönlich finde es aber immer ein wenig bedauerlich, wenn junge Frauen, mit einer von der Natur so reich beschenkten Ästhetik, sich in meinen Augen unnötig verunstalten.

Teil 2: Flanieren durch Cádiz

Wir waren inzwischen schon wieder deutlich länger in Cádiz hängengeblieben, als wir ursprünglich geplant hatten. Aber wie schon zuvor in Lagos galt auch hier: Vor allem Vicky konnte sich die erstklassigen Gelegenheiten zum Verkauf ihrer Kunst in diesen lebendigen Künstlerszenen um einfach nicht entgehen lassen. Und um ehrlich zu sein: Wir fühlten uns in dieser bezaubernden Küstenstadt mit all den neuen Bekanntschaften rund um Conchita schlichtweg sauwohl. Was dieser lebendige, mit gut 100.000 Einwohnern überschaubare Ort an Kultur, Geschichte und Traumstränden zu bieten hat, ist für diese Größe wirklich erstaunlich.


 

Köstlich gesättigt und hochzufrieden verließen wir das Café und schlenderten in der Morgensonne zunächst zur Plaza de la Merced. Dort steht das Centro Municipal de Arte Flamenco la Merced – ein heutiges Tanzstudio und Kulturzentrum mit einer faszinierenden Geschichte. Die filigrane Eisenkonstruktion stammt ursprünglich aus der Feder der berühmten Pariser Werkstatt von Gustave Eiffel und diente Ende des 19. Jahrhunderts als Ausstellungspavillon. Um 1930 wurde das komplette Stahlskelett demontiert, hierher verlegt und jahrzehntelang als städtische Markthalle genutzt, bevor man das geschichtsträchtige Bauwerk vor einigen Jahren aufwendig restaurierte und schallisoliert der Flamenco-Kunst weihte.

»Echt krass, was es hier an jeder Ecke zu sehen gibt!«, meinte Britt begeistert beim Weiterlaufen und steuerte kurz darauf zielstrebig mit Vicky und Conchita auf eine kleine Boutique zu. »Kommt Mädels, die haben voll hübsche Kleider!«

Wir Männer machten das, was erfahrene Begleiter in solchen Momenten eben tun: Wir blieben geduldig draußen im angenehmen Sonnenschein stehen, zündeten uns eine Zigarette an und steuerten kurz darauf eine eigentlich noch geschlossene Tapas-Bar an. Ignazio wechselte ein paar charmante Worte auf Spanisch mit dem Betreiber, woraufhin dieser verständnisvoll grinste und uns prompt mit eiskalten Erfrischungsdrinks versorgte. Da meine Spanischkenntnisse bekanntlich bestenfalls als rudimentär zu bezeichnen sind, übersetzte ich mir das Wortgefecht aus Tonfall, Gestik und Mimik selbst: »Was sollen wir armen Männer schon machen, wenn die Damen Kleider shoppen? Angeblich ja nur, um uns anschließend mit reizenden Anblicken zu erfreuen…« schmunzel

Nach vielleicht einer halben Stunde – für weibliche Einkaufsverhältnisse erstaunlich schnell – tauchten die drei Schönheiten wieder auf. Britt und Conchita präsentierten sich direkt in neuen, farbenfrohen Sommerkleidern, während Vicky unverändert schien, aber erzählte, zwei sexy Dessous erstanden zu haben. Nebenbei bemerkt: Sämtliche Einkäufe wurden völlig selbstverständlich aus der eigenen Tasche bezahlt. Kein Winken nach der Geldbörse des Mannes, keine Erwartungshaltung. Ein kleiner, aber feiner Hinweis auf die innere Haltung und Klasse dieser noch jungen Frauen mit Klasse, Charakter und Niveau.

»Na?«, blinzelte vor allem Britt leicht provokant-frech auf typisch weibliche »Fishing for Compliments«-Art und drehte sich einmal schwungvoll vor unseren erfreuten Männeraugen, sodass der knielange Rocksaum weit hochflog.

Willst du als Mann überleben, hast du in so einem Moment natürlich gar keine andere Wahl als wie aus der Pistole geschossen mit »WOW! Bezaubernd schön! Entzückend!« und ähnlichen Bekundungen zu reagieren. Aber ganz im Ernst: Der bildschönen blonden Schwedin stand das bunte Sommerkleid ganz hervorragend. Wobei man ehrlich sein muss: Alle drei sehen sowieso immer hinreißend aus – ganz gleich, was sie anhaben. Oder eben noch besser: was sie nicht anhaben! hehe

Durch die malerischen Altstadtgassen – an fast jeder Ecke bieten sich architektonisch reizvolle Ausblicke – schlenderten wir weiter zum Denkmal La Perla de Cádiz. Die lebensgroße Bronzestatue ist eine Hommage an Antonia Gilabert Vargas, die unter ihrem Künstlernamen als eine der bedeutendsten und kraftvollsten Stimmen des andalusischen Flamencos in die Geschichte einging.


 

Nur wenige Meter weiter stießen wir auf das Las Cigarreras de Cádiz-Denkmal, ein ziviles Monument, das den Zigarrenmacherinnen der Stadt gewidmet ist. In der einstigen Königlichen Tabakfabrik arbeiteten zu Spitzenzeiten Ende des 19. Jahrhunderts fast 4.000 Frauen. Sie waren nicht nur das wirtschaftliche Rückgrat von Cádiz, sondern spielten auch eine mutige, wegweisende Rolle in der frühen spanischen Arbeiter- und Frauenrechtsbewegung. Ein Stück echter, stolzer Stadtgeschichte mitten im quirligen Alltag.

Teil 3: Unterschiedliche Wege und eine wilde Fahrt

Bei inzwischen gut 30 Grad im Schatten trennten sich am frühen Nachmittag unsere Wege. Demo machte sich auf die Suche nach einer Ersatz-Fußpumpe von Whale. Wir hatten ihm dafür vorab zwei Adressen herausgesucht, die das passende Teil am ehesten vorrätig haben dürften: Zum einen Puerto Náutica SL in El Puerto de Santa María – eine allgemeine Vertretung für nautisches Zubehör direkt nahe der Marina, wo man sich die Teile direkt anschauen kann. Zum anderen Suidamar, in der Zona Franca von Cádiz, die eher etwas technischer auf Industrie- und Pumpentechnik ausgerichtet sind. Spoiler vorab: Demo wurde schließlich bei Puerto Náutica fündig und ergatterte das richtige Modell.

Britt und Ignazios Begleiterin Isabella steuerten einen Friseursalon in der Altstadt an, und wollten sich danach noch ein wenig dem Shopping hinzugeben. Vicky und Ignazio liefen derweil zu seinem Haus. Er wollte ihr seine Kunstsammlung und seine Einrichtung zeigen, um anschließend zu besprechen, ob eines von Vickys noch in der Heimat gelagerten Kohlebildern zu seinen Räumen passt – oder ob sie ihm ein ganz individuelles Werk auf Auftragsbasis malt. Da der Mann auf mich einen seriösen Eindruck gemacht hatte und ich mich auf mein Bauchgefühl verlasse, hatte ich keinerlei Bedenken, Vicky mit ihm ziehen zu lassen.

Conchita und ich hatten derweil ein anderes Ziel: Wir nutzten einen kleinen Stadtflitzer, den Ignazio uns freundlicherweise zur Verfügung gestellt hatte, um zu jener feinen, abgeschirmten Community auf dem ehemaligen Militärgelände zu fahren, die wir vor Tagen schon einmal besucht hatten. Conchita hütete dort wieder einmal das Anwesen eines befreundeten Kunstmäzens, lüftete die Räume, goss die Pflanzen und ließ ein paar Geräte laufen. Eine Aufgabe, die die feurige Spanierin alle paar Tage mit großer Zuverlässigkeit erledigte.

 

»Nett, dass du mich begleitest«, flirtete Conchita bereits vor dem Einsteigen, schwang sich auf den Fahrersitz und übernahm mit schwungvoller Selbstverständlichkeit das Steuer. Passend zu ihrem Temperament steuerte sie den kleinen Wagen erstaunlich zügig, aber mit sichtbarer Routine durch den gewohnt chaotischen, südländischen Verkehr.

»Ist mir doch stets ein Vergnügen, von einer so reizenden Frau chauffiert zu werden«, flirtete ich vergnügt zurück. Allerdings musste ich mich mit meiner Bärenstatur von knapp 1,90 Metern erst einmal reichlich umständlich in den winzigen spanischen Kleinwagen quetschen – ich glaube, es war ein sehr überschaubarer Seat. Dass mein Kopf beinahe das Dach berührte und meine Knie keinen Platz fanden, amüsierte die gertenschlanke, gelenkige Conchita natürlich köstlich.

»Ich hoffe ja, dass du lebend ankommst! Deswegen beeile ich mich lieber ein bisschen, haha!«, lachte sie heiter, kurvte mit quietschenden Reifen um eine Biegung und stieg kurz darauf vor einer roten Ampel mit Schwung auf die Bremse. Prompt knallte mein rechtes Knie gegen die Unterseite des Armaturenbretts.

»Autsch! Das hat man bis hierher gehört! Tat bestimmt weh, haha?«, prustete sie vergnügt los.

»Hat es auch, du schadenfreudiges Biest! Ich wäre dir überaus dankbar, wenn du deinen Fahrstil zumindest ansatzweise an einen armen deutschen Captain in dieser viel zu engen Blechbüchse anpassen könntest!«

»Aber klar doch, haha!«, rief sie, gab bei Grün sofort wieder Vollgas und jagte den Motor hoch. Mein linker Ellenbogen drückte sich derweil schmerzhaft in die Lücke zwischen Fahrer- und Beifahrersitz. Haarscharf zirkelte sie den Wagen um ein unvermittelt auf der Fahrbahn haltendes Taxi herum, betätigte energisch die Hupe und schleuderte dem Fahrer mit melodischer Stimme ein paar spanische Flüche entgegen. Gleich darauf übersetzte sie mir das Ganze mit einem blitzenden Lachen ins Englische: »¡Vete a la mierda! – Verpiss dich zur Hölle! Diese ¡Gilipollas! – Vollidioten von Taxifahrern glauben immer, ihnen gehört die ganze Straße! ¡Cabrón! – Wörtlich ein Ziegenbock, aber gemeint ist ein saftiges Arschloch!«

»Dem hast du es aber ordentlich gegeben!«, grinste ich amüsiert. Bei unseren weit geöffneten Seitenfenstern und Conchitas beachtlicher Lautstärke dürfte der Taxifahrer mindestens die Hälfte der Breitseite mitbekommen haben. Er hupte und gestikulierte wild im Rückspiegel hinterher, was uns aber nicht hörten, da wir schon wieder zwanzig Meter weiter waren.

Im südländischen Straßenverkehr kann man eben echte Abenteuer erleben – erst recht mit einer so energischen, selbstbewussten Frau an der Seite. Es gibt da übrigens einen gravierenden Unterschied zu den vermeintlich kühlen Fahrern im Norden: Wenn sich dort zwei Autofahrer miteinander anlegen, wird es manchmal bitterernst und endet im schlimmsten Fall in handfesten Schlägereien. Im Süden dagegen wird das Hupen, Fluchen und wild Gestikulieren eher wie ein leidenschaftlicher Volkssport betrieben. Körperlich wird es so gut wie nie. Und wenn dann noch eine so bildschöne Frau wie Conchita am Steuer sitzt, geht der Schlagabtausch oft in einen temperamentvollen, unverbindlichen Flirt über. schmunzel

Es war eine wilde, lustige Fahrt. Conchita jagte den Flitzer wie eine geübte Rennfahrerin aus dem Stadtgebiet. Manchmal wirkte ihr Stil zwar ein wenig gewagt, aber wenn man genau hinschaute, merkte man schnell, dass sie die Ausmaße des Autos und die Situationen gut überlegt im Griff hatte. Ihre noch jugendlich schnellen Reflexe verhinderten verlässlich, dass aus der zügigen Fahrt echter Leichtsinn wurde.

Schließlich bogen wir mit quietschenden Reifen in die bereits erwähnte Einfahrt der geschützten Villensiedlung ein. Dem Wachmann an der Schranke rief Conchita lachend ein paar spanische Brocken entgegen, woraufhin dieser umgehend schmunzelnd die Zufahrt freigab – natürlich nicht ohne ihr im Vorbeifahren noch ein spitzbübisches Kompliment hinterherzurufen. Wir kurvten durch das kleine Wäldchen, steuerten die Auffahrt der schicken Finca-Villa an und kamen vor dem Eingang mit einer punktgenauen Vollbremsung zum Stehen, die mich noch einmal ordentlich durchschüttelte.

»Ähem… auf der Rückfahrt übernehme dann aber vielleicht doch lieber ich das Steuer!«, amüsierte ich mich köstlich über das feurige Spektakel.

»Nööö! Dann brauchen wir dreimal so lange und ich sterbe unterwegs vor Langeweile, haha!«, rief sie, sprang energiegeladen aus der Fahrertür und ließ die Tür ins Schloss fallen. Während ich mich sehr bedächtig und Knochen für Knochen aus dem zwergenhaften Innenraum schälte, steckte sie bereits den Schlüssel ins Hausschloss der schicken Finca, drehte sich noch einmal um und rief mir lachend zu: »Und vergiss deine Kamera nicht auf! Wo wir schon mal hier sind, können wir ungestört ein bisschen shooten!«

Teil 4: Sommerhitze, spanische Kaffeekultur und ein spontanes Shooting

»Hast du hier irgendwas Kühles zu trinken im Haus?«, fragte ich Conchita, als ich ihr schließlich in die schattigen Innenräume der Finca folgte.

Sie war bereits dabei, ein paar Zimmerpflanzen mit Wasser zu versorgen, und hatte im Erdgeschoss fast alle Fenster weit geöffnet, um Durchzug zu schaffen. Draußen wehte ein mäßiger Wind aus Südwest, der nach salziger Seeluft, den umgebenden Pinienbäumen und blühenden Sträuchern duftete und zumindest eine leichte Abkühlung brachte.

»Klaro, im großen Küchenkühlschrank findest du reichlich Mineralwasser und Saftflaschen. Bringst du mir bitte ein Glas eiskalten Zitronentee mit?«, lächelte sie verhalten in meine Richtung, ohne sich groß vom Pflanzengießen ablenken zu lassen.

In den Wohnräumen standen gar nicht so viele Töpfe, das meiste Grün befand sich draußen rund um die überdachten Terrassen. Dort kümmerte sich allerdings eine automatische Bewässerungsanlage um das Nötigste; Conchita musste lediglich kontrollieren, ob die Zeitschaltuhr zuverlässig lief, damit die mediterranen Gewächse nicht vertrockneten. Seit Wochen hatte es in der gesamten Region schließlich kaum oder nur extrem wenig geregnet. Ich wollte mir gar nicht ausmalen, wie die Flora derzeit im Landesinneren aussah, wo große Teile Südeuropas unter erdrückenden Hitzewellen mit weit über 40 Grad stöhnten.

Selbstverständlich verfolgen wir an Bord auch regelmäßig die Nachrichten. So war ich bestens im Bilde über abgeschaltete Kernkraftwerke wegen kochend heißer Flüsse mit viel zu wenig Wasser, verheerende Waldbrände in den Mittelmeerländern mit zehntausenden Evakuierten, verdorrte Ernten und den massiven Wassermangel in mitteleuropäischen Strömen, wo die für die Wirtschaft allgemein wichtige Binnenschifffahrt nur noch mit maximal einem Drittel ihrer gewohnten Ladung manövrieren konnten, was die Transport- und Folgekosten deutlich erhöht.. Ganz zu schweigen von den vielen Hitzetoten – meist ältere oder geschwächt kranke Menschen, deren Kreislauf diesen extremen Temperaturen schlicht nicht mehr standhielt.

In der weitläufigen Küche öffnete ich ebenfalls die Fenster, trank erst einmal selbst ein Glas eiskalten Zitronentee gegen den Durst und schenkte dann Conchita ihr Glas sowie mir noch ein frisches Mineralwasser ein. Damit machte ich mich auf die Suche nach ihr und fand sie im ersten Stock. Hier lagen die Schlafzimmer und Bäder, in denen kaum Pflanzen standen. Conchita lüftete hauptsächlich durch und schwang hier und da kurz den Staubwedel. Allerdings schien mir das eher eine Geste der Gründlichkeit zu sein, denn bis auf ein paar mikroskopische Staubkörnchen war das Haus makellos rein. Sie schaut schließlich alle zwei bis drei Tage nach dem Rechten, da konnte sich gar kein Schmutz ansammeln.

»Hier bitte sehr…«, reichte ich ihr das Glas und fragte rein aus Höflichkeit: »Kann ich dir noch irgendwo zur Hand gehen?«

»Danke, nicht nötig, Steve. Ich bin schon so gut wie fertig«, antwortete sie und warf mit einem verschmitzten Blick ihre Haare über die Schulter zurück. Eine typisch weibliche Bewegung, die bei einer so attraktiven, feurigen Frau natürlich ihre reizvolle Wirkung nicht verfehlt.

Übrigens – ich weiß gar nicht, ob ich das in meinen vorherigen Einträgen schon einmal erwähnt habe: Im klaren, hellen Tageslicht sieht Conchita gar nicht so extrem rassig-südländisch aus wie nachts beim Ausgehen oder mit nassen Haaren nach dem Baden. Ihre Haare sind eher von einem satten Dunkelbraun als tiefschwarz, und auch ihre Augen, die im Barlicht fast kohlschwarz wirken, offenbaren im Sonnenlicht einen warmen, dunkelbraunen Farbton. Die Künstlerin ist tatsächlich eine Ausnahmeschönheit mit den Makellosigkeiten eines internationalen Fashion-Models und einer bezaubernd fotogenen Ausstrahlung.

Conchita ist auch nicht ihr bürgerlicher Name, sondern lediglich ihr Künstlername. Das sprichwörtliche spanische Temperament besitzt sie allerdings durch und durch – wenngleich sie überraschend ruhig, nachdenklich und tiefgründig-intellektuell sein kann, wenn man sie näher kennenlernt. Wir verstehen uns von Tag zu Tag besser, schätzen uns sehr und ohne Frage liegt da auch dieses gewisse Knistern als Mann und Frau in der Luft. Über rein private Dinge haben wir bislang allerdings wenig gesprochen; weshalb ich bis heute nicht einmal ihren richtigen Namen kenne. Ist im Grunde aber auch völlig nebensächlich: In wenigen Tagen werden wir mit der Vikarelia voraussichtlich weitersegeln, und ob man diese faszinierende junge Künstlerin jemals wieder sieht, steht in den Sternen.

 

»Was wolltest du denn shooten, Conchi?«, erkundigte ich mich, als wir die Treppe hinunter zur schattigen Garten-Terrasse traten. Ich verlangte nach einer Zigarette. Hochwertige Holzgartenmöbel – wahrscheinlich Teak – standen mit Schutzhüllen abgedeckt seitlich unter einem Dachvorsprung; zwei Stühle und ein kleines Beistelltischchen waren jedoch unter einer schattenspendenden Pergola voller duftender Kletterpflanzen aufgestellt. Dort machten wir es uns gemütlich. »Nur ein paar sexy-hübsche Snapshots für deine Social-Media-Kanäle oder ein richtiges Shooting? Modelst du eigentlich gelegentlich auch für deinen Lebensunterhalt? So großgewachsen und toll gebaut wie du bist, wärst du dafür doch wie geschaffen.«

»Conchi, haha? Süßer Spitzname, der gefällt mir!«, blinzelte sie lachend. »Ja klar, ab und zu modele ich schon… Aber was versteht ein Gauner wie du unter ›richtig‹? Ich hab dir doch erzählt, dass ich hin und wieder für befreundete Maler, Bildhauer oder Fotografen posiere, manchmal auch recht freizügig.«

»Stimmt schon, aber ich meinte, ob du auch professionell als Fashion- oder Aktmodel arbeitest?«

»Ach so, nein. Professionell will ich das eigentlich nicht machen. Zumindest nicht, solange ich mit meiner eigenen Kunst über die Runden komme und Brötchen sowie Miete bezahlen kann. Wie kommst du darauf?«, fragte sie, streckte ihre langen, ebenmäßigen Beine aus und flegelte sich mit der herrlich unverkrampften Art junger Menschen in den Gartenstuhl. In dem sehr hübschen, weiße Sommerkleid, das sie sich vorhin gemeinsam mit Britt gekauft hatte – luftig geschnitten und aus einem hauchdünnen Stoff, der ihre Formen wundervoll betonte – sah sie schlichtwerg bezaubernd und verlockend fraulich aus.

»Ach, nur so aus Neugierde und als Fotograf. Weil du mit deinen Voraussetzungen fraglos echte Chancen in der Branche hättest. Aber wie läuft es denn aktuell mit deiner Kunst? Verkaufst du genug Bilder, um gut über die Runden zu kommen, wenn ich so direkt fragen darf?«

»Es geht so… Künstler nagen ja bekanntlich meist am Hungertuch, haha!«, lachte sie locker, gab dann aber eine sehr ehrliche und reflektierte Antwort. »Ohne meine Sponsoren, Mäzene und Förderer – zu neunzig Prozent Männer, die das natürlich auch wegen meines Aussehens tun – könnte ich kaum existieren. Für mich ist es also ungemein nützlich, attraktiv und clever genug zu sein, dass wohlhabende Señores gern meine Gesellschaft suchen und meine Arbeit unterstützen. Weniger attraktive Kolleginnen haben es da bedeutend schwerer.«

»Sehr gut, dass du das so realistisch siehst und dir nicht einredest, es läge einzig daran, dass deine Kunst allen anderen überlegen ist. Neunundneunzig Prozent aller Menschen, die sich an der Kunst versuchen, können niemals davon leben. Nur verschwindend wenige werden so erfolgreich oder gar berühmt, dass sie davon sorglos existieren oder vermögend werden. Wenn ich fragen darf: Wie schätzt du deine Talente ganz nüchtern objektiv ein? Hoffst du, irgendwann zu diesen sehr wenigen Ausnahmen zu gehören?«, lächelte ich verständnisvoll. Künstler hatten es schließlich zu keiner Zeit leicht – und in der heutigen Zeit, wo Abermillionen Menschen die Muße haben, sich künstlerisch zu betätigen, ist das Brot noch um einiges kürzer geworden.

»Verdammt kluge Frage, du Captain und Menschenkenner!«, strich sie sich eine dunkle Haarsträhne aus dem Gesicht, trank ihren Zitronentee aus und fragte: »Hast du Lust auf einen Kaffee?«

»Ein guter Kaffee wäre mir jetzt äußerst willkommen. Ich habe vorhin in der Küche eine vorzügliche Siebträgermaschine gesehen.«

»Genau! Was darf es denn sein?«

»Ein Café del Tiempo wäre perfekt, wenn…«

»Kommt sofort, warte hier!«, sprang sie mit erstaunlicher Energie aus ihrer bequemen, halb liegenden Position auf und entschwand ins Haus, bevor ich den Satz zu Ende sprechen konnte. Unsere beiden leeren Gläser nahm sie gleich mit.

Ich zündete mir eine Zigarette an, paffte entspannt in den Schatten der Pergola und hatte gerade zu Ende geraucht, als Conchita mit einem schicken Tablett zurückkehrte. Darauf standen zwei komplette El-Tiempo-Gedecke, die frisch gefüllten Wassergläser, zwei mit Eiswürfeln und Zitronenschalen präparierte Tumbler sowie eine kleine Dose mit feinem Pistaziengebäck.

Der Café del Tiempo dürfte vielen Spanienurlaubern ein Begriff sein: Ein starker, heißer Espresso, der auf Eiswürfeln mit einer Zitrone- oder Orangenscheibe serviert wird. Ein absolut geniales Sommergetränk, das in Spanien allerdings nach allen Regeln der Kunst zelebriert werden möchte.

Das klassische Gedeck besteht aus zwei Gefäßen: Glas 1 ist ein kleines, hitzebeständiges Glas (oft ein klassisches Cortado-Glas), in dem der heiße, frisch gebrühte Espresso serviert wird – meist bereits nach Wunsch gesüßt. Glas 2 ist ein etwas größeres, robustes Trinkglas, gefüllt mit Eiswürfeln und einer frischen Scheibe Zitrone oder Orange.

Die korrekte Handhabung verlangt eine genaue Reihenfolge: Zuerst wird der Zucker im heißen Espresso verrührt, solange dieser noch dampft – im eisgekühlten Glas löst sich der Zucker nämlich kaum noch auf. Erst danach gießt man den heißen Kaffee mit Schwung über die Eiswürfel und die Zitrusfrucht im zweiten Glas. Durch den Schock kühlt der Kaffee augenblicklich ab und nimmt das feine Aroma der Zitrusextrakte an. Getrunken wird anschließend direkt aus dem Eisglas.

In Spanien gilt als unumstößliches Gesetz: Kaltes gehört ins Glas, Tassen sind ausschließlich für heißen Kaffee reserviert. Ein Iso-Becher widerspricht der spanischen Kaffeekultur zutiefst, da das Auge schließlich mitgenießt und man das Spiel aus dunklem Kaffee, Eiskristallen und der gelben Zitronenscheibe beobachten möchte. Wer diesen Kaffee falsch handhabt, erntet von Einheimischen schnell den einen oder anderen amüsierten Blick. schmunzel

Aber keine Sorge: Spanier verzeihen Touristen fast jeden Kaffeefehler mit einem freundlichen Lächeln! Um dennoch absolut stilsicher aufzutreten, sollte man ein paar ungeschriebene Regeln kennen. Hier die wichtigsten Fettnäpfchen, die es zu vermeiden gilt:

1.     Das Timing beim Milchkaffee: Ein Café con Leche ist ein reines Frühstücksgetränk. Spanier trinken ihn fast ausschließlich bis 11:00 Uhr morgens, meist zusammen mit einer Tostada. Einen Milchkaffee nach einem üppigen Mittag- oder Abendessen zu bestellen, sorgt beim Kellner für sanftes Entsetzen. Nach dem Essen ordert man einen Café Solo, einen Cortado oder einen Carajillo.

2.     Bestellung und Bezahlung: Niemals im Stehen »To Go« bestellen! Kaffee ist in Spanien ein soziales Ritual und kein Treibstoff für Hektiker. Man genießt ihn an der Bar (Barra) oder am Tisch (Mesa). Wobei zu beachten ist: Der Kaffee an der Bar ist oft günstiger als am Tisch und spürbar günstiger als draußen auf der Terrasse (Terraza).

3.     Getrennte Rechnungen: Wenn man in einer Gruppe unterwegs ist, zahlt in der Regel einer die gesamte Runde, oder man wirft das Geld am Ende unkompliziert passend zusammen. Nach getrennten Kassenbelegen zu verlangen, bringt Kellner im Stoßbetrieb an den Rand des Wahnsinns.

4.     Das Zucker-Ritual: Spanischer Espresso wird traditionell sehr dunkel geröstet. Es ist völlig normal und keineswegs eine Beleidigung für den Barista, reichlich Zucker hineinzuschütten. Die Tütchen (Azucarillos) werden ungefragt gereicht. Und schließlich: Ein bloßes »Un café, por favor« reicht nicht aus – man sollte immer die exakte Zubereitungsart nennen, etwa »Un cortado, por favor«.

»Danke, Conchi…«, lächelte ich, süßte meinen Espresso, gieß ihn routiniert über das Eis im zweiten Glas und beobachtete für ein paar Momente, wie sich das tiefschwarze Elixier um die Eiswürfel legte, ehe ich einen ersten Schluck des gekühlten Getränks nahm. Conchita schaute mir amüsiert zu, wie ich das Ritual vollzog, während sie selbst quasi blind und eingespielt das Gleiche tat.

»Hey! Du machst das ja fast schon mit dem Schwung eines echten Einheimischen, Señor Capitán!«

»Nimmt mich Señorita Conchita gerade auf den Arm oder flirtet sie mit mir?«, grinste ich zurück.

Tatsächlich unterlaufen mir trotz langjähriger Reiseerfahrung gelegentlich kleine Fehler in der spanischen Kaffeekultur. Aber wenn man ständig unterwegs ist und durch die unterschiedlichsten Reviere und Länder kommt, kann man sich unmöglich jede lokale Gepflogenheit bis ins letzte Detail merken. Das muss man auch gar nicht – doch ein gewisses Grundwissen zeugt schlicht von Respekt gegenüber dem Gastgeberland.

»Beides, hihi! Beides!«, blinzelte sie mir mit einem Blick zu, der bei mir ein sehr angenehmes Kribbeln auslöste. »Und um deine Frage von vorhin zu beantworten: Ganz realistisch betrachtet glaube ich, dass meine Kunst… na ja, nicht wirklich etwas Besonderes ist. Wahrscheinlich werde ich mich einigermaßen durchschlagen können, solange ich noch hübsch und sexy genug bin, um Förderer und Mäzene anzuziehen. Aber wirklich erfolgreich oder gar berühmt werde ich wohl nie.«

»Das nenne ich mal eine mutige, ehrliche Selbsteinschätzung ohne unrealistische Illusionen. Respekt dafür«, antwortete ich und lächelte aufmunternd. »Aber versuche es trotzdem ruhig weiter! Erfolg hängt im Kunstbusiness heutzutage nicht zwingend davon ab, ein herausragender Künstler zu sein. Vermarktung, vor allem geschickte Selbst-Promotion, ist das A und O in diesem Geschäft. Und mach dir klar: Es ist heutzutage vor allem ein internationales, milliardenschweres Business – nichts anderes!« Ich streichelte ihr dabei sanft und freundschaftlich über die zarte Wange.

»Hmm… du bist ein kluger Kopf und, wie ich glaube, auch ein wirklich guter Freund…«, raunte sie leise, ließ ihre Wange für einen kurzen Moment in meiner Handfläche ruhen und blickte fast dankbar zu mir auf.

Als die Gläser geleert waren und ich mir eine weitere Zigarette gegönnt hatte, machten wir uns an ein spontanes, kleines Fotoshooting. Wir schossen wunderschöne, softerotisch-künstlerische Aufnahmen, die Conchitas frauliche Ästhetik perfekt einfingen. Sie ist enorm fotogen und versteht es meisterhaft, sich kopfkinoanregend in Szene zu setzen. Für ein Motiv wickelte sie sich beispielsweise in eine Art weiße Toga, wobei knackige Pobacken und eine Brust auf reizvolle Weise unbedeckt blieben. Ein verlockend weiblicher Blick halb über die Schulter zurück in meine Linse – und in meine genießenden Männeraugen – vervollständigte das Bild der Szene nahezu perfekt.

 

»Wow! Was bist du nur für eine schöne, fotogene und verführerische Frau!«, lobte ich sie mit ehrlicher, männlicher Bewunderung.

»Ach ja? Findet der Señor Capitán mich also schön und verlockend?«, schmunzelte Conchi gleichzeitig amüsiert, flirtend und sichtbar erfreut über das ehrliche Kompliment.

Wie ich schon manchmal erwähnt habe: Manche Menschen – insbesondere Frauen – haben dieses gewisse Etwas einfach im Blut. Sie wirken atemberaubend weiblich oder charismatisch männlich, völlig unabhängig davon, ob sie figurbetont gekleidet sind oder Haut zeigen. Jeder kennt wahrscheinlich diese Momente von Festen oder Partys: Eine Gesellschaft ist zusammen, amüsiert sich – und plötzlich betritt eine ganz bestimmte Person den Raum. Wie von einem unsichtbaren Magneten angezogen, richten sich augenblicklich alle Blicke auf sie oder ihn, und diese Person wird auch meist ohne jegliche Anstrengung zum Mittelpunkt des Geschehens. Man kann es wissenschaftlich kaum erklären, es geschieht vollkommen instinktiv.

Wir produzierten noch eine Reihe ästhetischer Aufnahmen voller weiblichem Sexappeal. Alles durchweg geschmackvoll, künstlerisch und stilvoll – meilenweit entfernt von billiger Nacktheit oder gar Vorstößen ins Pornografische. Conchita ist wie gemacht für die Linse und hat sichtlich Freude daran, mit ihrer Ausstrahlung zu spielen. Viele Künstler haben ja einen gesunden, mehr oder weniger stark ausgeprägten exhibitionistischen Zug und genießen  bewundernden Blicke. Wir hatten anderthalb Stunden lang enormen Spaß zusammen – als Fotograf, Künstler und Model, aber eben auch als Mann und Frau, die sich ohne Frage sehr sympathisch sind.


 

Aber ich muss mich nun langsam kurzfassen, sonst sprengt dieser Beitrag vollends den Rahmen. Da wir alle das Mittagessen hatten ausfallen lsßen, trafen wir uns gegen 17:00 Uhr mit gehörigem Appetit in einer der vielen, mehr oder weniger guten Tapas-Bars und Restaurants an der Playa de la Victoria.

Vicky und Ignazio hatten sich in der Zwischenzeit ebenfalls geeinigt: Er hatte eines ihrer großformatigen Kohlebilder für seine Sammlung geordert und direkt eine Anzahlung von 2.500 Euro geleistet. Wieder einmal ein voller Erfolg für Vickys Kunst und eine sehr angenehme Spritze für die derzeit wohlgefüllte Bordkasse!

Der Abend mündete schließlich in einer ausgedehnten Kneipentour durch etwa ein Dutzend Szenebars, Künstlertreffs und Lokale. Wir kosten das quirlige Sommer-Nachtleben von Cádiz bis tief in die Nacht hinein aus. In den kühleren Monaten geht es hier wohl ruhiger zu, aber Conchita versicherte uns, dass man in Cádiz jederzeit exzellent feiern und Spaß haben, südländisches Nightlife genießen kann, wenn man die richtigen Orte kennt.


 

Es war wieder einmal ein langer, erlebnisreicher und rundum gelungener Tag samt dazugehöriger Nacht. Reichlich beschwingt und in bester Laune kehrten wir vier gegen 02:30 Uhr an Bord der Yacht zurück, springen noch eben unter die Borddusche und fielen heftig gähnend wohlig müde in unsere Kojen. Binnen weniger Minuten herrschte tiefste Nachtruhe auf der Yacht.

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Cadiz, ausgiebige Strandfreuden und interessante Gespräche

 

#26.07.28 – Cadiz, ausgiebige Strandfreuden und interessante Gespräche

»Beach Day!«, postulierte die am Vorabend zurückgekehrte Britt mit Nachdruck. »Nach all dem Stress bestehe ich auf einen erholsamen, schönen Strandtag!«

Wir saßen gerade beim Frühstück und besprachen die Tagesplanung. Die Vorhersage versprach strahlenden Sonnenschein mit über 30 Grad und nur schwachen Wind. Ich hatte leichtsinnigerweise geäußert, dass Britt nach ihren anstrengenden Model-Tagen in Mailand das Vorschlagsrecht zustehen sollte. Wie aus der Pistole geschossen entschied sie sich für „Beachlife!“ schmunzel

»Hey, finde ich gut!«, murmelte Demo mit vollem Mund.

»Ich auch! Mal wieder Strand wäre genau das Richtige«, pflichtete Vicky bei und nippte an ihrem dunkelgrünen Obst-Gemüse-Smoothie. Sie hatte am Morgen eine gewaltige Menge davon durch den Mixer gejagt und gekühlt. Keine Ahnung, was sie darin genau püriert hatte, aber das Zeug schmeckte überraschend gesund und lecker.

»Einverstanden und genehmigt«, zwinkerte ich und nahm einen herzhaften Bissen von meinem Körnerbrot – dick mit Butter, Aioli, Avocado und köstlichem Räucherfisch belegt. Dazu gab es eingelegte Jalapeños, Oliven, Peperoni, Silberzwiebeln und gebratene Paprika. Ergänzt wurde das Ganze durch Rührei mit Speck, Zwiebeln und Kräutern. Bekanntlich schätze ich schon morgens ein kräftig-würziges Frühstück, und die Crew zieht da meistens begeistert mit. Nur »wegen der Figur« halten sich die Damen gelegentlich etwas zurück und begnügen sich mit Obst-Müsli oder Karotten und Joghurt. Nichts gegen gesunde Vitamine, aber der Start in den Tag verlangt für meinen Geschmack nach Substanz.

»Genehmigt? Du hast gar keine Wahl! Sonst setzen wir dich als Captain ab und schmeißen dich über Bord!«, lachte Britt munter, mit frech funkelnden, aber liebenswürdigen Augen. Vicky stimmte der angekündigten, möglichen Meuterei naturgemäß sofort zu.

»Oh… wenn das so ist: Darf der unterwürfige Skipper den Damen wenigstens das Gepäck tragen und die Füße küssen?«, spielte ich den Unterwürfigen, als hätte ich tatsächlich Angst vor einer Revolution an Bord. Die Schönen amüsierten sich prächtig und Demo schmunzelte stumm in seinen Drei- oder Fünftage-Bart. Dieser locker-stichelnde Umgangston mit spitzen Bemerkungen und schlagfertigem Wortwitz gehört bei uns bekanntlich zum guten Ton. Man startet schlicht besser in den Tag, wenn beim Frühstück schon gelacht wird.

»Conchita sollten wir nicht vergessen! Die kommt bestimmt sehr gern mit«, fügte Vicky richtigerweise hinzu und griff sogleich zum Telefon. Die spanische Künstlerin war sofort begeistert.




 

Eine knappe Stunde später trafen wir sie an einem vereinbarten Treffpunkt an der Westküste der Halbinsel von Cádiz. Conchita war mit ihrem E-Bike vorgefahren, während wir den Strandabschnitt direkt mit dem Beiboot ansteuerten. Ein unschlagbarer Vorteil: So ersparten wir uns das Schleppen von Kühltaschen, Sonnensegeln und dem üblichen Strand-Equipment über heiße Dünen.

Die Geografie der Strände ist hier fließend. Conchita erklärte uns, dass wir uns ungefähr auf der Grenze zwischen der Playa de La Cortadura und der Playa de la Victoria befanden. Im Grunde zieht sich hier ein kilometerlanger, feiner Sandstrand über die schmale Landzunge zwischen dem offenen Atlantik und der Bucht von Cádiz. Insgesamt misst dieser Küstenstreifen gut 15 Kilometer – von irgendwem künstlich in verschiedene Strandabschnitte unterteilt, aber geografisch ein zusammenhängendes Naturdenkmal. Der große Vorteil unseres gewählten Platzes: Er liegt weit genug außerhalb der dicht bebauten Hotelzonen neben der Altstadt und war entsprechend angenehm deutlich weniger voll als die Strandabschnitte direkt neben der Altstadt.

»Yuhuuu… wer als Letzter im Wasser ist, muss mich von Kopf bis Fuß mit Sonnencreme einreiben! Also der tasige Bären-Captain, wer sonst, haha!«, rief Britt und stürmte bereits los, noch bevor wir das Equipment komplett ausgeladen hatten. Bei einer Frau mit makellosen Model-Maßen eine taktisch gewagte Ansage – mancher Mann würde da vorsätzlich Trödeln. lach

Jauchzend rannten wir gleich darauf alle in die Brandung… und natürlich war ich wieder mal der Letzte, weil ich meine Sachen immer sorgsam ausziehe und zusammenlege, nicht einfach so achtlos beiseite werfe, wie die jungen Leute. Das Atlantikwasser war mit etwa 24 Grad herrlich erfrischend – genau richtig und kein mitteleuropäische »Badewanne« wie an manchen Sommertagen im Mittelmeer, wo das meer über 30° warm sein kann. Für Nordlichter wie Vicky, Britt und Demo sowieso ein Traum. Die Sonne brannte mittlerweile bei angenehmen 26 Grad Lufttemperatur sehr kräftig vom hellblauen Himmel.

Nach dem ersten Abtauchen entbrannte übergangslos eine ausgelassene Wasserschlacht – drei Frauen gegen zwei Männer. Es wurde viel gelacht und gekreischt, wenn es im Eifer des Gefechts zu den unvermeidlichen Berührungen an besonders empfindlichen Körperstellen im hüfthohen Wasser kam. Conchita war ohnehin schon ungeniert oben ohne unterwegs, was Britt und Vicky rasch nachahmten. Genau wie ich sind sie beim Baden am liebsten natürlich nackt.

Wir hatten zunächst vorsichtshalber Badesachen angezogen, weil wir die örtlichen Geflogenheiten nicht einschätzen konnten. Doch die Badegäste verteilten sich hier so weitläufig, dass natürliche Nacktheit niemanden störte. Conchita versicherte uns, dass man hier völlig entspannt sein könne, solange man sich nicht gerade textilfrei direkt neben eine traditionelle Großfamilie legt. Eine wunderbare Nachricht – ich hasse kaum etwas mehr, als in einer nassen Badehose im Sand zu sitzen.

Demo und ich zogen anschließend noch eine sportliche Runde im Kraulstil weiter raus aufs offene Meer. Wie ich es liebe, ließ ich mich draußen auf dem Rücken treiben – spielte klassisch »toter Mann«. Ich genoss es für etwa fünfzehn Minuten, die Elemente mit allen Sinnen aufzunehmen. Die Atlantikdünung und die Windwellen summierten sich auf gut einen halben Meter: ein sanftes, rhythmisches Anheben und Absinken, das einen fast wie in als Kind in der Wiege einlullt.

Über mir zog ein leichtes Schleier- und Schäfchenwolken-Muster über den hellblauen Himmel, während Seevögel majestätisch ihre Kreise zogen. Weit draußen am Horizont steuerte ein großer Massengutfrachter die Bucht von Cádiz an, und am Rande des Blickfelds kreuzten zwei Segelyachten mit schneeweißen Segeln. Das friedliche Sich-Treiben-Lassen in jenem Element, aus dem einst alles Leben entstand, hat jedes Mal etwas tief Kontemplatives für mich.

So schön es ist – man darf die Physik nicht unterschätzen. Körper und Muskulatur kühlen bei 24 Grad Wassertemperatur unbemerkt rasch aus. Wasser leitet Wärme etwa 25-mal besser als Luft. Selbst bei Temperaturen, die an Land als warm empfunden werden, verliert der Körper im Wasser kontinuierlich Energie. Nach 20 bis 40 Minuten büßen die Muskeln in Armen und Beinen spürbar an Kraft und Koordination ein. Wenn man weit draußen ist, kann der Rückweg an Land plötzlich überraschend mühsam und wenn man dabei verkrampft, sogar lebensgefährlich werden.

»Da kommt er ja, der Drückeberger!«, stichelte Britt, als ich mein tropfnasses Bärenfell schließlich wieder aus den Fluten wuchtete und über den heißen Sand marschierte. »Als Letzter im Wasser schuldest du mir noch das Eincremen!«

»Zu Befehl, Herrin. Es wird mir eine außerordentliche Ehre sein«, gab ich den unterwürfigen Massage-Sklaven. Und seien wir ehrlich: Welcher Mann würde sich nicht gern dazu bereit erklären, solch wohlgeformte, geschmeidige Formen von Top-Model-Format einzubalsamieren? zwinker

Gönnerhaft reichte sie mir die Flasche mit der Sonnenmilch. Ich trank jedoch zuerst einen großen Schluck kalten Zitronentee, gönnte mir ein Stück saftig-kühle Wassermelone und zündete mir eine Zigarette an – von der Britt mir gewohnheitsmäßig sogleich drei Züge entwendete.

»Ach, voll genial hier! Mailand war mal wieder richtig anstrengend. Wunderschöne Kulissen und gute Gagen, aber logistisch der reinste Wahnsinn«, erzählte sie.

»Viel Zeitdruck beim Shooting?«

»Total. Die letzte Session ging über volle 16 Stunden mit nur winzigen Pausen, weil die Leute bei der Organisation gebockt haben«, seufzte das erfahrene Fashion-Model. Das Leben in der Branche ist weit weniger glanzvoll, als es sich junge Mädchen in ihren Träumen ausmalen. Es ist allzu oft harte, oft unbarmherzige Fließbandarbeit.

Schließlich legte sie sich entspannt bäuchlings auf ihr Badetuch über den Kokosmatten, und ich begann gewissenhaft, ihre Rückseite einzusalben. Nebenher plauderten wir fachlich versiert über den Mailänder Fotografen – ein Mann, dessen Arbeiten ich ebenfalls sehr schätze –, das Stylisten-Team und die Tücken der Modelbranche.

»Mmmhh… das tut gut! Bitte ein bisschen mehr Massieren und nicht nur Creme verteilen. Das brauche ich jetzt wirklich«, seufzte Britt in völlig entspannter Weicher Weiblichkeit. Besonders weibliche Wesen lieben ja meist das auch sinnliche Vergnügen so quasi streichelnd massiert zu werden- Wenn man sich darauf versteht, was meine Wenigkeit wirklic gut beherrscht, ist so eine Massage naturgemäß auch eine sanft erregend-erotische Angelegenheit. Ein schöner weiblicher Körper lässt keinen Mann eiskalt – und Britt genoss die fachkundige Behandlung in vollen Zügen. Nach zwanzig Minuten unter der sengenden Sonne, reflektiert vom hellen Quarzsand, stand mir allerdings schon wieder der Schweiß auf der Stirn.

Daher gönnte ich mir sofort einen erneuten Sprung in den Atlantik, wo Conchita, Vicky und Demo mittlerweile ein Ballspiel in der Brandung veranstalteten. Nach einem tiefen Tauchgang schaltete ich mich erfrischt ein. Britt zog sich derweil unter das aufgespannte Sonnensegel zurück. Später krochen wir alle in den Schatten, um bei der sanften Meeresbrise ganz geruhsam zu faulenzen. Ich nickte prompt für ein kurzes Strand-Nickerchen ein – gibt es etwas Besseres?

Zum Mittagessen trennten wir uns auf, um das Equipment und das Beiboot am Strand nicht unbeaufsichtigt zu lassen. Zuerst gingen sich Britt, Demo und Conchita verköstigen; als Britt und Demo zurückkehrten, machten sich Vicky und ich auf den Weg. Conchita war im Lokal auf Bekannte getroffen und verweilte dort noch zum Plausch.


 

»Okay, ein bisschen überteuert sind sie schon, aber insgesamt besser als gedacht. Oder was meinst du?«, fragte Vicky, während wir speisten und das Strandlokal ins Visier nahmen. Sie weiß natürlich, dass ich die Gastronomie im Blog gern etwas genauer auf den Prüfstand stelle.

»Ja, kann man so durchgehen lassen. Vielleicht eine 4,1 oder 4,2«, stimmte ich kauend zu.

Entgegen mancher Rezensionen im Netz war unsere Bedienung ausgesprochen aufmerksam und flott. Das Essen schmeckte besser als erwartet und die Location hat eine wirklich gemütliche Atmosphäre. So ein überwiegend aus Holz gebautes Chiringuito direkt am Atlantik zu unterhalten, ist allerdings kein billiges Vergnügen. Im Herbst und Winter schlagen die Stürme hier manchmal gnadenlos zu und zerlegen die Infrastruktur regelmäßig. Ihr Geld müssen die Betreiber folglich vor allem in der Sommer-Saison verdienen und die Preise entsprechend ansetzen. Geöffnet haben sie derzeit täglich von 12 bis 23 Uhr.

Eine kurze Nachfrage bei Conchita, die sich mit einem Erfrischungsdrink zu uns gesellte, sowie ein schneller Blick in die Fakten bestätigten meine Vermutung: Die Preise in der Hauptsaison beim Nahu Beach – wie bei den meisten besseren Strandbars an der Costa de la Luz – wirken auf den ersten Blick gehoben, besonders im Vergleich zu Gasthäusern im geschützten Landesinneren. Aber die Standort- und Betriebskosten erklären das schnell.

Holzbau an der Küste ist extrem anfällig. Die permanente Feuchtigkeit, die salzige Luft, der Flugsand und vor allem die fiesen Levante-Stürme, setzen der Konstruktion massiv zu. Das Holz verzieht sich und die Verankerungen im Dünensand müssen ständig nachgearbeitet werden. Nach heftigen Winterstürmen stehen oft komplexe Reparaturen oder gar Teil-Neubauten an. Rechnet man die hohen Konzessionsgebühren für die Strandnutzung, Versicherungen und das Saisonpersonal hinzu, relativiert sich die Marge recht schnell.

»Wundere dich nicht, Conchita, das ist typisch Steve. Der denkt immer zwei Schritte weiter als andere und will es genau wissen«, amüsierte sich Vicky über meine Smartphone-Recherchen.

»Find ich gut«, lächelte die rassige Künstlerin und schenkte mir einen Blick mit eindeutig anerkennendem, sehr fraulichem Interesse. »Durchschnittstypen, die nicht über die eigene Nasenspitze hinausdenken, gibt es schließlich genug. Die sind einfach langweilig.«

»Stimmt – aber sag ihm das bloß nicht zu laut, sonst wird er noch eingebildet!«, lachte Vicky.

»Ich und eingebildet?«, grinste ich amüsiert.

Es ist erfrischend, wenn schöne Frauen nicht nur gut aussehen, sondern auch einen wachen Verstand mitbringen. Das ist für mich der feine Unterschied zwischen einer oberflächlichen Erscheinung und einer Frau mit echter Klasse und Intelligenz. Mit Menschen, die sich ausschließlich über Klamotten, Partys, Shopping oder ihr reines Äußeres definieren, konnte ich noch nie viel anfangen – egal ob männlich oder weiblich.

Ich schätze tiefschürfende, anregende Gespräche genauso wie unseren gewohnten, locker-frechen Wortwitz. Das hat nichts mit Snobismus zu tun, sondern ist schlicht eine Frage des Formats: Selbstbewusste, kluge Köpfe schätzen schlagfertige Sticheleien, haben Spaß am Diskutieren und können parieren. Leute, die jeden Scherz gleich persönlich nehmen und sofort eingeschnappt reagieren, sind am Ende einfach nur anstrengend und verraten damit ihre innere Unsicherheit.

Vicky verabschiedete sich nach dem Essen und schlenderte zurück zu unserem Strandplatz für ein wohlverdientes Nickerchen. Conchita und ich blieben noch auf der schattigen Terrasse sitzen, bestellten einen Café con hielo und ließen den Blick entspannt über das bunte Treiben am Strand schweifen. Ein paar Kinder bauten im feinen Sand emsig an ihren Burgen, während die Meeresbrise die Sommerhitze erträglich hielt. Ein paar sehenswerte Bikinischönheiten gab es auch – und die schaut sich ein Mann doch immer gern an.

Conchita zog einen kleinen Ringblock aus ihrer Umhängetasche und begann konzentriert, in geschwungener Handschrift einige Zeilen auf Spanisch zu notieren.

 

»Was schreibst du denn da Schönes?«, fragte ich neugierig.

»Meditative Lyrik. Gedichte der Präsenz«, antwortete sie, blickte auf und sah mich aus ihren kohleschwarzen Augen ausdrucksstark an. In diesem Blick lag jene ungenierte, rassige Selbstverständlichkeit, die man an klugen Künstlerinnen so schätzt – eine direkte, unverstellte Intensität. Es knisterte unaufdringlich, aber spürbar zwischen uns; eine charmante, südliche Mischung aus Intellekt und unverbindlicher Flirtlust.

»Und was hast du da aufgeschrieben – wenn es kein intimes Geheimnis ist?«, zwinkerte ich.

Sie lächelte leise und zitierte mit ihrer klangvollen, melodischen Stimme:

»Cerrar los ojos y volver aquí, soltando los pensamientos, palpando la brisa del mar, sintiendo cada partícula de mi yo presente, descubriéndome feliz.«

»Klingt sehr schön«, schmunzelte ich, »aber jetzt bitte noch einmal für den doofen Alemán: Was genau bedeutet das?«

Da sie genauso wenig Deutsch spricht wie ich Spanisch, half das Smartphone bei den Feinheiten, um eine passende Übersetzung zu finden. Schließlich kam auf Deutsch Folgendes dabei heraus:

»Die Augen schließen und hierher zurückkehren, die Gedanken loslassen, die Brise des Meeres ertasten, jedes Partikel meines gegenwärtigen Ichs spüren, mich selbst als glücklich entdecken.«

Conchita sah mich aufmerksam an, ihr Blick forschend und ernsthaft. »Wie findest du es?«

»Ein wirklich schöner Text«, antwortete ich ehrlich, »auch wenn du von mir keine tiefere literaturkritische Abhandlung erwarten darfst. Unter 'Präsenzlyrik' kann ich mir erst einmal wenig vorstellen; Gedichte sind eigentlich nicht so mein Ding.«

»Dummkopf«, zwinkerte sie leise lächelnd. »Ich frage dich doch nicht als Literaturkritiker. Sondern als Mann mit Niveau, der selbst viel schreibt.«

»Nun… ich finde die Zeilen gut formuliert, klar und sehr passend zu dir als gebildeter Künstlerin. Schreibst du so etwas öfter neben der Malerei?«

»Seit meiner Jugend fast täglich«, nickte sie. »Es ist fast wie ein poetisches Tagebuch. Ich mag es, mich so auszudrücken – das hat mehr Seele als ein prosaischer Bericht und sagt am Ende viel über mein Inneres aus. Findest du nicht?«

Es war offensichtlich, dass ihr diese Notizen ähnlich viel bedeuteten, wie ihre Malerei. Es war ihr lyrisches Skizzenbuch, stilistisch schlicht und ohne künstliche Schnörkel, aber voller Gefühl.

»Estoy de acuerdo. Tienes razón«, erwiderte ich lächelnd auf Spanisch, mit Hilfe einer weiteren Übersetzung im Smartphone, durchaus etwas fasziniert von dieser sympathischen, vielschichtigen Spanierin. »Ja, es verrät tatsächlich eine Menge über dich als Person und Frau… und das scheint dir wichtig zu sein.«

»Ist es nicht für jeden Künstler wichtig, wie das, was man erschafft, auf andere wirkt? Was genau bedeutet dir deine Schreiberei?«, antwortete die Schöne mit hintergründigem Lächeln.

Ich zündete mir gelassen eine Zigarette an, trank den letzten Schluck des abgekühlten Kaffees und winkte der freundlichen Senorita vom Service zu, um frische, eiskalte Drinks zum Nachspülen zu bestellen. Das verschaffte mir ein paar geschätzte Sekunden Bedenkzeit für eine möglichst präzise Erklärung.

»Nun, was meine Schreiberei im Blog betrifft, verhält es sich folgendermaßen, Conchita: Ich schreibe schlichtweg unheimlich gern. Es hilft mir dabei, meine eigenen Beobachtungen im Leben zu sortieren, Erlebtes zu verarbeiten und gedanklich zu reflektieren. Was andere – insbesondere mir wildfremde Menschen – davon halten, ist mir ehrlich gesagt weitgehend gleichgültig. Schließlich wird niemand gezwungen, meine Ergüsse zu lesen. Es ist natürlich keineswegs unerfreulich, wenn dem einen oder anderen Leser meine Texte gefallen. Aber so merkwürdig das klingen mag: Es ist mir fast ein wenig unangenehm, wenn ich für das, was ich tue oder verfasse, gelobt werde. Ich hatte noch nie das Bedürfnis, mir durch mein Tun externe Anerkennung oder gar Bewunderung zu verschaffen, um meinem Ego zu schmeicheln.«

Ich dozierte vermutlich wieder einmal eine Spur zu ausführlich, wie es nun mal meine unverbesserliche Art ist, wenn man mich auf tiefere Themen ansetzt. Conchita hörte mir jedoch aufmerksam zu, strich sich eine dunkle Haarsträhne aus der Stirn, überlegte einen Moment und meinte schließlich mit nachdenklichem Unterton:

»Oh, das ist… wirklich faszinierend. Wenn du tatsächlich so denkst und handelst, macht dich das nur noch interessanter, als du ohnehin schon bist.«

Sie schenkte mir dabei erneut einen dieser tiefen, kohleschwarzen Blicke, bei denen man als Mann eine kleine, angenehm kribbelnde Gänsehaut spürt.

»›Noch interessanter, als ich ohnehin schon bin‹ – soso, hoho!«, schmunzelte ich spürbar amüsiert über dieses unverblümte Kompliment.

»Haha! Jetzt aber schnell ablenken und ganz rasch das Thema wechseln!«, lachte sie plötzlich glucksend und heiter los. Es war die herrlich typische Reaktion einer selbstbewussten Frau, die spürt, dass sie sich gerade ein klein wenig zu weit vorgewagt und vielleicht etwas zu viel echtes Interesse offenbart hat.

»Ganz wie Senorita wünschen… welches neue Thema schlägst du vor?«, parierte ich schlagfertig.

»Grins bloß nicht so genüsslich vor dich hin, du… du Gentleman-Gauner!«

»Zu Befehl, Donna Conchita. Darf der bescheidene Skipper überhaupt noch atmen?«, grinste ich nun breit und mit genussvoller, männlicher Gelassenheit.

»Ahaha… darfst du. Aber nur, wenn du brav und aufmerksam bleibst!«, flirtete sie nun vollkommen ungeniert und mit unübersehbarem Vergnügen an dem kleinen Wortgefecht weiter.

In dieser herrlich leichten Art plauderten und scherzten wir noch eine ganze Weile über die unterschiedlichsten Dinge – allen voran über ihre künstlerischen Visionen, die Tücken der Ölmalerei und das Leben im Süden –, bis wir die neu servierten Erfrischungsdrinks bis auf den letzten Eiswürfel geleert hatten.

Anschließend traten wir bei mittlerweile drückenden ca. 35 Grad Hitze – vom hellen Quarzsand noch wie durch einen Hohlspiegel reflektiert und verstärkt – den kurzen Rückweg zu unserem schattigen Lagerplatz an. Ich marschierte ohne Umwege direkt weiter in die kühlenden Atlantikfluten, tauchte mehrmals tief unter, um die Hitze aus dem Kopf zu spülen, und legte mich danach tropfnass auf mein Tuch im Schatten des Sonnensegels. Die übrige Crew faulenzte dort ebenfalls vor sich hin oder schlummerte richtig. Herrlich entspanntes Dösen am Strand in reizvoller Umgebung, wobei man gar nicht gezielt an etwas denkt, sondern einfach nur das Dasein an sich genießt.

 

Den Rest des Nachmittags ließen wir denkbar ruhig angehen. Da dieser Blogeintrag ohnehin schon wieder ordentlich Umfang angenommen hat, mache ich es zum Finale kurz: Wir genossen schlichtweg einen klassischen, rundum gelungenen Strandtag. Es wurde noch mehrmals ausgiebig im kühlenden Atlantik geplantscht, in der schwachen Brandung herumgealbert und für die Fitness noch die eine oder andere sportliche Distanz gekrault.

Und ein paar sehr sexy Schnappschüsse produzierten wir auch. Das Benötigen die Schönen ständig für ihre SM-Accounts mit vielen Followern, wie es heutzutage die meisten jungen Menschen machen. Für mich als leidenschaftlichen Fotografen weiblicher Schönheit und lockendem Sexappeal, ist das selbstverständlich auch immer ein großes Vergnügen. Insbesondere mit drei so toll gebauten Schönen von Model Format, die zudem auch noch künstlerisch interessiert und außergewöhnlich interessante, sympathische Menschen mit Persönlichkeit sind.

Den Sonnenuntergang – am Meer naturgemäß jedes Mal ein besonders farbenprächtiges, fast schon kitschig-schönes, romantisches Spektakel – verfolgten wir von der Terrasse der Strandbar aus. Bei einem guten Glas Wein, dem einen oder anderen Cocktail und für Demo mehreren eiskalten Cervezas, ließen wir den Tag entspannt ausklingen.

 

In der einsetzenden Abenddämmerung hieß es schließlich Aufbruch. Da wir vier von der Bordcrew mit dem Beiboot direkt am Strand angelegt hatten, verabschiedeten wir uns vor Ort von Conchita. Ihre Verabschiedung samt südländischen Bussis auf die Wangen fiel allerdings alles andere als unverbindlich aus – sie geriet eher ungewöhnlich erotisch, in typisch verlockender Fraulichkeit. schmunzel

Zurück an Bord der ankernden »Vikarelia« spülten wir uns unter der Decksdusche Salz, Sand und Schweiß von der Haut und beratschlagten kurz, ob wir noch einmal in die Stadt aufbrechen sollten. Doch da wir die vergangenen Nächte mehrmals gemeinsam mit Conchita und ihrer Künstlerclique ausgiebig das hiesige Nachtleben zelebriert hatten, siegte die Vernunft: Heute war entspannende Erholung angesagt.

Jeder widmete sich den eigenen Aufgaben oder Vorlieben. Die Schönen kümmerten sich um die Pflege ihrer Social-Media-Kanäle und das Hochladen frischer Impressionen in meist ziemlich sexy Pics, während ich mich um meine üblichen Online-Routinen kümmerte: E-Mails beantworten, Kapitalanlagen prüfen und die aktuellen Business-News scannen. Das übliche Pensum von ein bis zwei Stunden täglich, das nun mal notwendig ist, um sich mein angenehmes Leben zu finanzieren.

Vicky, die gewissenhaft die Bordkasse führt, zog ebenfalls Bilanz. Trotz des kostspieligen Refits in Portimão, sieht die Schiffsfinanzierung momentan erfreulich solide aus. Durch den Verkauf von Vickys Kohlezeichnungen an der Algarve, zwei ihrer künstlerischen Live-Performances, sowie Britts Gage vom Mailänder Model-Job ist die Kasse bestens gefüllt. Die Beträge, die ich aus meiner Privatkasse vorgeschossen hatte, wurden mir bereits sauber zurücküberwiesen. Die Crew steht bei mir also mit keinem Cent in der Kreide.

Manch neuer Leser vergisst es vielleicht: Ich bin nicht der Eigner der »Vikarelia«. Das Schiff gehört zu fast gleichen Teilen Vicky und Demo. Britt fährt mit fairen Beiträgen als Mitseglerin mit, während ich mich in der Rolle des temporär beratenden Freundes und Skippers befinde. Mein Job ist es, der jungen Crew das nötige Rüstzeug für die ganz große Fahrt mitzugeben, bevor sie den Atlantik in Richtung Karibik überqueren. 

 

Wenn es meine Zeit erlaubt, werde ich sie bei diesem Törn gern begleiten – es wäre meine vierte oder fünfte Ozeanüberquerung. Genau weiß ich es ehrlich gesagt gar nicht mehr, da ich wie bei den Seemeilen auf meinem Buckel schon lange aufgehört habe, mitzuzählen. Es ist nicht sicher, ob ich das mitmachen kann, dass hängt von einigen, vor allem geschäftlichen Entwicklungen bei mir ab, die ich nur begrenzt beeinflussen kann.

Vicky und ich genossen danach noch ein wunderbar sinnliches Liebesspiel in der Achterkajüte, Britt und Demo machten vorn in ihrer Bugkabine unüberhörbar das Gleiche, bevor wir erneut frisch geduscht gegen 22:45 Uhr für unsere Verhältnisse ungewohnt früh in die Kojen sanken. So endete weiterer, rundum gelungener Tag an den Atlantikküsten Andalusiens und ging sozusagen mit einem Lächeln auf den Lippen zu Ende. 

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