#26.09.13 – Auf See. Kurs Südwest, Tag #1 & Tag#2
»Okay, faule Bande, klarmachen zum Auslaufen!«, kommandierte ich in übertrieben autoritärem Tonfall, nachdem wir uns beim Frühstück gestärkt und den Segelplan besprochen hatten.
»Langsam, du Sklaventreiber, haha!«, lachte Bella mit ebenso gespielt verärgerter Miene. »Dürfen wir uns erst mal fertig anziehen?!«
»Anziehen? Kleidung tragen? Davon steht für schöne Frauen rein gar nichts in der Borddienstordnung! Was im logischen Umkehrschluss bedeutet, ihr sollt möglichst gar nichts anhaben, wenn es nicht zu kalt ist, hoho.« grinst ich rüber zu Sascha. Wir Männer standen typischerweise längst voll angezogen und startklar für das Auslaufmanöver an Deck, während die Schönen immer noch völlig ungeniert unbekleidet durch den Salon huschten.
Wir hatten tatsächlich fast punktgenau die Wetterlage, die ich im letzten Blog als Vorhersage beschrieben hatte: Nordwestwind mit aktuell 6 bis 8 Knoten und diese scharfe, diagonale Trennungslinie von Nordost nach Südwest quer über die gesamte Biskaya. Das war zwar etwas schwächerer Wind als erhofft, reichte aber immer noch aus, um unter Segeln mit 2,5 bis 4, manchmal 5 Knoten voranzukommen. Natürlich ist das arg langsam, aber wir hatten es ja nicht direkt eilig und konnten darauf hoffen, auf See später noch etwas mehr Druck auf die Segel abzubekommen.
Sascha und ich gingen schon mal nach draußen. Während ich meine geliebte Morgenzigarette genoss, ließ ich den Diesel bereits zum Warmlaufen schnurren. Sascha kontrollierte die Festmacherleine an der Boje – wie üblich auf Slip gelegt, sodass sie von Deck aus einfach losgeworfen und eingezogen werden konnte. Gleich darauf war alles bereit. Bella meldete uns über Funk beim Hafenmeister ab, während ich am Steuer etwas Gas gab und die Globetrotter behutsam aus der Lagune Richtung offene See steuerte.
Der Motor schnurrte so rund und zufrieden wie eine gut geölte Nähmaschine, während ich vorsichtig durch all die Untiefen und Riffe navigierte. In einem so anspruchsvollen Revier, wie rund um Molène, übernahm ich das Steuer lieber selbst, statt es Bella zu überlassen – worüber sie als aktuelle Wachgängerin auch gar nicht böse war. Sie ist zwar eine durchaus erfahrene Seglerin, hatte früher aber nur selten selbst navigiert. In schwierigen Gewässern traut sie sich das vernünftigerweise noch nicht ganz zu. Mit der Zeit wird sie auch das lernen – schließlich soll bei mir nach und nach jedes Crewmitglied alle wesentlichen Aufgaben sicher beherrschen.
Draußen auf See stand eine Atlantikdünung von etwa 1,5 Metern Höhe, von der bei diesem schwachen Wind das meiste als langer Schwell durchlief. Wir hatten angenehme 16 bis 17 °C bei gerade einmal 8 bis 9 Knoten Wind von Steuerbord querab. Also setzten wir angeluvt den Code-Zero und das Großsegel. Dank Rollanlagen und elektrischer Winschen war das fast ein Kinderspiel – mit etwas Erfahrung könnte man das Schiff auf diese Weise sogar einhand segeln.
Wie üblich dauerte es eine Weile, bis unser schwerer Rundspant-Langkieler mit seinen knapp 24 Tonnen Schwung aufnahm. Aber einmal in Fahrt gebracht, zog das Boot mit beachtlichen um die 5 Knoten unerschütterlich seine Bahn durchs Meer. Erster Anliegerkurs: 210°. Bella übernahm als Wachhabende das Steuer.
Der ursprüngliche Plan sah vor, A Coruña an der Nordwestspitze der Iberischen Halbinsel anzusteuern. Wir werden jedoch spontan sehen, wie sich die Wind- und Wetterverhältnisse bei der Annäherung entwickeln. Aktuell deutet die Vorhersage darauf hin, dass wir guten Wind bekommen könnten, um ohne Zwischenstopp weiter nach Süden durchzuziehen. Wie schon oft erwähnt: Das Wetter ändert sich rasch, und als Segler passt man seine Route letztlich immer dem Wind an, den man auf See tatsächlich antrifft, wenn man keine festen Termine und Orte einhalten beziehungsweise ansteuern muss.
Ab jetzt sind wir übrigens nach einem Dauer-Wachplan unterwegs, der wohl auch für nicht-Segler selbsterklärend sein sollte.
DAUER-WACHROLLE
Feste Zeiten • Skipper nur als Springer • 24/7/365
Grundprinzip
Jeder der drei Crewmitglieder hat immer dieselben festen Wachzeiten. So bleibt der Biorhythmus stabil. Zwischen den beiden täglichen Wachen liegen jeweils 8 Stunden Freizeit/Schlaf. Der Skipper greift nur bei besonderen Situationen ein (Manöver, Wetter, Notfälle, Navigation in schwierigen Gewässern) und kümmert sich um administrative oder sonstige Aufgaben.
Dies ist ein Anhaltspunkt und Rahmen – kein strenges Militärsystem. Notwendige Arbeiten erledigt, wer sie bemerkt. Entscheidungen werden meist gemeinsam getroffen. Freiwilligkeit: Jeder erledigt, was er sieht und für nötig hält. Die Rolle verhindert nur „Ich dachte, du bist dran“ Missverständnisse.
Aktuelle Besatzung (Namen eintragen / austauschen)
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Rolle |
Name |
Ersatz / Wechsel / Mitsegler |
Notizen |
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Person A |
Sascha |
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Person B |
Kasha |
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Person C |
Bella |
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Springer |
Steve |
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Skipper |
Tages-Wachplan (feste Zeiten)
4 Stunden Wache → 8 Stunden frei. Jeder hat zwei feste Blöcke pro Tag.
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Uhrzeit |
Wache |
Person A |
Person B |
Person C |
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00:00 – 04:00 |
Nachtwache 1 |
WACHE |
Frei / Schlaf |
Frei / Schlaf |
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04:00 – 08:00 |
Frühwache |
Frei / Schlaf |
WACHE |
Frei / Schlaf |
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08:00 – 12:00 |
Vormittag |
Frei |
Frei |
WACHE |
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12:00 – 16:00 |
Nachmittag |
WACHE |
Frei |
Frei |
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16:00 – 20:00 |
Abendwache |
Frei |
WACHE |
Frei |
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20:00 – 00:00 |
Späte Wache |
Frei / Schlaf |
Frei / Schlaf |
WACHE |
Zusammenfassung pro Person
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Person |
Wachzeiten (immer gleich) |
Frei-/Schlafblöcke |
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Person A |
00:00–04:00 und 12:00–16:00 |
04:00–12:00 (8 h) + 16:00–00:00 (8 h) |
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Person B |
04:00–08:00 und 16:00–20:00 |
08:00–16:00 (8 h) + 20:00–04:00 (8 h) |
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Person C |
08:00–12:00 und 20:00–00:00 |
12:00–20:00 (8 h) + 00:00–08:00 (8 h) |
Kombüse & Putzdienst (täglicher Wechsel)
Einfache Rotation – wer an dem Tag „Dienst“ hat, kümmert sich prioritär um Kombüse, gemeinschaftliche Bereiche und Müll. Alle helfen trotzdem mit, wenn nötig.
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Tag |
Kombüse / Küche |
Putz / Ordnung |
Bemerkung |
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Montag |
Person A |
Person B |
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Dienstag |
Person B |
Person C |
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Mittwoch |
Person C |
Person A |
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Donnerstag |
Person A |
Person B |
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Freitag |
Person B |
Person C |
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Samstag |
Person C |
Person A |
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Sonntag |
Person A |
Person B |
oder gemeinschaftlich |
Wichtige Hinweise
• Ankern / Hafen / Segeln: Der Plan gilt überall gleich. Im Hafen / vor Anker wird normal gelebt und geschlafen, die eigeteilte Wache ist nur zuständig für Kontrollen / besondere Vorkommnisse.
• Ablösung: Die ablösende Person kommt 5–10 Min. vorher, Übergabe (Wetter, Verkehr, technische Auffälligkeiten, nächste Schritte).
• Skipper als Springer: Wird gerufen bei schwierigen Manövern, starkem Verkehr, schlechtem Wetter, Navigationsentscheidungen oder wenn die Wache unsicher ist, irgendwelche Situationen unklar sind.
• Flexibilität: Bei Krankheit, Landgang oder Crew-Wechsel einfach Namen tauschen. Der Rhythmus bleibt erhalten.
• Ausdrucken & aushängen: Am besten gut sichtbar in der Kombüse oder am Kartentisch.
»Verflucht, kann niemand dieses Mistviech entdecken, damit wir es determinieren können?« Fluchte nicht nur ich über mindestens eine Herbstmücke, die sich irgendwie unter Deck eingeschlichen hatte.
»Wenn ich das Mistviech erwische, wird es das Bereuen!« Meinte Kasha mit einer Fliegenklatsche in der Hand; aber so viel wir auch suchten, wir fanden die Mücke nicht, verdammt.
Deren Stiche juckten fürchterlich und bei der Ausrüstungsorgie in Vlissingen hatten wir doch glatt thermische Geräte wie den wie den Beurer BR 60 oder Bite Away einzukaufen vergessen, die den Juckreiz sofort verschwinden lassen. Also mussten wir den Löffeltrick anwenden und Hautsalben draufschmieren. Kennt jeder den „Löffeltrick“? Einen Löffel mit Heißwasser auf etwa 50-55° erhitzen, dann damit 3-6 Sekunden auf die Stichstelle drücken und sofort ist der Juckreiz dauerhaft verschwunden.
Aber aufpassen, der Löffel darf auch nicht zu heiß sein, sonst verbrennt man sich und bekommt eine Brandblase! Das machen diese kleinen, preiswerten, elektronisch gesteuerten Geräte natürlich viel genauer und leichter. Deshalb lies ich mir gleich einen Text zum Einkaufen mehrerer solcher Geräte nach Spanisch übersetzen, falls der oder die Geschäftsinhaber kein Englisch sprechen:
„Hallo, ich suche ein elektronisches Wärme-Gerät gegen Insektenstiche (wie den Beurer BR 60 oder Bite Away). Es ist ein Gerät, das gezielt Hitze auf die Haut aufträgt, um den Juckreiz zu lindern. Haben Sie so etwas da?“ = »Hola, busco un dispositivo térmico electrónico para aliviar las picaduras de insectos (como el Beurer BR 60 o Bite Away). Es un aparato que aplica calor concentrado en la piel para calmar el picor. ¿Tienen algo así disponible?«
Ansonsten zog die Globetrotter unbeirrbar ihre Bahn durchs Meer und die bis zu 1,5 m Ozeandünung, mit nur wenig Windwellen. Die Wachen wechselten alle vier Stunden und ein typischer, eher ruhiger Bordbetrieb stellte sich ein, da es nicht wirklich viel zu tun gab. Kommt es zu keinen Schäden oder Unfällen und sind keine wichtigen Wartungsarbeiten zu erledigen, können Mehrtages-Törns übers offene Meer eher langweilig sein.
An Bord erlebt man es aber nicht als wirklich langweilig, wenn man die Seefahrt liebt. Wind und Wellen, Seevögel und Sonnenauf- oder Untergänge, manchmal auch die immer hochwillkommenen Delphin-Eskorten, Essenszubereitung, Lesen oder irgendwas Online Streamen, sorgen stets für geruhsame Unterhaltung und Ablenkung. Das Logbuch muss geführt werden, wie haben eine Computergestützte Version an Bord, welche die wichtigsten Wetter-, Kurs- und Winddaten automatisch einfügt, Navigationsplanung, Windvorhersagen und nicht zuletzt natürlich auch die möglichst locker-lustigen Interaktionen zwischen einer guten Crew, lassen dir den Törn nie langweilig werden.
Mich persönlich stört es sogar kaum, tagelang nur mit 2-3 kn herum zu dümpeln oder gar in einer Flaute nur dahin zu treiben. Auf See fühle ich mich immer wohl und unter Langeweile leide ich nie. Mit irgendwas, und sei es nur im Kopf zum Durchdenken, einem guten Buch oder Online, bin ich selbst ganz allein stets mit etwas Interessantem beschäftigt. Und mit einer so guten, humorvollen Crew, sowie zwei entzückend netten Frauen…, also wem es da langweilig wird, dem ist eh nicht zu helfen! zwinker
Trotz der überwiegend schwachen Winde schaffte unser schwerer Langkieler einen beachtlichen Durchschnitt von 5,1 kn in den ersten 12 Stunden, also gut 66 Seemeilen. In früheren Zeiten der alten Segelschifffahrt hätte das bereits als Rennboot gegolten und langfristig rechnet man bei Fahrtenyachten immer noch mit einem Durchschnitt von 5 kn; also waren wir wirklich nicht lahm unterwegs. Bis heute nehmen Segler Etmale von 120 bis 150 Seemeilen als gutes Vorankommen, wobei ein Etmal die zurückgelegte Strecke über 24 Stunden bezeichnet. Ergo gab es nichts, worüber wir uns beschweren könnten…, bis auf diese verfluchte Mücke.
Tag #2
Leichte Schräglage und die vertrauten Bootsgeräusche verrieten mir schon unter Deck, dass wir aktuell guten Wind von geschätzten 12 bis 14 Knoten aus nördlicher Richtung hatten. Unsere Globetrotter war richtig in Schwung gekommen und pflügte mit geschätzt beachtlichen 7 Knoten im Schnitt durchs Meer – was ein späterer Blick auf die Instrumente bestätigte.
»Weißt du, Bärchen, was mich echt überrascht?«, lächelte Bella entzückend unbekleidet, als sie aus dem Bad kam.
»Überrascht? Was denn? Etwa meine Künste als Liebhaber, hoho?«, gluckste ich vergnügt stichelnd. Wir hatten uns gerade kurz, aber wunderschön geliebt und frisch geduscht; nun machten wir uns allmählich wieder fertig beziehungsweise startklar.
»Ahaha… du Gauner! Nein, das nicht… obwohl, haha, zugegeben: Die sind allerdings auch beachtlich!«, lachte sie sichtlich amüsiert. Ich beschrieb ja schon bei unserem Kennenlernen in Antwerpen, dass Bella unglaublich gerne und herzlich lacht. »Doch ich meinte eigentlich die Segeleigenschaften der Globetrotter. Von so vielen habe ich früher gehört, dass… wie nennst du das immer? S-Rundspant-Langkieler… lahme Schlachtschiffe wären und sie zu segeln keinen Spaß macht. Ich finde aber, die HC-48T segelt richtig gut und vor allem mit sehr angenehmen Bewegungen in der See. Das vermittelt mir ein unheimlich gutes Sicherheitsgefühl – ich fühle mich hier wohler als auf fast allen Booten, auf denen ich bisher unterwegs war. Außer auf einer… HR-46 war das glaube ich…, die lag ähnlich ruhig im Wasser.«
»Dein Glück, dass du meine Fähigkeiten noch anerkannt hast, hehe!«, lachten wir gemeinsam. »Ja, für reine Regattasegler ist eine traditionelle Hans Christian natürlich viel zu behäbig. Aber man muss das vergleichen wie den Unterschied zwischen einem Formel-1-Rennwagen und einer gemütlichen Oberklasse-Limousine für Langstreckenreisen – oder noch treffender: einem komfortablen Expeditions-Wohnmobil. Es ist natürlich immer schön, wenn ein Boot spritzig am Ruder hängt. Aber wenn du als Langstreckensegler auf den Ozeanen zu Hause bist, brauchst du ganz andere Qualitäten.«
»Klaro… aber ich hätte echt nicht gedacht, dass diese HC trotz ihrer Masse noch so ordentlich marschiert und man sich an Bord so gemütlich fühlt.«
»Der alte Hans Christian, der dieses Design damals entwarf, hat da einen ziemlich genialen Kompromiss geschaffen«, erklärte ich. »Sehr angenehmes, Seegang parierendes Seeverhalten bei erstaunlich passablen Etmalen. Meine erste Fahrtenyacht zum Beispiel – eine Belliure-50 von 1989 – war ebenfalls ein schwerer S-Rundspant-Langkieler. Sie hatte riesige Tankkapazitäten, weil es damals für kleinere Yachten noch keine bezahlbaren Wassermacher gab. Die war wirklich lahm und selbst bei Starkwind nur mit Mühe über 5 Knoten zu prügeln. Als Wohnschiff eine Wucht, solide verarbeitet und mit massig Platz – viel mehr als auf der HC-48T, obwohl es nur zwei Fuß Längenunterschied waren. Aber die Segeleigenschaften blieben ein echter Schwachpunkt. Dieses Problem hatten viele alte Langkieler. Hans hat das bei den Entwürfen für die HC-48T-Reihe wesentlich smarter gelöst.«
»Und was hältst du von den Hallberg-Rassy-Schiffen, Bärchen? Die fand ich auch genial, aber meistens unbezahlbar teuer«, hakte Bella nach.
»Oh ja, HRs sind ebenfalls fantastische Yachten. Hinsichtlich der Segeleigenschaften sogar noch einen Ticken agiler, massiv hochwertig in bester Qualität gebaut und zeitlos elegant«, lächelte ich und zwinkerte ihr mit einem ganz bestimmten Blick zu. »Ich bin schon einige HRs gesegelt und fand sie klasse… aber wenn du dich jetzt nicht langsam fertig anziehst, weiß ich wirklich nicht, wie lange ich mich hier noch beherrschen kann, hehehe!«
»Ahaha, willst du etwa schon wieder über mich herfallen? Hilfe, Hilfe…!«, rief sie prustend durch den Flur von der Achterkabine nach vorne in den Salon, wo sich Kasha gerade auf dem Sofa räkelte – übrigens ebenfalls nur reizvoll spärlich bekleidet.
»Sorry Bella, hab gerade keine Zeit, dich zu retten! Gib dich einfach dem Captain hin, hahaha!«, lachte der Frechdachs und tippte dabei ungerührt weiter auf ihrem Smartphone. Vermutlich tauschte sie gerade Nachrichten mit Freundinnen an Land aus. Natürlich nutzt auch sie, wie die meisten jungen Menschen, diverse Social-Media-Kanäle – allerdings reine Just-for-Fun-Accounts mit ein paar tausend Followern, nicht so professionell aufgezogen wie bei Bella.
Lachend gingen wir nach vorne in die Kombüse, um gemeinsam das Mittagessen vorzubereiten; Bella hatte heute Küchendienst. Doch zuerst kletterte ich hoch ins Cockpit, wo Sascha ab 12 Uhr die Nachmittagswache übernommen hatte, rauchte eine Zigarette und warf den gewohnten Kontrollblick über See und Instrumente. Aktuell standen 11 bis 14 Knoten Wind aus fast genau Nord auf der Anzeige, was uns bei Kursen um 200° gute 6,5 bis 7,5 Knoten Fahrt über Grund (SOG) bescherte.
Leider erwies sich diese Brise nur als lokal begrenztes Windband. Die Nadel sackte kurz darauf rapide ab, und bald wehten nur noch mickrige 2 bis 4 Knoten aus Ost. Zeitweise herrschte sogar nahezu Flaute. Laut den aktuellen Vorhersagemodellen drohten wir darin für längere Zeit festzustecken. Mist!
Das auslösende, kleine Hochdruckgebiet lag mit seinem Kern halb über dem französischen Festland und halb über der Biskaya, wobei wir uns genau im schwachwindigen Westsektor befanden. Wenn es wie erwartet weiter nach Osten zieht und wir strikt auf Südkurs bleiben, sollten wir uns in der kommenden Nacht daraus befreien und wieder auf frischeren Ostwind stoßen. Obwohl ich es als Segler nur ungern tue, gab ich daher Anweisung, den Diesel zu starten und das Code-Zero-Leichtwindsegel wegzurollen – was Sascha und ich im Handumdrehen erledigt hatten.
Hoffentlich bleibt das Hoch nicht stationär liegen und löst sich langsam auf. Nun, wir werden es nehmen müssen, wie es kommt. Das Seewetter schert sich nicht um Etmal-Pläne – als Segler lernt man rasch, damit gelassen zu leben. Oder man steigt eben auf ein Motorboot um, wenn man das Warten nicht erträgt.
Bella und Kasha verscheuchten mich kurz darauf aus der Kombüse, als ich beim Schnippeln helfen wollte. Die Küche ist richtigerweise so kompakt gebaut, dass sich der Smutje bei einem rollendem und stampfendem Schiff mit Beinen und Hüfte gut verkeilen kann. Für zwei schlanke Frauen geht das noch, aber sobald ein Mann mit meiner Bärenstatur dazukommt, herrscht schlicht Platzangst.
Also kontrollierte ich gegenüber an der Nav-Station, ob das AIS ordnungsgemäß sendete und die Warnzonen korrekt konfiguriert waren. Alles lief perfekt: Das AIS meldete Schiffsverkehr im Umkreis von drei Seemeilen, während das Radar Ziele bereits ab sechs Seemeilen Erfassungsradius darstellte. Der Plotter berechnete daraus laufend die möglichen Annäherungskurse (CPA/TCPA) und schlägt zuverlässig Alarm, sobald sich ein echtes Kollisionsrisiko abzeichnet – etwa bei einer Nächstannäherung (CPA) von unter 0,5 bis 1 Seemeile und einer verbleibenden Zeit (TCPA) von unter 10 bis 15 Minuten.
Unterdessen zauberten die Schönen unter viel Gelächter und frechen Bemerkungen in meine Richtung ein einfaches, aber ausgesprochen leckeres Essen: Eine Fertigmahlzeit Tiefkühl-Paella, die sie mit zusätzlichen Garnelen, Wok-Nudeln, frischen Kräutern, scharfen Gewürzen und knackigem Gemüse so geschickt verfeinerten, dass daraus ein richtiger Schmaus wurde. Verteilt auf vier tiefe, gut zu haltende Schüsseln konnten wir das Gericht oben im Cockpit zusammen mit Sascha problemlos löffeln, während die Globetrotter sanft durch die Atlantikdünung wiegte. Als Nachtisch servierten sie frischen Obstsalat mit Rosinen, etwas Müsli und einem feinen Schuss Cognac fürs Aroma. Hervorragend!
Draußen herrschte inzwischen kaum noch 1 Knoten Wind – echte Ententeich-Flaute. Auf unserem Südkurs unter Maschine mit rund 7,5 Knoten erzeugten wir uns unseren eigenen Fahrtwind von vorn, was Segler „scheinbaren Wind“ nennen. Es gab praktisch keine Windwellen, lediglich eine lange Atlantikdünung von etwa einem Meter aus Nordwest, die uns leicht von Steuerbord achterlich auflief und das Schiff spürbar rollen ließ.
Wir dämpften die Schiffsbewegungen, indem wir das Großsegel stehen ließen und es mit einem Bullenstander leicht Back gesetzt auf einer Seite fixierten. So schlägt das Tuch nicht ständig hin und her – was die Nähte schont –, sondern steht mit leichtem Gegendruck stabil im Fahrtwind. Das bremst die Fahrt zwar um unmerkliche 0,2 oder 0,3 Knoten ab, stabilisiert den Rumpf aber spürbar gegen das lästige Rollen. Mit unserem verlässlichen 160-PS-Diesel und fast 800 Litern Treibstoff in den Tanks war dieser kleine Zusatzwiderstand absolut zu verschmerzen.
Ab 16 Uhr war Kasha als Wache am Ruder eingeteilt, was jedoch keinerlei praktische Auswirkungen auf unseren Nachmittag hatte. Der Autopilot hielt die Globetrotter stur auf Kurs, und wir vier agierten einfach so, als hätten wir alle gleichzeitig Freiwache. Wir machten Späße, spielten ein paar Runden Mau-Mau und lachten jedes Mal extra übertrieben gehässig, wenn jemand aussetzen oder eine Handvoll Strafkarten ziehen musste.
Da ich auch internationale Leser habe, die den Begriff Mau-Mau vielleicht nicht kennen, hier ein kurzer Blick auf das Spielprinzip:
Mau-Mau ist ein einfaches, dynamisches Kartenspiel, das mit einem Standard-Skatblatt oder französischen Karten gespielt wird. Das Hauptziel besteht schlicht darin, als Erster alle eigenen Handkarten loszuwerden. Zu Beginn erhält jeder Spieler eine Handvoll Karten – bei uns typischerweise sieben. Der Rest bildet als verdeckter Stapel die Mitte, wobei die oberste Karte aufgedeckt wird und den Ablagestapel eröffnet. Reihum legt nun jeder eine passende Karte ab, die entweder in der Farbe oder im Wert mit der obersten Karte übereinstimmen muss. Kann man nicht bedienen, muss eine Karte vom Stapel nachgezogen werden.
Richtig Schwung bringen die Sonderkarten ins Spiel:
- Buben: Dürfen unabhängig von der Farbe gelegt werden und erlauben es, sich eine neue Wunschfarbe auszusuchen.
- Siebenen: Zwingen den nachfolgenden Spieler, zwei Karten zu ziehen – es sei denn, er kontert mit einer weiteren Sieben, wodurch der Übernächste gleich vier Karten schlucken muss, oder der Über-übernächste sechs.
- Achten: Der nächste Spieler muss einmal komplett aussetzen.
- Neunen: Kehren die Spielrichtung um.
Wer seine vorletzte Karte ausspielt, muss laut »Mau« rufen, und bei der letzten Karte folgt das erlösende »Mau-Mau«. Wer das im Eifer des Gefechts vergisst, wird gnadenlos mit zwei Strafkarten gehandikapt. Gewonnen hat, wer als Erster blank ist. Das Spiel ist unkompliziert, geht rasend schnell und ist mit der richtigen Besetzung ein Garant für feurige Wortgefechte und laute Lacher.
Selbst für unsere generell sehr ausgelassene Truppe war das ein außergewöhnlich amüsanter Nachmittag. Wir bekamen vor lauter Lachen regelrecht Bauchschmerzen und gerieten mehrfach in echte Lachkrämpfe. Insgesamt spielten wir sechs Runden, amüsierten uns köstlich und lachten uns schlapp darüber, dass der arme Sascha nicht ein einziges Mal gewann.
»Delfine an Steuerbord voraus!«, rief Bella plötzlich, und natürlich stürmten wir sofort alle an die Reling. Ganz gleich, wie oft man das auf See schon erlebt hat: Eine Delfin-Eskorte, die minutenlang mit dem Boot um die Wette schwimmt oder in der Bugwelle spielt, ist für Seefahrer jedes Mal ein magischer Moment. Ganz besonders für Fahrtensegler auf ihren vergleichsweise kleinen, schwankenden, den Elementen ausgelieferten Booten, irgendwo auf der endlosen See.
»Oooooch Mensch, ich wollte am liebsten direkt reinspringen und mit ihnen schwimmen!«, seufzte Kasha mit glänzenden Augen. »Das ist bestimmt ein gutes Omen – bald bekommen wir wieder besseren Wind!«
»Was wettest du darauf?«, grinst Sascha. »Hoffen wir’s! Ich hasse es, motoren zu müssen.«
»Ja, hoffen wir es. Wie ihr wisst, hasse ich es noch viel mehr, ein Segelboot unter Maschinenkraft zu bewegen.«
Freudig schauten wir sicher fünf Minuten lang den unglaublich elegant durchs Wasser flitzenden Delfinen zu, die immer wieder kraftvoll auftauchten. Einer von ihnen vollführte sogar einen geradezu weltmeisterlichen Hochsprung mit unzählig vielen, blitzschnellen Drehungen um die eigene Achse. Offenbar in voller Absicht tauchte er keineswegs lautlos wieder ein – was Delfine spielend leicht beherrschen –, sondern klatschte mit einem gewaltigen Bauchplatscher zurück ins Meer.
Die Wissenschaft ist sich bis heute nicht ganz einig, ob sie solche Akrobatik aus purer Lebens- und Spielfreude machen oder eher, um lästige Parasiten von der Haut zu schütteln. Vielleicht ja aus beiden Gründen. Auf den Betrachter wirkt es jedenfalls wie pure Daseinsfreude – und ich mag diesen Gedanken, ganz gleich, was die Biologie dazu sagt.
Eine Stunde später schenkte uns der Atlantik ein fast unwirklich schönes Lichtspiel, wie man es wohl nur draußen auf See in dieser Intensität erleben kann. Goldene Sonnenstrahlen brachen durch mächtige Wolkenbänke und zauberten ein atemberaubendes Schauspiel an den Himmel, den Horizont und das Meer darunter. Ich sage es ja immer wieder: Wirklich langweilig wird es auf See nie, wenn man die Antennen für solche Momente und Naturschauspiele besitzt, die kleinen Dinge des Lebens genießen kann.
»Auf was für einem wunderschönen, kleinen Planeten wir doch leben dürfen… und leider gibt es so viele Idioten, die in endloser, egoistischer Gier unverdrossen daran arbeiten, unsere winzige Biosphäre zu zerstören«, philosophierte ich nachdenklich vor mich hin.
»Oho, unser lieber Kapitäns-Philosoph wieder…«, lächelte Bella mit einem tiefen, anerkennenden Blick. »…und wie recht er leider hat.«
Den Abend ließen wir ganz gemütlich ausklingen. Die Wachhabenden wechselten sich im gewohnten Rhythmus ab, und jeder döste oder schlief so, wie es dem eigenen Biorhythmus gerade am besten entsprach. Je nach Windlage – aktuell schob uns eine leise Brise mit rund 5 Knoten aus Ost voran – erreichen wir morgen Abend, in der Nacht oder vielleicht erst übermorgen die spanische Küste.
Bis denne… 😊
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