Gibraltar, Sehenswürdigkeiten, Besichtigungen und Beach-Fun

 

#26.08.14 – Gibraltar, Sehenswürdigkeiten, Besichtigungen und Beach-Fun

Gestern unternahmen wir ausgiebiges Sightseeing in Gibraltar, diesem faszinierenden Zwergstaat mit seinen rund 34.000 bis 38.000 Einwohnern. Auf der winzigen Fläche von nicht einmal sieben Quadratkilometern drängt sich eine erstaunliche Fülle an Sehenswertem. Eigentlich benötigte man mindestens einige Tage, wenn nicht gar zwei bis drei Wochen, um dieses historische Freilichtmuseum in aller Ruhe zu erkunden. Da wir jedoch wegen einer festen Verabredung schon morgen früh weiter nach Tarifa segeln wollen, mussten wir das Programm straffen.

Eine skurrile Besonderheit erlebt man bereits bei der Anreise über Land: Um in die kleine Enklave auf der schmalen Landzunge zu gelangen, führt der Weg quer über die Start- und Landebahn des Flughafens. Natürlich ist dieser Gibraltar airport walkway strengstens gesperrt, sobald sich ein Flugzeug im Anflug befindet. Die historische Enge zwischen der spanischen Grenze und dem steil aufragenden Kalksteinmassiv ließ den Ingenieuren beim komplexen Bau des Airports schlichtweg keine andere Wahl.

Bis vor einigen Jahren wälzte sich hier noch der gesamte zivile Autoverkehr, inklusive LKWs und klappriger Mofas, über denselben Asphalt, auf dem Minuten später hunderte Tonnen schwere Passagierjets aufsetzten. Schlug die Ampel auf Rot und gingen die Schranken herunter, kam der gesamte Verkehr der vierspurigen Winston Churchill Avenue zum Erliegen. Erst seit der Eröffnung des modernen Kingsway Tunnels im März 2023 wird der motorisierte Verkehr unter der Startbahn hindurchgeleitet.

Der legendäre Runway Walk auf dem heißen Asphalt blieb jedoch für Fußgänger geöffnet. Es hat etwas Verrücktes, vollkommen seelenruhig über eine aktive Landebahn zu schlendern. Exakt in der Pistenmitte hat man die spektakulärste freie Sicht auf die mächtige, 426 Meter hohe Nordwand des Felsens – ein perfektes Fotomotiv für ein Erinnerungsfoto. Die Grenzpolizei überwacht das Treiben allerdings mit Argusaugen: Schalten die Warnleuchten auf Rot, muss man sofort hinter den Sperren verharren, bis die Turbinen dröhnend vorbeigezogen sind. Trödeln oder gar Müll auf die Piste zu werfen ist strengstens untersagt und wird mit saftigen Geldstrafen geahndet.

Der Grund für diese ungewöhnliche Bauweise liegt in der extremen Topografie: Gibraltar misst gerade einmal knapp 6,5 Quadratkilometer. Da der Felsen fast das gesamte Territorium einnimmt, blieb für eine Landebahn nur der flache Landstreifen direkt an der spanischen Grenze.

Erbaut wurde die Anlage 1939 während des Zweiten Weltkriegs als strategische Basis für die britische Royal Air Force (RAF). Weil das Festland nicht ausreichte, schütteten Ingenieure Unmengen an Gestein auf beiden Seiten in die Bucht von Gibraltar und ins Mittelmeer auf. Bedenkt man die kurze Piste von nur etwa 1,8 Kilometern, das tiefblaue Wasser an beiden Enden und die unberechenbaren Fallwinde, die der Felsen erzeugt, überrascht es nicht, dass der Airport bis heute als einer der anspruchsvollsten Anflüge der Welt gilt.

 

»Find ich ja mal absolut genial!« rief Britt fasziniert, während die warme Brise durch ihr Haar strich. »Wann hat man schon mal die Gelegenheit, mitten auf einer echten Startbahn herumzuspazieren?«

»Stimmt schon, aber Frauen wie dir müsste das hier eigentlich polizeilich verboten werden!« grinste ich mit mehrdeutigem Unterton.

»Was? Wieso das denn bitteschön?« fragte sie, schaltete aber blitzschnell auf charmante Gegenwehr um.

»Na, wenn anfliegende Piloten im Endanflug deine strahlend blonde Schönheit da unten entdecken, verreißen sie in erotischer Verzückung das Steuerhorn und rauschen direkt in die Felswand; bekanntlich reicht die Blutversorgung eines Mannes nur für entweder Hirn oder Penis, hoho!« Gluckste ich sehr vergnügt.

»Ein typischer Steve-Spruch, haha! Aber wo er recht hat, hat er recht«, lachte Vicky, denn Britt strahlte in der gleißenden Mittagssonne tatsächlich wie ein blondes Leuchtfeuer.

»Sollen sie doch! Selbst schuld, doofe Männer halt!« zwinkerte Britt gekonnt in verführerischer Pose.

»Tja, aber denk doch zumindest an die armen, unschuldigen Passagiere da oben!« prusteten wir alle über diese Albernheit.

Der Runway Walk ist also ein akkurat regulierter Spaziergang. Gibraltar ist übrigens längst keine Kronkolonie mehr, sondern ein Britisches Überseegebiet (British Overseas Territory). Der Begriff der Kronkolonie wurde bereits 1981 gestrichen. Politisch genießt das Gebiet weitgehende Autonomie: Die Bürger wählen ihr eigenes Parlament und stellen eine Regierung unter Führung eines Chief Ministers für die Belange der Innenpolitik, während London für Verteidigung und Außenbeziehungen zuständig bleibt.

Das Verhältnis zum benachbarten Spanien war über Jahrhunderte von Spannungen geprägt, da Madrid den Felsen beansprucht, den es 1713 im Vertrag von Utrecht an die britische Krone abtreten musste. Einst ließ Franco die Grenze sogar komplett abriegeln. Nach dem Brexit-Votum, bei dem die Bevölkerung Gibraltars zu über 95 % für den Verbleib in der EU gestimmt hatte, drohte erneut bürokratischer Stillstand. Doch nach jahrelangen, zähen Verhandlungen kam es im Juli 2026 zu einer historischen Einigung.

In der zweiten Juli-Hälfte 2026 trat das wegweisende Post-Brexit-Abkommen zwischen Großbritannien, der EU und Spanien in Kraft. Der alte Grenzzaun zur spanischen Nachbarstadt La Línea wurde endgültig demontiert und die Kontrollen an der Landgrenze fielen weg. Gibraltar gehört nun de facto zum Schengen-Raum und bildet eine Zollunion mit der EU.

Wer heute von außerhalb – etwa direkt aus Großbritannien – einreist, wird im Hafen oder am Flughafen kontrolliert. Diese Schengen-Kontrollen führen britische und spanische Beamte dort einvernehmlich durch. Das Abkommen beendete die stundenlangen Staus für die rund 15.000 spanischen Pendler, die täglich auf dem Felsen arbeiten.

Am politischen Status ändert diese wirtschaftliche Annäherung jedoch nichts. Die britische Souveränität bleibt unberührt, die Militärbasen bestehen fort und die Bewohner lehnen einen Souveränitätswechsel nach wie vor strikt ab. Die Tore sind somit wirtschaftlich offen wie nie zuvor, während die politische Trennung bestehen bleibt.

Als Nächstes besichtigten wir die beeindruckende 100 Ton Gun Napier of Magdala Battery, ein Monument viktorianischer Festungsbaukunst und eines der letzten erhaltenen Exemplare dieser Art weltweit. Diese gigantische Armstrong-100-Tonnen-Kanone (450 mm Kaliber) stammt aus den 1880er-Jahren. Mit ihrem Gesamtgewicht von rund 100 Tonnen und einem Rohr von über zehn Metern Länge zählte sie zu den gewaltigsten Vorderlader-Geschützen der Militärgeschichte. Nicht ohne Grund trug sie den ehrfurchtsgebietenden Spitznamen »The Rockbuster«.

Entwickelt wurde dieses Monster als direkte Antwort auf die neuen italienischen Schlachtschiffe der Duilio-Klasse. Großbritannien installierte zwei dieser Einheiten auf Gibraltar (Napier of Magdala und Victoria Battery) sowie zwei weitere auf Malta. Die Napier-Batterie wurde zwischen 1878 und 1884 oberhalb der Rosia Bay errichtet und nach dem damaligen Gouverneur Field Marshal Robert Napier benannt.



 

Die technischen Daten sind auch aus heutiger Sicht erstaunlich:

  • Geschossgewicht: ca. 900 kg (2.000 Pfund)
  • Treibladung: 450 Pfund Schwarzpulver in massiven Seidenkartuschen
  • Mündungsgeschwindigkeit: ca. 470 m/s (1.540 ft/s)
  • Reichweite: offiziell bis zu 8 Meilen (effektiv etwa 6.500 Yards / knapp 6 km)
  • Bedienung: dampf- und hydraulikunterstützt mit einer Bedienmannschaft von 35 Mann
  • Feuerrate: ursprünglich ein Schuss alle 4 Minuten, später auf 2,5 Minuten gesteigert (was vermutlich das spätere Bersten des ersten Rohres begünstigte)

Das heute zu besichtigende Geschütz stand ursprünglich in der Victoria Battery und wurde erst hierher verlegt, nachdem das originale Rohr bei Schießübungen kollabiert war. Im Zweiten Weltkrieg dienten die Stellungen als Flak-Positionen. Im Jahr 2002 wurde die Kanone im Rahmen einer Zeremonie symbolisch noch einmal mit einer Salutladung abgefeuert. Die Batterie thront über der geschichtsträchtigen Rosia Bay – jenem kleinen Hafen, an dem die HMS Victory nach der Schlacht von Trafalgar 1805 ankerte, um den Leichnam von Admiral Lord Nelson an Land zu bringen.

Dieses Geschütz ist ein imposantes Zeugnis für den rasanten Rüstungswettlauf des 19. Jahrhunderts, der jedoch binnen weniger Jahrzehnte durch die Entwicklung moderner Hinterlader überholt wurde.

»Wahnsinn, was für ein unvorstellbarer Brummer!« staunte die Crew mit offenem Mund vor dem gewaltigen Stahlrohr.

Da ich mich schon seit meiner Jugend mit Wehrtechnik beschäftige und die Materie als ehemaliger Offizier auch aus professioneller Perspektive kenne, hielt sich meine reine Faszination in Grenzen. Früher habe ich solche Konstruktionen fasziniert betrachtet. Heute frage ich mich immer öfter, warum die Menschheit seit Jahrtausenden derart gigantische Ressourcen, Geld, Zeit und Erfindergeist darauf verwendet, möglichst effiziente Werkzeuge zur gegenseitigen Vernichtung zu erdenken. Hätte man diese Energie in den zivilisatorischen Fortschritt gesteckt, erforschten wir heute vermutlich längst als vereinte Spezies fremde Sternensysteme. Stattdessen arbeiten wir in blinder Gier daran, die fragile Biosphäre unseres Heimatplaneten zu ruinieren. Seufz


 

Später ging es hinauf auf den Felsen. Wir ließen uns von einem Großraumtaxi über die engen Spitzkehren nach oben chauffieren und genossen das spektakuläre Panorama. Der Monolith wirkt in dieser Küstenlandschaft wie ein geologischer Solitär – eine steil aufragende Kalksteinmasse mitten in einer ansonsten sanfteren Topografie.

Geologisch lässt sich diese Besonderheit durch dichte tektonische Prozesse erklären:

1.     Ursprung im Jura (vor ca. 200–175 Mio. Jahren): Der Hauptteil besteht aus dem sogenannten Gibraltar Limestone – einem dichten Kalkstein, der sich in flachen Meeresbecken aus den kalkhaltigen Überresten von Korallen, Brachiopoden und Muscheln ablagerte.

2.     Tektonische Überschiebung im Miozän (vor ca. 20–15 Mio. Jahren): Bei der Kollision der afrikanischen mit der eurasischen Platte wurden riesige Gesteinspakete der Betischen Kordillere stark verformt. Der Felsen ist eine geologische Klippe – der isolierte Rest einer gewaltigen Überschiebungsdecke (Nappe). Die Schichten sind dabei teilweise überkippt, sodass älteres Gestein über jüngerem liegt. Er wurde also nicht vor Ort emporgedrückt, sondern als kompakter Block aus dem Osten an seine heutige Position geschoben.

3.     Erosion im Quartär: Meeresspiegelschwankungen und Witterungseinflüsse meißelten im Laufe der Eiszeiten die steilen Abbrüche, Plateaus und Höhlensysteme heraus.

Die gesamte Region war zudem Schauplatz der Messinischen Salinitätskrise vor rund sechs Millionen Jahren, als das Mittelmeer zeitweise austrocknete und später durch den kollabierenden Atlantikdurchbruch wieder geflutet wurde.

Oben angekommen begegneten wir den berühmten Berberaffen. Besonders die Frauen hatten ihren Spaß mit den dreisten Tieren, als diese ohne Scheu nach Essbarem suchten, in Umhängetaschen stöberten oder neugierig in Dekolletees griffen. Bei Demo und mir hielten die Affen etwas mehr Abstand, dennoch musste ich mein Fotoequipment gut im Auge behalten. Mehrmals verhinderte ich im letzten Moment, dass ein teures Objektiv als vermeintliches Spielzeug in der nächsten Schlucht verschwand.

»Der hier ist eindeutig männlich und extrem vorlaut – so wie der mir ohne Hemmungen am Ausschnitt herumfummel, hahaha!« lachte Britt und versuchte sanft, die kleinen Greifhände abzuschütteln, ohne dem Tier wehzutun.

»Unzivilisierte Kerle eben, was hast du denn von der Männerwelt anderes erwartet, haha?« amüsierten sich Conchi und Vicky in weiblichem Verständnis.


 

Am frühen Nachmittag meldete sich der Hunger, und wir kehrten im Curry and Sushi im Block 2 der Watergardens an der Waterport Road ein. Die hervorragende Google-Bewertung von 4,6 Sternen bestätigte sich vollkommen. Das aufmerksame Personal serviert authentische indische Gerichte in großzügigen Portionen zu fairen Preisen. Auch die frischen Sushi-Variationen und die Thai-Spezialitäten überzeugten geschmacklich auf ganzer Linie. Für etwa 20 bis 30 Euro pro Person bekommt man hier exzellente asiatische Küche geboten.

»Caramba… bei eurem Genießer-Lebensstil muss Frau echt aufpassen, um noch eine halbwegs schlanke Linie zu halten!« seufzte Conchi mit einem Augenzwinkern und einer Spur südlicher Erotik.

»Ich würde mich ja opfern und dir uneigennützig beim Fettverbrennen helfen… wenn es nicht so drückend heiß wäre, hehe«, grinste ich mehrdeutig zurück.

»Vorsicht, Captain! Wenn Conchi darauf eingeht, wirst du schuften müssen, um mit ihrem Temperament mitzuhalten, haha!« stichelte Britt blitzschnell im Hinblick auf Conchis feuriges Gemüt.

Selbst Demo musste herzlich mitlachen. Britts schlagfertige Art bereichert unsere Wortgefechte an Bord immer wieder aufs Neue. Wer sie nur nach ihrem Äußeren beurteilt, erliegt schnell einem Irrtum: Hinter der Fassade des skandinavischen Models steckt ein wacher Verstand, der Situationen extrem schnell erfasst. Ich schätze diese intellektuelle Substanz sehr, denn reine Fassade wird auf Dauer bekanntlich rasch monoton.

 

Verschwitzt von den Fußmärschen und der Schärfe des indischen Essens verlangte die Damenriege nach einer Abkühlung im Meer. Bei sommerlichen knapp 30 °C knallte die Sonne unerbittlich. Wir kehrten kurz zur Vikarelia zurück, schlüpften in Badesachen, packten Strandtücher sowie gekühlte Wassermelone und Getränke in unsere Isorucksäcke.

Ein Taxi brachte uns in knapp zehn Minuten an den Playa de Santa Bárbara an der östlichen Mittelmeerküste. Kaum angekommen, ließen wir die Taschen im Sand fallen und liefen in die Brandung. Durch das einströmende Atlantikwasser steigt die Wassertemperatur hier selten über erfrischende 23 bis 24 °C – eine ideale Abkühlung im Vergleich zu den aufgeheizten Abschnitten des östlichen Mittelmeers.

Aufgrund der starken Verdunstung im Mittelmeerbecken, die durch die Zuflüsse nicht ausgeglichen wird, liegt der Wasserspiegel im Mittelmeer stets etwas niedriger als im Atlantik. Dadurch strömt kontinuierlich atlantisches Oberflächenwasser mit ein bis drei Knoten durch die Enge von Gibraltar nach Osten. Für die Schifffahrt auf dem Weg ins Mittelmeer wirkt diese Strömung wie ein natürlicher Anschub; will man hingegen hinaus in den Atlantik, nutzt man am besten die küstennahen Neugrund- und Neigeströmungen in Küstennähe. In den Zeiten der reinen Frachtsegler war die Passage westwärts gegen Wind und Strömung oft eine tagelange, mühselige Angelegenheit und gar nicht so einfach.




 

 – Törn nach Tarifa und zurück

Heute Morgen legten wir pünktlich um 09:00 Uhr ab und nahmen bei sanft schaukelnder Dünung Kurs auf Tarifa, die legendäre, windumtoste südlichste Spitze des europäischen Festlands. Wir waren gerade erst aus dem geschützten Hafenbecken hinaus auf das offene Wasser glitten, als es plötzlich laut »Pling« oben in der Takelage machte. Die Blicke der gesamten Crew schossen augenblicklich wie elektrisiert nach oben in die Masten.

Ich konzentrierte meine Aufmerksamkeit jedoch reflexartig auf Deckshöhe – denn alles, was da oben bricht oder sich löst, muss schließlich unweigerlich hier unten aufschlagen. Sofort darauf folgte ein dumpfes, hartes »Plong« durch das Auf- und Abprallen eines Metallteils auf den Teakplanken, bevor ich nur noch einen kleinen, dunklen Schatten wahrnehmen konnte, der gleich darauf mit einem leisen »Plitsch« spurlos in den kühlen Fluten des Meeres versank.

»Huch! Was war denn das für ein Geräusch?« fragte Conchi als seglerisch noch unerfahrener Neuling sichtlich erschrocken und hielt sich an im Cockpit fest.

»Ich geh mal lieber nachschauen…« murmelte Demo gelassen, schnappte sich eines der leistungsstarken Marine-Ferngläser und trat an den Mast, um das Rigg von unten nach oben akribisch zu scannen.

»Irgendein Kleinteil aus der Takelage, Conchi«, lächelte ich beruhigend zu ihr herüber, während uns die Seeluft um die Nase wehte. »Keine Panik! Alles, was an Bord einer Fahrtenyacht kaputtgehen kann, tut das früher oder später auch. Das ist auf See stets nur eine Frage der Zeit, und wenn es so weit ist, repariert man es eben wieder.«

»Genau so ist es!« pflichtete Vicky bei, während wir alle fragend auf den ins Cockpit zurückkehrenden Demo blickten.

»Ich kann es von unten nicht zu einhundert Prozent erkennen; aber es sieht ganz so aus, als ob sich der Schäkel am Fall der aufgerollten Stagfock irgendwie gelockert hat, gebrochen und nach unten gesaust ist. Ich kletter mal eben fix in den Mast und…«

»Stopp, mein Bester!« bremste ich seinen Tatendrang sogleich ab. »Kein unnötiges Risiko eingehen! Bei diesem leichten Sommerwind brauchen wir die kleine Stagfock sowieso nicht, sondern fahren den Code Zero. In ein paar Stunden kann dich Britt dann im geschützten Hafen ganz entspannt nach oben winschen.«

»Aye, Captain…« murmelte Demo eher unwillig. Er sucht ja doch ganz gerne mal die sportliche Herausforderung, und bei den anfänglichen mickrigen 5 bis 6 Knoten Wind im glatten Wasser der Bucht wäre er gesichert im Bootsmannstuhl recht mühelos nach oben gekommen. Schließlich kann so ein Defekt auch bei schwerer See irgendwo draußen auf dem Atlantik passieren, wo man dann zwangsläufig in den heftig schwankenden Mast steigen muss, um das Boot wieder segelklar zu bekommen.

 

Wir erklärten Conchi in aller Ruhe die Abläufe und die nautischen Fachbegriffe und beließen es bei meiner Entscheidung als Skipper, da das kleine Segel heute tatsächlich überflüssig war. Stattdessen rollten wir geschmeidig den mächtigen Code Zero über den Endless-Furler aus. Dessen beeindruckende 98 Quadratmeter Tuch und das zusätzlich ausgebaumte Großsegel schoben die schwere Nauticat selbst bei der zarten Brise bereits mit immerhin knapp 3 Knoten durch das glitzernde Wasser.

Nach und nach legte der östliche Levante spürbar zu und erreichte um die Mittagszeit feine 9 bis 12 Knoten. Das brachte unsere Yacht auf beachtliche 6 bis 7 Knoten Fahrt, ohne dass wir uns ständig als Schootenzupfer um die allerbeste Segelstellung bemühten. Offenbar wurden wir kaum von Gegenströmungen ausgebremst, denn das GPS berechnete verlässlich ein SOG von 5,7 bis in stärkeren Böen sogar über 7 Knoten. Über die gesamte Strecke ergab das eine flotte Durchschnittsgeschwindigkeit von 5,1 Knoten – was für eine schwere, grundsolide Pilothouse-Fahrtenyacht bei diesen sanften Bedingungen eine wirklich beachtliche Leistung ist.

Gegen 12:45 Uhr erreichten wir schließlich die Hafeneinfahrt von Tarifa, und an dieser Stelle muss eine deutliche Warnung ausgesprochen werden: Dieser geschäftige Fischerei- und Fährhafen ist für Sportbootfahrer und Freizeitsegler im Grunde komplett gesperrt, extrem eng und denkbar ungemütlich! Man sollte ihn als Skipper nach Möglichkeit gar nicht erst anlaufen, so bezaubernd und historisch reizvoll das südliche Städtchen selbst auch sein mag. Nur in echten Notlagen darf man hier offiziell Schutz suchen – oder eben, wie in unserem speziellen Fall, mit den passenden Kontakten und ein wenig Backschisch.

Ein guter Bekannter unserer Künstlerin Conchita ist dort ein höheres Tier bei den lokalen Behörden und verschaffte uns die exklusive Erlaubnis, kurz einzulaufen und an einem halbwegs geschützten Steg festzumachen. Aber eben wirklich nur für einen kurzen Sprung, um Conchi samt ihrem Gepäck abzusetzen und uns gebührend zu verabschieden. Sie muss zu einem Künstler-Event in ihre Heimat und wird von Tarifa aus von einem Bekannten nach Cadiz zurückchauffiert. 

 

Selbst das freie Ankern ist östlich und westlich der Landzunge strengstens verboten oder wegen der Strömung schlicht unmöglich. Das ist extrem schade, denn ich hätte mir diese berühmte südlichste Spitze Spaniens nur zu gerne genauer angeschaut. Um Tarifa zu erkunden, reist man aber besser ganz entspannt über Land an, etwa mit dem Mietwagen von Algeciras aus.

Conchi verdrückte beim Abschied an der Pier ein paar kleine Tränchen, und die Einheimischen wie auch die Hafenoffiziellen behandelten uns überraschend freundlich. Dennoch ist die Liegeplatzsituation vor Ort alles andere als idyllisch und durch das permanente Schwellwasser der ein- und ausrauschenden Schnellfähren sowie der harten Felsmolen sogar recht gefährlich für empfindliche GFK-Yachten.

Der Puerto de Tarifa und die umliegenden Küstenabschnitte sind für die Freizeitschifffahrt aus handfesten Gründen denkbar ungeeignet:

  • Kommerzieller Fähr- und Fischereihafen: Der Hafen dient primär den wendigen Schnellfähren der Route Tarifa–Tanger Ville sowie der lokalen Fischereiflotte. Die Fast Ferries benötigen jederzeit uneingeschränkte Bahn in der engen Zufahrt; Yachten stellen da ein erhebliches Sicherheitsrisiko dar.
  • Keine Liegeplätze für Fahrtensegler: Die extrem wenigen Dauerliegeplätze werden starr von der Autoridad Portuaria de la Bahía de Algeciras verwaltet. Auf den endlosen Wartelisten werden Segelboote (veleros) gar nicht erst zugelassen. Gastliegeplätze für Durchreisende existieren schlichtweg nicht.
  • Keine Marina-Infrastruktur: Es gibt keinerlei Serviceeinrichtungen für Yachten. In sämtlichen Revierführern wird Tarifa rein als Port of Refuge (Nothafen) geführt.
  • Strenge Nautische Vorschriften: Die Navigation von Sportbooten ist im gesamten kommerziellen Becken untersagt.
  • Unruhiges Ankern: Freies Ankern vor der Küste ist wegen des permanenten Seegangs, des dichten Schiffsverkehrs und der harten Winde bei Levante oder Poniente meist ein ungemütliches und gefährliches Unterfangen.

Kurz gesagt: Tarifa ist infrastrukturell keineswegs auf Wassertourismus ausgelegt. Segler, die dort ohne Genehmigung versuchen festzumachen, werden in der Praxis meist gnadenlos abgewiesen.

 

Nachdem Conchita sicher an Land war, legten wir unverzüglich wieder ab und schipperten überwiegend unter Motorkraft zurück nach Gibraltar, wo wir wieder an unserem freigehaltenen Liegeplatz festmachten. Um den Defekt oben im Rigg kümmerten wir uns ebenfalls erst nach der sicheren Rückkehr. Ich hatte zwar im Stillen gehofft, dass wir vielleicht doch ein bis zwei Tage in Tarifa bleiben könnten, aber das Risiko zwischen den wuchtigen Stahlkörpern der Fischerkähne war mir für unsere GFK-Yacht schlicht zu hoch. Die hart arbeitenden Fischer haben verständlicherweise wenig Zeit, auf aus ihrer Sicht Luxussegler Rücksicht zu nehmen.

Zurück im Hafen kletterte Demo flink wie ein Affe den Mast empor und stellte fest, dass tatsächlich der Edelstahl-Schäkel am Fall des Fockstags glatt durchgebrochen war. Das überraschte ihn spürbar, da er das Rigg erst vor wenigen Wochen in Portimão gründlich inspiziert hatte und der Schäkel optisch makellos wirkte. Aber genau so läuft es eben auf einem Schiff: Völlig unvorhersehbar gibt immer wieder irgendein Bauteil überraschend seinen Geist auf, ganz egal wie viel Mühe, Zeit und Liebe man in die laufende Pflege und Wartung investiert.

Den verbleibenden Rest des Tages verbrachten wir gemütlich an Deck, bedauerten das Fehlen von Conchita in unserer Runde und widmeten uns ganz entspannt privaten Dingen. Man kann schließlich nicht jeden Abend auf Achse sein, fürstlich dinieren und die Nacht zum Tage machen.

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Current Crew

 

 

 

Gibraltar, Affenfelsen, Belagerungstunnel und mehr

 


#26.08.13 – Spanien, Gibraltar, Affenfelsen, Belagerungstunnel und mehr

Herrje, mindestens eine unserer hübschen Bord-Grazien muss morgens immer wieder ausgiebig rumtrödeln oder viel zu lange schlummern. Heute war es Conchi, die sich noch völlig entspannt und wohlig faul in ihrer Bett-Koje räkelte, was fast komplett unbekleidet ein entzückender Anblick war.

Aber wir wollten schließlich baldmöglichst los, um die berühmten »Great Siege Tunnels« und die faszinierend schöne St. Michael's Cave zu besichtigen. Also musste ich mal wieder den bösen Sklaventreiber und gestrengen Captain spielen, was bei uns an Bord natürlich wie immer mit jede Menge Spaß, lautem Lachen und neckischen Scherzen ablief.

 

»Auf, auf, hoch mit dir, du hübscher Nackedei!« kitzelte ich die sich schon fast lasziv räkelnde Hübsche ausgiebig an den Fußsohlen und anderen besonders empfindlichen Körperstellen.

»Aaaahahahihi… nicht kitzeln, du gemeiner Captain… ich komme ja schon, ehrlich…« versuchte sie meinen flinken Händen geschickt zu entkommen, hatte es aber nach wie vor nicht wirklich eilig, ihren attraktiven Körper endlich aus der Koje zu schälen.

Erst mit spürbar härteren Maßnahmen drohend, wie etwa eine Pütz kaltes Frischwasser über sie zu gießen – wozu Vicky überzeugend so tat, als würde sie die Eimer-Aktion in der Pantry schon tatkräftig vorbereiten –, trieb es Conchi dann doch schwungvoll hoch. Uns anderen frech die Zunge rausstreckend und spielerisch über die unbarmherzige Borddisziplin maulend, verschwand sie schließlich im vorderen Badezimmer und machte sich geschwind frisch. Wir anderen fingen derweil schon mit dem gemeinsamen Frühstück an, alle stärkten sich ausgiebig für den ereignisreichen Tag und dann brachen wir auch schon voller Tatendrang auf.

Leider bin ich immer noch arg mit mehr oder weniger wichtigen Arbeiten, meist kniffligen Online-Recherchen, eingespannt und hatte eigentlich kaum Zeit für einen Ganztagesausflug übrig. Doch heute nahm ich mir sie einfach ganz bewusst und freute mich selbst auch schon riesig auf die beeindruckenden Belagerungstunnel und die spektakuläre Tropfsteinhöhle – wobei »Tropfsteinhöhle« eigentlich eine viel zu simple und fast schon beleidigende Bezeichnung für dieses geologische Wunder der Natur darstellt.

Die St. Michael's Cave, hoch oben im mächtigen Felsen von Gibraltar gelegen, ist wahrlich weit mehr als nur eine gewöhnliche Höhle. Hier hat kohlensäurehaltiges Regenwasser über viele Jahrtausende, eigentlich über hunderte von Jahrtausenden, den jurassischen Kalkstein langsam aufgelöst und ein fantastisches Labyrinth aus riesigen Hallen, verwinkelten Gängen und verborgenen Kammern geschaffen.


 

Das Ergebnis sind diese schier überwältigenden Formationen: meterhohe Stalaktiten, die wie steinerne, filigrane Vorhänge von der Decke hängen, mächtige Stalagmiten, die vom kühlen Boden emporwachsen, und hier und da massiv verwachsene Säulen, wo beide Teile im Laufe der Eonen irgendwann zusammengefunden haben. Die größte Halle, die Cathedral Cave, wirkt tatsächlich wie ein gewaltiger, natürlicher Dom – und wird genau deshalb bis heute als einzigartiges Auditorium für Konzerte, Theater und Shows genutzt. Die Akustik dort ist einfach legendär.

Was die ganze Sache historisch noch spannender macht: Unter der bekannten Höhle liegt die erst 1942 zufällig entdeckte Lower (oder New) St. Michael’s Cave. Beim Tunnelbau für ein unterirdisches Notlazarett im Zweiten Weltkrieg stießen die britischen Soldaten völlig überraschend auf eine fast unberührte, seit vielleicht 20.000 Jahren komplett versiegelte Welt voller filigraner Tropfsteine, schimmernder Fließsteine und sogar eines kristallklaren unterirdischen Sees. Zusammen bilden die beiden Höhlensysteme eines der eindrucksvollsten geologischen Schauspiele für Höhlenbesucher – und gleichzeitig ein Stück lebendige Geschichte, in der sich Urzeit, Antike und moderne Nutzung auf engstem Raum treffen.

»Woah! Unglaublich! Voll der Oberhammer! Schaut euch das bloß an! Wunderschön!« Und so ähnlich lauteten prompt die erstaunten, begeisterten und bewundernden Ausrufe der Crew, was jedoch instinktiv in einem ehrfürchtig leisen Tonfall ausgesprochen wurde, um die erhabene Ruhe nicht zu stören. Geschickt mit sozusagen künstlerischem Sachverstand installierte Lichtkunst in allen Regenbogenfarben verstärkt den malerischen, absolut überwältigenden Eindruck zusätzlich.

Das ganze Ensemble und wie man sich in den typischerweise permanent um 16–17 °C kühlen Höhlen fühlt mit bloßen Worten adäquat zu beschreiben, ist eigentlich gar nicht möglich; da lasse ich lieber die Fotos sprechen, die jedoch auch nur einen schwachen Abglanz davon vermitteln können. Trotz der Hochsaison hatten wir Glück und es herrschte nicht so ein wahnsinnig überlaufener Betrieb an Touristenmassen.

Die Attraktionen im Upper Rock Nature Reserve – inklusive St. Michael’s Cave, Great Siege Tunnels, Windsor Suspension Bridge und Affenfelsen – ziehen an vielen Sommer-Tagen gigantische Menschenmassen an. Hauptgrund dafür sind die riesigen Kreuzfahrtschiffe, deren Tausende Passagiere ab ca. 10:30 Uhr massenhaft in Ausflugsbussen nach oben gekarrt werden, plus die vielen Tagesausflügler aus dem spanischen Umland. Deshalb wollte ich unbedingt möglichst früh los, denn es gibt ein paar erprobte Tricks für mehr Ruhe:

  • Früh starten ist der mit Abstand beste Trick: Am besten schon direkt zur Öffnung (ca. 9:00–9:30 Uhr) oben sein. Bis etwa 10:30 Uhr ist es noch deutlich entspannter – danach wird es spürbar voll und eng. Viele Einheimische und erfahrene Besucher schwören darauf: »Um 9 Uhr morgens ist der Rock eine ganz andere, magische Welt.«
  • Der späte Nachmittag (ab ca. 16–17 Uhr) kann ebenfalls wieder etwas ruhiger werden, wenn die großen Reisegruppen langsam wieder abziehen. Allerdings schließen die Attraktionen relativ früh (letzte Einlässe je nach Saison gegen 17:45–18:45 Uhr).
  • Wochentage sind in der Regel deutlich besser als stark frequentierte Wochenenden.
  • Eine private Taxi-Rock-Tour am frühen Morgen: Du bestimmst das Tempo selbst und bist oft vor den großen Busgruppen an den echten Highlights.
  • Zu Fuß oder mit dem Shuttle früh rauf: Und die einzelnen Attraktionen gezielt in der richtigen Reihenfolge angehen, bevor die Masse kommt.
  • Zusatztipp: An Tagen mit mehreren Kreuzfahrtschiffen im Hafen wird es besonders eng. Wenn möglich, sollte man solche Tage im Schiffsanlaufkalender checken und meiden oder eben extra früh vor Ort sein. Kurz gesagt: Mit einem durchdachten, frühen Start kannst du auch in der Hochsaison noch relativ entspannt die Höhle und die anderen Sehenswürdigkeiten genießen. Oder du hast einfach das seltene Glück, wie wir, das gerade keines dieser gigantischen, schwimmenden Kreuzfahrthotels angelegt hat.

 

Aktuelle Eintrittspreise für das Abenteuer (Stand Sommer 2026): Der Zugang zu St. Michael’s Cave, den Great Siege Tunnels, der Windsor Suspension Bridge, dem Affenfelsen (Apes’ Den) und den meisten anderen Attraktionen im Upper Rock Nature Reserve läuft bequem über ein einziges Nature-Reserve-Ticket:

  • Erwachsene (ab 12 Jahren): £30 (ca. 35 €)
  • Kinder (5–11 Jahre): £22
  • Kinder unter 5 Jahren: kostenlos

Das Ticket gilt den ganzen Tag über und umfasst praktisch alles Wichtige (St. Michael’s Cave, Great Siege Tunnels, Suspension Bridge, Affen, Skywalk usw.).

Wichtige Randnotiz: Die berühmte Seilbahn (Cable Car) ist derzeit geschlossen (voraussichtlich noch bis ca. 2027), da sie umfassend renoviert und modernisiert wird und somit aktuell nicht fährt. Dafür gibt es einen neuen elektrischen Shuttle vom Marketplace (ca. £40 p. P., inklusive dem Nature-Reserve-Ticket) oder die offiziellen Taxi-Rock-Tours (mit Fahrer/Guide), welche das Ticket oft schon im Gesamtpreis enthalten haben. Die tiefere Lower St. Michael’s Cave kostet ggf. extra und ist ausschließlich mit einer speziell geführten Tour zugänglich (was wir heute jedoch ausließen). Tickets bekommt man vor Ort an den Eingängen (z. B. Jews’ Gate, Moorish Castle) oder unkompliziert online über die offizielle Nature-Reserve-Seite.

»Aaahahaha… Hiiiiielfe…« kreischten die Schönen prompt bei einer der amüsanten Überraschungen in den unübersichtlichen, historischen Tunneln und versuchten sich scherzhaft hinter dem breiten Rücken des armen Captains zu verbergen. lach

In den für Touristen zugänglichen Bereichen der Great Siege Tunnels wurden überall ziemlich lebensecht wirkende Soldatenfiguren aus historischen Epochen aufgestellt, die teilweise auch animiert interagieren. Beispielsweise an einer düsteren Zellentüre mit Gitterfenster in Kopfhöhe, ganz am Ende eines schummerigen Tunnels. 


 

Schaut man dort hinein, sieht man kurz schattige Gestalten in undefinierbar gruseligen Aktionen… dann brüllt plötzlich ein versteckter Lautsprecher von drinnen extrem lebensecht in rauem Kommandoton scheinbar genau die hineinstibitzende Person an. Das ist mit all dem echten, feuchten Fels-Drumherum selbst für hartgesottene, an Geisterbahn-Attraktionen gewöhnte Leute so erschreckend, dass nahezu alle Besucher mindestens heftig zurückzucken; nicht selten rennen besonders schreckhafte Frauen sogar ängstlich kreischend davon – und natürlich lachen anschließend alle herzhaft darüber und über sich selbst.

Wie es heutzutage so üblich ist, wird das alles nicht nur als historische Sehenswürdigkeit vermarktet, sondern auch in Art eines Freizeitparks mit Erlebniselementen. Aber es ist wirklich verdammt gut gemacht, überraschend historisch korrekt aufbereitet und eben nicht nur bloßer billiger Klamauk wie in Disneyland oder so. Alles in allem lohnen sich die 30 Gibraltar-Pfund (GIP), umgerechnet etwa 35 € Euro, definitiv für eine ausgiebige Tagestour um und in den allein schon landschaftlich atemberaubenden, 426 m hohen »Affenfelsen« von Gibraltar; ich würde es wirklich jedem wärmstens empfehlen, der einmal in diese Ecke kommt.


 

Den Apes' Den, den Hauptaufenthaltsort der berühmten Berberaffen, schauten wir uns heute allerdings nicht genauer an. Der alten Legende nach wird Großbritannien ja bekanntlich genau so lange über Gibraltar herrschen, wie Affen auf dem Felsbrocken leben. Deshalb werden die Tiere von offizieller Seite gehegt, gepflegt und reichlich gefüttert. Sie sind dementsprechend überwiegend sehr zutraulich und klettern unbedarften Besuchern auch nur zu gerne direkt auf die Schultern oder Köpfe, um nach Essbarem zu suchen.

Die Windsor Suspension Bridge, erst 2016 feierlich eröffnet, ist nicht nur eine schicke Touristenattraktion, sondern erfüllt auch einen praktischen Zweck für die Wanderer im Upper Rock Nature Reserve: Sie verbindet zwei wichtige Abschnitte des Royal Anglian Way direkt über eine etwa 50 Meter tiefe, spektakuläre Schlucht hinweg. Ohne diese Brücke müsste man mühsam weit hinunter in die steile Schlucht absteigen und drüben wieder hochkraxeln. Durch die 71 Meter lange Hängebrücke bleibt der Weg durchgängig und deutlich komfortabler begehbar.

Sie ist Teil eines größeren Projekts zur Aufwertung und Wiederbelebung der historischen Wanderwege im Nature Reserve, u. a. mit spürbar besseren Pfaden und lehrreichen Infotafeln. Die Brücke liegt spektakulär zwischen alten Militärbatterien und bietet neben dem rein praktischen Nutzen natürlich auch die berühmten, fantastischen Ausblicke auf die Stadt, die gesamte Bucht und bei klarer Sicht sogar bis rüber nach Afrika – plus das feine, leichte Schwingen im Wind, das für ordentlich Nervenkitzel sorgt.


 

»Au weia, gehen wir da wirklich rüber?« guckte Britt gespielt übertrieben ängstlich in die Schlucht; doch alle drei Frauen, Demo und ich sowieso, haben zum Glück nicht wirklich Höhenangst oder dergleichen.

»Aber sicher doch!« grinste ich breit in die Runde. »Und was denkst du wohl, was ich in der Mitte der Brücke mit so frechen Crewmitgliedern wie dir mache, wenn du mir nicht ganz lieb den Bart kraulst, hehe?!«

»Oh, oh…, ich weiß nicht…, mich sanft auf den Händen rübertragen?« konterte sie prompt schlagfertig und in einem scheinbar unschuldigen, weiblich bezirzenden Tonfall.

»Ja genau, davon träumst du wohl nachts, wie, hehe?!« parierte ich ebenso lachend.

»Wenn es hier jemand verdient hat, auf Händen getragen zu werden, dann bin ich das, jawoll!« stellte Vicky im Vorbeigehen selbstbewusst klar, und natürlich lachten wir alle herzlich über uns selbst und die Sprüche der anderen, als uns in der schwankenden Mitte dann doch ein kleines bisschen mulmig in den Knien wurde.

Inzwischen war 16 Uhr längst vorbei und da wir morgens lediglich gefrühstückt hatten, war es allerhöchste Zeit für ausgiebige leibliche Genüsse. Dafür hatte ich mir bereits im Vorfeld das als eine Art Geheimtipp zu bezeichnende, hervorragende Restaurant Aquaterra in der 2 Main Street, direkt neben dem belebten Grand Casemates Square, ausgeguckt. Auf den ersten, flüchtigen Blick wirkt das kleine Lokal von außen fast ein wenig unscheinbar, doch drinnen stellt man sehr schnell fest, dass sie vollkommen zurecht eine glänzende 4,8-Google-Sterne-Bewertung auf Gourmet-Tempel-Niveau erhalten haben und diese Spitzenklasse bei weit über 1.200 Rezensionen kontinuierlich halten können.

 

Das gesamte Servicepersonal agiert überaus aufmerksam, herzlich und fachlich kompetent. Die Speisen wiederum sind schlichtweg ein kulinarisches Gedicht an geschmackvoller Finesse, liebevoller Präsentation und herausragender Produktqualität. Man kann dort ganz ungezwungen nach Art einer Tapas-Bar ausführlich schlemmen und viele verschiedene Köstlichkeiten parallel probieren, oder wie in einem klassischen Restaurant fein komponierte Menüs und üppige Einzelgerichte bestellen.

Das Ganze wird zudem zu verblüffend fairen, bodenständigen Preisen serviert, was man inmitten unzähliger überteuerter Touristen-Hotspots wahrlich nicht an jeder Ecke findet. Überhaupt gibt es auf Gibraltar, für ein britisches Überseegebiet, erstaunlich viele, wirklich gute Restaurants, was sicherlich auch den andalusischen Einflüssen von direkt jenseits der Grenze geschuldet ist.

»Ist das herrlich lecker! Dem muss sogar ich, die ich in Cadiz ja nun wirklich mit spanischen Spezialitäten von Kindesbeinen an verwöhnt bin, echten Respekt zollen!« schwärmte Conchi voll des Lobes, während wir unseren gewaltig aufgestauten Heißhunger von den sportlichen Kletterpartien des Tages stillten und mit spürbarem Genuss ordentlich reinhauten.

»Tja, ihr wisst ja schließlich ganz genau, wem ihr solche edlen Gaumenfreuden zu verdanken habt und wem ihr dafür heute Abend brav den Bart kraulen solltet!« grinste ich triumphierend in die Runde, säbelte mir ein zartes Stück saftiges Entrecôte-Steak ab und schob goldbraun knusprige Kroketten, butterweiche Baby-Möhrchen sowie feines Marktgemüse hinterher, während ich schon nach dem Glas des vollmundigen Rotweins griff, um stilecht nachzuspülen.

»Wenn ihm bei der Gelegenheit endlich mal jemand diese kratzigen Stoppeln fein säuberlich abrasiert, gebe ich auf der Stelle die nächste Runde aus, haha!« lachte Vicky amüsiert.

»Wagt es ja nicht, an die mühsam gehegte Manneszierde des ehrenwerten Captains zu gehen! Davor habe ich euch doch erst kürzlich ausdrücklich gewarnt!« murmelte ich mit noch etwas zu viel delikatem Fleisch im Mund, was man nach Knigge ja eigentlich tunlichst vermeiden sollte.

»Wir könnten den alten Seeräuber ja einfach systematisch mit edlem Wein abfüllen, und dann heimlich im tiefsten alkoholseligen Schlaf…« stieg Britt sofort mit einem verschmitzten Blinzeln in die Meuterei ein. Sogar der sonst eher wortkarge Demo, selbst stolzer Träger eines markanten Mehrtagebarts, konnte sich an dieser Stelle eine trockene Bemerkung nicht verkneifen:

»Nur über meine Leiche! Der Bart eines Mannes ist unantastbar und heilig!«

»Wer bitteschön ist denn eigentlich dieser Kerl da? Brauchen wir den und Männer im Allgemeinen heute überhaupt noch, Mädels?« griff Britt typischerweise blitzschnell diese perfekte Steilvorlage auf. Sie knuffte Demo mit gespielter Entrüstung kräftig in die Rippen, kraulte ihm im nächsten Augenblick aber umso liebevoller durch die dichten Bartstoppeln, woraufhin die beiden sich innig und sichtlich lustvoll küssten.

Mit angenehmen 27 °C war es heute tagsüber erfreulich erträglich geblieben, und für die kommende Nacht kündigte der Seewetterbericht bereits den typischen »englischen Nebel« an. Das ist eine meteorologische Erscheinung, die sich um den riesigen Kalksteinfelsen mit beachtlicher Regelmäßigkeit einstellt, ganz egal ob im Hochsommer oder in den kühleren Übergangsmonaten. Die Rede ist vom klassischen Levanter Cloud, der in der Fachwelt auch als Banner Cloud oder bei den spanischen Einheimischen bildhaft als »Montera« (die traditionelle Stierkämpfermütze) bezeichnet wird.

Der namensgebende Levante – oder im Englischen schlicht Levanter – ist ein markanter Ost- bis Nordostwind, der beständig durch die Meerenge-Düse der Straße von Gibraltar pfeift. Er transportiert enorme Mengen feuchtwarmer Meeresluft aus dem östlichen Mittelmeer heran. Sobald diese träge Luftmasse frontal auf die fast senkrechte, 426 Meter hohe Felswand von Gibraltar prallt, wird sie schlagartig zum Aufsteigen gezwungen – ein physikalischer Vorgang, den Meteorologen als orographische Hebung definieren.

Beim zügigen Aufstieg in höhere Schichten kühlt das Luftpaket physikalisch bedingt ab, der enthaltene Wasserdampf kondensiert rasch und bildet eine dichte, stationäre Wolkenbank, die oft wie eine kilometerlange, weiße Fahne oder eine dicke Mütze vom Felsgrat nach Westen über die Stadt und die Bucht weht. Da der Fels so spektakulär aus dem Wasser ragt und der Levante-Wind sehr häufig anliegt, lässt sich dieses faszinierende Naturschauspiel erstaunlich oft beobachten.

Dabei weht der Levante bei ganz unterschiedlichen Temperaturbereichen, denn der Wolkeneffekt hängt primär vom Sättigungsgrad der Luftfeuchte und dem erzwungenen Steigwinkel ab, nicht von sommerlicher Bruthitze. Nachts kühlt die bodennahe Luftschicht weiter aus, was die Kondensation zusätzlich verstärkt. Aus diesem Grund wird im Hafenbereich oft dicker »englischer Nebel« oder tiefhängendes Gewölk gemeldet, während nur wenige Meilen weiter auf See absolut klarer Himmel herrscht. Der Felsen fungiert gewissermaßen als monumentaler, natürlicher Nebelmacher, der das maritime Mikroklima Gibraltars maßgeblich dominiert.

»Ja, ja, ist ja schon gut, du wandelndes Klugscheißer-Lexikon!« bremste mich Vicky lachend aus meinem Vortrag und verpasste mir prompt die gleiche liebevoll-neckische Behandlung wie Britt ihrem Demo zuvor.


 

Nach dem exzellenten Essen machten wir noch einen ausgedehnten Verdauungsspaziergang mit Sightseeing rund um die geschichtsträchtigen Grand Casemates Gates. Früher schlicht als Waterport Gate beziehungsweise Sea Gate bekannt, stellen sie eines der bedeutendsten historischen Stadttore Gibraltars dar und bilden bis heute das markante nordwestliche Eingangsportal in die alte, wehrhafte Festungsstadt direkt am Grand Casemates Square.

Die Historie dieses Ensembles reicht weit zurück: Der Ursprung datiert bis in das maurische 12. Jahrhundert, als an genau dieser Stelle der alte befestigte Galeerenhafen »La Barcina« lag, an dem Schiffe an Land gezogen, gewartet und instandgesetzt wurden. Das damalige Moorish Sea Gate bildete einen von lediglich drei streng bewachten Zugängen zu diesem militärischen Werftbezirk.

Nach der britischen Eroberung Anfang des 18. Jahrhunderts bauten die Militäringenieure das Tor massiv aus. Es fungierte fortan über Generationen hinweg als wichtigster seeseitiger und kommerzieller Hauptzugang für alle Warenströme. Um dem wachsenden Verkehr gerecht zu werden, brach man 1815 zwei breite Durchfahrten für Fuhrwerke in das Mauerwerk; 1884 folgte ein dritter Durchgang für Fußgänger.

Unmittelbar angrenzend erheben sich die mächtigen Grand Casemates – bombensichere, kasemattenartige Kasernenbauten, die 1817 fertiggestellt wurden und dem gesamten Platz seinen Namen liehen. Zudem waren die Tore stets fester Bestandteil der traditionsreichen »Ceremony of the Keys«:

Während der Großen Belagerung (1779–1783) wurden die Stadttore jeden Abend bei Sonnenuntergang feierlich verriegelt, wobei die schweren Schlüssel als Machtsymbol direkt dem Gouverneur unterstanden – ein Ritual, das bis heute bei feierlichen Anlässen nachgestellt wird. Heute sind die wuchtigen Tore frei passierbar und verbinden das moderne Hafenareal nahtlos mit der quirligen Fußgängerzone voller Pubs, Cafés und Läden. Es ist ein lebendiges Stück Stein gewordener Historie, das den Wandel vom mittelalterlichen Werfttor zum offenen Treffpunkt perfekt widerspiegelt.


 

Für den späteren Abend kehrten wir schließlich im The Lord Nelson ein, einem herrlich urigen, typisch britischen Pub mit authentischem Holzinterieur und origineller Dekoration. Wir bestellten uns kühles Ale und Cocktails, kamen sofort ungezwungen mit Einheimischen sowie anderen Reisenden ins Gespräch und genossen die gelöste Atmosphäre.

Ganz besonders ein älteres, überaus charmantes britisches Ehepaar in Begleitung ihrer aufgeweckten Studentinnen-Tochter zog unsere Aufmerksamkeit auf sich. Die beiden gebildeten Frührentner hatten sich einen lang gehegten Lebenstraum erfüllt: Sie segeln seit knapp zwei Jahren auf ihrer eigenen Fahrtenyacht durch das sonnige Mittelmeer und versicherten uns glaubhaft, solange die Gesundheit mitmacht, nicht im Traum daran zu denken, jemals wieder dauerhaft in das nasskalte England zurückzukehren.

Die Tochter studiert an der Elite-Universität Cambridge und steht mit Spitzennoten kurz vor ihren finalen Prüfungen, worauf die Eltern sichtlich stolz waren. Mit herzerfrischender Offenheit erzählten sie am Tisch scherzend, dass die junge Dame damals als später, völlig ungeplanter »Volltreffer« das Licht der Welt erblickte. Die Familie bestach durch großartigen britischen Humor, weltmännische Bildung und profundes nautisches Wissen. Schnell vertieften sich Demo und ich mit dem Eigner in ein leidenschaftliches Fachgespräch über moderne Ankergeschirre für Langfahrtschiffe.

Ich räumte unumwunden ein, jahrelang ein treuer Verfechter des klassischen Delta-Ankers gewesen zu sein. Mein Gesprächspartner nickte zustimmend, betonte jedoch treffend, dass diese Geometrie im Vergleich zu Neuentwicklungen spürbar in die Jahre gekommen ist. Er hatte sich auf seinen Seemeilen tatsächlich die Arbeit gemacht, verschiedene moderne Hochleistungsanker unter widrigen Bedingungen in Sand, Schlick und Seegras gegeneinander zu testen.

Sein klares Fazit: Ultra Marine liefert derzeit den mit Abstand verlässlichsten Allround-Anker auf praktisch allen Meeresgründen. Konsequenterweise hatte er sein 14-Meter-Schiff mit einem massiven 45-kg-Edelstahlanker an einer sündhaft teuren, 80 Meter langen 12-mm-Kette ausgerüstet.

 

Genau an solchen elementaren Ausrüstungsdetails erkennt man auf den ersten Blick den erfahrenen Blauwassersegler im direkten Vergleich zum reinen Wochenend-, Schönwetter- oder Charter-Skipper. Letztere sind leider fast durchgehend mit viel zu leichten, unzureichenden oder gar fahrlässig dimensionierten Not-Ankern unterwegs. Was der ahnungslosen Kundschaft heutzutage von manchen Werften und Händlern verkauft wird – während die Käufer naiv verzückt auf modische Zierkissen, schicke Vorhänge und Hochglanz-Furniere im Salon starren, anstatt das sicherheitsrelevante Decksequipment zu prüfen –, grenzt bei genauerem Hinsehen schon an grobe Fahrlässigkeit.

Für Landratten lässt sich dieser Irrsinn am besten mit einem anschaulichen Vergleich verdeutlichen: Man stelle sich vor, jemand kauft eine moderne 500-PS-Luxuslimousine, in die der Hersteller ab Werk primitive Blattfedern, ausgeleierte Trommelbremsen aus den Fünfzigern sowie weder Sicherheitsgurte noch Airbags einbaut. Solange man damit sonntags nur die 500 Meter zum Bäcker rollt, mag das gutgehen; will man das Fahrzeug jedoch ernsthaft bei Wind und Wetter im Alltag bewegen, sind verheerende Unfälle nur noch eine reine Frage der Zeit.

»Ist ja schon gut, Captain, nun atme erst einmal tief durch und beruhige dich wieder!« unterbrach mich Vicky mit einem entwaffnend charmanten Lächeln. Sie kennt mich und weiß, wie sehr ich mich über schlampig ausgerüsteten Yachten ereifern kann, und ich muss in geselliger Runde tatsächlich immer aufpassen, mich bei solchen maritimen Reizthemen nicht zu sehr zu echauffieren.

Wir verbrachten noch einen lustig-netten Abend bei weiteren kühlen Getränken, tiefgründigen wie humorvollen Anekdoten und lauschten einer Gruppe lokaler Musiker, die mit feiner Akustikmusik für stimmungsvolle Untermalung sorgten. Rund eine halbe Stunde vor Mitternacht verabschiedeten wir uns herzlich von unseren neuen Bekannten im Pub und schlenderten durch die angenehm laue Sommernacht zurück zum Liegeplatz unserer heimeligen Nauticat.

 

 

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