Lagos, Goldene Klippen, viel Geschichte und echtes portugiesisches Leben

 

#26.06.29 – Lagos, Goldene Klippen, viel Geschichte und echtes portugiesisches Leben

»Na, was meinst du?« Verlangte Britt zwinkernd auf typisch weibliche »Fishing for Kompliments« Art nach männlicher Bewunderung und Bestätigung. Sie drehte sich einmal langsam um die eigene Achse, sodass ihr rotes, gestreiftes Träger-Sommerkleid leicht mitschwang.

»Was soll ich sagen… WOW?!« Lächelte ich anerkennend und ließ den Blick über ihr gekonntes Styling schweifen. »Wie du weißt, mag ich schöne, junge Frauen am liebsten natürlich, aber ich gebe gern zu: wenn du dich so stylst und etwas schminkst, siehst du wirklich wie ein perfektes Musterbeispiel für das Klischee der umwerfend schönen, blonden Schwedin aus!«

»Wow hätte schon genügt, haha.« Lachte sie selbstzufrieden und warf ihre hellen Haare mit einer eleganten Bewegung nach hinten. »Du immer mit deinen analysierenden oder erklärenden Antworten!«

»Tja, so bin ich halt, hoho.« Gluckste ich amüsiert über meine eigene Marotte.

Vicky duschte noch, kam wenig später mit feuchten Haaren aus dem Bad und schlüpfte danach abgetrocknet und ungeschminkt einfach in ein weißes Tanktop und einen ebensolchen Minirock. Der Kontrast zu ihrer gebräunten Haut war herrlich. Sie ist halt am liebsten natürlich unterwegs, obwohl sie sich slbstverständlich auch stylen kann, wenn sie mal Lust dazu hat.

Demo und ich richteten uns auch gerade erst her, was bei dem schönen Wetter ohnehin nur T- oder Polo-Shirt und Shorts mit Sandalen bedeutete. Aktuell hatten wir sonnige 23°C, die milde Morgenluft roch nach Salz und fernen Gewürzen, und im Tagesverlauf sollten es heiße 30°C werden. Ein leichter Windhauch strich durch die offenen Luken der Nauticat und bewegte die Verdunkelungs-Vorhänge vor den Bullaugen und Deckluken.

Es war nach dem Frühstück und wir bereiteten uns auf weitere abenteuerliche Erkundungen von Lagos vor, wo wir in der Marina an einem Anlegesteg festgemacht hatten. Das sanfte Quietschen der Festmacherleinen und das dumpfe Glucksen des Hafenwassers gegen den Rumpf bildeten die Kulisse, während wir die Rucksäcke packten. Ich gebe euch mal eine Zusammenfassung dessen, was wir uns bereits angeschaut haben und ich auch im Net recherchierte:


 

Lagos ist einer dieser Orte an der Algarve, die auf den ersten Blick wie eine Postkarte wirken – und auf den zweiten Blick viel mehr Tiefe zeigen, als man zunächst erwartet. Mit rund 31.000 bis 33.500 Einwohnern (je nach Zählung der Municipality) ist Lagos die größte Stadt im Westen der Algarve und weit mehr als nur ein weiterer Badeort. Es ist eine lebendige, historische Hafenstadt mit echter Seele, die sich geschickt zwischen Tourismus und Alltagsleben bewegt. Wenn man durch die Straßen geht, spürt man das maritime Erbe in jeder Ecke.

Lagos blickt auf eine bewegte Geschichte zurück. Schon die Phönizier und Karthager siedelten hier an der heute weitgehend versandeten Flussmündung, die zum schon beschriebenen Hafenkanal umgebaut wurde; später kamen die Römer und hinterließen ihre Spuren, gefolgt von den Mauren, deren Festungsbaukunst mancherorts noch zu erahnen ist. Der eigentliche, weltverändernde Aufstieg begann jedoch im 15. Jahrhundert, als Lagos zum wichtigsten Ausgangspunkt der portugiesischen Entdeckungsfahrten wurde. Prinz Heinrich der Seefahrer richtete hier seine berühmte Seefahrerschule ein. Von diesem Hafen aus starteten die hölzernen Karavellen, die die Weltkarte völlig neu zeichneten und mutig in das Unbekannte aufbrachen.

Leider hat Lagos auch eine dunkle Seite: 1444 fand hier der erste europäische Sklavenmarkt statt. Der Mercado de Escravos erinnert noch heute nüchtern und berührend an diese dunkle Epoche der damaligen Zeit. Es ist ein Ort mit schweren, alten Steinmauern, der einen kurz innehalten lässt – ein stiller Moment des Nachdenkens zwischen all dem hellen Sonnenschein und den pastellfarbenen Häusern der Umgebung.



 

Die Altstadt selbst ist ein charmantes Labyrinth aus engen, kopfsteingepflasterten Gassen, in denen sich das Licht der Sonne bricht. Weiße und pastellgetünchte Häuser wechseln sich ab mit kleinen Plätzen, schattigen Cafés und geschichtsträchtigen Kirchen. Besonders schön ist die Igreja de Santo António mit ihrem prachtvollen, vergoldeten Barock-Interieur – das glänzende Goldholz gilt als eines der schönsten in ganz Portugal und raubt einem beim Eintreten fast den Atem. Die mächtigen Stadtmauern, das wehrhafte Forte da Bandeira direkt am Hafen und das ehrwürdige Denkmal für Heinrich den Seefahrer erzählen ebenfalls ihre ganz eigenen, spannenden Geschichten vom Meer.

Wenn man von Lagos spricht, kommt man an Ponta da Piedade keinesfalls vorbei. Nur wenige Kilometer südlich der Altstadt ragt dieses dramatische Kliff weit in den tiefblauen Atlantik hinein. Goldene Felsen, türkisblaues, glasklares Wasser, natürliche Bögen, versteckte Grotten und winzige, sandige Buchten – es ist einer der spektakulärsten Küstenabschnitte der gesamten Algarve, an dem die Naturgewalten ihr Meisterstück abgeliefert haben.


 

Man kann zu Fuß auf gut ausgebauten Wegen entlang der Klippen wandern, über steile, in den Stein gehauene Treppen hinunter zu kleinen Stränden steigen oder – was für uns Segler natürlich am besten ist – mit einem Boot die tiefen Grotten von unten erkunden, wo das Wasser sanft gegen die Felswände klatscht. Besonders bei Sonnenuntergang oder in den goldenen Stunden des späten Nachmittags wird es hier magisch. Die ockerfarbenen Steine leuchten dann unwirklich intensiv, und das warme Licht spielt mit den Felsen wie ein begnadeter Maler, der sekündlich die Farben wechselt.

Lagos hat einige der schönsten Strände der Region vorzuweisen: Praia Dona Ana, Praia do Camilo, Praia da Batata oder das etwas größere, weite Sandband von Meia Praia. Die typischen goldenen Felsen und versteckten Buchten machen das Baden hier zu einem Erlebnis für alle Sinne, da das Salz auf der Haut prickelt und der Sand unter den Füßen wärmt. Im Sommer ist es natürlich belebt, aber selbst dann findet man noch ruhige, ungestörte Ecken, wenn man ein paar Schritte weiter an den Klippen entlanggeht.



 

Die Stadt selbst ist zum Glück kein reines Touristen-Ghetto. Es gibt ein echtes, pulsierendes portugiesisches Leben: einen lebendigen Markt mit fangfrischem Fisch, lautstarken Händlern und dem Duft von reifem Gemüse, bunte Fischerboote im Hafen, lokale Restaurants, in denen man hervorragend und günstig isst, und eine durchweg entspannte, freundliche Atmosphäre. Abends wird es in der Altstadt und rund um die Marina lebendig – die Gassen füllen sich mit dem Gemurmel von Stimmen und dem Klappern von Geschirr, ohne jedoch den überdrehten Ballermann-Charakter mancher anderer Algarve-Orte zu haben.

Fazit: Lagos zu besuchen lohnt sich sehr. Die Küstenstadt ist für mich einer der ausgewogensten Orte an der Algarve. Du bekommst hier dramatische Natur an der Ponta da Piedade, die reiche Geschichte der Entdeckungszeit mit hölzernen Karavellen und auch ihre Schattenseiten, schöne Strände, eine lebendige Altstadt und gleichzeitig echtes portugiesisches Flair. Es ist weder zu verschlafen noch zu überlaufen – genau der richtige Mix für Genießer.

Wer hierherkommt, sollte sich Zeit nehmen und Entschleunigung zulassen: morgens einen starken Kaffee und ein süßes Pastel de Nata in der Altstadt genießen, mittags am Strand entspannen, nachmittags die windumtosten Klippen erkunden und abends bei einem guten Glas Wein das bunte Treiben beobachten. Lagos belohnt genau diese entspannte Herangehensweise.




 

Essen waren wir bisher unter anderem im stimmungsvollen Dachrestaurant Mare Lagos, das mit einer tollen Aussicht auf den Kanal und die gegenüberliegende, große Marina punktet. Wenn der Wind am Abend leicht kühler wird, sitzt man dort oben wunderbar gemütlich. Eine Bewertung von Joanna K. beschreibt es recht treffend, weshalb ich sie einfach übernehme und hier einfüge:

»Wir entdeckten Mare zufällig bei einem Besuch des Fischmarktes während unseres Kurzaufenthalts in Lagos und waren so begeistert, dass wir gleich ein zweites Mal hingingen! Das Restaurant bietet eine wunderschöne Aussicht, und obwohl viele Gäste wegen des BBQ-Buffets kommen, bestellten wir ausschließlich à la carte. Bei unserem ersten Besuch wählten wir den Asian Fantasy Wok mit perfekt gegarten Garnelen und die gegrillte Dorade. Beide Gerichte waren köstlich, hervorragend gewürzt und voller Geschmack.

Der erfrischende Hugo-Cocktail und die Sangria passten perfekt dazu. Bei unserem zweiten Besuch entschied ich mich für die gebackene Kartoffel mit Meeresfrüchten, während mein Mann das Piri-Piri-Hähnchen bestellte. Beide Gerichte waren hervorragend. Die Garnelen und der Lachs waren perfekt gegart und harmonierten wunderbar mit der Ofenkartoffel. Das Hähnchen war würzig, aber wunderbar ausgewogen, sodass die anderen Aromen voll zur Geltung kamen. Das Fleisch war zart, saftig und einfach exzellent.

Der Koch versteht sein Handwerk! Auch der Service war beeindruckend: freundlich, aufmerksam und sehr hilfsbereit bei all unseren Besuchen. Die Portionen waren großzügig und boten ein hervorragendes Preis-Leistungs-Verhältnis. Absolut empfehlenswert! Wäre ich länger in Lagos geblieben, wäre ich gerne zurückgekehrt, um noch mehr Gerichte zu probieren.«

Erstaunlicherweise wird das Mare Lagos auf Google im Schnitt nur mit 4,2 Sternen bewertet. Auch unsere Erfahrung war jedoch sehr gut und ich finde, dass sie 4,5 verdient haben. Wenn man ordentlich schlemmt und sich etwas gönnt, sollte man 25 bis 35 € pro Person einplanen, was angesichts der Qualität, der üppigen Portionen, dem freundlichen Personal, dem Ambiente und der Lage mehr als angemessen ist. Geöffnet haben sie täglich von 10 bis 23 Uhr. Definitiv sehr empfehlenswert für alle, die ein gutes Gastroerlebnis zu schätzen wissen.


 

Außerdem besuchten wir die originelle, urig-gemütliche Bar O Artista, wo man auch sehr leckere Snacks bekommt oder wie in einem Restaurant speisen kann. Das Lokal ist geschickt aufgeteilt; es gibt zwei Bereiche, nämlich die eigentliche Bar zum Trinken und Quatschen sowie etwas gesondert aufgestellte Tische zum ungestörten Essen.

Ihre Durchschnittsbewertung von 4,5 Sternen auf Google ist absolut angemessen. Live-Musik gibt es abends auch, wobei es dann durchaus mal arg laut und trubelig zugehen kann. Die Stimmung im Lokal war bei unserem Besuch toll, die Musiker gaben alles, wir hatten viel Spaß und fühlten uns in dem urigen Ambiente pudelwohl. Preislich kann man die Bar als relativ günstig bezeichnen; es hängt natürlich immer davon ab, was und wie viel man trinkt und speist, aber nichts dort auf der Karte würde ich als überteuert bezeichnen. Außer an Dienstagen haben sie täglich von 13 bis 02 Uhr geöffnet und bieten einen prima Anlaufpunkt für Nachtschwärmer.

Ach ja, was ich noch gar nicht erwähnt habe: In Lagos trafen wir uns mit der sympathischen Künstlerin und Model Lois, die Vicky und ich schon in Lissabon kennengelernt hatten. Einer ihrer langjährigen Mäzene und Freunde besitzt hier eine wunderschöne Finca hoch über dem Praia do Canavial, wo Lois öfter zu Gast ist. Wir wurden herzlich eingeladen, zumindest zum Essen vorbeizukommen – und falls wir Lust hätten, auch ein paar Tage als Gäste zu bleiben.

Das nahmen wir natürlich gern an. Zum einen, weil die Finca traumhaft gelegen ist und man von dort einen atemberaubenden Blick über die Küste hat. Zum anderen, weil der Hausherr Vicky Kontakt zu einem finanzkräftigen Sammler vermitteln wollte, der sich für ihre Kunst interessiert. Für Künstlerinnen und Models sind solche Verbindungen Gold wert. Lois’ Mäzen soll selbst auch ein großer Kunstliebhaber und privat leidenschaftlicher Fotograf sein, der sich besonders für sinnliche und softerotische Fotokunst begeistert.

Und ja, auch das soll nicht unerwähnt bleiben: Wie viele Männer in seiner Position – erfolgreich, kultiviert und inzwischen Witwer – genießt er ganz offensichtlich die Gesellschaft schöner, junger und ungenierter Frauen. Daran ist aus unserer Sicht absolut nichts Verwerfliches, es ist schlicht ein Stück menschliche Natur. Kluge Frauen, erst recht in der Kunst- und Modelwelt, kennen diese Dynamik sehr genau und nutzen solche Netzwerke pragmatisch zu ihrem Vorteil – genau wie umgekehrt die Männer ihre Möglichkeiten nutzen. Solange alles auf Gegenseitigkeit beruht, ist das ein völlig legitmes Geben und Nehmen.

 

Unschön oder moralisch fragwürdig wird es schließlich erst dann, wenn jemand seine Macht oder sein Geld missbraucht, um Grenzen zu überschreiten. Bei Lois’ Mäzen ist das nicht der Fall. Er ist, wie sie selbst lachend erzählte, einfach ein Ästhet und typisch Mann, der gern schöne, intelligente und selbstbewusste Frauen um sich hat; welcher Mann hätte das nicht gern? Wenn diese Frauen dann völlig entspannt, selbstbewusst und ungeniert topless oder nackt am Pool liegen oder sich in der Sonne räkeln, genießt er den Anblick – und das ganz offen, ohne falsche Scham.

Übrigens sei aus meiner persönlichen Sicht noch angemerkt: Ich respektiere jeden, der für sich selbst sagt: »So etwas wäre nichts für mich.« Wenn jemand aus innerer Überzeugung persönliche Grenzen zieht, ist das vollkommen in Ordnung. Aber die lautstärksten Moralpredigten im Internet kommen leider oft von genau den Leuten, die ihre eisernen Prinzipien erstaunlich schnell über Bord werfen würden, sobald der gebotene Vorteil im echten Leben nur groß genug wird.

Dazu passt ein alter, herrlich zynischer Witz, den man oft Winston Churchill zuschreibt und der eine entwaffnende Wahrheit enthält:

Ein Mann fragt eine Dame der Gesellschaft auf einer Gala: »Würden Sie für eine Million Pfund mit mir schlafen?«

Die Dame überlegt kurz, lächelt und antwortet: »Nun, für so eine Summe... ja, das würde ich wohl tun.«

Daraufhin fragt der Mann: »Würden Sie es auch für fünfzig Pfund tun?«

Die Dame empört sich sofort: »Für was für eine Frau halten Sie mich denn bitte?!«

Der Mann lächelt süffisant: »Das, gnädige Frau, haben wir bereits geklärt. Jetzt verhandeln wir nur noch über den Preis.«

Die drei von der Crew lachten sehr amüsiert, als ich ihnen den Witz erzählte und beschrieb, weshalb ich das in den Blog einbaue: »Ahaha… den kannte ich noch gar nicht!« Prustete Britt.

»Ja, haha und er enthält echt ne „unbequeme Wahrheit“, die selten so direkt ausgesprochen wird. Solche Witze sind die besten, finde ich.« Meinte Vicky heiter; sie ist die gebildetste und liest am meisten von den drei; kann daher durchaus auch tiefer intellektuell reflektieren, was simplere Gemüter entweder empört verleugnen oder mit schweinischer Zustimmung kommentieren würden.

Übrigens: Wenn man die historische Kaufkraft des Pfundes über die Inflation bis ins Jahr 2026 hochrechnet und dann in Euro umrechnet, kommt man auf eine ziemlich astronomische Summe: Eine Million Pfund in den 1930er Jahren, entsprächen heute einer Kaufkraft von rund 70 bis 80 Millionen Euro (sic!)

Damit wird der Witz eigentlich noch ein ganzes Stück schärfer. Bei einer Summe von 75 Millionen Euro würden im echten Leben wahrscheinlich 99,999… % aller Menschen (egal welchen Geschlechts) keine Sekunde zögern, ob sie ihre moralischen Prinzipien über Bord werfen. Das macht das auf 50 Pfund reduzierte Angebot (heute etwa 4.000 Euro, was auch schon sehr viele sofort annehmen würden) und den Spruch mit der Preisverhandlung nur umso zynischer und treffender.

Zudem sollte man sich in die damalige, extrem prüde und streng reglementierte englische Gesellschaft einfühlen, um den Witz in seiner ganzen Tragweite zu verstehen. Das war eine völlig andere Zeit als unser heutiger, im Westen glücklicherweise lockerer und toleranterer Umgang mit solchen Themen. Churchill war eben selbst in der britischen Oberschicht ein außergewöhnlich scharfer Denker und rhetorisch brillanter Beobachter, der mit seiner feinen Ironie die äußerst verlogene Doppelmoral seiner Epoche wie kein Zweiter demaskieren konnte.

Allerdings war er auch ein glühender Imperialist, der bedenkenlos hunderttausende Soldaten in den Tod schickte, man denke nur an Gallipoli. Aber diese Denke war damals in allen großen Staaten weit verbreitet und nicht außergewöhnlich. Das führt jetzt ein bisschen weit und lenkt vom Blog-Thema ab, ist in der heutigen Zeit durch Putin, Xi und Trump aber auch wieder aktuell geworden.

Okay, genug davon, am späten Nachmittag packten wir ausreichend Sachen für vielleicht zwei – drei Tage in der Finca zusammen und fuhren mit einem Taxi dorthin. Lois Mäzen,  freundschaftlicher Ratgeber und Förderer Rodrigo, begrüßte uns sehr freundlich und galant. Eindeutig ein gebildeter, sympathisch-tiefentspannter portugiesischer Gentleman, in manchem Old School, in anderem locker-tolerant modern.

Schätzungsweise um die 60, mit graumelierten Haaren und Vollbart, lebt er inzwischen überwiegend hier, in einer bezaubernd hübsch-altmodischen, aber unauffällig mit moderner Technik ausgestatteten Finca-Villa, wie sie hier an der Algarve weit verbreitet sind. Wir richteten uns in den uns zugewiesenen Gästezimmern oder kleinen, gemütlichen Suiten erstmal ein. Dann  tranken wir mit ihm am malerischen Poolbereich Drinks und lernten uns in typischem kennenlern-Small-Talk näher kennen.

Dazu und den folgenden Tagen an dieser wildromantischen Küste dann mehr im nächsten Blog…

 

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Algarve, ein Segelausflug mit wichtigem „Mann über Bord“ Manöver

 

#26.06.27– Algarve, ein Segelausflug mit wichtigem „Mann über Bord“ Manöver

Gestern brachten wir all die ausgeräumten Sachen zurück auf die im Fluss ankernde Yacht und zogen endgültig zurück aufs Boot. Das war eine gehörige Menge Arbeit und beschäftigte uns den ganzen Tag über. So eine Fahrtenyacht hat unglaubliche Mengen an Ausrüstung, Ersatzteilen, haltbaren Lebensmittelvorräten und natürlich auch Privatsachen an Bord. Alles wird sorgsam verstaut in schier unzähligen Schapps, Stauräumen, Schränken und Kisten, am besten in luftdichten Boxen, die irgendwo tief in der Bilge und an Stellen gelagert werden, wo man im Alltag nur schwer hinkommt.

Um das jeweils Gebrauchte bei irgendeinem Anlass schnell wiederzufinden, ohne erst stundenlang suchen zu müssen, ist das sorgfältige Führen und stetige Aktualisieren gut organisierter Staulisten absolut erforderlich. Das ist Vickys Aufgabe für den allgemeinen Teil, während Demo für die technische Liste mit Ersatzteilen, Werkzeugen, Öl und was halt so alles zur Technik gehört zuständig ist. Dazu müssen sie sich natürlich eng absprechen, denn der Platz auf so einem Boot ist begrenzt. Es muss beispielsweise im Vorfeld entschieden werden, was für eventuelle Probleme und Notfälle leicht erreichbar und schnell zugänglich sein muss; für andere, nicht so wichtige Sachen muss nicht selten erst einmal ein Haufen Zeug ausgeräumt werden, bevor man überhaupt herankommt.

Die beiden machen das ziemlich gut; da muss ich mich gar nicht groß einmischen und kann die Verantwortung beruhigt delegieren, auch wenn ein Skipper letztlich für einfach alles auf einem Boot oder Schiff rechtlich voll verantwortlich bleibt. Sie haben zwar noch nicht überwältigend viel Erfahrung, aber ausreichend und machten das ja schon monatelang, bevor ich überhaupt an Bord kam. Auch Britt ist keineswegs unerfahren, denn in ihrer Familie gibt es mehrere Segler und sie war schon als junges Mädchen oft mit dabei; früher allerdings vor allem in der reinen Gastrolle, ohne sich selbst wirklich um irgendwas Wichtiges kümmern zu müssen oder dafür verantwortlich zu sein.

Sie beherrscht alle typischen Handgriffe auf einer Segelyacht, kann sicher steuern, ankern, Segel setzen und einholen sowie auf der elektronischen Seekarte navigieren; jedoch lief das alles eher wie ein Hobby nebenher, ohne sich ernsthaft mit den tieferen Details zu beschäftigen. Damit fing sie erst an, als sie neben dem Modeln für einige Teilstrecken der Überführung vom Baltikum an die Algarve mitsegelte. So wie sie als Model gelernt hat, trotz ihrer noch jungen Jahre fleißig, diszipliniert und zuverlässig zu arbeiten, beschäftigt sie sich nun seit einiger Zeit auch ernsthaft mit dem echten Seglerleben.

 

Den ersten Schwung des ganzen Krams brachten wir noch zu viert gemeinsam an Bord. Dann teilten wir uns auf: Vicky und Demo blieben an Bord, um alles ordentlich zu verstauen und gegebenenfalls die Staulisten direkt zu aktualisieren. Britt und ich übernahmen den Pendel-Zubringerdienst; einen Haufen Zeug zum Ufer und Beiboot bringen, einladen, übersetzen zur ankernden Yacht, ausladen und es Vicky und Demo übergeben, dann direkt zurück und die nächste Tour vorbereiten.

Zu Mittag machten wir nur eine kurze, etwa 40 Minuten lange Pause mit kühlem Sushi aus einem Geschäft, selbstgemachtem Mischsalat mit Fetakäse und Schinkenstücken sowie Obst, vor allem Wassermelone und gutem Kaffee. Mit dem Wetter hatten wir Glück, es war überwiegend bewölkt und eine kühle Luftströmung sorgte für Temperaturen von höchstens 24 bis 25°C. Dadurch schwitzten wir nicht so furchtbar, aber als wir gegen 17 Uhr alles geschafft hatten, waren wir natürlich dennoch verschwitzt und etwas schmutzig.

»Ich dusch mal bei euch, ihr seid doch schon fertig, oder?« Kam Britt topless nur im Slip in die Achterkabine geschlendert. »Demo findet kein Duschende.«

»Immer rein, wir sind fertig.« Winkte Vicky die nordische Schöne in unser deutlich größeres Bad der Heckkabine; hier können sogar zwei Personen gleichzeitig duschen, während das Steuerbord-Badkabuff im Bug erheblich enger ist. Demo hatte sich im Maschinenraum und bei der Technik deutlich mehr mit teils öligem Dreck beschmiert als wir anderen, weshalb er sich in der Dusche auch länger einweichen und abschrubben musste.

 

Quasi zur Feier des Tages lud ich dann alle ins Borda do Cais ein, wo Vicky und ich schon mal essen waren und das ich bereits als richtig gutes Restaurant der gehobenen Kategorie beschrieben habe. Dort schlemmten wir delikat und plauderten über unsere Absicht, morgen zur ungefähr 10 Seemeilen westlich gelegenen Küstenstadt Lagos zu segeln. Dabei sollten auf See, je nach Wetterlage, einige Übungsmanöver durchgeführt werden, und ich sprach noch einen wichtigen Punkt an:

»Hört mal zu…« wartete ich kurz, bis sich die Aufmerksamkeit auf mich konzentrierte, und schaute allen der Reihe nach fest in die Augen »…versucht mir eine ehrliche, realistische Selbsteinschätzung zu geben, wie fit ihr für „Mann über Bord“ Manöver seid.«

»Oh je…, also ehrlich, ich hab die Theorie im Kopf, fühle mich aber in der Praxis nicht fit dafür.« Gestand Britt schnell als Erste und schob sich eine leckere Riesengarnele mit Kräuterdip in den sinnlichen Mund.

»Das haben wir zuletzt vor Monaten in der baltischen See durchgeführt, als wir den Törn hierher starteten.« Gab auch Vicky offen zu. »Jetzt, wo du es ansprichst…, ja, das sollten wir dringend öfter üben; ist wichtig, nicht wahr?!«

Demo nickte zustimmend, und ich führte weiter aus: »Oh ja, das ist sogar sehr wichtig, schlimmstenfalls überlebenswichtig. Besonders wenn ihr jetzt wirklich dauerhaft als Fahrtensegler an Bord leben und im Herbst über den Atlantik segeln wollt! Ihr müsst die dazu notwendigen Verhaltensweisen so verinnerlichen, dass ihr in einem echten Notfall quasi automatisch richtig in der Aufregung reagieren könnt, ohne lange überlegen zu müssen. Hiermit ordnet der Captain an: Das wird ab heute mindestens einmal pro Woche geübt, bis alles sitzt und ihr instinktiv richtig reagiert!« Zwinkerte ich lächelnd, um es nicht ganz so furchtbar streng klingen zu lassen; aber mit einem Tonfall, der unmissverständlich aussagte, dass es mir ernst ist, und im Grunde wissen die drei das ja auch selbst.

»Aye, aye Captain…« salutierte Britt auf amüsante Art im Sitzen, Vicky und Demo machten es ihr sogleich nach.

Das wirkte im ersten Moment locker-unernst. Doch die Körpersprache und ihre Blicke verrieten mir, dass sie durchaus verstanden hatten und Mann über Bord Manöver für sie nicht nur frustrierender Kram sind. Die drei sind noch junge Erwachsene mit der typischen, etwas leichtsinnigen Selbstüberschätzung, wie wir sie alle in diesem Alter hatten; ich war da früher auch nicht wesentlich anders. Aber sie sind eben auch clever, diszipliniert und vernünftig genug, um die harte Notwendigkeit solcher Übungen einzusehen.


 

Zufrieden säbelte ich mir ein ordentliches Stück Schweinesteak ab, kaute genüsslich und schob einige knusprige Pommes plus gemischten Salat hinterher. Da das Borda do Cais leider schon um 21:45 Uhr schließt, wir aber gern noch ein bisschen Spaß haben wollten, schlug Vicky nun vor, die originelle Freiluft-Bar in alten, ehemals kirchlichen Gemäuern zu besuchen, wo wir auch schon mal waren. Die Os Três Macacos hat täglich, außer an Sonntagen, von 21 bis 02 Uhr geöffnet.

Die kaum 200 Meter durch die alten Gassen des Fischerortes Ferragudo spazierten wir gemütlich nach dem Essen. Der malerische Ort setzt sich aus drei oder vier etwas auseinanderliegenden Dörfern zusammen. Dank guter Einnahmen aus dem Tourismus ist das meiste hübsch hergerichtet, und jetzt in der vollen Urlaubssaison sind die pittoresken Gassen an den Hauptwegen oft bis tief in die Nacht voller lebensfroher Menschen. Es wimmelt von überwiegend guten bis sogar sehr guten Restaurants, Bars und Kneipen, die in der Saison das meiste Geld fürs ganze Jahr verdienen. Manche Leute tanzen mit südländischer Lebensfreude auf Plätzen, in Gassen oder halt in passenden Lokalen.

Wir hatten in der »Drei Affen« Bar noch bis kurz nach Mitternacht Spaß mit netten Leuten, wollten heute aber nicht ganz so lange machen, um morgen ausgeschlafen und munter zu sein. Mit einem leichten Schwips schlenderten wir lachend durch die oft intensiv nach blühender Bougainvillea duftenden Gassen und kletterten am Anlegekai leicht schwankend in unseren dort festgemachten Tender. Gut gelaunt setzten wir an Bord über, wobei Britt verspielt das Beiboot extra stärker ins Schwanken brachte. Ich drohte ihr grinsen, sie über Bord zu werfen, was sie natürlich nur zum Lachen brachte.

Auf der Nauticat machen wir uns dann in den Bäder frisch und krochen gleich darauf in unsere Kojen, wo wir bald einschlummerten.

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Die wichtigste Kür auf dem Wasser oder warum wir regelmäßig das »Mann über Bord« Manöver simulieren

»Start Engine!« Rief Demo vom Ruderstand und drehte den Zündschlüssel des guten 107 PS YANMAR-4jh4-HTE Schiffsdiesels, Baujahr 2015, für etwa 15 Sekunden auf Vorglühen. Dann drehte er weiter auf Zündung und die Maschine sprang sofort an, lief rund, wurde warm und schnurrte zufrieden wie die sprichwörtliche Nähmaschine vor sich hin. Die JH-Serie gilt allgemein als guter, zuverlässiger Schiffsdiesel mit einer Lebensdauer bei guter Wartung von über 10.000 Stunden.

»Kühlwasser spritzt!« Bestätigte Britt mit einer Daumen-hoch-Geste, dort über die Reling gebeugt, wo sich der Auspuff befindet. Das sollte man immer gleich überprüfen. Kommen nur Abgase ohne spritzendes Seewasser heraus, wüsste man sofort, dass es ein Problem mit dem Impeller gibt und die Maschine bald überhitzt. So könnte man den Motor sofort wieder abstellen und das Problem suchen, bevor man beispielsweise ablegt oder den Anker hochzieht und in ernste Schwierigkeiten käme, wenn man den Motor beim Manövrieren plötzlich abstellen muss.

Vicky, typischerweise völlig ungeniert nackig an Deck einen sehr reizvollen Anblick bietend, hatte bereits den Heckanker auf die vordere Winsch umgeleitet, und den zogen wir als Erstes ein. Danach holten wir den Bug-Hauptanker auf, wonach Demo den Kahn locker in der Strömung des Rio Arade manövrieren und die Hafenausfahrt ansteuern konnte. Alle Manöver klappten sauber so wie es sein sollte, das beherrscht die Crew offensichtlich gut.

 

Gefrühstückt hatten wir ab 07:30 Uhr ganz gemütlich und besprachen dabei im Detail, was wir heute vorhatten. Die Wettervorhersage versprach nach Abzug morgendlicher Schleierwolken viel Sonnenschein, bis zu 27°C und 3 bis 15 Knoten Wind aus wechselnden Richtungen. Nicht ideal, etwas mehr konstanter Wind wäre mir lieber gewesen, aber okay, man muss halt nehmen, was man bekommt.

Draußen auf See gab es nur sehr schwache Atlantikdünung mit kaum nennenswerten Wellen; wir drehten in den Wind, setzten die Roll-Genua und mit dem Seldén In-Mast-Furler das Großsegel. Auf SWzS (Südwest zu Süd) Kurs hatten wir zunächst nur 5 bis 6 Knoten Wind von Steuerbord-Achteraus, etwas später immerhin 8 Knoten von Steuerbord-Querab, also klassischen Halbwind. Dafür, dass die Nauticat ein schwerer Rundspant-Verdränger ist, kam sie recht ordentlich ins Laufen. Der Bug schnitt mit um die 5 Knoten durchs Wasser, und wir kamen gut voran.

Geplant war das Üben diverser Segelmanöver sowie vor allem das wichtige MOB-Manöver (Man over Board oder deutsch: Mann über Bord).

Stellt euch vor: Die Sonne brennt vom azurblauen Himmel, der Wind bläst mit einer mäßigen Brise von der Seite, und unsere Nauticat zieht mit einer eleganten Leichtigkeit durch die glitzernden Wellen des Atlantiks. Der Duft von salziger Gischt mischt sich mit dem Aroma von frischem Kaffee, den Vicky gerade in der Pantry aufgesetzt hat. Britt sitzt tiefenentspannt auf dem Vordeck, die Beine baumeln über dem Wasser, und die Sonne zeichnete goldene Reflexe auf ihre Haut. Ein absoluter Postkarten-Moment. Alles flutscht, das Leben ist herrlich.


 

Und genau in diesem Moment der Schönwettersegeln Perfektion leitete ich das MOB-Manöver ein und warf am Heck einen schweren Seesack mit einer Boje als Kopf über Bord; gerade so austariert, dass sich der Bojen-Kopf noch über Wasser halten konnte und so einen Menschen simuliert.

Ein lauter Knall? Nein. Meistens ist es ein kurzes, tückisches Stolpern. Eine unerwartete Welle, die das Boot ins Rollen bringt, ein Griff, der ins Leere geht. Und plötzlich hörst du nur ein dumpfes Platschen, das man leicht überhören könnte, wenn man gerade mit etwas anderem abgelenkt ist.

Wer noch nie auf einer Yacht mitgesegelt ist, denkt jetzt vielleicht: »Na und? Dann dreht der Captain eben um, fischt denjenigen wieder auf, und weiter geht’s.« Klingt logisch, oder? In der Realität ist das der Moment, in dem dein Puls schlagartig von gemütlichen 60 auf Anschlag hochschießt. Denn eine Yacht ist kein Auto, das man einfach rückwärts einparkt. Wenn du mit fünf, sechs oder sieben Knoten (das sind immerhin gut 9 bis 13 km/h) unter Segeln unterwegs bist, hat sich das Boot in der Zeit, in der du einmal tief Luft holst, bereits dutzende Meter vom Unglücksort entfernt.

»MANN ÜBER BORD!« brüllt Demo, und seine Stimme schneidet durch das friedliche Rauschen des Windes wie ein Messer. Er zeigt mit ausgestrecktem Arm nach hinten ins Kielwasser.

Und genau jetzt entscheidet sich alles. Jetzt darf kein Auge trocken bleiben und kein Handgriff ungeübt sein. Wenn du in diesem Moment erst anfangen musst zu überlegen: »Mensch, wie war das noch gleich im Lehrbuch vor fünf Jahren?«, dann hast du schon verloren. Deshalb üben wir das ab jetzt immer und immer wieder. Bis es sitzt wie das tägliche Zähneputzen.

»Vicky, Ausguck! Nicht den Blick verlieren! Demo, wirf den Rettungskragen mit MOB-Signalboje!« Kommandiere ich im Kapitäns-Befehlston, während meine Hände bereits automatisch das Steuer übernahmen und herumreißen. Diese MOB-Bojen sind gewöhnlich lange Stangen mit einem Schwimmkörper und Gewichten, die sie senkrecht aufrecht halten, oben versehen mit einer bunten Fahne, um besser sichtbar zu sein.

Das Erste, was Nicht-Segler verstehen müssen: Das größte Problem auf dem offenen Meer ist nicht einmal die Kälte oder schlecht schwimmen zu können – es ist die Sichtbarkeit. Der Kopf eines Menschen im Wasser ist kaum größer als eine Kokosnuss. Bei ein bisschen Wellengang verlierst du ihn zwischen den Wellentälern in Sekundenschnelle aus den Augen. Wenn du einmal wegschaust, findest du ihn im unendlichen Blau oft nie wieder. Deshalb gibt es an Bord eine eiserne Regel: Wer den »Mann über Bord« zuerst sieht, wird zum festen »Ausguck«. Diese Person tut absolut nichts anderes, als ununterbrochen mit dem Finger auf den Schwimmer im Wasser zu zeigen. Starr, wie eine menschliche Kompassnadel.

»Ich habe ihn! Ungefähr auf sieben Uhr! Er treibt hinter der Heckwelle!« Ruft Vicky mit konzentriertem, ernstem Blick. Das Adrenalin hatte die anfängliche Gemütlichkeit komplett weggespült.

Jetzt beginnt das eigentliche Manöver, und das ist reine Physik und Handwerk. Man kann nicht einfach geradewegs zurücksteuern. Wenn man den Bug direkt in den Wind dreht, bleiben die Segel back stehen, das Boot verliert an Fahrt, wird manövrierunfähig und driftet unkontrolliert ab. Wir übten heute die klassische Q-Wende. Das Manöver wird typischerweise aus einem Amwind- oder Halbwindkurs gefahren. Dabei steuert man erst ein Stück weg, fährt dann einen großen Kreis, der wie der Buchstabe Q aussieht, und nähert sich dem Verunglückten schließlich von Lee – also von der Seite, wohin der Wind bläst.

Hier findet ihr ein gutes Lehrvideo zur Durchführung der Q-Wende im Detail: YouTube: Q-Wende Manöver Wer sich noch genauer über dieses und ähnliche wichtige Manöver informieren möchte, kann auf Google z. B. »Mann über Bord Q-Wende« eingeben; dann bekommt man viele Links und Videos dazu vorgeschlagen. Das verlinkte Video erklärt es jedoch wirklich gut und relativ leicht verständlich, weshalb ich es herausgesucht habe.

Warum von Lee? Ganz einfach: Wenn du dich von der windabgewandten Seite näherst, treibt der Schiffbrüchige durch den Wind langsam auf das Boot zu. Würdest du von der anderen Seite kommen, könnte die wuchtige, tonnenschwere Yacht durch eine Böe direkt über den Schwimmer gedrückt werden. Und glaubt mir, von einem Segelboot überrollt zu werden, macht überhaupt keinen Spaß.

Die Segel flattern wild, das Aluminium des Mastes erzittert leicht, und der Motor brüllt auf, als wir uns der Unglücksstelle wieder nähern. Das Boot legt sich in die Kurve, das Wasser spritzt über die Reling, und Britt platziert die See-Badeleiter ungefähr mittschiffs, wo die Bootsbewegungen bei Seegang am geringsten sind.

»Fahrt ist fast raus! Demo, mach die Bergeleine klar!« Rufe ich gegen den Wind an.

Wir schaffen es, die Yacht knapp zwei Meter neben dem Verunglückten zum Stehen zu bringen. Die Segel hängen killend im Wind, die Nauticat stampft leicht in der schwachen Dünung. In unserem Fall ist der »Mann über Bord« heute zum Glück nur der mit Schmutzwäsche vollgepackte Seesack plus Kopfboje, die wir liebevoll »Oscar« getauft haben. Aber das Gefühl ist genau das gleiche.

Jetzt kommt der zweite, oft unterschätzte Teil: Wie kriegst du einen nassen, schweren, vielleicht verletzten oder unterkühlten Menschen über die hohe Bordwand wieder nach oben? Ein erwachsener Mann in nassen Klamotten wiegt locker 80 bis über 100 kg. Den zieht niemand mal eben so aus dem Handgelenk über die Reling. Da müssen Hebelkräfte her, die Badeleiter, im Ernstfall sogar das Fall, mit dem man sonst die Segel hochzieht, um denjenigen per Winschenkraft an Deck zu kurbeln.

Demo angelt sich »Oscar« geschickt mit dem Bootshaken, Vicky packt mit an, und mit vereinten Kräften ziehen sie den mit Meerwasser vollgesogenen, schätzungsweise gut 50 kg schweren Sack über die Badeplattform am Heck zurück an Deck. Selbst das ist schon erheblich schwerer, als man denkt, und wäre mit einem ohnmächtigen oder geschockt starren, schweren Erwachsenen, den man ja auch nicht verletzen will, noch erheblich schwieriger; doch zur Übung reichte das fürs Erste.

Nun stelle man sich zusätzlich vor, man müsste das Ganze bei schlechtem Wetter oder gar Sturm, hohen Wellen und Dünung in schlechter Sicht durch Wolken und Regen durchführen, während eine relativ kleine Segelyacht heftig rollt und stampft. Dabei müsste man sogar sehr darauf achten, dass nicht womöglich in all der Aufregung durch hektisches Vorgehen eine weitere Person über Bord ins Meer fällt, was es noch viel schwieriger machen würde. Das ist wirklich kein Spaß und kostete schon so machen, auch sehr erfahrenen Seglern das Leben!

»Manöver beendet! Zeit: knapp über sieben Minuten für den ersten Versuch«, stellte Demo fest und wischt sich den Schweiß von der Stirn. Seine Augen blitzten zufrieden.

»Puh… das war knapp, haha! Oscar sieht ziemlich mitgenommen aus«, lachte Britt aufgeregt, während sie uns eine Flasche kaltes Wasser reicht. Das weiche Zittern in ihrer Stimme verrät, dass das Spiel dennoch seine Wirkung hinterlassen hat.

»Gute Arbeit, Crew! Mit etwas mehr Übung sollten wir es in Zukunft unter fünf Minuten schaffen«, grinste ich lobend, und wir löschten unseren Durst. Dazu gab es dann auch noch köstliche, große Stücke saftig-süßer Wassermelone, sozusagen als verdiente Belohnung.

Das ist das ganze Geheimnis. Es ist wie beim Brandschutz im Hotel: Niemand hofft, dass es brennt, aber jeder sollte wissen, wo der Notausgang ist. Solche Manöver zu üben, nimmt der Crew die Panik und gibt dem Skipper die Sicherheit, dass im Ernstfall jeder Handgriff sitzt. Denn am Ende des Tages ist die See ein herrlicher, wildromantischer Spielplatz – aber eben einer, der Respekt verlangt und auch lebensgefährlich sein kann.

Und nach so viel gelungener Action schmeckt der eiskalte Melonensaft-Mix im Schatten des Bimini-Tops gleich doppelt so gut. Wir setzen die Segel wieder dicht, die Nauticat legt sich sanft auf die Seite, und das friedliche Plätschern der Wellen hat uns wieder. Zufrieden steckten wir uns Zigaretten an, während der Autopilot die Yacht steuerte, plauderten, lachten und besprachen das durchgeführte Manöver noch mal im Detail.

 

Jetzt muss ich mich etwas kürzer fassen, sonst wird dieser Blog-Beitrag entschieden zu lang.

Wir übten danach auch noch einige Wenden und Halsen, was die Crew mittlerweile wirklich gut beherrscht. Auf etwa zwei Drittel des kreuzenden Segelkurses drehten wir auf See bei, genossen einen leichten Mittagsimbiss, ergänzt von ausgiebigem Badespaß rund um das treibende Boot im herrlich erfrischenden Meer. Zur Sicherheit blieb abwechselnd immer einer an Deck als Wache zurück, während die drei anderen im Wasser plantschten.

Das letzte Stück mussten wir ohne Segel unter Motor zurücklegen, fast exakt Westkurs, weil uns der Wind direkt von gegenan kam. Schließlich erreichten wir den Einfahrtskanal zur Marina de Lagos und tuckerten diesen langsam hoch. Vorbei an der im Kanal festgemachten Caravela Boa Esperança, dem historischen Nachbau einer klassischen Karavelle aus der Entdeckerzeit auf hölzernen Segelschiffen, näherten wir uns langsam einer Klappbrücke und nahmen über Funk Kontakt auf.


 

Die Fußgänger-Klappbrücke »Ponte Pedonal Basculante« öffnet auf Anfrage – on demand; Boote und Schiffe rufen die Marina per VHF-Kanal 09 oder telefonisch unter +351 282 770 210 an und bitten höflich um die Öffnung. Einzige Ausnahme: 10 Minuten vor Abfahrt der Züge vom Bahnhof Lagos, der direkt neben der Marina liegt, haben Fußgänger absoluten Vorrang – in dieser Zeit wird die Brücke unter keinen Umständen für Boote geöffnet. Die Brücke öffnet während der regulären Betriebszeiten der Marina-Rezeption, derzeit im Zeitraum vom 7. Juni bis 15. September von 8:00 bis 21:00 Uhr.

Außerhalb dieser Zeiten bleibt die Brücke in der Regel fest geschlossen.

Das macht die Brücke zu einem netten Schauspiel für Touristen am Ufer – sie hebt sich immer genau dann, wenn ein größeres Boot ein- oder ausläuft. Hier gibt es die offiziellen Informationen der Marina für die Brücke (Beispiel-Link).


 

Nachdem wir sicher durch waren, steuerten wir in der eng und voll belegten Marina einen Platz zum Festmachen an, der einem unserer neuen Seglerfreunde gehört. Den oder die hatten wir im Rio Arade kennengelernt, und sie segeln mit ihrem ähnlich großen Boot derzeit im Mittelmeer; bis August ist dieser Platz also unbelegt, und der Eigner stellte ihn uns großzügig zur Verfügung. Das Anlegemanöver in diesem engen Raum war etwas kniffelig, auch wenn die Nauticat über ein praktisches Bugstrahlruder verfügt. Doch Vicky, die ich das Manöver absichtlich ausführen ließ, machte das richtig gut und routiniert ohne größere Probleme.

Nun wurde geschwind das Deck aufgeklart, Fender und Festmacherleinen noch einmal genau überprüft. Dann duschten wir uns unter Deck frisch, zogen locker-luftige Sommersachen über und starteten zu einem ersten Landausflug. Doch dazu im nächsten Blog mehr, sonst wird dieser hier einfach zu lang und vermischt zu viele Themen auf einmal.

 

Also, bis demnächst! 😊

Steve & Crew

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