Portugal. Ferragudo, Abschied und vorläufige Landunterkunft

 

#26.09.23 – Portugal. Ferragudo, Abschied und vorläufige Landunterkunft

»Ach je, jetzt werde ich doch ein bisschen traurig«, seufzte Bella, während wir uns im Bad fertig für einen Landgang und den baldigen Abschied machten.

Am Vormittag waren wir in den Rio Arade eingelaufen und ankerten zunächst nahe dem linken Flussufer, wo sich das hübsche Fischerdorf Ferragudo an der östlichen Seite entlangzieht. Quasi schräg gegenüber auf der Westseite liegt am rechten Flussufer das bekanntere Städtchen Portimão. Beim letzten Aufenthalt hier erwähnte ich bereits, dass diese Region mit den ganzen maritimen Firmen rund um die Werften und Marinas ein bei vielen Seglern äußerst beliebter Anlaufpunkt ist.

Hier gibt es alles, was nicht nur Yachten benötigen, sondern auch die Fischerboote und die Küstenschifffahrt: einschließlich Kräne, Travellifts und vieler Stellplätze an Land für anstehende Bootsarbeiten, betreut von überwiegend sehr kompetenten Fach- und Servicefirmen. Hier soll das Unterwasserschiff der Globetrotter einen neuen Coppercoat-Anstrich bekommen, bevor es weiter nach Süden geht. Das sachgerechte Auftragen und spätere Aktivieren von Coppercoat ist ein anspruchsvoller, diffiziler Prozess. Das erfordert hochkonzentrierte Arbeit über 5 bis 10 Tage von echten Fachleuten, die damit reichlich Erfahrung haben. Hier vor Ort gibt es eine solche Firma, mit der ich bereits gute Erfahrungen gesammelt habe. Doch dazu später mehr.

 

Jetzt packten erst einmal Kasha, Bella und Sascha ihre Sachen zusammen, denn sie werden noch heute abreisen, um sich daheim um ihre Privatangelegenheiten zu kümmern. Das machte uns natürlich alle ein bisschen traurig – waren wir doch eine wirklich tolle Crew und hatten massig Spaß miteinander.

Insbesondere Sascha würde zu gern für längere Zeit an Bord bleiben und dauerhaft mitsegeln, was mir sowohl menschlich als auch in Bezug auf seine umfassenden Segler- und Technikfähigkeiten sehr willkommen wäre. Doch wie das für »Normalbürger« mit Jobs und Verpflichtungen an Land nun mal so ist, können die drei nicht einfach so wochen-, monate- oder gar jahrelang auf einem Segelboot unterwegs sein. Daher ist vorerst unklar, ob und wann sie wieder an Bord kommen können. Hochwillkommen wären mir alle drei jederzeit.

»Jetzt schuldest du uns aber erst einmal Einlaufdrinks und ein tolles Abschiedsessen, haha!«, lachte Frechdachs Kasha. Nachdem wir das Boot aufgeklart hatten, setzten wir an Land über und machten zunächst einen ausgiebigen Spaziergang.

»Ja… aber nur, wenn ich auch viele, sehr viele Abschiedsküsschen bekomme, hoho«, konterte ich, woraufhin Sascha sofort breit grinsend einwarf:

»Aber hoffentlich nicht von mir!« Darüber lachten wir am meisten und vertrieben mit solchen typischen Blödeleien die leicht melancholische Abschiedsstimmung.

»Abgemacht, Deal!«, kicherte Kasha gespielt mädchenhaft und hob ihre Hand zum High Five und unsere Pfoten klatschten lachend gegeneinander.

Übrigens herrschten hier Ende September geradezu hochsommerliche Wetterverhältnisse mit Temperaturen von über 30 Grad im Tagesverlauf, viel strahlendem Sonnenschein und dem typischen, angenehmen Atlantikklima. Soll heißen: Nachts kühlt es deutlich auf unter 20 Grad ab, wodurch man wunderbar ohne Klimaanlage schlafen kann. Kurz vor 10 Uhr hatten wir angenehme 23 Grad und nutzten die Zeit für einen ausführlichen Spaziergang entlang des Ufers bis zu den Molen an der Flussmündung.


 

Nur wenige Minuten nach der Öffnung um 12 Uhr trafen wir uns mit Manolo im Restaurant Sueste - Vinhos e Petiscos direkt am Kai in der Rua Infante Santo 92. Manolo ist ein kleiner lokaler Unternehmer, Bekannter und Seglerfreund mit eigenem Boot, den ich bei meinem letzten Aufenthalt hier kennengelernt habe. Er saß drinnen im Lokal und scherzte mit dem ihm offensichtlich gut bekannten Personal. Wir setzten uns zunächst zu ihm, wechselten später zum gemeinsamen Schlemmen aber auf die Außenterrasse, um das herrliche Wetter und die Aussicht über den Fluss auf Portimão zu genießen.

Eines seiner Geschäfte ist die Vermietung von zwei Gästezimmern im Stil einer kleinen Pension in seinem Wohnhaus. Dort wollte ich unterkommen, während das Boot ab morgen mit dem Travellift an Land gehoben wird, um die fachgerechte Behandlung des Unterwasserschiffs durchzuführen. Er ist ein sympathischer Familienvater mit drei Kindern, aber definitiv auch ein Mann, der sich locker am Plaudern, Scherzen und unverbindlichen Flirten mit charmanten Schönheiten wie Bella und Kasha erfreut.

Den beiden zu widerstehen, ist für Männer ohnehin so gut wie unmöglich. Prompt ließen sie sich vergnügt auf das ewige Spiel zwischen den Geschlechtern ein. Da Manolo selbst ein charmanter Typ ist, nahezu perfektes Englisch beherrscht und viel Humor mitbringt, machte das allen Beteiligten richtig Spaß. Er ist schlicht ein freundlicher, hilfsbereiter Kerl, mit dem man sich gerne anfreundet.

Zum Sueste - Vinhos e Petiscos lässt sich sagen: Sie halten auf Google einen guten Schnitt von 4,3 Sternen – was mehr als ausreichend für delikates Schlemmen ist. Nach unserer heutigen Erfahrung würde ich ihnen sogar exzellente 4,5 Sterne zuerkennen. Zwei Rezensionen bringen es sehr gut auf den Punkt:

»Wir entdeckten dieses wunderschöne Restaurant eher zufällig bei einem Bummel durch die Straßen dieser charmanten Stadt. Abseits des Trubels der Touristenhochburgen gelegen, bietet dieses versteckte Juwel ein kulinarisches Erlebnis für ein anspruchsvolles Publikum. Die Küche ist wunderbar authentisch: Man wählt seinen frischen Fisch selbst aus, der dann direkt neben dem Restaurant fachmännisch gegrillt wird. Service und Ambiente waren absolut makellos, und Simona tat alles, um uns herzlich willkommen und bestens betreut zu fühlen. Als krönender Abschluss eines gelungenen Abends bietet jeder Tisch einen ungestörten Blick auf den Sonnenuntergang. Absolut empfehlenswert.«

»Das Sueste war eines unserer schönsten kulinarischen Erlebnisse an der Algarve! Die Lage ist einfach traumhaft, direkt neben dem charmanten Fischerhafen von Ferragudo, mit einem wunderschönen Sonnenuntergang und Blick über das Wasser nach Lagos. Der gegrillte Wolfsbarsch war perfekt zubereitet – frisch, aromatisch und eines der besten Fischgerichte, die wir in Portugal gegessen haben. Die Vorspeisen waren köstlich, die Sangria hervorragend und der Service den ganzen Abend über freundlich, aufmerksam und professionell. Die Kombination aus exzellentem Essen, atemberaubender Aussicht und entspannter Atmosphäre am Wasser machte das Abendessen unvergesslich. Wir kommen bei unserem nächsten Portugalbesuch auf jeden Fall wieder!«

Die erwähnte Simona übernahm auch den Service an unserem Tisch. Das Personal ist durchweg freundlich, flott und gut ausgebildet. Was aus der Küche kommt, ist perfekt zubereitet, gut gewürzt und wird in ziemlich üppigen Portionen aufgetischt. Lage und Ambiente sind überaus angenehm, man fühlt sich auf Anhieb wohl. Preislich gehört das Haus zur gehobenen Kategorie, was es durch Service und Küche jedoch vollkommen verdient; schlemmt man ausführlich inklusive guter Weine, sollte man etwa 35 bis 60 Euro pro Person einplanen. Man kann aber auch schon für 15 bis 20 Euro lecker satt werden. Geöffnet ist täglich von 12:00 bis 22:00 Uhr. Definitiv ein sehr empfehlenswertes Restaurant für alle, die Wert auf klassische gastronomische Tugenden, gekonnten Service und eine ausgezeichnete Küche legen.

»Oh man, diese südländische Gastronomie und all das superleckere Futter werde ich im kühlen Norden noch mehr vermissen als unseren Skipper, haha!«, lachte Kasha frech wie immer und knuffte mich zärtlich in die Seite.

»Ja, ehrlich, allein das wäre es wert, bald wiederzukommen!«, zwinkerte Bella und drückte mir ein ziemlich erotisches Küsschen auf die Wange.

»Agora estou a ficar um pouco com inveja do feliz Capitão Steve«, entfuhr es Manolo breit lächelnd auf Portugiesisch, bevor er sich korrigierte und auf Englisch übersetzte: »Jetzt werde ich ein bisschen neidisch auf den glücklichen Kapitän Steve.«

»Wenn du mir einen angemessenen Preis bietest, überlasse ich dir meine weibliche Crew vielleicht für einen sexy Törn, hoho«, gluckste ich als Konter.

»Hört euch den Schuft an! Jetzt verleiht er uns schon wie Sklavinnen!«, taten Kasha und Bella gespielt empört. Natürlich kassierte ich dafür sofort bestrafende Knuffe von beiden Seiten. Verflixt, wieso hatte ich mich auch genau zwischen die beiden gesetzt?

»Ich fürchte, dazu müsste ich meinen gesamten Besitz verkaufen, sonst könnte ich mir so schöne und charmante Mulheres gar nicht leisten«, zwinkerte Manolo vergnügt und versuchte, typisch Mann, den einen oder anderen tiefen Blick in die Dekolletés der sommerlich gekleideten Schönen zu erhaschen.

Nach der ausgiebigen Schlemmerorgie, die auf südländische Art nicht nur als Nahrungsaufnahme diente, sondern als soziales Erlebnis zelebriert wurde, hieß es bald Abschied nehmen.

Der VAMUS-Aerobus der Linie 56 fährt mehrmals täglich vom Busbahnhof Portimão Terminal Rodoviário direkt zum Faro International Airport. Die Fahrtdauer beträgt etwa 1 Stunde und 15 bis 40 Minuten zu einem Preis von ca. 6 bis 17 Euro. Abfahrten gibt es je nach Saison ungefähr alle 3 bis 4 Stunden. Dorthin brachte uns freundlicherweise Manolo mit seinem Großraum-Van, der reichlich Platz für das Gepäck der drei bot.

 

Wir veranstalteten kein großes Abschiedsdrama: Bella und ich küssten uns noch sehr innig, Kasha überhäufte mich, wie versprochen, mit süßen Küsschen und rieb dabei extra frech ihre entzückenden, gertenschlanken Formen an meiner Bärenstatur. Sascha und ich begnügten uns mit einer kräftigen, freundschaftlichen Männer-Umarmung. Schnell war das Gepäck im Bus verstaut, die drei stiegen ein und kurz darauf fuhr der Bus ab.

Vom Flughafen Faro gibt es auch zu dieser Jahreszeit etliche Direktflüge nach Mitteleuropa, denn die malerische Algarve ist nicht nur im Hochsommer ein beliebtes Reiseziel. Während ich noch eine Zigarette rauchte und wir dem abfahrenden Bus hinterherwinkten, sprachen Manolo und ich bereits über die Unterbringung bei ihm und seiner Familie.

Sie bewohnen ein hübsches, sehr sauberes und gepflegtes Stadthaus direkt am Flussufer, gar nicht weit vom Sueste. Manolos sehr mütterliche, sympathische Frau hält es drinnen tiptop in Schuss, während er und die drei Kinder im Alter von 12 bis 17 Jahren sich vor allem um das äußere Erscheinungsbild kümmern, oder auch der Mutter drinnen helfen. Zwei der Kinder waren unterwegs, das dritte und die Mutter begrüßten mich herzlich. Alle sprechen mehr oder weniger gutes Englisch.

Zusätzlicher Vorteil: Nur wenige Schritte entfernt am Uferkai gibt es Anlegeplätze für kleine Boote der Einheimischen, wo ich das Beiboot der Globetrotter sicher festmachen kann. Zusammen mit meinem mitgenommenen E-Klappbike bin ich damit an Land und auf dem Wasser völlig unabhängig mobil. Bei dem schönen Wetter ist das für den näheren Umkreis vollkommen ausreichend, ohne einen Mietwagen nehmen zu müssen.


 

Vom gemütlichen Gästezimmer und der kleinen Dachterrasse aus habe ich eine schöne Aussicht auf den Fluss und das gegenübergelegene Portimão. Die zwei Gästezimmer teilen sich zwar ein Bad, was mich jedoch nicht weiter stört – momentan ohnehin nicht, da das andere Zimmer unbelegt ist. Ein hübscher Hinterhofgarten und die sehr malerisch mit Bougainvillea bewachsenen Gassen sorgen zusätzlich für Wohlfühlatmosphäre. Im Ort findet man alles, was man braucht: Geschäfte, Lebensmittelläden, Restaurants und viele freundliche Menschen.

Wer sich in Portugal generell solche preiswerten und guten Unterkünfte mit Familienanschluss suchen möchte, sollte auf folgendes achten: An vielen echten Privatunterkünften und Pensionen hängen blaue Schilder mit der offiziellen Registernummer AL (für Alojamento Local). Siehst du eine solche Acryl-Tafel mit Kontaktdaten, weißt du sofort, dass der Betrieb legal registriert ist und die Sicherheits- sowie Hygienestandards erfüllt. Man kann dann direkt vor Ort nach einer Besichtigung und den Konditionen fragen.

Gerade in Ferragudo gibt es entlang der Gassen am Hang etliche traditionelle Fischerhäuser, deren Eigentümer einzelne Zimmer oder Einliegerwohnungen vermieten.

Drei praktische Tipps, wie man am schnellsten fündig wird:

  • Einfach anklopfen oder anrufen: Auf vielen dieser AL-Schilder steht direkt eine Telefonnummer. Oft wohnen die Vermieter im selben Haus oder gleich nebenan. Ein kurzes »Olá, tem quarto vago?« öffnet meist sofort Türen.
  • Die Gastro-Mundpropaganda nutzen: Frag am besten in einer der kleinen, von Einheimischen geführten Tascas oder Cafés rund um den Praça Rainha Dona Leonor (den Hauptplatz unten am Hafen). Das Personal oder die Stammgäste wissen fast immer sofort, wer in den oberen Gassen Zimmer frei hat.
  • Persönlicher Vorteil: Da man vor Ort ist und direkt bucht, umgeht man die Provisionsgebühren der großen Buchungsportale. Die Vermieter sparen Geld und geben im direkten Gespräch fast immer einen deutlich besseren Preis ab.

Die meisten dieser Häuser sind zwar alt, aber mit sichtbarem Besitzerstolz sehr gepflegt und mit moderner Technik ausgestattet. Beispielsweise gibt es einen riesigen Smartscreen-TV und einen 50-Mbit/s-Online-Anschluss in meinem Zimmer. Letzteren nutzt zwar das ganze Haus, und wenn mehrere Gäste gleichzeitig streamen, müssen sie sich die Bandbreite teilen, doch für die normale Nutzung genügen 50 Mbit/s völlig. Ich selbst benötige zum Online-Arbeiten und selbst beim Streamen selten mehr als 4 bis 6 Mbit/s. Ergo können 5 bis 8 Personen mit dieser Bandbreite problemlos klarkommen – vorausgesetzt, es lädt nicht gerade jemand parallel riesige Datenmengen herunter.

Nachdem ich ausreichend Privatsachen für bis zu 10 Tage an Land und in mein Zimmer geschafft hatte – wobei mir Manolo und eines seiner Kinder halfen –, waren diese natürlich sehr neugierig auf die als Fahrtenyacht ausgestattete Hans Christian 48T. Gern zeigte ich ihnen alles und dann schipperten wir auch gleich zu dem maritimen Dienstleistungszentrum, wo das Boot noch am selben Abend aus dem Wasser gehoben und an Land gestellt wurde. Mit den eigentlichen Arbeiten wird die seriöse Fachfirma frühestens übermorgen beginnen können, da das sachgerechte Auftragen von Coppercoat ein komplizierter, diffiziler Vorgang ist, der Rumpf zunächst gut austrocknen muss und alle Arbeitsschritte exakt eingehalten werden müssen.

 

Für Interessierte werde ich im nächsten Blogbeitrag noch genauer darauf eingehen. Doch jetzt mache ich erst einmal Schluss, denn ich habe noch ein paar Dinge zu erledigen. Aktuell bin ich ja allein und kann keine Aufgaben an die Crew – insbesondere an den mit Booten sehr erfahrenen Sascha – delegieren. So sehr ich die Truppe mochte und so viel Spaß wir hatten: Ich freue mich trotzdem auch ein bisschen auf die Ruhe allein. Dass ich mich für Manolos Unterkunft entschieden habe, statt offiziell irgendetwas anonymes anzumieten, freut mich ebenfalls sehr.

Am Abend genoss ich mit der Familie ein einfaches, aber sehr leckeres Abendessen und hatte mit den Leuten fast genauso viel Spaß wie mit der Crew. Die Kinder waren reizend, und eine richtig hübsche Teenagertochter haben sie zudem. Sie gab sich zwar etwas spröde-zurückhaltend, doch durchschaute ich sie fast sofort als in Wahrheit auch ein bisschen freche freche, flirtbereite junge Frau mit definitiv gesteigertem Interesse am männlichen Geschlecht generell – und dem beeindruckenden Gentlemen- Capitão Steve ebenso. schmunzel

Den Rest des Abends verbrachte ich online am Laptop, um diverse Routinearbeiten zu erledigen, darunter ein paar Videochats mit geschäftlichen und privaten Freunden. Kurz vor Mitternacht fiel ich frisch geduscht in das große, gemütliche Gästebett mit einer hervorragenden Matratze. Salzige, etwa 18 Grad kühle und nach Bougainvillea duftende Luft strömte durch meine zwei leicht geöffneten Fenster. So schlafe ich am liebsten und besten – Klimaanlagen mag ich bekanntlich gar nicht und schalte sie nur ein, wenn es sonst wirklich zu heiß oder schwül für einen angenehmen Schlaf ist.

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Iberien. Törn Vigo - Nazaré, Schlemmerorgie & Sightseeing

 

#26.09.19-20 – Iberien. Törn Vigo - Nazaré, Schlemmerorgie & Sightseeing

»Ein Über-Nacht-Törn, wie romantisch!«, zwinkerte Kasha in ihrer typischen Frechdachs-Art. »Bestimmt will unser Skipper-Gauner das zum Schmusen und Fummeln bei den Wachhabenden nutzen, hihi.«

»Bring Steve nicht noch auf Ideen, Kasha, haha!«, lachte Bella belustigt.

»Und hoffentlich nicht, wenn ich Wache habe!«, grinste Sascha breit. Vor allem darüber mussten wir alle heftig lachen.

Damit war mein Vorschlag beim Frühstück bereits angenommen, etwas längere Törns zu machen, um ein bisschen mehr Zeit für Besichtigungen vor Ort zu haben. Bei der aktuellen Wind- und Wetterlage sollten wir die 180 nautischen Meilen bis Nazaré in etwa 27 Stunden schaffen. Dort angekommen, werden wir uns ein bisschen Land und Leute anschauen. Während des Törns – wir legten kurz darauf ab und segelten los – recherchierten wir schon mal über diesen Küstenort, in dem noch keiner von uns bisher gewesen war.

In Nazaré gibt es mehr als nur die berühmten Monsterwellen des weltweit bekannten Surfer-Hotspots. Es ist ein klassischer portugiesischer Fischerort an der Costa de Prata, der durch die gigantischen Wellen weltweit berühmt wurde. Die Gemeinde hat rund 15.000 bis 17.000 Einwohner, der eigentliche Ort ist deutlich kleiner und wirkt außerhalb der Hauptsaison noch authentischer.

Das Besondere ist die Geografie: Ein steiler Felsvorsprung teilt die Küste in zwei Welten. Unten liegt der lange, goldene Sandstrand Praia da Nazaré, oben thront das historische Viertel Sítio auf etwa 110 Metern Höhe. Davor fällt der Atlantik abrupt in den Nazaré Canyon ab – Europas größten Unterwassercanyon. Genau der sorgt dafür, dass die Wellen hier so extrem werden können. Die Umgebung ist eine Mischung aus steilen Klippen, Pinienwäldern und flachen landwirtschaftlichen Flächen im Hinterland.

Ein absoluter Klassiker ist die Fahrt mit der alten Standseilbahn Ascensor hoch nach Sítio. Oben angekommen hat man den berühmten Blick vom Miradouro do Suberco über den ganzen Ort und die Bucht – das Postkartenmotiv schlechthin. Direkt daneben stehen das Heiligtum Nossa Senhora da Nazaré und die kleine Ermida da Memória. Beide hängen mit einer alten Legende zusammen: Ein Ritter soll 1182 auf der Jagd beinahe mit seinem Pferd über die Klippe gestürzt sein und wurde durch die Jungfrau gerettet. Daraus entstand über Jahrhunderte ein wichtiger Wallfahrtsort.

Weiter draußen auf dem Felsen liegt das Forte de São Miguel Arcanjo mit Leuchtturm. Von hier schaut man direkt auf die Praia do Norte – die große Wellen-Seite. Im Fort gibt es heute ein kleines Museum rund um die Big-Wave-Geschichte. Unten im Ort lohnt sich ein Spaziergang entlang der Strandpromenade, ein Blick auf die bunten, traditionellen Fischerboote und der Besuch des Marktes. Nazaré lebt immer noch vom Fisch – getrockneter Fisch gehört zum Straßenbild, und die Meeresfrüchte in den einfachen Restaurants sind meist hervorragend.

Tagsüber kann es an den Aussichtspunkten voll werden, vor allem wenn große Wellen angesagt sind. Abseits davon und außerhalb der Hochsaison bleibt Nazaré ein eher bodenständiger Küstenort mit Fischgeruch, engen Gassen und dem typischen portugiesischen Mix aus Alltag und Tourismus. Die Praia da Nazaré selbst ist zum Baden deutlich besser geeignet als die berühmte Nordseite.

Die berühmte Big-Wave-Saison in Nazaré läuft ungefähr von Oktober bis März. Die höchste Wahrscheinlichkeit für wirklich große Wellen mit 15 bis 30 Metern und mehr liegt in den Kernmonaten November bis Februar, besonders Dezember und Januar. Es geht weniger um lokale Starkwinde vor Ort, sondern um die großen Tiefdruckgebiete weit draußen im Nordatlantik. Die erzeugen lange, energiereiche Dünung mit langer Wellenperiode, die dann vom Nazaré-Canyon massiv verstärkt wird. Perfekte Bedingungen brauchen zusätzlich oft ablandigen Wind – meist aus Ost/Nordost –, damit die Wellen sauber stehen.

 

Hier ein Beispielfoto vom Januar 2022. Diese Naturgewalten kann man sich selbst mit blühender Fantasie oder beim Anschauen einer tollen Video- oder Fernseh-Doku kaum ausmalen; das muss man in echt sehen, um es einigermaßen begreifen zu können. Und um die Surfer zu bestaunen, die sich tatsächlich in diesen Wahnsinn stürzen. Aber wer nur wegen der Wellen kommt, verpasst den eigentlichen Charme – den Kontrast zwischen dem dramatischen Felsen, dem alten Wallfahrtsort oben und dem lebendigen Fischerdorf unten.

»Delfine!«, rief Sascha, der sie zuerst entdeckte, und wieder mal liefen alle zur Bugreling.

»Schon die zweite Delfin-Eskorte auf diesem Törn, wir sind Glückspilze und hahaha…«, lachte Kasha. »…jetzt wollen wir doch mal gucken, ob des Captains nackige Bugspriet-Tanz-Idee wirkt!«

Tja, was soll ich sagen oder schreiben? Der Frechdachs machte sich bei 22 Grad und kühlendem, kräftigem Nordwind doch tatsächlich splitternackig, um ganz vorne im Bugkorb für die Delfine einen verlockend lasziven Tanz aufzuführen. Natürlich beeindruckte das die wie immer sehr flink in der Bugwelle spielenden Tiere kein bisschen, was auch Kasha genau wusste. Aber darum ging es ihr ja auch gar nicht, sondern um den frechen Mordsspaß, so etwas wirklich zu tun. So ist die dabei strahlend lächelnde, gertenschlanke und bildhübsche Freche einfach drauf – solche exhibitionistischen Frechheiten liebt sie total. Schmunzel


 

»Schade, dass dieses Schauspiel nur für die Delfine gedacht ist«, grinste ich breit, während wir alle über sie schmunzelten. »Der Skipper hätte eine solche Aufführung eigentlich auch verdient!«

»Paaahaha… Als ob du nicht dauernd noch viel mehr von Bella und mir zu sehen bekommst?!«, lachte sie nur und tanzte extra provokant auch noch auf dem Seitendeck für mich. Bei aktuell nur 13 bis 15 Knoten Wind – also quasi gemütlichem Schönwetter-Segeln und gemächlichen Bewegungen des schweren Langkielers in der See – war das nicht weiter gefährlich, aber trotzdem etwas, was man so draußen auf dem Meer eigentlich nicht tun sollte.

Ständige, altkluge Skipper-Ermahnungen wären jedoch eher kontraproduktiv, weshalb ich nichts sagte. Kasha mag manchmal allzu leichtsinnig-lebensfroh agieren und hat noch wenig Erfahrung auf Hochseetörns. Dennoch ist sie kein Dummerchen, sportlich fit und achtet schon darauf, möglichst immer etwas Stabiles zum Festhalten in Reichweite zu haben. Und wie das bei jungen Menschen eben so ist: Zu viele Ermahnungen, vorsichtiger zu sein, können genau gegenteilige Trotzreaktionen auslösen und sie zu noch leichtsinnigerem Verhalten animieren.

Später tauchte Sascha mal in die Tiefen der Bilge ab und machte oder kontrollierte irgendwas. Das verlockte mich zu der neugierigen Frage: »Was hast du gemacht?«

»Hab die Wellendichtung angeschaut. Kein einziger Tropfen, die Bilge ist knochentrocken«, brummte er erklärend. Das war wahrscheinlich seine x-te Kontrolle in den letzten Wochen.

 

Wenn Kasha kaum etwas lieber tut, als mit ihrem entzückenden Sexappeal zu spielen, dann macht Sascha kaum etwas lieber, als alles an Bord ständig zu kontrollieren und zu warten. Dass derzeit alles so top funktioniert und es nichts für ihn zu reparieren oder basteln gibt, bedauert er schon fast. Wir haben übrigens eine PSS-Gleitringdichtung an der Welle, die 2025 erneuert wurde und bei guter Wartung mindestens fünf Jahre halten sollte – aber Kontrollen schaden nie.

Der Grund dafür liegt im Materialverhalten: Der kritischste Punkt bei einer PSS-Gleitringdichtung ist der Neopren-Faltenbalg. Gummi altert, verliert im Laufe der Jahre seine Weichmacher und wird spröde oder verformt sich dauerhaft unter der ständigen Kompression. Ein Balg kann von außen noch tiefschwarz, sauber und optisch makellos aussehen, obwohl das Material durch Alterung bereits Mikrorisse aufweist oder nicht mehr die nötige Elastizität hat, um den Grafitring mit ausreichendem Druck gegen den Edelstahlrotor zu pressen.

Eine knochentrockene Bilge zeigt zwar, dass die Gleitringdichtung aktuell perfekt abdichtet, ist bei diesem Systemtyp jedoch kein verlässlicher Indikator für den Alterungszustand oder die verbleibende Restlebensdauer. Das liegt an der spezifischen Konstruktionsweise der Gleitringdichtung:

  • Kein schleichender Verschleißindikator: Anders als bei der klassischen Stopfbuchse (die über Monate hinweg immer ein bisschen mehr tropft) halten Gleitringdichtungen bauartbedingt bis zum letzten Tag zu 100 % dicht.
  • Das plötzliche Versagensmuster: Verschleiß oder Materialermüdung kündigt sich hier selten durch Tropfen an. Wenn ein Schadensfall eintritt, geschieht dies meist schlagartig – etwa wenn der Gummibalg altert und seine Federspannung verliert, die Fixierschrauben des Edelstahlrotors auf der Welle rutschen oder der Balg spröde wird und reißt.

Drei Punkte zur Beurteilung des tatsächlichen Zustands:

1.     Alter des Gummibalgs: Der Hersteller (PYI/PSS) empfiehlt dringend, den Neopren-Faltenbalg sowie die O-Ringe im Edelstahlrotor alle sechs Jahre präventiv komplett auszutauschen. Wenn unklar ist, wie alt der Balg beim Kauf der Yacht war, sollte dieser Frist-Check oberste Priorität haben.

2.     Vorspannung des Balgs: Der Edelstahlring muss den Gummibalg um ein genau definiertes Maß (meist ca. 10 bis 12 mm) zusammendrücken, um den nötigen Anpressdruck auf den Grafitring auszuüben. Hat sich die Fixierung auf der Welle minimal verschoben, sinkt der Anpressdruck.

3.     Zustand der Kontaktflächen: Solange keine Fremdkörper oder Kalkablagerungen zwischen Edelstahlrotor und Grafitring geraten, bleibt das System trocken.

Fazit: Die Trockenheit der Bilge bestätigt, dass das System momentan ordnungsgemäß arbeitet und die Kühlung/Entlüftung funktioniert. Um jedoch sicher zu sein, dass sie auch auf langen Schlägen zuverlässig bleibt, entscheiden allein das Alter des Gummibalgs und die korrekte Vorspannung des Rotors auf der Welle.

 

Durchschnittlicher SOG und Törnverlauf

Kategorie

Wert

Gesamtdistanz

180,16 Nm

Gesamtzeit

1 Tag 2 Std 40 Min (26 Std 40 Min)

Durchschnitts-SOG

6,76 kn

Ein gleichmäßiger und effizienter Törn mit einer starken Durchschnittsgeschwindigkeit von 6,76 Knoten über 180 Seemeilen.

Ziemlich genau nach Plan erreichten wir unser Ziel am nächsten Mittag und liefen in den kleinen Hafen zur Marina Clube Naval da Nazaré auf 39° 35.15' N, 9° 4.33' W ein. Das ist einer der besten Yachthäfen an der iberischen Westküste und wird von vielen Seglern hoch gelobt. Eine Bewertung von »Alexander« bringt alles Wesentliche auf den Punkt, was ich nach unserem Aufenthalt nur bestätigen kann:



 

»Ein fantastischer Yachthafen, einer der besten in Europa. Nicht riesig, aber sehr geschützt und windgeschützt. Das Personal ist sehr freundlich und aufmerksam. Nachts ist es meist ruhig, da kaum Wellengang herrscht. Gelegentlich kann es jedoch aufgrund der Fischereifahrzeuge auf der anderen Seite des Hafenbeckens nach Fisch riechen. Die Sanitäranlagen sind modern und sauber, mit gutem Warmwasser und Wasserdruck. Die Kommunikation verlief reibungslos, die Buchung über Navily klappte problemlos, die Mitarbeiter waren über Funk schnell erreichbar und zwei Mitarbeiter begrüßten uns herzlich am Steg und halfen uns beim Anlegen. Der Yachthafen liegt direkt vor den Toren von Nazaré, nur wenige Gehminuten vom Strand entfernt. Auch die Stadt mit ihren zahlreichen Restaurants und guten Einkaufsmöglichkeiten ist bequem zu Fuß erreichbar.«

Da bereits Mittagszeit war und wir ordentlich Appetit hatten, klarten wir das Boot schnell auf. Die Schönen richteten sich sexy her, um voller Vorfreude auf lokale Köstlichkeiten die Invasion des Ortes zu starten. Man konnte den Einheimischen nur dringend empfehlen, sofort bedingungslos zu kapitulieren und sich dieser überwältigenden Streitmacht zu ergeben! schmunzel

»Achtung, Nazaré: Bella und Kasha kommen mit treuen Kriegern in die Stadt, haha!«, lachten sie gemeinsam und kommandierten ihre Truppen – also Sascha und mich – wie strategieerfahrene Feldherren herum.

»Die armen einheimischen Männer tun mir jetzt schon leid, hoho«, glucksten wir mit ihnen, ehe Sascha nachhakte:

»Welches Lokal hast du für uns ausgesucht, Bella?«

»Lasst euch überraschen! Wenn die Rezensionen und Fotos stimmen, werden wir dort köstlich satt!«, zwinkerte sie.


 

Und so war es auch. Das Paris Latino an der Av. Vieira Guimarães 69, könnte man glatt als Gourmet-Geheimtipp klassifizieren. Von draußen und drinnen eher unscheinbar wie ein einfaches Bistro eingerichtet, bringt dort freundliches und flinkes Personal erstklassige Speisen aus der Küche zu den Gästen. Auf Google halten sie bei über 400 Bewertungen einen hohen Schnitt von 4,6 Sternen – für die Speisen selbst würde ich ihnen sogar exzellente 4,8 Sterne geben. Und das zu erstaunlich günstigen Preisen. Besonders die Meeresfrüchte-Gerichte sind zu empfehlen, und man kann mit viel Genuss schlemmen, bis nichts mehr reingeht.

»Diese gegrillten Mini-Calamares sind, glaube ich, die besten, die ich je gegessen habe. Genial!«, seufzte Bella voller Genussfreude. Wie üblich hatten wir verschiedene Gerichte bestellt, um reihum probieren zu können. Die üppig portionierten Speisen schmeckten allesamt derart lecker, dass vor allem ich mich mal wieder arg zusammenreißen musste, um nicht viel zu viel zu futtern.

»Wenn du denkst, die allein auffuttern zu können, irrst du dich, haha!«, schnappten sich Kasha und ich gleichzeitig je einen Happen von dem Teller, der gerade vor Bella stand.

Das war natürlich alles nur Spaß, denn wir ließen die Gerichte ohnehin reihum gehen. Unsere Bedienung und ein junger Mann hinter der Theke amüsierten sich eindeutig über uns – und Letzterer verschlang die blonden Schönen in ihren sexy Kleidern förmlich mit den Augen. Beide registrierten das mit ihren weiblichen Instinkten natürlich sofort und zwinkerten ihm strahlend zu. Wie schon erwähnt: Nicht zufällig ist »Smiling-Kasha« ihr Spitzname, denn sie kann wirklich überwältigend bezaubernd lächeln.

Am Ende hatten wir eine ordentliche Auswahl verputzt. Wie sich auf der Fotocollage erkennen lässt, waren die Portionen wirklich nicht knapp bemessen – ein Schmaus für Auge und Gaumen zugleich:

  • Lulas grelhadas: Gegrillte Tintenfische mit frischem Salat aus Blattsalat, Karottenraspeln und Kirschtomaten – ein zeitloser, einfacher portugiesischer Klassiker.
  • Costelas de porco grelhadas (Entrecosto grelhado): Dicke, saftige gegrillte Schweinerippenstücke, serviert mit Pommes frites, einem kleinen Salat und frischen Zitronen- sowie Orangen Scheiben.
  • Polvo à Lagareiro: Gegrillter und geschmorter Oktopus mit kleinen Kartoffeln, Zwiebeln, Paprika und Blattgemüse. Das typisch portugiesische Oktopus-Gericht besticht durch feines Olivenöl und eine feine Knoblauchnote.
  • Amêijoas à Bulhão Pato: Die klassische Muschel-Zubereitung mit Knoblauch, Koriander, Weißwein und hochwertigem Olivenöl.

Zum Abschluss konnten die Frauen nicht widerstehen und wollten unbedingt noch ein Dessert probieren. Bolo de Amêndoa com Doce de Ovos ist in Portugal sehr typisch – besonders in Pastelarias und bei festlichen Anlässen. Die leuchtend orangefarbene, leicht kristalline Oberfläche stammt von der Eigelbcreme, die beim Abkühlen diese charakteristische Farbe und Textur annimmt. Wir probierten alle einen Happen davon und fanden den Kuchen ebenfalls ausgesprochen lecker: nicht zu süß und mit kräftigem Mandelgeschmack.

Geöffnet hat das Paris Latino täglich von 07:30 bis 23:00 Uhr. Man kann dort inklusive Getränk bereits für 15 bis 20 Euro hervorragend satt werden. Uns wurden am Ende – inklusive einer Flasche Weißwein, zwei Flaschen Mineralwasser und vier guten Espressi – deutlich unter 100 Euro berechnet. Das habe ich mit Trinkgeld natürlich gerne aufgerundet, denn wir waren mehr als zufrieden. Für vier Personen und ausgiebiges Schlemmen exzellenter Köstlichkeiten, ist das in der heutigen Zeit geradezu ein Schnäppchen.


 

Bei inzwischen überraschend richtig warmen 29-30 Grad unternahmen wir anschließend einen ausgiebigen Verdauungsspaziergang; zunächst entlang des Strandabschnitts Praia da Nazaré, der mit etlichen Badegästen belebt war. Für etwas mehr körperliche Bewegung wären wir an sich gern auch noch auf die hohen Klippen geklettert, aber:

»Och nö, die Bahn sieht so hübsch aus, damit will ich hochfahren!«, protestierte Kasha. Der Ascensor da Nazaré, eine klassische Standseilbahn (Funicular), verlockte uns andere schließlich ebenfalls dazu, sie auszuprobieren.

»Yup, das macht Fun, lasst uns die Bahn nehmen!«, unterstützte Sascha sie sogleich, gefolgt von Bella. Und ehrlich gesagt reizte mich das Vehikel genauso – es macht tatsächlich Spaß, damit den Berg hoch oder runter zu zuckeln.

Zwei Kabinen sind über ein Seil miteinander verbunden und fahren gegenläufig: Wenn eine hochfährt, fährt die andere hinab. Die Strecke ist eingleisig und teilt sich nur in der Mitte für die Ausweichstelle. Die Trasse und die Grundkonstruktion stammen aus dem Jahr 1889 (Eröffnung am 28. Juli 1889).

Der Ingenieur war Raul Mesnier du Ponsard – derselbe Konstrukteur, der auch mehrere der berühmten Lissabonner Aufzüge und Standseilbahnen entworfen hat. Die Kabinen selbst sind deutlich moderner; sie wurden vor allem bei der großen Modernisierung 2001/2002 sowie späteren Überarbeitungen erneuert. Deshalb wirken die blauen Wagen im Kontrast zur steilen, historischen Trasse mit ihren sichtbaren Schienen und dem offenen Seil manchmal etwas modern-fremd. Die Strecke selbst ist somit schon über 135 Jahre alt.


 

Eckdaten zum Ascensor da Nazaré:

  • Länge: ca. 318 Meter
  • Steigung: 42 %
  • Höhenunterschied: rund 100 Meter
  • Fahrzeit: etwa 2 bis 3 Minuten
  • Betriebszeiten & Preis: Täglich von 07:15 Uhr bis Mitternacht; einfache Fahrt 2,50 €

Ursprünglich dampfbetrieben, wurde die Bahn in den 1960er-Jahren elektrifiziert. Sie funktioniert nach demselben Prinzip wie die bekannteren Bahnen in Lissabon. Beide Kabinen halten sich über das Zugseil gegenseitig in der Waage. Der große Unterschied liegt vor allem in der Umgebung und der extremen Steigung: In Nazaré ist die Strecke kürzer, steiler und landschaftlich spektakulärer, während die Lissabonner Bahnen mitten durch enge Stadtgassen führen. Technisch und historisch gesehen sind sie jedoch enge Verwandte.


 

Die hübsche Kirche Santuário de Nossa Senhora da Nazaré in der Oberstadt besichtigten wir natürlich ebenfalls. Im Jahr 1377 ließ König D. Fernando I. hier die erste größere Kirche errichten. Der Grund: Die bereits bestehende, kleine Ermida da Memória (Kapelle der Erinnerung, erbaut 1182 nach dem legendären Wunder mit Dom Fuas Roupinho) war für die wachsende Zahl der Pilger schlicht zu klein geworden. Das heutige Erscheinungsbild ist das Ergebnis mehrerer Jahrhunderte von Umbauten:

  • Anfang 17. Jahrhundert (ca. 1626–1636): Erste große Rekonstruktion unter dem königlichen Architekten Luís de Frias, bei der auch die Ausrichtung der Kirche verändert wurde.
  • Spätes 17. Jahrhundert (1680–1691): Umfangreiche Erweiterung und Umgestaltung unter dem Bischof von Leiria, durchgeführt vom Architekten António Rodrigues de Carvalho und dem Bildhauer Manuel Garcia. In dieser Phase erhielt die Kirche ihre heutige Form als lateinisches Kreuz.
  • 1717: Erneuerung der Fassade und Bau der beiden charakteristischen Glockentürme.
  • 1708/1709: Bestellung der berühmten blau-weißen holländischen Azulejos (über 6.500 Fliesen) von Willem van der Kloet für den Querhausbereich.

Das Heiligtum beherbergt die berühmte schwarze Madonna Nossa Senhora da Nazaré, eine kleine holzgeschnitzte Figur, die der Legende nach bereits seit dem 8. Jahrhundert an diesem Ort verehrt wird. Es gilt als einer der ältesten und bedeutendsten marianischen Wallfahrtsorte Portugals. Ein marianisches Heiligtum bezeichnet einen Ort, an dem die Verehrung der Jungfrau Maria im Mittelpunkt steht, abgeleitet vom lateinischen Marianus = der Maria zugehörig.

Aus meiner streng atheistischen Sicht wirken solche Prachtbauten in einer damals bettelarmen Region immer etwas paradox, geradezu obszön. Nazaré war über Jahrhunderte in erster Linie ein Fischerdorf; die große Mehrheit der Einwohner lebte von der beschwerlichen Fischerei und hatte wenig Geld. Dennoch entstand genau dort ein prächtiger Wallfahrtsort. Ein paar historische Hintergründe erklären diesen Umstand:

  • Königliche Förderung: Der Bau und die Umbauten wurden stark von den portugiesischen Königen finanziert. Es war kein reines Dorfprojekt, sondern ein königlich gefördertes Heiligtum.
  • Wallfahrt als Wirtschaftsfaktor: Die Legende und die schwarze Madonna zogen über Jahrhunderte Pilger aus ganz Europa an. Das brachte Spenden, Handel und Übernachtungsgäste – also frisches Kapital von außen.
  • Zeitgeist: Im Mittelalter und der frühen Neuzeit war es üblich, dass selbst in armen Regionen repräsentative Sakralbauten entstanden. Religion und Gemeinschaftsidentität spielten eine zentrale Rolle. Oft finanzierten Adelige oder reiche Bruderschaften den Großteil, während die lokale Bevölkerung Bauarbeiten verrichtete.

Aus heutiger, säkularer Perspektive erscheint der Aufwand für einen solchen Prachtbau in einem armen Fischerdorf dennoch wie eine Verschwendung. Historisch gesehen war er jedoch Teil eines Systems, in dem religiöse Bedeutung, königliche Repräsentation und wirtschaftliche Impulse eng miteinander verknüpft waren. Im Grunde läuft es heute nicht viel anders – nur dass statt Prachtkirchen eben riesige Bankentürme, Megayachten und private Riesenresidenzen für Milliardäre gebaut werden, während Milliarden Menschen kaum genug zu fressen haben.

»Stimmt schon, du Philosoph«, zwinkerte Bella und stellte sich in Positur. »Aber du musst zugeben, dass mein blaues Kleid perfekt zu den blauen Kacheln passt, haha!«

»Stimmt. Aber für ein derart sexy Kleid mit dir als Inhalt wärst du damals von der Inquisition als Hexe verbrannt worden – und auch heute rümpfen garantiert noch einige Katholiken die Nase darüber, dass du so gekleidet eine Kirche besuchst!«, grinste ich.

Sie zog es absichtlich zum „kürzer geht nicht mehr!“ Minikleid hoch und schlüpfte für Fotos rasch in hochhackige Schuhe, die sie extra aus ihrer Umhängetasche gezaubert hatte. Nur Frauen und besonders Models kommen wohl auf die Idee, neben bequemen Laufschuhen für das Sightseeing auch noch Stilettos mitzuschleppen! Für diese sexy-provokante Fotos suchten wir uns natürlich eine ungestörte Ecke in der Kirche ohne Zuschauer. Danach wechselte sie wieder ins bequeme Schuhwerk und zog den Stoff bis zur Mitte der Oberschenkel herunter. Verdammt sexy und eigentlich immer noch etwas zu reizvoll gestylt für einen Kirchenbesuch, sah sie trotzdem aus.


 

Genau solche Foto-Provokationen sind aber auch beliebte Hingucker für ihre Fans, Follower und zahlenden Abonnenten. Außerdem sieht man es in der Sommerhitze heutzutage öfter, dass junge Touristinnen wie auch unbekümmerte Einheimische, eigentlich zu freizügig bekleidet in Kirchen unterwegs sind, ohne sich groß Gedanken zu machen. Mir persönlich ist das ohnehin gleichgültig – ich möchte nur nicht unnötig das Moralempfinden Gläubiger stören, weshalb ich schon darauf achte, wo, wann und wie wir solche Pics schießen.

Bis zum Sonnenuntergang um 19:38 Uhr lokaler Zeit schlenderten wir noch weiter umher, schauten uns dies und das an und besuchten am Abend die originelle, beliebte Burger-Bude Le petit chef belge. Das ist eigentlich kaum mehr als ein kleiner Kiosk, mit im Freien dauerhaft aufgebauten Holztischen und -stühlen. Es ist ein sehr beliebter Treffpunkt bei jüngeren Einheimischen, Touristen und ganz besonders bei den Surfern und Wassersportlern während der Wellensaison. Manchmal kann man dort tatsächlich echte Surfer-Berühmtheiten antreffen, wie sie mit ihren Kumpels die riesigen, preiswerten Burger und sonstigen Gerichte verdrücken.

Angesichts der Portionsgrößen bei anderen Gästen und unserem üppigen Mittagessen, bestellten wir uns nur zwei sehr leckere Burger-Gerichte samt Cocktails und kamen sofort mit anderen, lockeren Besuchern ins Gespräch. Das Lokal liegt übrigens oben, nahe der südlichen Klippenkante, und bietet einen fantastischen Ausblick auf das derzeit recht ruhige Meer, den Strand und die Unterstadt. 

 

Das ist eine dieser einfachen, bodenständigen Lokalitäten, die einfach Spaß machen – vorausgesetzt, man ist kein sturer Bock oder will nicht ständig nur arrogant als eleganter Gourmet-Genießer auftreten. Die Leute dort sind überwiegend vollkommen locker drauf, kommen aus fast allen Ecken der Welt und wollen einfach eine gute Zeit haben. Und genau die hatten wir auch.

Die echten Surfer-Pros und Fanatics – selbst viele Amateure – bilden allerdings meist eine recht geschlossene Gemeinschaft, egal wo auf der Welt man sie antrifft. Alle außerhalb ihrer Surfer-Welt betrachten sie häufig eher als unwillkommene Außenseiter und geben sich vorwiegend mit Leuten aus ihren eigenen Cliquen ab. Sie sind nicht direkt arrogant; sie haben schlicht kaum Interesse an der normalen Welt außerhalb ihrer Surfer-Leidenschaft. Das ist mir schon an ganz unterschiedlichen Orten aufgefallen, wenn ich auf Surfer-Gruppen traf.

Aber von diesen waren jetzt ohnehin keine oder nur sehr wenige vor Ort; die versammeln sich in Nazaré bekanntlich vor allem im Winter. Wir hatten jedenfalls jede Menge Spaß und einige richtig gute Unterhaltungen. Darunter war ein Gespräch mit einer sehr sportlichen, sexy-hübschen Amateur-Surferin aus Australien, die unbedingt Pro werden will, zugleich aber auch einen Spitzen-Abi-Abschluss und eine beachtliche Bildung mitbrachte.

Ebenso unterhielten wir uns prächtig mit einem japanischen Paar mittleren Alters, das sich den Sommer über frei genommen hatte, um eine große Europa-Tournee durch viele Länder zu machen. Portugal war in den nächsten Tagen in Lissabon ihr Endpunkt, bevor es für sie wieder nach Hause ging. Wie viele Asiaten, besonders Japaner und Chinesen, sind sie fasziniert von der »alten Welt« Europas – obwohl ihre eigenen Zivilisationen mindestens ähnlich alt sind. Beide sind sehr gebildete, finanziell gut gestellte Akademiker aus Kobe. Typisch japanisch traten sie überaus höflich auf, auch wenn sie sich auf amüsante Art bemühten, sich dem lockeren, westlichen Lebensstil anzupassen.

Seit ich als Jugendlicher die berühmten, später verfilmten Shōgun-Romane von James Clavell verschlungen habe, bin ich fasziniert von dieser für uns Westler oft schwer verständlichen Kultur Japans. Wer schon länger im Blog mitliest, weiß auch, dass ich erst letztes Jahr mehrere Monate geschäftlich in Japans Südprovinzen unterwegs war. Also unterhielt ich mich sehr gern und ausführlich mit diesen perfekt Englisch sprechenden Japanern. Sie freuten sich eindeutig darüber, dass ich so viel von ihrem Heimatland weiß und tiefere Einblicke in ihre Kultur habe – was bei Westlern nur selten vorkommt.


 

Schließlich kamen wir bester Laune gegen 23 Uhr zurück an Bord, machten uns gleich bettfertig und krochen unter die Decken. Dieser hübsche Yachthafen ist für seine Lage ungewöhnlich ruhig, und was mich betraf: Ich schlummerte mit einem feinen Lächeln im Gesicht innerhalb kürzester Zeit tief und fest ein.

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