#26.08.13 – Spanien, Gibraltar, Affenfelsen, Belagerungstunnel und mehr
Herrje, mindestens eine unserer hübschen Bord-Grazien muss morgens immer wieder ausgiebig rumtrödeln oder viel zu lange schlummern. Heute war es Conchi, die sich noch völlig entspannt und wohlig faul in ihrer Bett-Koje räkelte, was fast komplett unbekleidet ein entzückender Anblick war.
Aber wir wollten schließlich baldmöglichst los, um die berühmten »Great Siege Tunnels« und die faszinierend schöne St. Michael's Cave zu besichtigen. Also musste ich mal wieder den bösen Sklaventreiber und gestrengen Captain spielen, was bei uns an Bord natürlich wie immer mit jede Menge Spaß, lautem Lachen und neckischen Scherzen ablief.
»Auf, auf, hoch mit dir, du hübscher Nackedei!« kitzelte ich die sich schon fast lasziv räkelnde Hübsche ausgiebig an den Fußsohlen und anderen besonders empfindlichen Körperstellen.
»Aaaahahahihi… nicht kitzeln, du gemeiner Captain… ich komme ja schon, ehrlich…« versuchte sie meinen flinken Händen geschickt zu entkommen, hatte es aber nach wie vor nicht wirklich eilig, ihren attraktiven Körper endlich aus der Koje zu schälen.
Erst mit spürbar härteren Maßnahmen drohend, wie etwa eine Pütz kaltes Frischwasser über sie zu gießen – wozu Vicky überzeugend so tat, als würde sie die Eimer-Aktion in der Pantry schon tatkräftig vorbereiten –, trieb es Conchi dann doch schwungvoll hoch. Uns anderen frech die Zunge rausstreckend und spielerisch über die unbarmherzige Borddisziplin maulend, verschwand sie schließlich im vorderen Badezimmer und machte sich geschwind frisch. Wir anderen fingen derweil schon mit dem gemeinsamen Frühstück an, alle stärkten sich ausgiebig für den ereignisreichen Tag und dann brachen wir auch schon voller Tatendrang auf.
Leider bin ich immer noch arg mit mehr oder weniger wichtigen Arbeiten, meist kniffligen Online-Recherchen, eingespannt und hatte eigentlich kaum Zeit für einen Ganztagesausflug übrig. Doch heute nahm ich mir sie einfach ganz bewusst und freute mich selbst auch schon riesig auf die beeindruckenden Belagerungstunnel und die spektakuläre Tropfsteinhöhle – wobei »Tropfsteinhöhle« eigentlich eine viel zu simple und fast schon beleidigende Bezeichnung für dieses geologische Wunder der Natur darstellt.
Die St. Michael's Cave, hoch oben im mächtigen Felsen von Gibraltar gelegen, ist wahrlich weit mehr als nur eine gewöhnliche Höhle. Hier hat kohlensäurehaltiges Regenwasser über viele Jahrtausende, eigentlich über hunderte von Jahrtausenden, den jurassischen Kalkstein langsam aufgelöst und ein fantastisches Labyrinth aus riesigen Hallen, verwinkelten Gängen und verborgenen Kammern geschaffen.
Das Ergebnis sind diese schier überwältigenden Formationen: meterhohe Stalaktiten, die wie steinerne, filigrane Vorhänge von der Decke hängen, mächtige Stalagmiten, die vom kühlen Boden emporwachsen, und hier und da massiv verwachsene Säulen, wo beide Teile im Laufe der Eonen irgendwann zusammengefunden haben. Die größte Halle, die Cathedral Cave, wirkt tatsächlich wie ein gewaltiger, natürlicher Dom – und wird genau deshalb bis heute als einzigartiges Auditorium für Konzerte, Theater und Shows genutzt. Die Akustik dort ist einfach legendär.
Was die ganze Sache historisch noch spannender macht: Unter der bekannten Höhle liegt die erst 1942 zufällig entdeckte Lower (oder New) St. Michael’s Cave. Beim Tunnelbau für ein unterirdisches Notlazarett im Zweiten Weltkrieg stießen die britischen Soldaten völlig überraschend auf eine fast unberührte, seit vielleicht 20.000 Jahren komplett versiegelte Welt voller filigraner Tropfsteine, schimmernder Fließsteine und sogar eines kristallklaren unterirdischen Sees. Zusammen bilden die beiden Höhlensysteme eines der eindrucksvollsten geologischen Schauspiele für Höhlenbesucher – und gleichzeitig ein Stück lebendige Geschichte, in der sich Urzeit, Antike und moderne Nutzung auf engstem Raum treffen.
»Woah! Unglaublich! Voll der Oberhammer! Schaut euch das bloß an! Wunderschön!« Und so ähnlich lauteten prompt die erstaunten, begeisterten und bewundernden Ausrufe der Crew, was jedoch instinktiv in einem ehrfürchtig leisen Tonfall ausgesprochen wurde, um die erhabene Ruhe nicht zu stören. Geschickt mit sozusagen künstlerischem Sachverstand installierte Lichtkunst in allen Regenbogenfarben verstärkt den malerischen, absolut überwältigenden Eindruck zusätzlich.
Das ganze Ensemble und wie man sich in den typischerweise permanent um 16–17 °C kühlen Höhlen fühlt mit bloßen Worten adäquat zu beschreiben, ist eigentlich gar nicht möglich; da lasse ich lieber die Fotos sprechen, die jedoch auch nur einen schwachen Abglanz davon vermitteln können. Trotz der Hochsaison hatten wir Glück und es herrschte nicht so ein wahnsinnig überlaufener Betrieb an Touristenmassen.
Die Attraktionen im Upper Rock Nature Reserve – inklusive St. Michael’s Cave, Great Siege Tunnels, Windsor Suspension Bridge und Affenfelsen – ziehen an vielen Sommer-Tagen gigantische Menschenmassen an. Hauptgrund dafür sind die riesigen Kreuzfahrtschiffe, deren Tausende Passagiere ab ca. 10:30 Uhr massenhaft in Ausflugsbussen nach oben gekarrt werden, plus die vielen Tagesausflügler aus dem spanischen Umland. Deshalb wollte ich unbedingt möglichst früh los, denn es gibt ein paar erprobte Tricks für mehr Ruhe:
- Früh starten ist der mit Abstand beste Trick: Am besten schon direkt zur Öffnung (ca. 9:00–9:30 Uhr) oben sein. Bis etwa 10:30 Uhr ist es noch deutlich entspannter – danach wird es spürbar voll und eng. Viele Einheimische und erfahrene Besucher schwören darauf: »Um 9 Uhr morgens ist der Rock eine ganz andere, magische Welt.«
- Der späte Nachmittag (ab ca. 16–17 Uhr) kann ebenfalls wieder etwas ruhiger werden, wenn die großen Reisegruppen langsam wieder abziehen. Allerdings schließen die Attraktionen relativ früh (letzte Einlässe je nach Saison gegen 17:45–18:45 Uhr).
- Wochentage sind in der Regel deutlich besser als stark frequentierte Wochenenden.
- Eine private Taxi-Rock-Tour am frühen Morgen: Du bestimmst das Tempo selbst und bist oft vor den großen Busgruppen an den echten Highlights.
- Zu Fuß oder mit dem Shuttle früh rauf: Und die einzelnen Attraktionen gezielt in der richtigen Reihenfolge angehen, bevor die Masse kommt.
- Zusatztipp: An Tagen mit mehreren Kreuzfahrtschiffen im Hafen wird es besonders eng. Wenn möglich, sollte man solche Tage im Schiffsanlaufkalender checken und meiden oder eben extra früh vor Ort sein. Kurz gesagt: Mit einem durchdachten, frühen Start kannst du auch in der Hochsaison noch relativ entspannt die Höhle und die anderen Sehenswürdigkeiten genießen. Oder du hast einfach das seltene Glück, wie wir, das gerade keines dieser gigantischen, schwimmenden Kreuzfahrthotels angelegt hat.
Aktuelle Eintrittspreise für das Abenteuer (Stand Sommer 2026): Der Zugang zu St. Michael’s Cave, den Great Siege Tunnels, der Windsor Suspension Bridge, dem Affenfelsen (Apes’ Den) und den meisten anderen Attraktionen im Upper Rock Nature Reserve läuft bequem über ein einziges Nature-Reserve-Ticket:
- Erwachsene (ab 12 Jahren): £30 (ca. 35 €)
- Kinder (5–11 Jahre): £22
- Kinder unter 5 Jahren: kostenlos
Das Ticket gilt den ganzen Tag über und umfasst praktisch alles Wichtige (St. Michael’s Cave, Great Siege Tunnels, Suspension Bridge, Affen, Skywalk usw.).
Wichtige Randnotiz: Die berühmte Seilbahn (Cable Car) ist derzeit geschlossen (voraussichtlich noch bis ca. 2027), da sie umfassend renoviert und modernisiert wird und somit aktuell nicht fährt. Dafür gibt es einen neuen elektrischen Shuttle vom Marketplace (ca. £40 p. P., inklusive dem Nature-Reserve-Ticket) oder die offiziellen Taxi-Rock-Tours (mit Fahrer/Guide), welche das Ticket oft schon im Gesamtpreis enthalten haben. Die tiefere Lower St. Michael’s Cave kostet ggf. extra und ist ausschließlich mit einer speziell geführten Tour zugänglich (was wir heute jedoch ausließen). Tickets bekommt man vor Ort an den Eingängen (z. B. Jews’ Gate, Moorish Castle) oder unkompliziert online über die offizielle Nature-Reserve-Seite.
»Aaahahaha… Hiiiiielfe…« kreischten die Schönen prompt bei einer der amüsanten Überraschungen in den unübersichtlichen, historischen Tunneln und versuchten sich scherzhaft hinter dem breiten Rücken des armen Captains zu verbergen. lach
In den für Touristen zugänglichen Bereichen der Great Siege Tunnels wurden überall ziemlich lebensecht wirkende Soldatenfiguren aus historischen Epochen aufgestellt, die teilweise auch animiert interagieren. Beispielsweise an einer düsteren Zellentüre mit Gitterfenster in Kopfhöhe, ganz am Ende eines schummerigen Tunnels.
Schaut man dort hinein, sieht man kurz schattige Gestalten in undefinierbar gruseligen Aktionen… dann brüllt plötzlich ein versteckter Lautsprecher von drinnen extrem lebensecht in rauem Kommandoton scheinbar genau die hineinstibitzende Person an. Das ist mit all dem echten, feuchten Fels-Drumherum selbst für hartgesottene, an Geisterbahn-Attraktionen gewöhnte Leute so erschreckend, dass nahezu alle Besucher mindestens heftig zurückzucken; nicht selten rennen besonders schreckhafte Frauen sogar ängstlich kreischend davon – und natürlich lachen anschließend alle herzhaft darüber und über sich selbst.
Wie es heutzutage so üblich ist, wird das alles nicht nur als historische Sehenswürdigkeit vermarktet, sondern auch in Art eines Freizeitparks mit Erlebniselementen. Aber es ist wirklich verdammt gut gemacht, überraschend historisch korrekt aufbereitet und eben nicht nur bloßer billiger Klamauk wie in Disneyland oder so. Alles in allem lohnen sich die 30 Gibraltar-Pfund (GIP), umgerechnet etwa 35 € Euro, definitiv für eine ausgiebige Tagestour um und in den allein schon landschaftlich atemberaubenden, 426 m hohen »Affenfelsen« von Gibraltar; ich würde es wirklich jedem wärmstens empfehlen, der einmal in diese Ecke kommt.
Den Apes' Den, den Hauptaufenthaltsort der berühmten Berberaffen, schauten wir uns heute allerdings nicht genauer an. Der alten Legende nach wird Großbritannien ja bekanntlich genau so lange über Gibraltar herrschen, wie Affen auf dem Felsbrocken leben. Deshalb werden die Tiere von offizieller Seite gehegt, gepflegt und reichlich gefüttert. Sie sind dementsprechend überwiegend sehr zutraulich und klettern unbedarften Besuchern auch nur zu gerne direkt auf die Schultern oder Köpfe, um nach Essbarem zu suchen.
Die Windsor Suspension Bridge, erst 2016 feierlich eröffnet, ist nicht nur eine schicke Touristenattraktion, sondern erfüllt auch einen praktischen Zweck für die Wanderer im Upper Rock Nature Reserve: Sie verbindet zwei wichtige Abschnitte des Royal Anglian Way direkt über eine etwa 50 Meter tiefe, spektakuläre Schlucht hinweg. Ohne diese Brücke müsste man mühsam weit hinunter in die steile Schlucht absteigen und drüben wieder hochkraxeln. Durch die 71 Meter lange Hängebrücke bleibt der Weg durchgängig und deutlich komfortabler begehbar.
Sie ist Teil eines größeren Projekts zur Aufwertung und Wiederbelebung der historischen Wanderwege im Nature Reserve, u. a. mit spürbar besseren Pfaden und lehrreichen Infotafeln. Die Brücke liegt spektakulär zwischen alten Militärbatterien und bietet neben dem rein praktischen Nutzen natürlich auch die berühmten, fantastischen Ausblicke auf die Stadt, die gesamte Bucht und bei klarer Sicht sogar bis rüber nach Afrika – plus das feine, leichte Schwingen im Wind, das für ordentlich Nervenkitzel sorgt.
»Au weia, gehen wir da wirklich rüber?« guckte Britt gespielt übertrieben ängstlich in die Schlucht; doch alle drei Frauen, Demo und ich sowieso, haben zum Glück nicht wirklich Höhenangst oder dergleichen.
»Aber sicher doch!« grinste ich breit in die Runde. »Und was denkst du wohl, was ich in der Mitte der Brücke mit so frechen Crewmitgliedern wie dir mache, wenn du mir nicht ganz lieb den Bart kraulst, hehe?!«
»Oh, oh…, ich weiß nicht…, mich sanft auf den Händen rübertragen?« konterte sie prompt schlagfertig und in einem scheinbar unschuldigen, weiblich bezirzenden Tonfall.
»Ja genau, davon träumst du wohl nachts, wie, hehe?!« parierte ich ebenso lachend.
»Wenn es hier jemand verdient hat, auf Händen getragen zu werden, dann bin ich das, jawoll!« stellte Vicky im Vorbeigehen selbstbewusst klar, und natürlich lachten wir alle herzlich über uns selbst und die Sprüche der anderen, als uns in der schwankenden Mitte dann doch ein kleines bisschen mulmig in den Knien wurde.
Inzwischen war 16 Uhr längst vorbei und da wir morgens lediglich gefrühstückt hatten, war es allerhöchste Zeit für ausgiebige leibliche Genüsse. Dafür hatte ich mir bereits im Vorfeld das als eine Art Geheimtipp zu bezeichnende, hervorragende Restaurant Aquaterra in der 2 Main Street, direkt neben dem belebten Grand Casemates Square, ausgeguckt. Auf den ersten, flüchtigen Blick wirkt das kleine Lokal von außen fast ein wenig unscheinbar, doch drinnen stellt man sehr schnell fest, dass sie vollkommen zurecht eine glänzende 4,8-Google-Sterne-Bewertung auf Gourmet-Tempel-Niveau erhalten haben und diese Spitzenklasse bei weit über 1.200 Rezensionen kontinuierlich halten können.
Das gesamte Servicepersonal agiert überaus aufmerksam, herzlich und fachlich kompetent. Die Speisen wiederum sind schlichtweg ein kulinarisches Gedicht an geschmackvoller Finesse, liebevoller Präsentation und herausragender Produktqualität. Man kann dort ganz ungezwungen nach Art einer Tapas-Bar ausführlich schlemmen und viele verschiedene Köstlichkeiten parallel probieren, oder wie in einem klassischen Restaurant fein komponierte Menüs und üppige Einzelgerichte bestellen.
Das Ganze wird zudem zu verblüffend fairen, bodenständigen Preisen serviert, was man inmitten unzähliger überteuerter Touristen-Hotspots wahrlich nicht an jeder Ecke findet. Überhaupt gibt es auf Gibraltar, für ein britisches Überseegebiet, erstaunlich viele, wirklich gute Restaurants, was sicherlich auch den andalusischen Einflüssen von direkt jenseits der Grenze geschuldet ist.
»Ist das herrlich lecker! Dem muss sogar ich, die ich in Cadiz ja nun wirklich mit spanischen Spezialitäten von Kindesbeinen an verwöhnt bin, echten Respekt zollen!« schwärmte Conchi voll des Lobes, während wir unseren gewaltig aufgestauten Heißhunger von den sportlichen Kletterpartien des Tages stillten und mit spürbarem Genuss ordentlich reinhauten.
»Tja, ihr wisst ja schließlich ganz genau, wem ihr solche edlen Gaumenfreuden zu verdanken habt und wem ihr dafür heute Abend brav den Bart kraulen solltet!« grinste ich triumphierend in die Runde, säbelte mir ein zartes Stück saftiges Entrecôte-Steak ab und schob goldbraun knusprige Kroketten, butterweiche Baby-Möhrchen sowie feines Marktgemüse hinterher, während ich schon nach dem Glas des vollmundigen Rotweins griff, um stilecht nachzuspülen.
»Wenn ihm bei der Gelegenheit endlich mal jemand diese kratzigen Stoppeln fein säuberlich abrasiert, gebe ich auf der Stelle die nächste Runde aus, haha!« lachte Vicky amüsiert.
»Wagt es ja nicht, an die mühsam gehegte Manneszierde des ehrenwerten Captains zu gehen! Davor habe ich euch doch erst kürzlich ausdrücklich gewarnt!« murmelte ich mit noch etwas zu viel delikatem Fleisch im Mund, was man nach Knigge ja eigentlich tunlichst vermeiden sollte.
»Wir könnten den alten Seeräuber ja einfach systematisch mit edlem Wein abfüllen, und dann heimlich im tiefsten alkoholseligen Schlaf…« stieg Britt sofort mit einem verschmitzten Blinzeln in die Meuterei ein. Sogar der sonst eher wortkarge Demo, selbst stolzer Träger eines markanten Mehrtagebarts, konnte sich an dieser Stelle eine trockene Bemerkung nicht verkneifen:
»Nur über meine Leiche! Der Bart eines Mannes ist unantastbar und heilig!«
»Wer bitteschön ist denn eigentlich dieser Kerl da? Brauchen wir den und Männer im Allgemeinen heute überhaupt noch, Mädels?« griff Britt typischerweise blitzschnell diese perfekte Steilvorlage auf. Sie knuffte Demo mit gespielter Entrüstung kräftig in die Rippen, kraulte ihm im nächsten Augenblick aber umso liebevoller durch die dichten Bartstoppeln, woraufhin die beiden sich innig und sichtlich lustvoll küssten.
Mit angenehmen 27 °C war es heute tagsüber erfreulich erträglich geblieben, und für die kommende Nacht kündigte der Seewetterbericht bereits den typischen »englischen Nebel« an. Das ist eine meteorologische Erscheinung, die sich um den riesigen Kalksteinfelsen mit beachtlicher Regelmäßigkeit einstellt, ganz egal ob im Hochsommer oder in den kühleren Übergangsmonaten. Die Rede ist vom klassischen Levanter Cloud, der in der Fachwelt auch als Banner Cloud oder bei den spanischen Einheimischen bildhaft als »Montera« (die traditionelle Stierkämpfermütze) bezeichnet wird.
Der namensgebende Levante – oder im Englischen schlicht Levanter – ist ein markanter Ost- bis Nordostwind, der beständig durch die Meerenge-Düse der Straße von Gibraltar pfeift. Er transportiert enorme Mengen feuchtwarmer Meeresluft aus dem östlichen Mittelmeer heran. Sobald diese träge Luftmasse frontal auf die fast senkrechte, 426 Meter hohe Felswand von Gibraltar prallt, wird sie schlagartig zum Aufsteigen gezwungen – ein physikalischer Vorgang, den Meteorologen als orographische Hebung definieren.
Beim zügigen Aufstieg in höhere Schichten kühlt das Luftpaket physikalisch bedingt ab, der enthaltene Wasserdampf kondensiert rasch und bildet eine dichte, stationäre Wolkenbank, die oft wie eine kilometerlange, weiße Fahne oder eine dicke Mütze vom Felsgrat nach Westen über die Stadt und die Bucht weht. Da der Fels so spektakulär aus dem Wasser ragt und der Levante-Wind sehr häufig anliegt, lässt sich dieses faszinierende Naturschauspiel erstaunlich oft beobachten.
Dabei weht der Levante bei ganz unterschiedlichen Temperaturbereichen, denn der Wolkeneffekt hängt primär vom Sättigungsgrad der Luftfeuchte und dem erzwungenen Steigwinkel ab, nicht von sommerlicher Bruthitze. Nachts kühlt die bodennahe Luftschicht weiter aus, was die Kondensation zusätzlich verstärkt. Aus diesem Grund wird im Hafenbereich oft dicker »englischer Nebel« oder tiefhängendes Gewölk gemeldet, während nur wenige Meilen weiter auf See absolut klarer Himmel herrscht. Der Felsen fungiert gewissermaßen als monumentaler, natürlicher Nebelmacher, der das maritime Mikroklima Gibraltars maßgeblich dominiert.
»Ja, ja, ist ja schon gut, du wandelndes Klugscheißer-Lexikon!« bremste mich Vicky lachend aus meinem Vortrag und verpasste mir prompt die gleiche liebevoll-neckische Behandlung wie Britt ihrem Demo zuvor.
Nach dem exzellenten Essen machten wir noch einen ausgedehnten Verdauungsspaziergang mit Sightseeing rund um die geschichtsträchtigen Grand Casemates Gates. Früher schlicht als Waterport Gate beziehungsweise Sea Gate bekannt, stellen sie eines der bedeutendsten historischen Stadttore Gibraltars dar und bilden bis heute das markante nordwestliche Eingangsportal in die alte, wehrhafte Festungsstadt direkt am Grand Casemates Square.
Die Historie dieses Ensembles reicht weit zurück: Der Ursprung datiert bis in das maurische 12. Jahrhundert, als an genau dieser Stelle der alte befestigte Galeerenhafen »La Barcina« lag, an dem Schiffe an Land gezogen, gewartet und instandgesetzt wurden. Das damalige Moorish Sea Gate bildete einen von lediglich drei streng bewachten Zugängen zu diesem militärischen Werftbezirk.
Nach der britischen Eroberung Anfang des 18. Jahrhunderts bauten die Militäringenieure das Tor massiv aus. Es fungierte fortan über Generationen hinweg als wichtigster seeseitiger und kommerzieller Hauptzugang für alle Warenströme. Um dem wachsenden Verkehr gerecht zu werden, brach man 1815 zwei breite Durchfahrten für Fuhrwerke in das Mauerwerk; 1884 folgte ein dritter Durchgang für Fußgänger.
Unmittelbar angrenzend erheben sich die mächtigen Grand Casemates – bombensichere, kasemattenartige Kasernenbauten, die 1817 fertiggestellt wurden und dem gesamten Platz seinen Namen liehen. Zudem waren die Tore stets fester Bestandteil der traditionsreichen »Ceremony of the Keys«:
Während der Großen Belagerung (1779–1783) wurden die Stadttore jeden Abend bei Sonnenuntergang feierlich verriegelt, wobei die schweren Schlüssel als Machtsymbol direkt dem Gouverneur unterstanden – ein Ritual, das bis heute bei feierlichen Anlässen nachgestellt wird. Heute sind die wuchtigen Tore frei passierbar und verbinden das moderne Hafenareal nahtlos mit der quirligen Fußgängerzone voller Pubs, Cafés und Läden. Es ist ein lebendiges Stück Stein gewordener Historie, das den Wandel vom mittelalterlichen Werfttor zum offenen Treffpunkt perfekt widerspiegelt.
Für den späteren Abend kehrten wir schließlich im The Lord Nelson ein, einem herrlich urigen, typisch britischen Pub mit authentischem Holzinterieur und origineller Dekoration. Wir bestellten uns kühles Ale und Cocktails, kamen sofort ungezwungen mit Einheimischen sowie anderen Reisenden ins Gespräch und genossen die gelöste Atmosphäre.
Ganz besonders ein älteres, überaus charmantes britisches Ehepaar in Begleitung ihrer aufgeweckten Studentinnen-Tochter zog unsere Aufmerksamkeit auf sich. Die beiden gebildeten Frührentner hatten sich einen lang gehegten Lebenstraum erfüllt: Sie segeln seit knapp zwei Jahren auf ihrer eigenen Fahrtenyacht durch das sonnige Mittelmeer und versicherten uns glaubhaft, solange die Gesundheit mitmacht, nicht im Traum daran zu denken, jemals wieder dauerhaft in das nasskalte England zurückzukehren.
Die Tochter studiert an der Elite-Universität Cambridge und steht mit Spitzennoten kurz vor ihren finalen Prüfungen, worauf die Eltern sichtlich stolz waren. Mit herzerfrischender Offenheit erzählten sie am Tisch scherzend, dass die junge Dame damals als später, völlig ungeplanter »Volltreffer« das Licht der Welt erblickte. Die Familie bestach durch großartigen britischen Humor, weltmännische Bildung und profundes nautisches Wissen. Schnell vertieften sich Demo und ich mit dem Eigner in ein leidenschaftliches Fachgespräch über moderne Ankergeschirre für Langfahrtschiffe.
Ich räumte unumwunden ein, jahrelang ein treuer Verfechter des klassischen Delta-Ankers gewesen zu sein. Mein Gesprächspartner nickte zustimmend, betonte jedoch treffend, dass diese Geometrie im Vergleich zu Neuentwicklungen spürbar in die Jahre gekommen ist. Er hatte sich auf seinen Seemeilen tatsächlich die Arbeit gemacht, verschiedene moderne Hochleistungsanker unter widrigen Bedingungen in Sand, Schlick und Seegras gegeneinander zu testen.
Sein klares Fazit: Ultra Marine liefert derzeit den mit Abstand verlässlichsten Allround-Anker auf praktisch allen Meeresgründen. Konsequenterweise hatte er sein 14-Meter-Schiff mit einem massiven 45-kg-Edelstahlanker an einer sündhaft teuren, 80 Meter langen 12-mm-Kette ausgerüstet.
Genau an solchen elementaren Ausrüstungsdetails erkennt man auf den ersten Blick den erfahrenen Blauwassersegler im direkten Vergleich zum reinen Wochenend-, Schönwetter- oder Charter-Skipper. Letztere sind leider fast durchgehend mit viel zu leichten, unzureichenden oder gar fahrlässig dimensionierten Not-Ankern unterwegs. Was der ahnungslosen Kundschaft heutzutage von manchen Werften und Händlern verkauft wird – während die Käufer naiv verzückt auf modische Zierkissen, schicke Vorhänge und Hochglanz-Furniere im Salon starren, anstatt das sicherheitsrelevante Decksequipment zu prüfen –, grenzt bei genauerem Hinsehen schon an grobe Fahrlässigkeit.
Für Landratten lässt sich dieser Irrsinn am besten mit einem anschaulichen Vergleich verdeutlichen: Man stelle sich vor, jemand kauft eine moderne 500-PS-Luxuslimousine, in die der Hersteller ab Werk primitive Blattfedern, ausgeleierte Trommelbremsen aus den Fünfzigern sowie weder Sicherheitsgurte noch Airbags einbaut. Solange man damit sonntags nur die 500 Meter zum Bäcker rollt, mag das gutgehen; will man das Fahrzeug jedoch ernsthaft bei Wind und Wetter im Alltag bewegen, sind verheerende Unfälle nur noch eine reine Frage der Zeit.
»Ist ja schon gut, Captain, nun atme erst einmal tief durch und beruhige dich wieder!« unterbrach mich Vicky mit einem entwaffnend charmanten Lächeln. Sie kennt mich und weiß, wie sehr ich mich über schlampig ausgerüsteten Yachten ereifern kann, und ich muss in geselliger Runde tatsächlich immer aufpassen, mich bei solchen maritimen Reizthemen nicht zu sehr zu echauffieren.
Wir verbrachten noch einen lustig-netten Abend bei weiteren kühlen Getränken, tiefgründigen wie humorvollen Anekdoten und lauschten einer Gruppe lokaler Musiker, die mit feiner Akustikmusik für stimmungsvolle Untermalung sorgten. Rund eine halbe Stunde vor Mitternacht verabschiedeten wir uns herzlich von unseren neuen Bekannten im Pub und schlenderten durch die angenehm laue Sommernacht zurück zum Liegeplatz unserer heimeligen Nauticat.
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