#26.08.27 – Vlissingen, Vormittags-Technik, Nachmittags-Erlebnisse
»Reeeeegen! Schnell alle Luken dicht, haha!«, stürmte Kasha von Deck durch den Niedergang nach unten, wo ich gerade einige Luken geöffnet hatte, um gründlich durchzulüften. Sascha folgte ihr schon deutlich gemächlicher, und im selben Augenblick prasselte auch bereits ein heftiger Spätsommer-Regenschauer herunter.
Momentan schaufelt ein Tiefdruckgebiet über Frankreich warme Luftmassen zu uns nach Nordosten, wobei es viel Sonnenschein mit Temperaturen bis zu etwa 27 Grad und gelegentlich kräftige Regengüsse geben soll; morgen womöglich sogar noch etwas mehr davon, bevor es übers Wochenende wieder spürbar kühler wird. Eigentlich recht normal für schon fast September und ganz besonders hier direkt an der Nordseeküste, würde ich sagen.
»Wie wäre es, wenn ich schon mal das Pickling-Mittel aus dem Wassermacher spüle und ihn wieder bereit für den Normalbetrieb mache?«, überlegte Sascha laut. »Bis wir das System draußen auf See einsetzen, können wir das gebunkerte Landwasser mit dem Ding filtern, damit nie zu lange abgestandenes Wasser in der Membran steht. Wir haben mit den Solarpaneelen und dem Windgenerator sowieso einen massiven Energieüberschuss, den wir gar nicht mehr komplett speichern können.«
»Ja, ich verstehe schon was du meinst. Mach das ruhig, sehr gute Idee!«, stimmte ich sofort zu. »Dann haben wir an Bord einen feinen Überschuss an supersauberem Wasser, das wir hervorragend zum Putzen, Durchspülen oder für ein ausgiebiges Duschen nutzen können. Und was dann immer noch zu viel ist, wird halt einfach wieder ins dreckige Hafenbecken gepumpt. Da fällt mir übrigens ein: Du könntest bei der Gelegenheit auch gleich die Bilge auf Schmutzablagerungen prüfen und sie dann mal mit etwas sauberem Überschusswasser fluten, um zu testen, ob die automatischen Bilgepumpen so anspringen, wie sie sollen, oder ob womöglich ein Schwimmersensor versagt.«
»Aye Captain, wird umgehend erledigt!«, grinste Sascha vorfreudig. Er gehört nun mal auch zu jenem Typus Mann, der wahnsinnig gern an irgendwelchen Dingen herumschraubt, wartet, repariert und prüft – am allerliebsten natürlich direkt auf Booten und Schiffen.
Achtung: Jetzt wird es für die nächsten Absätze wieder einmal arg technisch und für Leser, die lieber rein unterhaltsame Erlebnisse bevorzugen, womöglich etwas trocken, bevor es mit amüsanten Erlebnissen weitergeht.
Aber der tiefere Sinn des Ganzen erschließt sich schnell: Dieses Schiff ist zwar ohnehin ausgesprochen gut gewartet und gepflegt; jedoch stand es jetzt rund ein Dreivierteljahr entweder geschützt an Land in einer Halle oder lag weitestgehend unbenutzt im Wasser. Dementsprechend wurde beispielsweise der Watermaker ordnungsgemäß mit einer speziellen chemischen Lösung konserviert – dem sogenannten ›Pickling‹ –, weil sonst die feinen Membranen binnen kurzer Zeit durch Keime und Bakterien unbrauchbar werden, wenn man das Brachwasser länger als wenige Tage darin stehen lässt, ohne mindestens alle zwei bis fünf Tage frisches Wasser zu produzieren und alles durchzuspülen.
Da das Land-Leitungswasser in den Niederlanden von ähnlicher Qualität ist wie in Deutschland und die Yacht am Steg natürlich einen Landwasseranschluss hat, benötigt man den Watermaker im Hafen eigentlich gar nicht. Diese teuren Anlagen braucht man vor allem weiter südlich in den Tropen oder im Mittelmeer, wo die Landwasserqualität meist wesentlich schlechter ist und man sich sonst womöglich eine Menge ungesunder Keime in die Tanks holt. Deshalb gibt es auf dieser für Langfahrt ausgelegten Hans Christian auch getrennte Wasserkreisläufe für Landwasser und selbst produziertes Entsalzungswasser.
Letzteres filtert schlichtweg alles heraus und würde selbst aus extrem dreckigem Abwasser noch genießbares Trinkwasser machen. Allerdings setzen sich die teuren Vorfilter bei Verschmutzung extrem schnell zu, sodass man sie dauernd tauschen müsste, wenn man einen Umkehrosmose-Wassermacher mit trübem Hafenwasser füttert. Deshalb nutzt man die Anlage gewöhnlich nur draußen auf freier See oder in sauberen Ankerbuchten mit klarem Wasser.
Was die eigentlichen Hauptmembranen und Vorfilter betrifft, haben sich die reinen Betriebsintervall-Zahlen der Hersteller über die Jahre physikalisch kaum verändert. Allerdings halten sie in der maritimen Praxis heute dank modernster Steuerungstechnik und deutlich verbesserter Filtermedien spürbar länger. Es kommt hierbei vor allem auf den genauen Filtertyp im Gesamtsystem an:
Vorfilter (5 und 20 Mikron Sedimentfilter) Tauschintervall: Unverändert nach Bedarf mittels Sichtprüfung, typischerweise nach etwa 50 bis 100 Betriebsstunden – beziehungsweise sobald der Manometerdruck an der Hochdruckpumpe spürbar abfällt. Der Praxisunterschied heute: Früher wurden meist einfache Papierfilter verwendet, die im Wasser rasch aufquollen und biologisch degradierten. Heute kommen stattdessen waschbare, hochdichte Polypropylen-Faltenfilter (Pleated PP) zum Einsatz. Diese lassen sich auf See mehrfach problemlos mit Seewasser oder einer Süßwasserspülung auswaschen und wiederverwenden, bevor sie komplett entsorgt werden müssen.
Die Hauptmembran (RO-Membran) Tauschintervall: Nach wie vor nominal auf 3 bis 5 Jahre ausgelegt, bei vorbildlicher Pflege im Bordalltag aber durchaus bis zu 7 Jahre und länger haltbar. Warum sie heute länger halten: Die modernen Polyamid-Dünnschicht-Membranen (TFC) sind zwar chemisch ähnlich empfindlich geblieben – beispielsweise gegenüber Chlor oder Keimbeschlag –, aber automatische Süßwasser-Spülsysteme (Freshwater Flush) gehören inzwischen zum Standard. Durch das automatische Spülen nach jedem Betrieb setzt sich kein Salz und kein biologischer Bewuchs auf den Membranflächen fest, was die reale Lebensdauer gegenüber früher oft mühelos verdoppelt.
Aktivkohlefilter für die automatische Süßwasserspülung Tauschintervall: Alle 6 Monate fest vorgeschrieben. Der Grund dafür: Der Aktivkohlefilter schützt die empfindliche Hauptmembran vor Chlor aus den Leitungen während des Spülvorgangs. Viele Landwasseranbieter versetzen ihr Wasser mit Chlor, um Keimbildung im Netz zu verhindern. Da Aktivkohle mit der Zeit an Bindungskapazität verliert und selbst verkeimen kann, bleibt dieses Zeitintervall absolut unverrückbar.
Die rein mechanischen Tauschintervalle pro gelaufenem Liter Wasser sind also physikalisch bedingt recht ähnlich geblieben, aber der Verschleiß im Stillstand und der Pflegeaufwand haben sich dank automatischer Spülung und robusterer Materialien massiv verringert.
Dabei ist allerdings noch Folgendes zu bedenken: Umkehrosmose-Wasser ist extrem mineralarm und rein – beinahe wie destilliertes Wasser. Wenn man bei großer Hitze und starkem Durst ausschließlich dieses Wasser ohne zusätzliche Mineralienzufuhr trinkt, entzieht es dem Körper auf Dauer wichtige Elektrolyte.
Für die Re-Mineralisierung von Wassermacher-Wasser an Bord gibt es heute im Wesentlichen zwei praktische Ansätze:
1. In-Line-Remineralisierungsfilter (als Festinstallation): Funktionsweise: Eine kompakte Kartusche, gefüllt mit Calciumcarbonat und Magnesium, wird direkt in die Trinkwasserleitung hinter dem Wassertank oder unter dem Spültisch eingesetzt. Vorteil: Das Wasser schmeckt beim Zapfen sofort wie frisches Quellwasser, ist leicht alkalisch – was den pH-Wert wieder anhebt – und schont zudem die Metallarmaturen sowie Schläuche, da sehr reines RO-Wasser leicht sauer reagiert und aggressiv auf Kupfer oder Messing wirken kann.
2. Flüssige Mineraltropfen (manuelle Dosierung): Funktionsweise: Konzentrierte Mineralstofflösungen mit Magnesium, Kalium, Chlorid und Natrium, von denen man wenige Tropfen direkt in die Trinkkaraffe oder den Zylinder gibt. Vorteil: Keinerlei Installation an den Bordleitungen nötig, extrem platzsparend in der Bevorratung und perfekt dosierbar für reines Trinkwasser.
Ich persönlich nutze das aufbereitete Wasser ohnehin gern und reichlich für Tee, Saftschorlen oder mit Brausetabletten für Vitamine und Mineralien; das deckt den täglichen Elektrolytbedarf im Alltagsbetrieb bereits bestens ab. Wer jedoch den reinen Wassergeschmack schätzt oder das Rohrnetz vor leicht saurem Osmosewasser schützen möchte, greift heute bevorzugt zur einfachen In-Line-Kartusche am separaten Trinkwasserhahn.
Wir haben eine solche Kartusche für das reine Trinkwasser so montiert, dass sie im Bedarfsfall relativ leicht erreichbar und schnell auswechselbar ist. Dusch-, Wasch- und sonstiges Brauchwasser fließt natürlich nicht durch diesen Filter. Die Tauschintervalle für Remineralisierungsfilter hängen primär von der tatsächlich durchgeflossenen Wassermenge ab, da sich das Granulat aus Calcium- und Magnesiumcarbonat im Filtergehäuse durch das vorbeiströmende Wasser nach und nach auflöst.
Durchflussleistung: Typische In-Line-Kartuschen für den Yachtbedarf sind auf etwa 1.500 bis 3.000 Liter ausgelegt. Zeitliches Intervall: Aus Hygiene- und Reinheitsgründen sollte der Filter – völlig unabhängig von der tatsächlich geflossenen Menge – spätestens nach 6 bis 12 Monaten ausgetauscht werden. Tatsächlicher Bordbedarf: Wenn ein Paar an Bord täglich etwa 4 bis 6 Liter reines Trinkwasser über diesen Filter zapft, hält eine Standard-Kartusche problemlos eine gesamte Langfahrtsaison von etwa 6 bis 8 Monaten durch.
Einbauort und Handhabung: Die Kartusche wird üblicherweise über simple Quick-Connect-Steckverbindungen mit 1/4-Zoll-Schläuchen direkt in die Stichleitung zum separaten Trinkwasserhahn in der Pantry eingesetzt. Spülung bei Erstbetrieb: Nach dem Einsetzen muss ein neuer Filter einmalig für 3 bis 5 Minuten gründlich durchgespült werden, um feinsten Mineralstaub auszuwaschen, bevor man das Wasser erstmals genießt.
Solche Remineralisierungsfilter sind im Verhältnis zum sonstigen Equipment an Bord erstaunlich preiswert. Eine Standard-Ersatzkartusche mit passenden Steckanschlüssen kostet in der Regel zwischen 15 und 30 Euro, während komplette Nachrüstsets inklusive Halterungen und Schläuchen einmalig bei etwa 35 bis 50 Euro liegen.
Was die Lagerung und Haltbarkeit in den Tropen angeht: Eine Reserve an Bord mitzuführen, ist absolut problemlos. Da das Innenleben rein aus anorganischen Mineralien wie Calcium- und Magnesiumgestein besteht, altert oder verflüchtigt sich der Wirkstoff im Gegensatz zu chemischen Filtern nicht. Solange die Ersatzkartuschen im ungeöffneten Plastikbeutel versiegelt bleiben und die Schutzkappen auf den Anschlüssen sitzen, halten sie im Neuzustand jahrelang.
Selbst tropische Temperaturen oder hohe Luftfeuchtigkeit machen den verpackten Mineralien nichts aus. Die wichtigste Regel für die Bevorratung lautet lediglich: Ersatzfilter stets trocken und originalverpackt lagern. Einmal mit Wasser in Berührung gekommene Kartuschen dürfen nach Gebrauch nicht mehr getrocknet und weggelegt werden, da sich sonst Keime im Inneren vermehren können. Zwei bis drei eingeschweißte Reservekartuschen einzupacken, ist für eine längere Seereise also eine denkbar unkomplizierte, günstige und beruhigende Absicherung.
Nachmittag
Nach dem gemeinsamen Mittagessen mit der alten Dame in ihrer schönen Stadthaus-Villa, bei dem sie sich von Herzen über die ganze junge Gesellschaft und das muntere Leben in ihrem Haus freute, trennten sich erst einmal unsere Wege. Deli und Kasha gingen zusammen in die Stadt zum Shoppen und wollten später noch weitere haltbare sowie frische Lebensmittel für die Kühl- und Gefrierboxen auf dem Boot einkaufen. Diese hatten wir durch unseren reichlichen Energieüberschuss bereits ordentlich heruntergekühlt und schätzungsweise schon zur Hälfte gefüllt; genauso wie die ganzen Vorrats-Schapps für länger haltbare Vorräte wie Reis, Nudeln, Konserven und all die anderen Leckereien.
Sascha machte sich unterdessen auf den Weg zu den örtlichen Ausrüstern, um nach Reservekartuschen, einem neuen Hochdruckschlauch für den Watermaker, speziellen Bordwerkzeugen und ähnlichen nützlichen Dingen zu schauen. Auf Fahrtenyachten – sofern man wirklich maximal unabhängig sein und für fast jede denkbare Situation gewappnet bleiben möchte, selbst in einer abgelegenen Bucht oder einem einsamen Südsee-Atoll – kann man schlichtweg gar nicht genug Ausrüstung dabeihaben.
Selbst kleinere Bluewater-Cruiser führen nicht selten gewaltige Mengen an Ausrüstung, Ersatzteilen und Profi-Werkzeug mit sich. Da wird jede noch so kleine Nische unter Deck bis Oberkante Unterlippe ausgenutzt, sodass da schnell ein paar Tonnen an zusätzlichem Gewicht zusammenkommen. Eine klassische Hans Christian 48T ist in europäischen Gewässern normalerweise vollgetankt mit rund 20 Tonnen Gesamtgewicht unterwegs; unsere wird fertig ausgerüstet für große Fahrt vermutlich etwa 24 bis 25 Tonnen verdrängen – schleppt also tatsächlich 4 bis 5 Tonnen reine Ausrüstung, Vorräte und Zubehör mit sich herum. (sic!)
Mittlerweile hatten wir herrliche 26 Grad und reichlich Sonnenschein. Ich spazierte ganz gemütlich zum Anlegesteg hinüber, wo das Boot aktuell festgemacht lag und wir direkten Strom- und Wasseranschluss nutzen konnten. Im Päckchen drüben im Kanal hatte es ja keinerlei Landanschlüsse gegeben; das war sozusagen nur ein reiner Zwischenparkplatz gewesen. Mein Plan war es, am Nachmittag probeweise schon einmal auf oder unter Deck am Laptop zu arbeiten statt im Haus, um gründlich zu testen, ob WLAN, Starlink und die gesamte Dateninfrastruktur an Bord ordnungsgemäß funktionieren.
Dazu wählte ich absichtlich ein paar kleine Umwege zur allgemeinen Orientierung und für etwas körperliche Bewegung. Man möchte schließlich auch immer ein bisschen mehr von der unbekannten Umgebung sehen, selbst wenn sie auf den ersten Blick vielleicht gar nicht übermäßig sehenswert erscheint. Als ich mich schließlich der Steganlage näherte, fiel mir sogleich eine hübsche, echtblonde Fotografin mit einer professionellen Spiegelreflexkamera auf, welche die dort festgemachten Boote und ganz offensichtlich besonders unsere HC mit voller Konzentration knipste.
Sie trug weiße Turnschuhe ohne Socken, dazu kurze Jeans-Shorts, was viel von ihren schönen Beinen zeigte, und ein locker sitzendes, kariertes Flanellhemd. Kopf und Gesicht wurden umweht von einer langen, blonden Haarmähne, die nur sehr nachlässig gebändigt war. Gertenschlanke, fast zart wirkende, aber erkennbar sportlich-fitte Formen verteilten sich auf schätzungsweise knapp unter 1,70 Meter Körpergröße. Und als sie die Kamera für einen Moment absetzte, war selbst aus einiger Entfernung ein eindeutig hübsches, vielleicht sogar richtig schönes Gesicht zu erkennen. Ehrlich gesagt genau mein Typ Frau – jener Schlag, den wir dämlichen Männer seit ihren Jugendtagen als eine Art ›Traumfrau‹ im Hinterkopf mit sich herumtragen. schmunzel
Nun ja, dachte ich mir schmunzelnd: Wenn sie da ungefragt andere Boote und meines knipst, dann habe ich doch wohl auch das Recht, die Hübsche ebenso ungefragt im Bild festzuhalten, hehe.
Übrigens: Hatte ich das eigentlich schon einmal erwähnt? Als Profi-Fotograf mit jahrelanger Erfahrung und unzähligen Models arbeite ich zwar naturgemäß sehr viel mit gestellten Posen und durchdachten Arrangements. Aber ganz besonders liebe ich die völlig ungekünstelten, natürlichen Schnappschüsse – sozusagen direkt aus dem prallen, ungestellten Leben herausgegriffen. Und eine so hübsche, junge Frau in dieser reizvollen maritimen Kulisse ist für jeden Fotoliebhaber immer ein faszinierendes Motiv, das mir als leidenschaftlichem Ästheten weiblicher Schönheit einfach riesige Freude macht.
Richtig amüsant wurde es schließlich, als sie bemerkte, dass sie von mir geknipst wurde, und die Situation schlagfertig konterte, indem sie mich nun ihrerseits genauso gezielt ins Visier nahm. Es entwickelte sich spontan eine Art kleines ›Fotografen-Duell‹ über die Linsen hinweg, bis wir beinahe im exakt gleichen Moment amüsiert innehielten, die Kameras nach unten nahmen und uns über etwa 30 Meter Entfernung hinweg belustigt anlächelten. Die Hübsche winkte mir sogar ganz freundlich zu. Sie wirkte auf Anhieb sympathisch – schlicht wie das beliebte Musterbeispiel der sprichwörtlichen ›netten Nachbarstochter von nebenan‹, in die sich fast alle Jungs und Männer ein kleines bisschen verknallen und die sie nur zu gern als Freundin hätten.
Das war zu diesem frühen Zeitpunkt natürlich noch reinste Spekulation und Wunschdenken, denn selbst ich, der ich mich auf Körpersprache und Menschenkenntnis recht gut verstehe, kann eine völlig Fremde aus der Distanz nicht abschließend einschätzen. Genauso gut könnte sie in Wirklichkeit eine anstrengende Zicke sein. Aber allein daran, dass ich mir hier überhaupt die Mühe mache, das so ausführlich aufzuschreiben, könnt ihr bereits erkennen, dass mich diese attraktive Blonde mit der im Wind wehenden Haarmähne und ihrem völlig schnörkellosen, natürlichen Erscheinungsbild doch irgendwie spürbar faszinierte. zwinker
So weit, so gut. Aber ich bin ja nun wahrlich kein notgeiler Frauenjäger und hatte momentan eigentlich auch viel zu wenig Zeit für irgendwelche spontanen Flirts mit Unbekannten. Also winkte ich nur kurz und freundlich zurück, stieg auf mein Boot und verschwand sogleich unter Deck, ohne der jungen Frau weiter Beachtung zu schenken.
Allerdings passierte dann etwas, das mir sonst eher selten widerfährt: Ich bekam die Hübsche einfach nicht mehr aus dem Kopf. Anstatt konzentriert zu arbeiten, betrachtete ich mir die wenigen Schnappschüsse von ihr auf dem großen Laptop-Display – und zwar sowohl mit den professionellen Augen des Fotografen als auch mit den erfreuten Blicken des Mannes. Irgendetwas hatte sie an sich, das mich auf eine ungewöhnlich starke Art ansprach und beschäftigte.
»Ahoi, ist da zufällig jemand an Bord?«, rief von oben eine ausgesprochen freundliche, melodische Frauenstimme, noch bevor ich weiter darüber nachdenken konnte. Und als ich den Kopf durch das Niedergangsluk nach oben steckte – na, wer stand wohl auf dem Steg direkt neben der Yacht? Natürlich der hübsche Blondschopf persönlich.
»Hoi…? Ich muss im Himmel sein, oder schwebt da etwa ein blonder Engel neben meinem Boot?!«, grinste ich ins Sonnenlicht blinzelnd nach oben und nahm dabei sehr erfreut zur Kenntnis, dass sie sich strikt an die traditionelle Skipper-Etikette hielt: Niemals ein fremdes Boot ohne ausdrückliche Erlaubnis und Aufforderung anfassen oder gar betreten, es sei denn, es liegt ein akuter Notfall vor!
Mit einem über diesen Spruch sichtliche amüsierten, sehr fraulichen Schmunzeln lächelte der Blondschopf zurück, während sie sich eine vom Wind verwehte Strähne auf typisch weibliche Art aus dem hübschen Gesicht strich:
»Ja, du musst es ganz zweifellos sein, Captain Steve, nicht wahr? Hoi, ich heiße übrigens Catherine – aber sag einfach Cathi zu mir.«
»Hallo Cathi, freut mich sehr! Aber was genau soll das eigentlich heißen: ›dass ich es sein muss‹?«
»Weil du direkt so einen charmanten Spruch auf den Lippen hast«, schaute sie sichtlich amüsiert – aber auf eine durch und durch freundliche, gewinnende Art und keineswegs spöttisch oder arrogant, wie manche anderen Frauen auf so etwas reagieren würden. »Das passt einfach perfekt zu deinem Ruf als segelnder, galanter Gentleman-Casanova!«
»Meinem Ruf?! Habe ich hier in Vlissingen etwa schon einen Ruf weg oder bin ich gar zum Stadtgespräch geworden, hoho?«, gluckste ich nun meinerseits noch stärker amüsiert und griff nach der Zigarettenschachtel, um mir erst einmal gemütlich eine Kippe anzuzünden.
»Bei einigen Leuten definitiv schon, aber Stadtgespräch wäre dann vielleicht doch etwas übertrieben«, schien sie sich köstlich zu amüsieren. Sie blickte dabei gleichzeitig vorsichtig zurückhaltend und ehrlich interessiert drein, was sie ausgesprochen sympathisch und echt wirken ließ. »Hättest du denn womöglich ein paar Minuten Zeit für ein kleines Gespräch mit mir übrig?«
»Wenn ich es schaffe, mich genügend zu beherrschen, um dir nicht auf der Stelle einen Heiratsantrag zu machen, hoho… sollte sich das zweifellos einrichten lassen«, gluckste ich heiter. »Also, magst du nicht einfach an Bord kommen?«
»Jesus, was hast du nur für Sprüche auf Lager, haha! Ja, zu gern würde ich mir dein schönes, klassisches Boot auch einmal von innen ansehen. Erlaubnis, an Bord zu kommen?«, salutierte sie spielerisch und mit einem Augenzwinkern.
»Erlaubnis erteilt, Seekadett Cathi!«, beobachtete ich durchaus leicht entzückt, wie sie ihre schönen, schlanken Beine mit meisterhafter Geschicklichkeit und eindeutiger Praxiserfahrung über das Süll schwang. Und ebenfalls völlig ordnungsgemäß der Etikette folgend streifte sie direkt auf der ›Welcome Aboard‹-Fußmatte ihre Straßenschuhe ab. Die goldene Grundregel lautet schließlich: Betritt niemals ein fremdes Deck mit deinen Straßenschuhen!
»Warte kurz einen Moment, ich hole dir rasch ein Paar Bordlatschen«, bot ich an.
»Danke, das ist echt nicht nötig, Steve. Ich gehe am liebsten barfuß, wenn du es erlaubst; es ist heute doch so herrlich warm draußen.«
Weil ich nun einmal so bin, wie ich bin, kann ich es mir an dieser Stelle einfach nicht verkneifen anzumerken: Eigentlich sollte eine junge Frau genauso wenig das Boot eines völlig fremden, älteren Mannes betreten und mit ihm unter Deck gehen, wie sie im normalen Alltag einem älteren Fremden in dessen private Wohnung oder ins Haus folgen sollte. So etwas ist strenggenommen dann doch arg leichtsinnig und könnte für ein weibliches Wesen im schlimmsten Fall verdammt übel enden. Selbst mit einer gehörigen Portion jugendlichem Leichtsinn wissen das clevere junge Frauen heutzutage eigentlich sehr genau – und Cathi ist definitiv clever, ganz sicher kein naives Dummerchen.
Andererseits kommt es aber gar nicht so selten vor, dass junge, segelbegeisterte Menschen sich als Mitsegler nach dem bewährten ›Hand-gegen-Koje‹-Prinzip bei privaten Bootseignern bewerben. Besonders beliebt ist das in den typischen Absprunghäfen Südspaniens oder auf den Kanaren für die klassische Ozeanüberquerung hinüber in die Karibik – was für viele junge Menschen mit Abenteurer-Geist und auch für Ältere schließlich ein beliebtes Sehnsuchtsziel darstellt.
Bei einem befreundeten, deutschen Rentner-Fahrtensegler und dessen Sohn stieg beispielsweise letztes Jahr auf den Kanaren eine recht hübsche, gerade einmal 18-jährige Britin für die klassische Barfuß-Passatroute in die Karibik ein. Er sagte ihr damals spontan zu, obwohl er normalerweise überhaupt keine fremden Mitsegler an Bord nimmt – schlicht aus Sorge, das junge Mädel könnte sonst an fragwürdige Typen geraten.
Die drei hatten letztlich unheimlich viel Spaß während des rund dreiwöchigen Törns auf einem mit 42 Fuß vergleichsweise kleinen Fahrtenboot, was während einer langen Atlantiküberquerung wahrlich nicht nur reines Vergnügen, sondern mitunter auch verdammt unangenehm sein kann. Die junge Britin hatte zuvor absolut null Segelerfahrung; es war ihr allererster Törn überhaupt. Dennoch hatte sie fast gar keine Probleme mit der Seekrankheit, stellte sich ausgesprochen lernwillig wie auch geschickt an und wurde zu einem echten Gewinn für die dreiköpfige Crew.
Ich erwähne das hier so ausführlich, weil die meisten ›Landratten‹ von solchen Gepflogenheiten sicherlich überhaupt nichts wissen und ich bei Cathi bereits eine ganz ähnliche Motivation vermutete. Ich schätzte sie vom äußeren Eindruck her auf etwa 20, höchstens 21 Jahre – was bei jungen Frauen allerdings immer extrem schwer zu beurteilen ist.
Ungeschminkt und völlig natürlich können erwachsene Frauen wie junge Teengirls wirken, und aufwendig gestylt sieht so manches Teenager-Mädel rasch aus wie eine erfahrene Femme fatale in ihren Zwanzigern. Einigermaßen sicher weiß man das Alter im Grunde erst, wenn man den Personalausweis selbst in der Hand hatte – und selbst darauf kann man sich nicht immer zu einhundert Prozent verlassen. Insbesondere im Osten ist es für manche Mädels nicht allzu schwer, an gefälschte Papiere zu kommen, um beispielsweise im Westen frühzeitig als volljährige Models zu arbeiten. Diesbezüglich habe ich in meiner Laufbahn schon Dinger erlebt, meine Güte… Aber das wäre ein Thema für sich, zurück zu Cathi!
»Du scheinst dich ja wirklich erstaunlich gut auszukennen und einiges von Booten zu verstehen, Cathi? Möchtest du zuerst eine kleine Besichtigungstour unter Deck machen oder lieber einen Kaffee, einen kühlen Erfrischungsdrink oder sonst etwas?«, lächelte ich ihr freundlich zu.
»Ich bin jetzt schon gut drei Stunden mit der Kamera unterwegs und war so dämlich, mir nichts zu trinken mitzunehmen«, lächelte sie charmant zurück. »Ein kühler Erfrischungsdrink wäre also wirklich phantastisch! Und ja, ich kenne mich tatsächlich ganz passabel mit Segelbooten aus.«
»Zur Auswahl stehen Eistee, Zitronenwasser, Apfelsaft pur oder als Schorle, diverser Fruchtsaft…?«
»Hauptsache schön kalt, erfrischend und nicht allzu süß, danke dir!«
»Einen kleinen Moment, kommt sofort! Warte am besten so lange gemütlich im Cockpit«, antwortete ich, stieg den Niedergang wieder hinunter in den Salon, nachdem ich meine Zigarette zu Ende geraucht hatte, und musste in der Pantry erst einmal selbst kurz suchen, wo die Vorräte verstaute worden waren.
»Wenn du nichts dagegen hast, folge ich dir einfach direkt nach unten…«, stieg sie mir Barfuß neugierig hinterher. »…Ich bin ehrlich gesagt brennend neugierig, eine klassische Hans Christian 48T einmal im Original von innen zu sehen. Legendär sind schließlich die wunderschönen Holzarbeiten von allerbester Bauqualität! Solche Boote sieht man heutzutage nur noch extrem selten und ich war bisher noch in keiner einzigen HC unter Deck.«
»Na, du scheinst dich ja wirklich gut auszukennen«, bemerkte ich anerkennend, während ich den eiskalten Eistee im Kühler fand und uns zwei große Becher voll einschenkte. Ich reichte ihr einen davon, und sie trank ihn sichtlich durstig beinahe in einem einzigen Zug fast leer. Natürlich schenkte ich sogleich großzügig nach und füllte auch meinen Becher auf, denn ich trinke generell sehr viel Flüssigkeit – am liebsten gut gesprudeltes Mineralwasser. Genau genommen das frisch mineralisierte Wasser direkt aus unserem Watermaker, mit Soda in stabilen Flaschen aufgesprudelt und im Kühlschrank auf Temperatur gebracht. »Magst du vielleicht auch etwas frisches Obst oder etwas zum Knabbern dazu?«
»Ein Apfel oder eine Banane wäre wirklich klasse! Ich sehe da drüben etwas im Obstnetz baumeln – darf ich mir einfach was nehmen?«, fragte Cathi, während sie sich fasziniert im Salon umschaute und fast schon zärtlich über die geschwungenen Teakholz-Einbauten strich.
»Greif gerne zu!«, lächelte ich auffordernd und fragte mich im Hinterkopf naturgemäß, was denn nun Cathis eigentliches Anliegen sein mochte. Ich wusste es zu diesem Zeitpunkt natürlich noch nicht, hatte jedoch bereits das sehr starke Gefühl, dass es ihr um weit mehr ging als nur um die reine Besichtigung einer selten gewordenen HC-48T. Dieser Schiffstyp war schließlich schon zu früheren Zeiten eher eine Rarität und ein Liebhaberstück. Heutzutage kann man hundert moderne Marinas besuchen und müsste schon riesiges Glück haben, unter tausenden von Serienyachten auch nur eine einzige traditionelle Hans Christian zu entdecken.
»Danke schön, das ist wirklich lieb von dir«, lächelte sie auf ihre bescheiden wirkende, ungemein sympathische und zugleich fraulich reizvolle Art. Sie griff sich einen Apfel aus dem Hängesack, in den sie sogleich mit hörbarem Genuss hineinbiss. »Du scheinst wirklich der sprichwörtlich galante, freundliche Kapitän und Gentleman zu sein!«
»Das will ich doch zumindest hoffen, hübsche Cathi«, zwinkerte ich ihr zu, konnte mir eine kleine väterliche Mahnung dann aber doch nicht verkneifen. »Da du offensichtlich eine clever denkende junge Frau bist, hoffe ich allerdings ebenso, dass du nicht allzu oft einfach so mit fremden, älteren Männern unter Deck gehst – und du weißt ganz genau, weshalb ich das hier erwähne?!«
»Und ein fürsorglicher Captain-Beschützerbär bist du also auch noch, wie, hihi?«, kicherte sie kurz ein wenig mädchenhaft. Sie blickte mich dabei jedoch keine Sekunde lang wie ein naives Mädchen an, sondern wirkte auf eine zurückhaltende Weise ausgesprochen selbstbewusst und fraulich. »Ich verstehe natürlich genau, was du meinst; ich bin ja schließlich nicht auf den Kopf gefallen und du hast völlig recht. Aber ich mag nun einmal auch nicht dauernd voller Misstrauen durchs Leben gehen. Ich habe meist ein recht gutes Gespür für Menschen. Bei dir hatte ich auf Anhieb ein durchweg gutes Gefühl und…, haha, eine Freundin von mir hat übrigens vorsorglich ein Foto von meinem aktuellen Standort und deinem Boot bekommen! Wenn ich mich nicht pünktlich wieder bei ihr melde, alarmiert sie unverzüglich die 7. US-Flotte!«, blitzten ihre Augen leicht triumphierend auf.
»Na, du bist mir ja ein ausgesprochen raffiniertes Biest, hohoho!«, musste ich herzlich glucksend lachen. »Aber hey, wirklich hervorragend, dass du so überlegt und vorausschauend vorgehst! Das würde dir zwar im ersten Moment auch nicht direkt helfen, wenn ich jetzt spontan über dich herfallen und, du weißt schon was tun würde… aber zumindest käme der Schuft danach garantiert nicht ungestraft davon.«
»Das stimmt allerdings auch wieder – direkt im Moment hilft mir das natürlich nicht, sollte es mal wirklich eng werden. Aber hey, das Boot hier ist wirklich atemberaubend schön!«, wechselte sie gekonnt das Thema. »Darf ich mich ein bisschen weiter umschauen und vielleicht auch mal euer Bad benutzen?«
»Ich gehe davon aus, dass du über die spezielle Bedienung von Bordtoiletten Bescheid weißt? Und ebenso, dass du keinesfalls irgendwo wahllos Schalter drückst, wenn du nicht ganz genau weißt, dass sie lediglich das Licht einschalten?« Sie nickte mir nachdrücklich und verständnisvoll zu. »Dann lass dich nicht aufhalten und schau dich ganz in Ruhe um.«
So eine HC-Segelyacht ist selbst mit ihren knapp 15 Metern Länge schließlich nicht unendlich riesig. Die Schotts zur Bugkabine und zum vorderen Bad sowie der Durchgang mit den Staufächern und der Pilot-Koje hin zur Achterkajüte standen ohnehin offen auf Durchzug. Im Grunde konnte man das Allermeiste bequem vom Salon aus überblicken und erfassen. Ich hielt es zudem für so gut wie ausgeschlossen, dass jemand wie Cathi auf die Idee käme oder die Absicht hegen könnte, irgendetwas einzustecken, zu entwenden oder sonstigen Unsinn anzustellen. Also ließ ich sie völlig ungestört herumstöbern – und dabei kann man auf einem Schiff wie diesem eine ganze Menge entdecken, wenn man mit echtem Interesse und etwas Sachkenntnis genauer hinschaut.
Ihre Kamera – eine ältere Liebhaber-Sony NEX-7 mit einem silbernen Sony E 18-200mm f/3.5-6.3 OSS Zoom-Objektiv und dem genialen Tri-Navi-Bedienkonzept – hatte sie auf dem Salontisch liegen lassen. Ich schaute mir das gute Stück einmal etwas genauer an. Ich selbst fotografiere zwar seit gefühlten Ewigkeiten fast ausschließlich mit professionellen Canon-Modellen, und wie das meistens so ist: Bei der Marke, mit der man einmal angefangen hat, bleibt man aus Gewohnheit ein Leben lang hängen. Alle namhaften Kamerahersteller bauen im Grunde ähnlich gute bis sehr gute Geräte; aber aus heutiger Sicht und ganz objektiv betrachtet, wäre so eine vielseitige NEX-7 mit dem E 18-200mm Zoom-Objektiv – extrem kompakt, handlich und platzsparend – eigentlich die deutlich klügere Wahl für mich und mein Fotografenleben gewesen.
Auch über diese typischen Fachfragen unterhielten wir uns später noch ausgiebig, und ich staunte wieder einmal nicht schlecht darüber, wie hervorragend wir uns trotz des beträchtlichen Altersunterschieds auf Anhieb verstanden. Natürlich entging mir dabei keineswegs, dass Cathi mich – ganz ähnlich wie kürzlich der charmante Rotschopf Elsa, mit der ich inzwischen das von ihr gewünschte, feinfühlige Softerotik-Shooting absolviert hatte – sehr genau beobachtete und abcheckte. Schließlich entfuhr es der Hübschen sowohl spontan als auch offensichtlich wohlüberlegt:
»Mensch Steve… du könntest ehrlich gesagt der absolut ideale Mann für mich sein!«
»Ähm, Cathi…«, musste ich breit grinsen und schmunzelte amüsiert vor mich hin. »Der ideale Mann? Ich? Für dich? Hoho!«
»Hihi, das klang jetzt natürlich vollkommen mehrdeutig, wie?«, musste auch sie über ihre eigene Äußerung herzlich schmunzeln. »Ich meinte das natürlich so: Du bist ein sehr erfahrener Profi-Fotograf, ein versierter Fahrtensegler mit einer fantastisch aufgerüsteten, wunderschönen Bluewater-Yacht – all das liebe ich über alles! Und noch dazu bist du ein unheimlich sympathischer, galanter Gentleman und Beschützerbär, bei dem sich eine Frau auf Anhieb wohl und sicher fühlt. Was ich – wie vermutlich verdammt viele Frauen – einfach unheimlich schätze. Das ist eine extrem seltene, perfekte Konstellation für das, was ich zu gerne tun würde«, lächelte sie mich beinahe einschmeichelnd an.
»Keine Sorge, ich habe das schon ganz richtig verstanden und nehme das als wirklich schöne, anerkennende Komplimente von einer zwar noch jungen, aber ausgesprochen cleveren und sympathisch-netten Frau entgegen«, lächelte ich leicht verschmitzt und innerlich amüsiert zurück. Ich fand Cathi auf ihre Art wirklich durch und durch bezaubernd. »Gehe ich denn in der Annahme recht, dass du unheimlich gerne als feste Mitseglerin bei uns einsteigen würdest?«
»Ja, ganz genau, Steve! Ich habe diesen Sommer mein Abitur mit Bestnoten abgeschlossen und wollte mir unbedingt, bevor ich in die gewöhnliche Karriere-Tretmühle einsteige, mindestens ein Jahr Sabbatzeit nehmen. Ich liebe das gemütliche Fahrtensegeln von Herzen und suche nun schon seit etlichen Wochen nach einem geeigneten Schiff mit der passenden Crew. Ich kenne mich an Bord gut genug aus, um ein wirklich nützliches Crewmitglied zu sein, und könnte von dir bestimmt noch viel lernen – auch als Fotografin, denn das Knipsen liebe ich ebenso sehr. Ich will dich jetzt gar nicht mit noch mehr Punkten langweilen. Kurz gesagt: Du in deiner gesamten Art und dein Boot seid schlicht die perfekteste Kombination, die ich mir überhaupt vorstellen kann. Und deshalb bewerbe ich mich hiermit ganz offiziell als mitsegelndes Crewmitglied!«, sprach sie wohlüberlegt und ohne in Tonfall, Blickkontakt oder Körpersprache in eine übertriebene, feminine Masche der „bring Männer mit Sexappeal dazu zu tun, was ich will!“ Art zu verfallen.
Ich sollte eindeutig nicht ›Ja‹ sagen, nur weil sie hübsch, bezaubernd jung oder eine Frau ist, die Männer im Handumdrehen bezirzen kann – was sie fraglos spielend könnte –, sondern aus rein objektiver Überlegung. Aber in ihrem ruhigen, freundlichen Blick verriet sich doch ein ganz leichtes, hoffnungsvolles Funkeln – was mir nebenbei angemerkt verriet, dass ich ihr als Mann wohl auch optisch und menschlich durchaus gefiel.
»Okay, Cathi. Wir können da gerne ernsthaft darüber sprechen. Nach meinem ersten Eindruck – und ich täusche mich wirklich extrem selten in Menschen – wärst du wohl ein verdammt gutes, nützliches und erfreuliches Crewmitglied«, lächelte ich sehr herzlich, denn sie gefiel mir menschlich wie optisch ausnehmend gut. »Jedoch ist die HC in ihrer klassischen Bauweise unter Deck ein vergleichsweise enges Schiff. Die vordere Bugkabine ist bereits von einem befristet mitsegelnden, jungen Paar belegt. Bei mir hinten in der Eignerkabine kommt höchstwahrscheinlich bald noch eine Frau dazu. Es bliebe für dich also vorerst nur die etwas engere Pilot-Koje im Durchgang zum Salon, wo du natürlich nur sehr wenig Intimsphäre hättest. Das ist für einen kurzen Törn und einen jungen Menschen wie dich sicher kein großes Problem, aber für längere Zeit dann doch nicht ganz so einfach auszuhalten. Und du möchtest ja offenbar dauerhaft mitkommen. Traust du dir wirklich zu, damit klarzukommen?«
»Soll ich ganz ehrlich sein?«, schaute sie mich fragend an und fuhr auf mein bestätigendes Nicken hin fort: »Es wäre am Anfang sicher etwas gewöhnungsbedürftig und manchmal bestimmt auch ein kleines bisschen peinlich, wenn ich mich umziehe oder eure Bäder benutze. Aber du: Ich bin echt nicht verklemmt oder schüchtern! Ich posiere ja auch unheimlich gerne als Model und wollte dir sowieso direkt anbieten, mich so oft du möchtest zu fotografieren. Du liebst es doch schließlich, attraktive Frauen vor der Linse zu haben, stimmts?!«
»Ich bekenne mich vollumfänglich schuldig, Euer Ehren«, grinste ich verschmitzt, »und du bist fraglos ein optisch sehr reizvolles Motiv.«
»Siehst du, hihi! Und du hast doch selbst gesagt, dass die beiden da vorne in der Bugkabine nur zeitlich befristet mitsegeln. Wenn danach nicht sofort neue Leute nachrücken, könnte ich doch zumindest zeitweise dort einziehen, oder?«
»Jep, das wäre natürlich machbar«, überlegte ich kurz. »Ich schlage dir folgendes vor, Cathi: Komm heute Abend einfach zu unserem gemeinsamen Abendessen, damit wir uns alle in Ruhe kennenlernen und du hautnah erlebten kannst, worauf du dich hier eigentlich einlässt. Wir alle gehen sehr locker und ungeniert miteinander um – auch was Nacktheit und die unvermeidlichen, intimen Interaktionen auf einem recht engen Segelboot betrifft, das ja schon bauartbedingt ein sehr intimer Raum ist. Da du bereits einiges an Törnerfahrung hast, kennst du das ja sicher bereits?! Die HC ist primär für ein Eignerpaar gebaut worden, vielleicht noch mit Kindern oder gelegentlichen Gästen – nicht unbedingt dafür, dauerhaft mit fünf Erwachsenen bewohnt zu werden. Danach entscheiden wir alle gemeinsam, ob wir dich mitnehmen – einverstanden?«
»Supergerne, ja! Und…«, erübrigte sich das formelle Kennenlernen der restlichen Truppe im Grunde schon im selben Moment, denn genau da tauchten kurz nacheinander erst Deli und Kasha mit einem riesigen Berg an Einkäufen und gleich darauf auch Sascha mit etlichen Ersatzteilen und Werkzeugen an Bord auf.
Sogleich begrüßten sich alle auf diese herrlich unkomplizierte, lockere Art, wie sie jungen Menschen eben eigen ist. Sie fanden sich auf Anhieb alle sympathisch und rissen sogleich ein paar freche, spitzbübische Scherze darüber, dass ich da stundenlang allein mit Cathi unter Deck verbracht hatte. Cathi packte ohne zu zögern kräftig mit an, lachte herzlich mit, kicherte manchmal ein wenig verlegen, wirkte dabei aber durchaus selbstbewusst. Was das Verfrachten und Stauen von Vorräten auf einer Yacht angeht, kannte sie sich eindeutig aus – denn auch das ist auf einem Schiff eine Wissenschaft für sich und überhaupt nicht mit den Gewohnheiten an Land zu vergleichen. Aber das erkläre ich einmal in einem separaten Beitrag, sonst wird dieser Logbuch-Eintrag hier schlichtweg zu lang.
Selbstverständlich luden wir Cathi trotzdem für den Abend zum gemeinsamen Essen mit Mevrouw Margriet ein, was sie sichtlich erfreut annahm. Auch unsere kluge, lebenserfahrene Gastgeberin fand auf Anhieb Gefallen an der jungen Fotografin. Als sich die alte Dame gegen 21:30 Uhr langsam in ihre Räumlichkeiten zurückzog und sich auch Cathi für die Nacht verabschiedet hatte, nahm mich Margriet schelmisch lächelnd beiseite.
»Mein lieber Kapitän, Gentleman und Casanova… möchtest du vielleicht den ehrlichen Rat einer alten Frau hören?«
»Natürlich unheimlich gerne, werte Mevrouw Margriet«, lächelte ich vergnügt. Ich dachte mir im Stillen, dass die heute so zerbrechlich und alterstypisch zerknittert wirkende Lady, in ihren jungen Jahren sicherlich auch eine attraktive, faszinierende Frau gewesen sein muss, die mit ihren mittlerweile fast 83 Jahren Lebensweisheit verdammt viel über Männer, Frauen und das Leben weiß. Ich bot ihr zuvorkommend den Arm an und geleitete sie galant hinüber zu ihrem Wohnbereich in dem altmodischen, aber unheimlich gemütlichen Stadthaus.
»Dann, mein lieber Charmeur, möchte ich dir raten: Nimm Cathi unbedingt mit auf deine Reise! Aber ich möchte dich gleichzeitig auch ein bisschen warnen.«
»Warnen, liebe Margriet?«, schmunzelte ich und ahnte bereits im Hinterkopf, worauf sie hinauswollte.
»Ja, genau: warnen – obwohl ich dir empfehle, sie an Bord zu nehmen. Cathi ist ein Scheidungskind und nach meinem Eindruck der klassische Fall einer zwar klugen und selbstbewussten, innerlich aber doch noch etwas unsicheren jungen Frau. Sie sucht unbewusst nach einer Art erfahrenem Ersatzvater – wenn du verstehst, was ich meine?«
»Gewiss verstehe ich das, und ich schätze, du liegst da goldrichtig.«
»Vermutlich weißt du auch selbst sehr genau, lieber Steve, dass es nicht wenige junge Frauen von Cathis Schlag gibt, für die in einer ganz bestimmten Lebensphase ein deutlich älterer, erfahrener und gestandener Gentleman deiner Klasse genau das Richtige ist. Jemand, den sie jetzt gerade wirklich brauchen und der ihnen beim Schritt zum endgültigen Erwachsenwerden unheimlich guttut?! Das ist vollkommen in Ordnung und überhaupt nichts Verwerfliches. Aber – und das ist der Kern meiner vorsichtigen Warnung: Ich vermute sehr stark, dass Cathi nicht der Typ Frau ist, der mit deinem polyamourösen Lebensstil klarkommen wird. Dass sie dir optisch wie menschlich gefällt, kann ich dir an den Augen ablesen. Doch wenn du dich intensiver auf sie einlässt und ihrem Liebreiz erliegst, wird sie sich früher oder später sicherlich bis über beide Ohren in dich verlieben und dich dann ganz für sich allein haben wollen. Du wirst dabei naturgemäß nicht mitspielen und dein freies Leben weiterführen wollen – was dann unvermeidlich zu Herzschmerz führen wird, verstehst du?«, schmunzelte die alte Dame und knuffte mich beinahe schon liebevoll in die Seite.
»Oh ja, das verstehe ich vollkommen, liebe Margriet. Ich hatte in der Form noch gar nicht darüber nachgedacht, aber jetzt, wo du es aussprichst, muss ich zugeben, dass du die Sache vermutlich exakt auf den Punkt triffst.«
»Unterschätze niemals alte Damen, hihi!«, kicherte die lebenskluge Lady beinahe wie ein junges Mädchen. »Aber nimm sie trotzdem mit! Ich denke nämlich, dass ein so erfahrener Gentleman, väterlicher Freund oder auch intimer Liebhaber genau das ist, was Cathi in ihrer jetzigen Lebensphase enorm weiterhelfen wird. Auch wenn es am Ende vielleicht etwas Herzschmerz gibt – aber mein Gott, das haben wir schließlich alle schon durchgemacht, bevor wir wirklich erwachsen wurden, stimmts?« Sie zog meine knapp 1,90 Meter Körpergröße zu ihren höchstens 1,60 Metern herunter und drückte mir einen wirklich liebevollen Kuss auf die Wange, als wir ihre Zimmertür erreichten. »Gute Nacht, du charmanter Schlawiner – du wirst Cathi ja doch nicht widerstehen können, hihi!«
Breit und ehrlich gerührt lächelnd drückte ich Mevrouw Margriet noch einmal ganz sanft an mich; ich hatte diese zähe, feinfühlige alte Dame wirklich ins Herz geschlossen. Schelmisch winkend verschwand sie hinter ihrer Tür.
Wir anderen amüsierten uns später noch eine ganze Weile in dem weit von Margriets Schlafbereich entfernten, gut schallgedämmten Salon bei einem lustigen Gesellschaftsspiel, guter Musik und kühlen Getränken. Wir lachten und scherzten wie gewohnt viel, und alle – allen voran Kasha – waren erfreut von dem Gedanken, Cathi als feste Mitseglerin in unserer Runde willkommen zu heißen. Als wir uns gegen Mitternacht schließlich in die Gästebereiche zurückzogen und ich Deli in ihr etwas separiertes Appartement im Haus folgte, wurde es noch einmal richtig amüsant.
Hier muss ich kurz erklären, was am Tag zuvor zwischen ihr und mir passiert war – was sich allerdings schon bei meiner Ankunft und dem ersten Kennenlernen abgezeichnet hatte: Da wir beide polyamor nach denselben unkomplizierten Regeln leben, hatten wir schlichtweg riesige Lust aufeinander. Wir landeten unter viel Lachen und Scherzen in ihrem Bett, wo wir uns stundenlang ausgiebig und wunderschön liebten – unterbrochen von langen Pausen mit tiefen Gesprächen, noch mehr lachen und völlig frei von jeglichen Besitzansprüchen.
Tja, und jetzt ratet einmal, was mir die ebenfalls ungewöhnlich lebenserfahrene, vollkommen erwachsene Deli bezüglich Cathi riet? Fast exakt genau dasselbe wie unsere betagte Gastgeberin! Darüber noch viel lachend und schmunzelnd liebten wir uns in dieser Nacht nur ein gutes halbes Stündchen und entspannten danach in einem verblüffend großen Whirlpool ihres Badezimmers…, wo wir nicht widerstehen konnten und uns noch einmal liebten.
Frisch abgeduscht krochen wir in ihr sehr bequemes Bett und schlummerten schließlich friedlich in klassischer Löffelchen-Stellung aneinandergeschmiegt ein. Schmunzel
Übrigens würde Deli unheimlich gerne ebenfalls mit uns in den Süden segeln, allerdings hat sie auf Monate hinaus fest eingeplante Termine an Land, die für sie wichtig sind. Sie möchte jedoch versuchen, sich zwischendurch immer mal wieder für ein bis drei Wochen freizuschaufeln, um an Bord zu kommen und Abschnitte mitzusegeln.
An segelbegeisterten Begleiterinnen und Liebhaberinnen herrscht bei mir bekanntlich kein Mangel – aber Deli hätte einfach perfekt gepasst, und ich hätte mich schon sehr gefreut, wenn sie direkt für längere Zeit eingestiegen wäre.
Tja, ich schreibe es ja immer wieder mal: Mein Leben ist schon ziemlich verrückt-ungewöhnlich. Und was für ein riesiges Glück ich mit großartigen Frauen habe, klingt für Außenstehende, die mich nicht persönlich kennen, wohl rasch nach angeberischen Männerfantasien.
Ehrlich gesagt weiß ich bis heute selbst nicht genau zu sagen – trotz all meiner Lebenserfahrung, Bildung und intellektuellen Reflexion –, weshalb ausgerechnet ich solch ein unverschämtes Glück in Bezug auf die Frauenwelt habe. Mit diesen Gedanken versank ich innerlich amüsiert im Reich der Träume… aber was könnte in Träumen schließlich noch reizvoller sein als mein eigenes, reales Leben? breitgrins
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