#26.06.27– Algarve, ein Segelausflug mit wichtigem „Mann über Bord“ Manöver
Gestern brachten wir all die ausgeräumten Sachen zurück auf die im Fluss ankernde Yacht und zogen endgültig zurück aufs Boot. Das war eine gehörige Menge Arbeit und beschäftigte uns den ganzen Tag über. So eine Fahrtenyacht hat unglaubliche Mengen an Ausrüstung, Ersatzteilen, haltbaren Lebensmittelvorräten und natürlich auch Privatsachen an Bord. Alles wird sorgsam verstaut in schier unzähligen Schapps, Stauräumen, Schränken und Kisten, am besten in luftdichten Boxen, die irgendwo tief in der Bilge und an Stellen gelagert werden, wo man im Alltag nur schwer hinkommt.
Um das jeweils Gebrauchte bei irgendeinem Anlass schnell wiederzufinden, ohne erst stundenlang suchen zu müssen, ist das sorgfältige Führen und stetige Aktualisieren gut organisierter Staulisten absolut erforderlich. Das ist Vickys Aufgabe für den allgemeinen Teil, während Demo für die technische Liste mit Ersatzteilen, Werkzeugen, Öl und was halt so alles zur Technik gehört zuständig ist. Dazu müssen sie sich natürlich eng absprechen, denn der Platz auf so einem Boot ist begrenzt. Es muss beispielsweise im Vorfeld entschieden werden, was für eventuelle Probleme und Notfälle leicht erreichbar und schnell zugänglich sein muss; für andere, nicht so wichtige Sachen muss nicht selten erst einmal ein Haufen Zeug ausgeräumt werden, bevor man überhaupt herankommt.
Die beiden machen das ziemlich gut; da muss ich mich gar nicht groß einmischen und kann die Verantwortung beruhigt delegieren, auch wenn ein Skipper letztlich für einfach alles auf einem Boot oder Schiff rechtlich voll verantwortlich bleibt. Sie haben zwar noch nicht überwältigend viel Erfahrung, aber ausreichend und machten das ja schon monatelang, bevor ich überhaupt an Bord kam. Auch Britt ist keineswegs unerfahren, denn in ihrer Familie gibt es mehrere Segler und sie war schon als junges Mädchen oft mit dabei; früher allerdings vor allem in der reinen Gastrolle, ohne sich selbst wirklich um irgendwas Wichtiges kümmern zu müssen oder dafür verantwortlich zu sein.
Sie beherrscht alle typischen Handgriffe auf einer Segelyacht, kann sicher steuern, ankern, Segel setzen und einholen sowie auf der elektronischen Seekarte navigieren; jedoch lief das alles eher wie ein Hobby nebenher, ohne sich ernsthaft mit den tieferen Details zu beschäftigen. Damit fing sie erst an, als sie neben dem Modeln für einige Teilstrecken der Überführung vom Baltikum an die Algarve mitsegelte. So wie sie als Model gelernt hat, trotz ihrer noch jungen Jahre fleißig, diszipliniert und zuverlässig zu arbeiten, beschäftigt sie sich nun seit einiger Zeit auch ernsthaft mit dem echten Seglerleben.
Den ersten Schwung des ganzen Krams brachten wir noch zu viert gemeinsam an Bord. Dann teilten wir uns auf: Vicky und Demo blieben an Bord, um alles ordentlich zu verstauen und gegebenenfalls die Staulisten direkt zu aktualisieren. Britt und ich übernahmen den Pendel-Zubringerdienst; einen Haufen Zeug zum Ufer und Beiboot bringen, einladen, übersetzen zur ankernden Yacht, ausladen und es Vicky und Demo übergeben, dann direkt zurück und die nächste Tour vorbereiten.
Zu Mittag machten wir nur eine kurze, etwa 40 Minuten lange Pause mit kühlem Sushi aus einem Geschäft, selbstgemachtem Mischsalat mit Fetakäse und Schinkenstücken sowie Obst, vor allem Wassermelone und gutem Kaffee. Mit dem Wetter hatten wir Glück, es war überwiegend bewölkt und eine kühle Luftströmung sorgte für Temperaturen von höchstens 24 bis 25°C. Dadurch schwitzten wir nicht so furchtbar, aber als wir gegen 17 Uhr alles geschafft hatten, waren wir natürlich dennoch verschwitzt und etwas schmutzig.
»Ich dusch mal bei euch, ihr seid doch schon fertig, oder?« Kam Britt topless nur im Slip in die Achterkabine geschlendert. »Demo findet kein Duschende.«
»Immer rein, wir sind fertig.« Winkte Vicky die nordische Schöne in unser deutlich größeres Bad der Heckkabine; hier können sogar zwei Personen gleichzeitig duschen, während das Steuerbord-Badkabuff im Bug erheblich enger ist. Demo hatte sich im Maschinenraum und bei der Technik deutlich mehr mit teils öligem Dreck beschmiert als wir anderen, weshalb er sich in der Dusche auch länger einweichen und abschrubben musste.
Quasi zur Feier des Tages lud ich dann alle ins Borda do Cais ein, wo Vicky und ich schon mal essen waren und das ich bereits als richtig gutes Restaurant der gehobenen Kategorie beschrieben habe. Dort schlemmten wir delikat und plauderten über unsere Absicht, morgen zur ungefähr 10 Seemeilen westlich gelegenen Küstenstadt Lagos zu segeln. Dabei sollten auf See, je nach Wetterlage, einige Übungsmanöver durchgeführt werden, und ich sprach noch einen wichtigen Punkt an:
»Hört mal zu…« wartete ich kurz, bis sich die Aufmerksamkeit auf mich konzentrierte, und schaute allen der Reihe nach fest in die Augen »…versucht mir eine ehrliche, realistische Selbsteinschätzung zu geben, wie fit ihr für „Mann über Bord“ Manöver seid.«
»Oh je…, also ehrlich, ich hab die Theorie im Kopf, fühle mich aber in der Praxis nicht fit dafür.« Gestand Britt schnell als Erste und schob sich eine leckere Riesengarnele mit Kräuterdip in den sinnlichen Mund.
»Das haben wir zuletzt vor Monaten in der baltischen See durchgeführt, als wir den Törn hierher starteten.« Gab auch Vicky offen zu. »Jetzt, wo du es ansprichst…, ja, das sollten wir dringend öfter üben; ist wichtig, nicht wahr?!«
Demo nickte zustimmend, und ich führte weiter aus: »Oh ja, das ist sogar sehr wichtig, schlimmstenfalls überlebenswichtig. Besonders wenn ihr jetzt wirklich dauerhaft als Fahrtensegler an Bord leben und im Herbst über den Atlantik segeln wollt! Ihr müsst die dazu notwendigen Verhaltensweisen so verinnerlichen, dass ihr in einem echten Notfall quasi automatisch richtig in der Aufregung reagieren könnt, ohne lange überlegen zu müssen. Hiermit ordnet der Captain an: Das wird ab heute mindestens einmal pro Woche geübt, bis alles sitzt und ihr instinktiv richtig reagiert!« Zwinkerte ich lächelnd, um es nicht ganz so furchtbar streng klingen zu lassen; aber mit einem Tonfall, der unmissverständlich aussagte, dass es mir ernst ist, und im Grunde wissen die drei das ja auch selbst.
»Aye, aye Captain…« salutierte Britt auf amüsante Art im Sitzen, Vicky und Demo machten es ihr sogleich nach.
Das wirkte im ersten Moment locker-unernst. Doch die Körpersprache und ihre Blicke verrieten mir, dass sie durchaus verstanden hatten und Mann über Bord Manöver für sie nicht nur frustrierender Kram sind. Die drei sind noch junge Erwachsene mit der typischen, etwas leichtsinnigen Selbstüberschätzung, wie wir sie alle in diesem Alter hatten; ich war da früher auch nicht wesentlich anders. Aber sie sind eben auch clever, diszipliniert und vernünftig genug, um die harte Notwendigkeit solcher Übungen einzusehen.
Zufrieden säbelte ich mir ein ordentliches Stück Schweinesteak ab, kaute genüsslich und schob einige knusprige Pommes plus gemischten Salat hinterher. Da das Borda do Cais leider schon um 21:45 Uhr schließt, wir aber gern noch ein bisschen Spaß haben wollten, schlug Vicky nun vor, die originelle Freiluft-Bar in alten, ehemals kirchlichen Gemäuern zu besuchen, wo wir auch schon mal waren. Die Os Três Macacos hat täglich, außer an Sonntagen, von 21 bis 02 Uhr geöffnet.
Die kaum 200 Meter durch die alten Gassen des Fischerortes Ferragudo spazierten wir gemütlich nach dem Essen. Der malerische Ort setzt sich aus drei oder vier etwas auseinanderliegenden Dörfern zusammen. Dank guter Einnahmen aus dem Tourismus ist das meiste hübsch hergerichtet, und jetzt in der vollen Urlaubssaison sind die pittoresken Gassen an den Hauptwegen oft bis tief in die Nacht voller lebensfroher Menschen. Es wimmelt von überwiegend guten bis sogar sehr guten Restaurants, Bars und Kneipen, die in der Saison das meiste Geld fürs ganze Jahr verdienen. Manche Leute tanzen mit südländischer Lebensfreude auf Plätzen, in Gassen oder halt in passenden Lokalen.
Wir hatten in der »Drei Affen« Bar noch bis kurz nach Mitternacht Spaß mit netten Leuten, wollten heute aber nicht ganz so lange machen, um morgen ausgeschlafen und munter zu sein. Mit einem leichten Schwips schlenderten wir lachend durch die oft intensiv nach blühender Bougainvillea duftenden Gassen und kletterten am Anlegekai leicht schwankend in unseren dort festgemachten Tender. Gut gelaunt setzten wir an Bord über, wobei Britt verspielt das Beiboot extra stärker ins Schwanken brachte. Ich drohte ihr grinsen, sie über Bord zu werfen, was sie natürlich nur zum Lachen brachte.
Auf der Nauticat machen wir uns dann in den Bäder frisch und krochen gleich darauf in unsere Kojen, wo wir bald einschlummerten.
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Die wichtigste Kür auf dem Wasser oder warum wir regelmäßig das »Mann über Bord« Manöver simulieren
»Start Engine!« Rief Demo vom Ruderstand und drehte den Zündschlüssel des guten 107 PS YANMAR-4jh4-HTE Schiffsdiesels, Baujahr 2015, für etwa 15 Sekunden auf Vorglühen. Dann drehte er weiter auf Zündung und die Maschine sprang sofort an, lief rund, wurde warm und schnurrte zufrieden wie die sprichwörtliche Nähmaschine vor sich hin. Die JH-Serie gilt allgemein als guter, zuverlässiger Schiffsdiesel mit einer Lebensdauer bei guter Wartung von über 10.000 Stunden.
»Kühlwasser spritzt!« Bestätigte Britt mit einer Daumen-hoch-Geste, dort über die Reling gebeugt, wo sich der Auspuff befindet. Das sollte man immer gleich überprüfen. Kommen nur Abgase ohne spritzendes Seewasser heraus, wüsste man sofort, dass es ein Problem mit dem Impeller gibt und die Maschine bald überhitzt. So könnte man den Motor sofort wieder abstellen und das Problem suchen, bevor man beispielsweise ablegt oder den Anker hochzieht und in ernste Schwierigkeiten käme, wenn man den Motor beim Manövrieren plötzlich abstellen muss.
Vicky, typischerweise völlig ungeniert nackig an Deck einen sehr reizvollen Anblick bietend, hatte bereits den Heckanker auf die vordere Winsch umgeleitet, und den zogen wir als Erstes ein. Danach holten wir den Bug-Hauptanker auf, wonach Demo den Kahn locker in der Strömung des Rio Arade manövrieren und die Hafenausfahrt ansteuern konnte. Alle Manöver klappten sauber so wie es sein sollte, das beherrscht die Crew offensichtlich gut.
Gefrühstückt hatten wir ab 07:30 Uhr ganz gemütlich und besprachen dabei im Detail, was wir heute vorhatten. Die Wettervorhersage versprach nach Abzug morgendlicher Schleierwolken viel Sonnenschein, bis zu 27°C und 3 bis 15 Knoten Wind aus wechselnden Richtungen. Nicht ideal, etwas mehr konstanter Wind wäre mir lieber gewesen, aber okay, man muss halt nehmen, was man bekommt.
Draußen auf See gab es nur sehr schwache Atlantikdünung mit kaum nennenswerten Wellen; wir drehten in den Wind, setzten die Roll-Genua und mit dem Seldén In-Mast-Furler das Großsegel. Auf SWzS (Südwest zu Süd) Kurs hatten wir zunächst nur 5 bis 6 Knoten Wind von Steuerbord-Achteraus, etwas später immerhin 8 Knoten von Steuerbord-Querab, also klassischen Halbwind. Dafür, dass die Nauticat ein schwerer Rundspant-Verdränger ist, kam sie recht ordentlich ins Laufen. Der Bug schnitt mit um die 5 Knoten durchs Wasser, und wir kamen gut voran.
Geplant war das Üben diverser Segelmanöver sowie vor allem das wichtige MOB-Manöver (Man over Board oder deutsch: Mann über Bord).
Stellt euch vor: Die Sonne brennt vom azurblauen Himmel, der Wind bläst mit einer mäßigen Brise von der Seite, und unsere Nauticat zieht mit einer eleganten Leichtigkeit durch die glitzernden Wellen des Atlantiks. Der Duft von salziger Gischt mischt sich mit dem Aroma von frischem Kaffee, den Vicky gerade in der Pantry aufgesetzt hat. Britt sitzt tiefenentspannt auf dem Vordeck, die Beine baumeln über dem Wasser, und die Sonne zeichnete goldene Reflexe auf ihre Haut. Ein absoluter Postkarten-Moment. Alles flutscht, das Leben ist herrlich.
Und genau in diesem Moment der Schönwettersegeln Perfektion leitete ich das MOB-Manöver ein und warf am Heck einen schweren Seesack mit einer Boje als Kopf über Bord; gerade so austariert, dass sich der Bojen-Kopf noch über Wasser halten konnte und so einen Menschen simuliert.
Ein lauter Knall? Nein. Meistens ist es ein kurzes, tückisches Stolpern. Eine unerwartete Welle, die das Boot ins Rollen bringt, ein Griff, der ins Leere geht. Und plötzlich hörst du nur ein dumpfes Platschen, das man leicht überhören könnte, wenn man gerade mit etwas anderem abgelenkt ist.
Wer noch nie auf einer Yacht mitgesegelt ist, denkt jetzt vielleicht: »Na und? Dann dreht der Captain eben um, fischt denjenigen wieder auf, und weiter geht’s.« Klingt logisch, oder? In der Realität ist das der Moment, in dem dein Puls schlagartig von gemütlichen 60 auf Anschlag hochschießt. Denn eine Yacht ist kein Auto, das man einfach rückwärts einparkt. Wenn du mit fünf, sechs oder sieben Knoten (das sind immerhin gut 9 bis 13 km/h) unter Segeln unterwegs bist, hat sich das Boot in der Zeit, in der du einmal tief Luft holst, bereits dutzende Meter vom Unglücksort entfernt.
»MANN ÜBER BORD!« brüllt Demo, und seine Stimme schneidet durch das friedliche Rauschen des Windes wie ein Messer. Er zeigt mit ausgestrecktem Arm nach hinten ins Kielwasser.
Und genau jetzt entscheidet sich alles. Jetzt darf kein Auge trocken bleiben und kein Handgriff ungeübt sein. Wenn du in diesem Moment erst anfangen musst zu überlegen: »Mensch, wie war das noch gleich im Lehrbuch vor fünf Jahren?«, dann hast du schon verloren. Deshalb üben wir das ab jetzt immer und immer wieder. Bis es sitzt wie das tägliche Zähneputzen.
»Vicky, Ausguck! Nicht den Blick verlieren! Demo, wirf den Rettungskragen mit MOB-Signalboje!« Kommandiere ich im Kapitäns-Befehlston, während meine Hände bereits automatisch das Steuer übernahmen und herumreißen. Diese MOB-Bojen sind gewöhnlich lange Stangen mit einem Schwimmkörper und Gewichten, die sie senkrecht aufrecht halten, oben versehen mit einer bunten Fahne, um besser sichtbar zu sein.
Das Erste, was Nicht-Segler verstehen müssen: Das größte Problem auf dem offenen Meer ist nicht einmal die Kälte oder schlecht schwimmen zu können – es ist die Sichtbarkeit. Der Kopf eines Menschen im Wasser ist kaum größer als eine Kokosnuss. Bei ein bisschen Wellengang verlierst du ihn zwischen den Wellentälern in Sekundenschnelle aus den Augen. Wenn du einmal wegschaust, findest du ihn im unendlichen Blau oft nie wieder. Deshalb gibt es an Bord eine eiserne Regel: Wer den »Mann über Bord« zuerst sieht, wird zum festen »Ausguck«. Diese Person tut absolut nichts anderes, als ununterbrochen mit dem Finger auf den Schwimmer im Wasser zu zeigen. Starr, wie eine menschliche Kompassnadel.
»Ich habe ihn! Ungefähr auf sieben Uhr! Er treibt hinter der Heckwelle!« Ruft Vicky mit konzentriertem, ernstem Blick. Das Adrenalin hatte die anfängliche Gemütlichkeit komplett weggespült.
Jetzt beginnt das eigentliche Manöver, und das ist reine Physik und Handwerk. Man kann nicht einfach geradewegs zurücksteuern. Wenn man den Bug direkt in den Wind dreht, bleiben die Segel back stehen, das Boot verliert an Fahrt, wird manövrierunfähig und driftet unkontrolliert ab. Wir übten heute die klassische Q-Wende. Das Manöver wird typischerweise aus einem Amwind- oder Halbwindkurs gefahren. Dabei steuert man erst ein Stück weg, fährt dann einen großen Kreis, der wie der Buchstabe Q aussieht, und nähert sich dem Verunglückten schließlich von Lee – also von der Seite, wohin der Wind bläst.
Hier findet ihr ein gutes Lehrvideo zur Durchführung der Q-Wende im Detail: YouTube: Q-Wende Manöver Wer sich noch genauer über dieses und ähnliche wichtige Manöver informieren möchte, kann auf Google z. B. »Mann über Bord Q-Wende« eingeben; dann bekommt man viele Links und Videos dazu vorgeschlagen. Das verlinkte Video erklärt es jedoch wirklich gut und relativ leicht verständlich, weshalb ich es herausgesucht habe.
Warum von Lee? Ganz einfach: Wenn du dich von der windabgewandten Seite näherst, treibt der Schiffbrüchige durch den Wind langsam auf das Boot zu. Würdest du von der anderen Seite kommen, könnte die wuchtige, tonnenschwere Yacht durch eine Böe direkt über den Schwimmer gedrückt werden. Und glaubt mir, von einem Segelboot überrollt zu werden, macht überhaupt keinen Spaß.
Die Segel flattern wild, das Aluminium des Mastes erzittert leicht, und der Motor brüllt auf, als wir uns der Unglücksstelle wieder nähern. Das Boot legt sich in die Kurve, das Wasser spritzt über die Reling, und Britt platziert die See-Badeleiter ungefähr mittschiffs, wo die Bootsbewegungen bei Seegang am geringsten sind.
»Fahrt ist fast raus! Demo, mach die Bergeleine klar!« Rufe ich gegen den Wind an.
Wir schaffen es, die Yacht knapp zwei Meter neben dem Verunglückten zum Stehen zu bringen. Die Segel hängen killend im Wind, die Nauticat stampft leicht in der schwachen Dünung. In unserem Fall ist der »Mann über Bord« heute zum Glück nur der mit Schmutzwäsche vollgepackte Seesack plus Kopfboje, die wir liebevoll »Oscar« getauft haben. Aber das Gefühl ist genau das gleiche.
Jetzt kommt der zweite, oft unterschätzte Teil: Wie kriegst du einen nassen, schweren, vielleicht verletzten oder unterkühlten Menschen über die hohe Bordwand wieder nach oben? Ein erwachsener Mann in nassen Klamotten wiegt locker 80 bis über 100 kg. Den zieht niemand mal eben so aus dem Handgelenk über die Reling. Da müssen Hebelkräfte her, die Badeleiter, im Ernstfall sogar das Fall, mit dem man sonst die Segel hochzieht, um denjenigen per Winschenkraft an Deck zu kurbeln.
Demo angelt sich »Oscar« geschickt mit dem Bootshaken, Vicky packt mit an, und mit vereinten Kräften ziehen sie den mit Meerwasser vollgesogenen, schätzungsweise gut 50 kg schweren Sack über die Badeplattform am Heck zurück an Deck. Selbst das ist schon erheblich schwerer, als man denkt, und wäre mit einem ohnmächtigen oder geschockt starren, schweren Erwachsenen, den man ja auch nicht verletzen will, noch erheblich schwieriger; doch zur Übung reichte das fürs Erste.
Nun stelle man sich zusätzlich vor, man müsste das Ganze bei schlechtem Wetter oder gar Sturm, hohen Wellen und Dünung in schlechter Sicht durch Wolken und Regen durchführen, während eine relativ kleine Segelyacht heftig rollt und stampft. Dabei müsste man sogar sehr darauf achten, dass nicht womöglich in all der Aufregung durch hektisches Vorgehen eine weitere Person über Bord ins Meer fällt, was es noch viel schwieriger machen würde. Das ist wirklich kein Spaß und kostete schon so machen, auch sehr erfahrenen Seglern das Leben!
»Manöver beendet! Zeit: knapp über sieben Minuten für den ersten Versuch«, stellte Demo fest und wischt sich den Schweiß von der Stirn. Seine Augen blitzten zufrieden.
»Puh… das war knapp, haha! Oscar sieht ziemlich mitgenommen aus«, lachte Britt aufgeregt, während sie uns eine Flasche kaltes Wasser reicht. Das weiche Zittern in ihrer Stimme verrät, dass das Spiel dennoch seine Wirkung hinterlassen hat.
»Gute Arbeit, Crew! Mit etwas mehr Übung sollten wir es in Zukunft unter fünf Minuten schaffen«, grinste ich lobend, und wir löschten unseren Durst. Dazu gab es dann auch noch köstliche, große Stücke saftig-süßer Wassermelone, sozusagen als verdiente Belohnung.
Das ist das ganze Geheimnis. Es ist wie beim Brandschutz im Hotel: Niemand hofft, dass es brennt, aber jeder sollte wissen, wo der Notausgang ist. Solche Manöver zu üben, nimmt der Crew die Panik und gibt dem Skipper die Sicherheit, dass im Ernstfall jeder Handgriff sitzt. Denn am Ende des Tages ist die See ein herrlicher, wildromantischer Spielplatz – aber eben einer, der Respekt verlangt und auch lebensgefährlich sein kann.
Und nach so viel gelungener Action schmeckt der eiskalte Melonensaft-Mix im Schatten des Bimini-Tops gleich doppelt so gut. Wir setzen die Segel wieder dicht, die Nauticat legt sich sanft auf die Seite, und das friedliche Plätschern der Wellen hat uns wieder. Zufrieden steckten wir uns Zigaretten an, während der Autopilot die Yacht steuerte, plauderten, lachten und besprachen das durchgeführte Manöver noch mal im Detail.
Jetzt muss ich mich etwas kürzer fassen, sonst wird dieser Blog-Beitrag entschieden zu lang.
Wir übten danach auch noch einige Wenden und Halsen, was die Crew mittlerweile wirklich gut beherrscht. Auf etwa zwei Drittel des kreuzenden Segelkurses drehten wir auf See bei, genossen einen leichten Mittagsimbiss, ergänzt von ausgiebigem Badespaß rund um das treibende Boot im herrlich erfrischenden Meer. Zur Sicherheit blieb abwechselnd immer einer an Deck als Wache zurück, während die drei anderen im Wasser plantschten.
Das letzte Stück mussten wir ohne Segel unter Motor zurücklegen, fast exakt Westkurs, weil uns der Wind direkt von gegenan kam. Schließlich erreichten wir den Einfahrtskanal zur Marina de Lagos und tuckerten diesen langsam hoch. Vorbei an der im Kanal festgemachten Caravela Boa Esperança, dem historischen Nachbau einer klassischen Karavelle aus der Entdeckerzeit auf hölzernen Segelschiffen, näherten wir uns langsam einer Klappbrücke und nahmen über Funk Kontakt auf.
Die Fußgänger-Klappbrücke »Ponte Pedonal Basculante« öffnet auf Anfrage – on demand; Boote und Schiffe rufen die Marina per VHF-Kanal 09 oder telefonisch unter +351 282 770 210 an und bitten höflich um die Öffnung. Einzige Ausnahme: 10 Minuten vor Abfahrt der Züge vom Bahnhof Lagos, der direkt neben der Marina liegt, haben Fußgänger absoluten Vorrang – in dieser Zeit wird die Brücke unter keinen Umständen für Boote geöffnet. Die Brücke öffnet während der regulären Betriebszeiten der Marina-Rezeption, derzeit im Zeitraum vom 7. Juni bis 15. September von 8:00 bis 21:00 Uhr.
Außerhalb dieser Zeiten bleibt die Brücke in der Regel fest geschlossen.
Das macht die Brücke zu einem netten Schauspiel für Touristen am Ufer – sie hebt sich immer genau dann, wenn ein größeres Boot ein- oder ausläuft. Hier gibt es die offiziellen Informationen der Marina für die Brücke (Beispiel-Link).
Nachdem wir sicher durch waren, steuerten wir in der eng und voll belegten Marina einen Platz zum Festmachen an, der einem unserer neuen Seglerfreunde gehört. Den oder die hatten wir im Rio Arade kennengelernt, und sie segeln mit ihrem ähnlich großen Boot derzeit im Mittelmeer; bis August ist dieser Platz also unbelegt, und der Eigner stellte ihn uns großzügig zur Verfügung. Das Anlegemanöver in diesem engen Raum war etwas kniffelig, auch wenn die Nauticat über ein praktisches Bugstrahlruder verfügt. Doch Vicky, die ich das Manöver absichtlich ausführen ließ, machte das richtig gut und routiniert ohne größere Probleme.
Nun wurde geschwind das Deck aufgeklart, Fender und Festmacherleinen noch einmal genau überprüft. Dann duschten wir uns unter Deck frisch, zogen locker-luftige Sommersachen über und starteten zu einem ersten Landausflug. Doch dazu im nächsten Blog mehr, sonst wird dieser hier einfach zu lang und vermischt zu viele Themen auf einmal.
Also, bis demnächst! 😊
Steve & Crew
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