#26.08.11 – Spanien, Barbate nach La Linea und Gibraltar
Wir waren von Barbate losgesegelt, mit Ziel La Línea de la Concepción und Gibraltar. Wegen aktuell wichtiger Recherche- und anderer Online-Arbeiten hatte und habe ich jedoch eher wenig Zeit zum Blogschreiben übrig, weshalb dieser Beitrag etwas knapper ausfällt als sonst. Was für ein Glück, oder je nachdem wie man es sieht, auch für eine Plage, dass man heutzutage problemlos mit hohen Datenraten über Starlink, auch auf See mühelos und ohne Unterbrechung kommunizieren kann.
»Gibraltar wird spannend, oder?« fragte Britt beim Plaudern darüber an Deck. »Eine legendäre Festung mit riesigen Tunnelanlagen direkt am Eingang zum Mittelmeer.«
Das Boot zog bei Schwachwind-Schönwettersegeln mit zu Beginn nur 5 Knoten, später bis zu 11 bis 15 Knoten westlichen Winden gemütlich, aber dennoch erstaunlich flott seine Bahn durch sehr wenig Meeresdünung und Wellen.
»Oh ja, ich glaube, es sind rund 80 Kilometer Tunnelanlagen in den Felsblock gehauen worden, vor allem während des Zweiten Weltkriegs und der Großen Belagerung im 18. Jahrhundert. Jahrhundertelang eine strategisch extrem wichtige Festung, essenziell für das britische Empire.« dozierte ich lächelnd. »Und dann noch die beeindruckende St. Michael’s Cave, eine natürliche Tropfsteinhöhle mit gewaltigen Formationen des größten Künstlers der Welt, nämlich der Natur. Die Höhle hat so eine phänomenale Akustik, dass sie heute sogar als Konzertsaal genutzt wird. Auch die gesamte Umgebung ist historisch wie geografisch faszinierend.«
»Oh, wow, dann werden wir Tage brauchen, das alles zu erkunden.« stellte Conchi richtigerweise fest. Spanier sind ja traditionell eher kritisch eingestellt, was Gibraltar und die britische Besetzung und Präsenz auf der Halbinsel angeht. und redeten wir während des gut siebenstündigen Törns mehrfach darüber, woraus ich mich wegen meiner Online-Aufgaben allerdings die meiste Zeit ausklinken musste.
»ACHTZIG Kilometer Tunnel? Das ist ja eine richtige unterirdische Stadt! Kann man das alles besichtigen? Da braucht man ja Tage oder Wochen?!« Staunte Britt.
»Nein, es ist natürlich nur ein relativ kleiner Teil zur Besichtigung freigegeben und so manches Tunnelsystem dient wohl immer noch geheimen, militärischen Aufgaben als Sperrgebiet.« grinste ich ebenfalls gespannt. Ich war vor langer Zeit schon einmal dort, aber das ist ewig her und damals hatte ich fast gar keine Zeit für Besichtigungen. »Ihr werdet jedenfalls viel Spaß haben, denn… ach nein, mehr verrate ich nicht und ihr solltet vorher auch nicht weiter recherchieren! Lasst euch einfach überraschen.«
»Gemeinheit!« maulte Britt spielerisch, war aber natürlich damit einverstanden. Denn wie bei einem neuen Film möchte man den Inhalt ja schließlich nicht vorher gespoilert bekommen.
Ansonsten war es einfach ein schöner, ruhiger Törn mit wundervollem Sommerwetter. Besonders zu Conchis Freude bekamen wir kurz eine Delphin-Eskorte, und diese faszinierenden Tiere spielten elegant und ausgelassen in unserer Bugwelle. Leider dauerte das Ganze nur vielleicht zwei Minuten, in welchen mir lediglich ein einziger, eher schlechter Schnappschuss minderer Qualität gelang, so extrem flink waren sie unterwegs. Aber egal, selbst sehr erfahrene, hartgesottene Langfahrtsegler lieben Delphineskorten und werten sie als gutes Zeichen der Götter für eine glückliche Reise. Für Neulinge wie Conchi ist es zudem ein geradezu magisches, sehr faszinierendes Erlebnis.
Je näher man dem Nadelöhr der Straße von Gibraltar kommt, desto dichter wird der Schiffsverkehr. Manchmal riesige Fracht- und sonstige Schiffe, Küstentransporter, Fischer und Yachten wollen gleichzeitig durch, hinein oder heraus auf den Atlantik. Da musst du als Segler gut aufpassen und nicht selten vorausschauend deinen Kurs ändern. Nicht direkt wegen der Seeverkehrs-Regeln; die bevorteilen traditionell aus alten Zeiten segelnde Seefahrzeuge gegenüber Maschinenfahrzeugen. Aber nur Idioten bestehen auf einer vergleichsweise winzigen Segelyacht starr auf ihr Vorfahrtsrecht gegenüber beispielsweise einem gigantischen Containerschiff.
Um es für Landratten etwas verständlicher zu formulieren: Stell dir vor, du bestehst auf deinem Fahrrad auf deine Vorfahrt gegenüber einem großen LKW. Dann hast du vielleicht recht, bist aber tot oder schwer verletzt! Nein, die Grundregel für jeden auch nur einigermaßen vernünftigen Segler muss stets lauten: lieber selbst ausweichen und auf Nummer sicher gehen!
Diese riesigen Transportschiffe, mit heutzutage aus Kostengründen nur sehr wenig Personal an Bord, können dich glatt überfahren, ohne es auch nur zu bemerken. Dank moderner Technik, besonders AIS – einem automatischen Identifikationssystem, bei dem Schiffe ihre Positions-, Kurs- und Geschwindigkeitsdaten per UKW-Funk aussenden und empfangen, sodass sie auf dem Plotter sichtbar werden –, passierte das nach meinem Wissen schon lange nicht mehr.
Aber es gab früher tatsächlich Fälle, in denen ein Riesenfrachter in einen Hafen einlief und überrascht festgestellt wurde, dass ein Segelmast am Rigg im Ankergeschirr am Bug hing, ohne dass an Bord des Frachters irgendjemand etwas davon bemerkt hätte, dass sie ein Segelboot irgendwo auf dem Meer überfahren hatten. (sic!)
Wer glaubt, solche Geschichten über unbemerkt überfahrene Yachten seien nur schauriges Seemannsgarn für die Hafenbar, irrt gewaltig. Der spektakulärste und traurigste Fall trug sich im Januar 1980 mitten auf dem Atlantik zu. Die 13-Meter-Stahlyacht Sayonara eines deutschen Eignerpaars wurde in einer ruhigen Tropennacht von dem gigantischen, 280 Meter langen britischen Erztanker Nordic Crusier gerammt und förmlich überrollt. Die Besatzung des Frachters bemerkte den tödlichen Zusammenstoß auf ihrer hochgelegenen Brücke nicht einmal ansatzweise und dampfte mit Reisegeschwindigkeit weiter.
Das entsetzliche Ausmaß der Katastrophe wurde erst Tage später enthüllt, als der Frachter in seinem Zielhafen in Brasilien festmachte: Hafenarbeiter entdeckten erschrocken, dass sich der gebrochene Mast, Teile des Rigges und Trümmer der Sayonara tief in der Ankerklüse und am Buganker des Kolosses verhakt hatten und über Tausende Seemeilen durch den Ozean gezogen worden waren. Genau solche Tragödien waren es, die der Seefahrt drastisch vor Augen führten, wie blind und unbarmherzig Großschiffe sein können – und warum man als Segelboot-Skipper auf See niemals starr auf sein Recht pochen darf.
Kurz nach 18 Uhr liefen wir schließlich in die Bucht Bahía de Algeciras (oft fälschlicherweise als Bucht von Gibraltar bezeichnet) ein und gingen vor La Línea de la Concepción vor Anker. Ein sehr gut gelegener Ankerplatz, der auch im Sommer so gut wie nie überfüllt ist. Tagsüber gibt es viel Radau und Verkehr mit Wassersportaktivitäten, aber abends ist es meist ruhig. Sehr gut geschützt vor den Winden, vor allem aus Südost, bietet er einen außergewöhnlichen Halt im Sand in einer Tiefe von 5 Metern. Eine perfekte Alternative zum Yachthafen, auch bei schlechtem Wetter. Von hier aus hat man einen atemberaubenden Blick auf den berühmten Felsen von Gibraltar. Das Beiboot kann man bei Landgängen für 6–8 € pro Tag in den Yachthäfen, beispielsweise dem von Puerto Chico, sicher zurückgelassen werden.
Einlaufdrinks und delikate Speisen genossen wir im Restaurante Puerto Chico, direkt am Yachthafen Club Marítimo Linense, wo wir mit dem Tender anlegten und mit einem Marina-Mitarbeiter wegen eines Liegeplatzes sprachen. Sie haben 278 Liegeplätze von 2 bis max. 6 m Breite und Längen bis 12, maximal 15 m am „T“-Stegkopf, alle mit Strom- und Wasseranschluss, aber sonst anscheinend keine sonst üblichen Dienstleistungen. Über UKW-Kanal 9 oder Handy 691052756 anrufen. Eine Rezension von »Juanma« beschreibt es treffend:
»18. Juni 2026. Wir verbrachten ein paar Tage in diesem kleinen, aber gepflegten Yachtclub mit langer Tradition. Die Kommunikation per Telefon oder WhatsApp verlief hervorragend, und man wies uns einen Liegeplatz an einem der Schwimmstege zu. Der Hafenarbeiter, ein echter Profi, half uns beim Anlegen. Hier ist alles unkompliziert und freundlich; gegen eine Kaution von 30 € erhält man eine Karte, mit der man das gesicherte Tor zum Steg öffnen kann. Sicherheitsbedenken gibt es keine: Es wird eine 24-Stunden-Überwachung gewährleistet. Der Preis ist sehr angemessen: 14 € pro Nacht, inklusive Strom und Wasser, ohne versteckte Gebühren für unser 8-Meter-Boot in der Hochsaison.
Wenn man an der Rezeption nach dem Schlüssel fragt, hat man Zugang zu einigen kleinen Toiletten – etwas in die Jahre gekommen, aber sehr sauber. Was die Lage in Bezug auf die Stadt La Línea angeht, ist sie hervorragend: Supermärkte, Tapas-Bars und Restaurants sind alle innerhalb von 20 Minuten zu Fuß erreichbar. Ebenso lässt sich der unverzichtbare Ausflug nach Gibraltar zu Fuß in etwa derselben Zeit bis zur Grenze zurücklegen, und sobald man auf der anderen Seite ist, gibt es Busse, die einen für etwa 2,50 € ins Herz des Felsens bringen. Kurz gesagt: Es ist ein klassischer Yachtclub, bei dem wir immer einen Zwischenstopp einlegen, wenn wir in die Bucht von Algeciras einlaufen.«
Wir luden den Mitarbeiter oder Manager des Yachtclubs zum Abendessen ein, was der angesichts der geballten Schönheit unserer charmanten Crew-Ladys sichtlich gern annahm. Tatsächlich hatte er trotz Hochsaison auch gleich einen T-Anlegeplatz für uns, was wir sofort erfreut annahmen. Bei der aktuellen Windlage gab es doch etwas Schwell am Ankerplatz, nicht schlimm, aber mit einem Wasser- und Stromanschluss am Steg lagen wir ruhiger und konnten bei gut 30° draußen auch bedenkenlos duschen oder die Klimaanlage laufen lassen.
Britt und Demo tuckerten gleich mit dem Beiboot zurück an Bord, um den Anker aufzuholen und hierher zu verlegen. Vicky und ich gingen kurz danach auf den Steg, um beim Anlegen zu helfen, während Conchita zudem in ihrer Heimatsprache den ca. Enddreißiger weiter bezirzte und den Liegeplatzpreis auf günstige 21 € Tag/Nacht runterverhandelte. lach
Nein, im Ernst: Das hätte wahrscheinlich auch so alles funktioniert, denn die Mitarbeiter des Yachtclubs sind wirklich sehr freundlich, hilfsbereit und bemüht. Vermutlich auch um auszugleichen, dass sie hier außer Wasser und Strom keine der sonst üblichen Dienstleistungen anbieten können. Duschen, Toiletten, Waschmaschinen, WLAN/Internet usw. benötigen wir ja sowieso nicht, das haben wir alles autark an Bord. Doch eines steht außer Frage: Wirklich außergewöhnlich attraktive, charmante und clevere Weiblichkeit dabei zu haben, schadet ganz gewiss auch nicht! zwinker
Nun, wir verbrachten einen schönen Abend im bis 23 Uhr geöffneten Restaurante Puerto Chico, das in etwa auf gutem 4,3 Sterne Google-Niveau liegt und für ein Yachtclub-Restaurant auch eher günstig einzustufen ist. Das Ambiente drinnen ist hübsch-elegant-gemütlich und von der oberen Außenterrasse, wo wir schlemmten, hat man eine schöne Aussicht auf die große Bucht, all die vielen Schiffe, Boote und Yachten vor Anker oder in Marinas an Liegeplätzen. Auch dort ist das Personal freundlich-hilfsbereit, die Speisen sind nicht auf Top-Niveau, aber sehr lecker und wir fühlten uns rundum wohl. Alles in allem würde ich ihnen solide 4,2 Sterne zuerkennen.
Angeschlossen, oder vielleicht als separater Betrieb, gibt es auch noch eine bis Mitternacht geöffnete Bar, wo wir noch zum Abschluss Drinks nahmen und mit einigen wenigen Yachties oder den Angestellten plauderten. Diese Ambigu Club Marítimo Linense-Bar liegt allerdings nur auf 3,6 Google-Sterne-Niveau und wirkt leicht heruntergekommen, doch das störte uns nicht groß; die Drinks und Cocktails waren ausreichend gut, teils sogar besser als erwartet.
Natürlich gibt es in La Línea, quasi direkt nebenan und leicht zu Fuß erreichbar, deutlich bessere Lokalitäten. Jedoch waren wir inzwischen auch richtig müde und hatten nicht wirklich Lust, noch auf Entdeckungstour im Nachtleben zu gehen. Also gingen wir dann auch bald zurück an Bord, duschten uns nochmal frisch und verschwanden dann gleich in den Kojen.
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