Auf See. Kurs Südwest, Tag #1 & Tag#2

 

#26.09.13 – Auf See. Kurs Südwest, Tag #1 & Tag#2

»Okay, faule Bande, klarmachen zum Auslaufen!«, kommandierte ich in übertrieben autoritärem Tonfall, nachdem wir uns beim Frühstück gestärkt und den Segelplan besprochen hatten.

»Langsam, du Sklaventreiber, haha!«, lachte Bella mit ebenso gespielt verärgerter Miene. »Dürfen wir uns erst mal fertig anziehen?!«

»Anziehen? Kleidung tragen? Davon steht für schöne Frauen rein gar nichts in der Borddienstordnung! Was im logischen Umkehrschluss bedeutet, ihr sollt möglichst gar nichts anhaben, wenn es nicht zu kalt ist, hoho.« grinst ich rüber zu Sascha. Wir Männer standen typischerweise längst voll angezogen und startklar für das Auslaufmanöver an Deck, während die Schönen immer noch völlig ungeniert unbekleidet durch den Salon huschten.

Wir hatten tatsächlich fast punktgenau die Wetterlage, die ich im letzten Blog als Vorhersage beschrieben hatte: Nordwestwind mit aktuell 6 bis 8 Knoten und diese scharfe, diagonale Trennungslinie von Nordost nach Südwest quer über die gesamte Biskaya. Das war zwar etwas schwächerer Wind als erhofft, reichte aber immer noch aus, um unter Segeln mit 2,5 bis 4, manchmal 5 Knoten voranzukommen. Natürlich ist das arg langsam, aber wir hatten es ja nicht direkt eilig und konnten darauf hoffen, auf See später noch etwas mehr Druck auf die Segel abzubekommen.

 

Sascha und ich gingen schon mal nach draußen. Während ich meine geliebte Morgenzigarette genoss, ließ ich den Diesel bereits zum Warmlaufen schnurren. Sascha kontrollierte die Festmacherleine an der Boje – wie üblich auf Slip gelegt, sodass sie von Deck aus einfach losgeworfen und eingezogen werden konnte. Gleich darauf war alles bereit. Bella meldete uns über Funk beim Hafenmeister ab, während ich am Steuer etwas Gas gab und die Globetrotter behutsam aus der Lagune Richtung offene See steuerte.

Der Motor schnurrte so rund und zufrieden wie eine gut geölte Nähmaschine, während ich vorsichtig durch all die Untiefen und Riffe navigierte. In einem so anspruchsvollen Revier, wie rund um Molène, übernahm ich das Steuer lieber selbst, statt es Bella zu überlassen – worüber sie als aktuelle Wachgängerin auch gar nicht böse war. Sie ist zwar eine durchaus erfahrene Seglerin, hatte früher aber nur selten selbst navigiert. In schwierigen Gewässern traut sie sich das vernünftigerweise noch nicht ganz zu. Mit der Zeit wird sie auch das lernen – schließlich soll bei mir nach und nach jedes Crewmitglied alle wesentlichen Aufgaben sicher beherrschen.

Draußen auf See stand eine Atlantikdünung von etwa 1,5 Metern Höhe, von der bei diesem schwachen Wind das meiste als langer Schwell durchlief. Wir hatten angenehme 16 bis 17 °C bei gerade einmal 8 bis 9 Knoten Wind von Steuerbord querab. Also setzten wir angeluvt den Code-Zero und das Großsegel. Dank Rollanlagen und elektrischer Winschen war das fast ein Kinderspiel – mit etwas Erfahrung könnte man das Schiff auf diese Weise sogar einhand segeln.

Wie üblich dauerte es eine Weile, bis unser schwerer Rundspant-Langkieler mit seinen knapp 24 Tonnen Schwung aufnahm. Aber einmal in Fahrt gebracht, zog das Boot mit beachtlichen um die 5 Knoten unerschütterlich seine Bahn durchs Meer. Erster Anliegerkurs: 210°. Bella übernahm als Wachhabende das Steuer.

Der ursprüngliche Plan sah vor, A Coruña an der Nordwestspitze der Iberischen Halbinsel anzusteuern. Wir werden jedoch spontan sehen, wie sich die Wind- und Wetterverhältnisse bei der Annäherung entwickeln. Aktuell deutet die Vorhersage darauf hin, dass wir guten Wind bekommen könnten, um ohne Zwischenstopp weiter nach Süden durchzuziehen. Wie schon oft erwähnt: Das Wetter ändert sich rasch, und als Segler passt man seine Route letztlich immer dem Wind an, den man auf See tatsächlich antrifft, wenn man keine festen Termine und Orte einhalten beziehungsweise ansteuern muss.

Ab jetzt sind wir übrigens nach einem Dauer-Wachplan unterwegs, der wohl auch für nicht-Segler selbsterklärend sein sollte.

DAUER-WACHROLLE

Feste Zeiten    Skipper nur als Springer    24/7/365

Grundprinzip

Jeder der drei Crewmitglieder hat immer dieselben festen Wachzeiten. So bleibt der Biorhythmus stabil. Zwischen den beiden täglichen Wachen liegen jeweils 8 Stunden Freizeit/Schlaf. Der Skipper greift nur bei besonderen Situationen ein (Manöver, Wetter, Notfälle, Navigation in schwierigen Gewässern) und kümmert sich um administrative oder sonstige Aufgaben.

Dies ist ein Anhaltspunkt und Rahmen – kein strenges Militärsystem. Notwendige Arbeiten erledigt, wer sie bemerkt. Entscheidungen werden meist gemeinsam getroffen. Freiwilligkeit: Jeder erledigt, was er sieht und für nötig hält. Die Rolle verhindert nur „Ich dachte, du bist dran“ Missverständnisse.

 

Aktuelle Besatzung (Namen eintragen / austauschen)

Rolle

Name

Ersatz / Wechsel / Mitsegler

Notizen

Person A

Sascha

 

 

Person B

Kasha

 

 

Person C

Bella

 

 

Springer

Steve

 

Skipper

Tages-Wachplan (feste Zeiten)

4 Stunden Wache → 8 Stunden frei. Jeder hat zwei feste Blöcke pro Tag.

Uhrzeit

Wache

Person A

Person B

Person C

00:00 – 04:00

Nachtwache 1

WACHE

Frei / Schlaf

Frei / Schlaf

04:00 – 08:00

Frühwache

Frei / Schlaf

WACHE

Frei / Schlaf

08:00 – 12:00

Vormittag

Frei

Frei

WACHE

12:00 – 16:00

Nachmittag

WACHE

Frei

Frei

16:00 – 20:00

Abendwache

Frei

WACHE

Frei

20:00 – 00:00

Späte Wache

Frei / Schlaf

Frei / Schlaf

WACHE

Zusammenfassung pro Person

Person

Wachzeiten (immer gleich)

Frei-/Schlafblöcke

Person A

00:00–04:00  und  12:00–16:00

04:00–12:00 (8 h)  +  16:00–00:00 (8 h)

Person B

04:00–08:00  und  16:00–20:00

08:00–16:00 (8 h)  +  20:00–04:00 (8 h)

Person C

08:00–12:00  und  20:00–00:00

12:00–20:00 (8 h)  +  00:00–08:00 (8 h)

Kombüse & Putzdienst (täglicher Wechsel)

Einfache Rotation – wer an dem Tag „Dienst“ hat, kümmert sich prioritär um Kombüse, gemeinschaftliche Bereiche und Müll. Alle helfen trotzdem mit, wenn nötig.

Tag

Kombüse / Küche

Putz / Ordnung

Bemerkung

Montag

Person A

Person B

 

Dienstag

Person B

Person C

 

Mittwoch

Person C

Person A

 

Donnerstag

Person A

Person B

 

Freitag

Person B

Person C

 

Samstag

Person C

Person A

 

Sonntag

Person A

Person B

oder gemeinschaftlich

Wichtige Hinweise

  Ankern / Hafen / Segeln: Der Plan gilt überall gleich. Im Hafen / vor Anker wird normal gelebt und geschlafen, die eigeteilte Wache ist nur zuständig für Kontrollen / besondere Vorkommnisse.

  Ablösung: Die ablösende Person kommt 5–10 Min. vorher, Übergabe (Wetter, Verkehr, technische Auffälligkeiten, nächste Schritte).

  Skipper als Springer: Wird gerufen bei schwierigen Manövern, starkem Verkehr, schlechtem Wetter, Navigationsentscheidungen oder wenn die Wache unsicher ist, irgendwelche Situationen unklar sind.

  Flexibilität: Bei Krankheit, Landgang oder Crew-Wechsel einfach Namen tauschen. Der Rhythmus bleibt erhalten.

  Ausdrucken & aushängen: Am besten gut sichtbar in der Kombüse oder am Kartentisch.

 

»Verflucht, kann niemand dieses Mistviech entdecken, damit wir es determinieren können?« Fluchte nicht nur ich über mindestens eine Herbstmücke, die sich irgendwie unter Deck eingeschlichen hatte.

»Wenn ich das Mistviech erwische, wird es das Bereuen!« Meinte Kasha mit einer Fliegenklatsche in der Hand; aber so viel wir auch suchten, wir fanden die Mücke nicht, verdammt.

Deren Stiche juckten fürchterlich und bei der Ausrüstungsorgie in Vlissingen hatten wir doch glatt thermische Geräte wie den wie den Beurer BR 60 oder Bite Away einzukaufen vergessen, die den Juckreiz sofort verschwinden lassen. Also mussten wir den Löffeltrick anwenden und Hautsalben draufschmieren. Kennt jeder den „Löffeltrick“? Einen Löffel mit Heißwasser auf etwa 50-55° erhitzen, dann damit 3-6 Sekunden auf die Stichstelle drücken und sofort ist der Juckreiz dauerhaft verschwunden.

Aber aufpassen, der Löffel darf auch nicht zu heiß sein, sonst verbrennt man sich und bekommt eine Brandblase! Das machen diese kleinen, preiswerten, elektronisch gesteuerten Geräte natürlich viel genauer und leichter. Deshalb lies ich mir gleich einen Text zum Einkaufen mehrerer solcher Geräte nach Spanisch übersetzen, falls der oder die Geschäftsinhaber kein Englisch sprechen:

„Hallo, ich suche ein elektronisches Wärme-Gerät gegen Insektenstiche (wie den Beurer BR 60 oder Bite Away). Es ist ein Gerät, das gezielt Hitze auf die Haut aufträgt, um den Juckreiz zu lindern. Haben Sie so etwas da?“ = »Hola, busco un dispositivo térmico electrónico para aliviar las picaduras de insectos (como el Beurer BR 60 o Bite Away). Es un aparato que aplica calor concentrado en la piel para calmar el picor. ¿Tienen algo así disponible?«

Ansonsten zog die Globetrotter unbeirrbar ihre Bahn durchs Meer und die bis zu 1,5 m Ozeandünung, mit nur wenig Windwellen. Die Wachen wechselten alle vier Stunden und ein typischer, eher ruhiger Bordbetrieb stellte sich ein, da es nicht wirklich viel zu tun gab. Kommt es zu keinen Schäden oder Unfällen und sind keine wichtigen Wartungsarbeiten zu erledigen, können Mehrtages-Törns übers offene Meer eher langweilig sein.

An Bord erlebt man es aber nicht als wirklich langweilig, wenn man die Seefahrt liebt. Wind und Wellen, Seevögel und Sonnenauf- oder Untergänge, manchmal auch die immer hochwillkommenen Delphin-Eskorten, Essenszubereitung, Lesen oder irgendwas Online Streamen, sorgen stets für geruhsame Unterhaltung und Ablenkung. Das Logbuch muss geführt werden, wie haben eine Computergestützte Version an Bord, welche die wichtigsten Wetter-, Kurs- und Winddaten automatisch einfügt, Navigationsplanung, Windvorhersagen und nicht zuletzt natürlich auch die möglichst locker-lustigen Interaktionen zwischen einer guten Crew, lassen dir den Törn nie langweilig werden.

 

Mich persönlich stört es sogar kaum, tagelang nur mit 2-3 kn herum zu dümpeln oder gar in einer Flaute nur dahin zu treiben. Auf See fühle ich mich immer wohl und unter Langeweile leide ich nie. Mit irgendwas, und sei es nur im Kopf zum Durchdenken, einem guten Buch oder Online, bin ich selbst ganz allein stets mit etwas Interessantem beschäftigt. Und mit einer so guten, humorvollen Crew, sowie zwei entzückend netten Frauen…, also wem es da langweilig wird, dem ist eh nicht zu helfen! zwinker

Trotz der überwiegend schwachen Winde schaffte unser schwerer Langkieler einen beachtlichen Durchschnitt von 5,1 kn in den ersten 12 Stunden, also gut 66 Seemeilen. In früheren Zeiten der alten Segelschifffahrt hätte das bereits als Rennboot gegolten und langfristig rechnet man bei Fahrtenyachten immer noch mit einem Durchschnitt von 5 kn; also waren wir wirklich nicht lahm unterwegs. Bis heute nehmen Segler Etmale von 120 bis 150 Seemeilen als gutes Vorankommen, wobei ein Etmal die zurückgelegte Strecke über 24 Stunden bezeichnet. Ergo gab es nichts, worüber wir uns beschweren könnten…, bis auf diese verfluchte Mücke.

Tag #2

Leichte Schräglage und die vertrauten Bootsgeräusche verrieten mir schon unter Deck, dass wir aktuell guten Wind von geschätzten 12 bis 14 Knoten aus nördlicher Richtung hatten. Unsere Globetrotter war richtig in Schwung gekommen und pflügte mit geschätzt beachtlichen 7 Knoten im Schnitt durchs Meer – was ein späterer Blick auf die Instrumente bestätigte.

»Weißt du, Bärchen, was mich echt überrascht?«, lächelte Bella entzückend unbekleidet, als sie aus dem Bad kam.

»Überrascht? Was denn? Etwa meine Künste als Liebhaber, hoho?«, gluckste ich vergnügt stichelnd. Wir hatten uns gerade kurz, aber wunderschön geliebt und frisch geduscht; nun machten wir uns allmählich wieder fertig beziehungsweise startklar.

»Ahaha… du Gauner! Nein, das nicht… obwohl, haha, zugegeben: Die sind allerdings auch beachtlich!«, lachte sie sichtlich amüsiert. Ich beschrieb ja schon bei unserem Kennenlernen in Antwerpen, dass Bella unglaublich gerne und herzlich lacht. »Doch ich meinte eigentlich die Segeleigenschaften der Globetrotter. Von so vielen habe ich früher gehört, dass… wie nennst du das immer? S-Rundspant-Langkieler… lahme Schlachtschiffe wären und sie zu segeln keinen Spaß macht. Ich finde aber, die HC-48T segelt richtig gut und vor allem mit sehr angenehmen Bewegungen in der See. Das vermittelt mir ein unheimlich gutes Sicherheitsgefühl – ich fühle mich hier wohler als auf fast allen Booten, auf denen ich bisher unterwegs war. Außer auf einer… HR-46 war das glaube ich…, die lag ähnlich ruhig im Wasser.«

»Dein Glück, dass du meine Fähigkeiten noch anerkannt hast, hehe!«, lachten wir gemeinsam. »Ja, für reine Regattasegler ist eine traditionelle Hans Christian natürlich viel zu behäbig. Aber man muss das vergleichen wie den Unterschied zwischen einem Formel-1-Rennwagen und einer gemütlichen Oberklasse-Limousine für Langstreckenreisen – oder noch treffender: einem komfortablen Expeditions-Wohnmobil. Es ist natürlich immer schön, wenn ein Boot spritzig am Ruder hängt. Aber wenn du als Langstreckensegler auf den Ozeanen zu Hause bist, brauchst du ganz andere Qualitäten.«

»Klaro… aber ich hätte echt nicht gedacht, dass diese HC trotz ihrer Masse noch so ordentlich marschiert und man sich an Bord so gemütlich fühlt.«

»Der alte Hans Christian, der dieses Design damals entwarf, hat da einen ziemlich genialen Kompromiss geschaffen«, erklärte ich. »Sehr angenehmes, Seegang parierendes Seeverhalten bei erstaunlich passablen Etmalen. Meine erste Fahrtenyacht zum Beispiel – eine Belliure-50 von 1989 – war ebenfalls ein schwerer S-Rundspant-Langkieler. Sie hatte riesige Tankkapazitäten, weil es damals für kleinere Yachten noch keine bezahlbaren Wassermacher gab. Die war wirklich lahm und selbst bei Starkwind nur mit Mühe über 5 Knoten zu prügeln. Als Wohnschiff eine Wucht, solide verarbeitet und mit massig Platz – viel mehr als auf der HC-48T, obwohl es nur zwei Fuß Längenunterschied waren. Aber die Segeleigenschaften blieben ein echter Schwachpunkt. Dieses Problem hatten viele alte Langkieler. Hans hat das bei den Entwürfen für die HC-48T-Reihe wesentlich smarter gelöst.«

»Und was hältst du von den Hallberg-Rassy-Schiffen, Bärchen? Die fand ich auch genial, aber meistens unbezahlbar teuer«, hakte Bella nach.

»Oh ja, HRs sind ebenfalls fantastische Yachten. Hinsichtlich der Segeleigenschaften sogar noch einen Ticken agiler, massiv hochwertig in bester Qualität gebaut und zeitlos elegant«, lächelte ich und zwinkerte ihr mit einem ganz bestimmten Blick zu. »Ich bin schon einige HRs gesegelt und fand sie klasse… aber wenn du dich jetzt nicht langsam fertig anziehst, weiß ich wirklich nicht, wie lange ich mich hier noch beherrschen kann, hehehe!«

»Ahaha, willst du etwa schon wieder über mich herfallen? Hilfe, Hilfe…!«, rief sie prustend durch den Flur von der Achterkabine nach vorne in den Salon, wo sich Kasha gerade auf dem Sofa räkelte – übrigens ebenfalls nur reizvoll spärlich bekleidet.

»Sorry Bella, hab gerade keine Zeit, dich zu retten! Gib dich einfach dem Captain hin, hahaha!«, lachte der Frechdachs und tippte dabei ungerührt weiter auf ihrem Smartphone. Vermutlich tauschte sie gerade Nachrichten mit Freundinnen an Land aus. Natürlich nutzt auch sie, wie die meisten jungen Menschen, diverse Social-Media-Kanäle – allerdings reine Just-for-Fun-Accounts mit ein paar tausend Followern, nicht so professionell aufgezogen wie bei Bella.

 

Lachend gingen wir nach vorne in die Kombüse, um gemeinsam das Mittagessen vorzubereiten; Bella hatte heute Küchendienst. Doch zuerst kletterte ich hoch ins Cockpit, wo Sascha ab 12 Uhr die Nachmittagswache übernommen hatte, rauchte eine Zigarette und warf den gewohnten Kontrollblick über See und Instrumente. Aktuell standen 11 bis 14 Knoten Wind aus fast genau Nord auf der Anzeige, was uns bei Kursen um 200° gute 6,5 bis 7,5 Knoten Fahrt über Grund (SOG) bescherte.

Leider erwies sich diese Brise nur als lokal begrenztes Windband. Die Nadel sackte kurz darauf rapide ab, und bald wehten nur noch mickrige 2 bis 4 Knoten aus Ost. Zeitweise herrschte sogar nahezu Flaute. Laut den aktuellen Vorhersagemodellen drohten wir darin für längere Zeit festzustecken. Mist!

Das auslösende, kleine Hochdruckgebiet lag mit seinem Kern halb über dem französischen Festland und halb über der Biskaya, wobei wir uns genau im schwachwindigen Westsektor befanden. Wenn es wie erwartet weiter nach Osten zieht und wir strikt auf Südkurs bleiben, sollten wir uns in der kommenden Nacht daraus befreien und wieder auf frischeren Ostwind stoßen. Obwohl ich es als Segler nur ungern tue, gab ich daher Anweisung, den Diesel zu starten und das Code-Zero-Leichtwindsegel wegzurollen – was Sascha und ich im Handumdrehen erledigt hatten.

Hoffentlich bleibt das Hoch nicht stationär liegen und löst sich langsam auf. Nun, wir werden es nehmen müssen, wie es kommt. Das Seewetter schert sich nicht um Etmal-Pläne – als Segler lernt man rasch, damit gelassen zu leben. Oder man steigt eben auf ein Motorboot um, wenn man das Warten nicht erträgt.


 

Bella und Kasha verscheuchten mich kurz darauf aus der Kombüse, als ich beim Schnippeln helfen wollte. Die Küche ist richtigerweise so kompakt gebaut, dass sich der Smutje bei einem rollendem und stampfendem Schiff mit Beinen und Hüfte gut verkeilen kann. Für zwei schlanke Frauen geht das noch, aber sobald ein Mann mit meiner Bärenstatur dazukommt, herrscht schlicht Platzangst.

Also kontrollierte ich gegenüber an der Nav-Station, ob das AIS ordnungsgemäß sendete und die Warnzonen korrekt konfiguriert waren. Alles lief perfekt: Das AIS meldete Schiffsverkehr im Umkreis von drei Seemeilen, während das Radar Ziele bereits ab sechs Seemeilen Erfassungsradius darstellte. Der Plotter berechnete daraus laufend die möglichen Annäherungskurse (CPA/TCPA) und schlägt zuverlässig Alarm, sobald sich ein echtes Kollisionsrisiko abzeichnet – etwa bei einer Nächstannäherung (CPA) von unter 0,5 bis 1 Seemeile und einer verbleibenden Zeit (TCPA) von unter 10 bis 15 Minuten.

Unterdessen zauberten die Schönen unter viel Gelächter und frechen Bemerkungen in meine Richtung ein einfaches, aber ausgesprochen leckeres Essen: Eine Fertigmahlzeit Tiefkühl-Paella, die sie mit zusätzlichen Garnelen, Wok-Nudeln, frischen Kräutern, scharfen Gewürzen und knackigem Gemüse so geschickt verfeinerten, dass daraus ein richtiger Schmaus wurde. Verteilt auf vier tiefe, gut zu haltende Schüsseln konnten wir das Gericht oben im Cockpit zusammen mit Sascha problemlos löffeln, während die Globetrotter sanft durch die Atlantikdünung wiegte. Als Nachtisch servierten sie frischen Obstsalat mit Rosinen, etwas Müsli und einem feinen Schuss Cognac fürs Aroma. Hervorragend!

Draußen herrschte inzwischen kaum noch 1 Knoten Wind – echte Ententeich-Flaute. Auf unserem Südkurs unter Maschine mit rund 7,5 Knoten erzeugten wir uns unseren eigenen Fahrtwind von vorn, was Segler „scheinbaren Wind“ nennen. Es gab praktisch keine Windwellen, lediglich eine lange Atlantikdünung von etwa einem Meter aus Nordwest, die uns leicht von Steuerbord achterlich auflief und das Schiff spürbar rollen ließ.

Wir dämpften die Schiffsbewegungen, indem wir das Großsegel stehen ließen und es mit einem Bullenstander leicht Back gesetzt auf einer Seite fixierten. So schlägt das Tuch nicht ständig hin und her – was die Nähte schont –, sondern steht mit leichtem Gegendruck stabil im Fahrtwind. Das bremst die Fahrt zwar um unmerkliche 0,2 oder 0,3 Knoten ab, stabilisiert den Rumpf aber spürbar gegen das lästige Rollen. Mit unserem verlässlichen 160-PS-Diesel und fast 800 Litern Treibstoff in den Tanks war dieser kleine Zusatzwiderstand absolut zu verschmerzen.

Ab 16 Uhr war Kasha als Wache am Ruder eingeteilt, was jedoch keinerlei praktische Auswirkungen auf unseren Nachmittag hatte. Der Autopilot hielt die Globetrotter stur auf Kurs, und wir vier agierten einfach so, als hätten wir alle gleichzeitig Freiwache. Wir machten Späße, spielten ein paar Runden Mau-Mau und lachten jedes Mal extra übertrieben gehässig, wenn jemand aussetzen oder eine Handvoll Strafkarten ziehen musste.

 

Da ich auch internationale Leser habe, die den Begriff Mau-Mau vielleicht nicht kennen, hier ein kurzer Blick auf das Spielprinzip:

Mau-Mau ist ein einfaches, dynamisches Kartenspiel, das mit einem Standard-Skatblatt oder französischen Karten gespielt wird. Das Hauptziel besteht schlicht darin, als Erster alle eigenen Handkarten loszuwerden. Zu Beginn erhält jeder Spieler eine Handvoll Karten – bei uns typischerweise sieben. Der Rest bildet als verdeckter Stapel die Mitte, wobei die oberste Karte aufgedeckt wird und den Ablagestapel eröffnet. Reihum legt nun jeder eine passende Karte ab, die entweder in der Farbe oder im Wert mit der obersten Karte übereinstimmen muss. Kann man nicht bedienen, muss eine Karte vom Stapel nachgezogen werden.

Richtig Schwung bringen die Sonderkarten ins Spiel:

  • Buben: Dürfen unabhängig von der Farbe gelegt werden und erlauben es, sich eine neue Wunschfarbe auszusuchen.
  • Siebenen: Zwingen den nachfolgenden Spieler, zwei Karten zu ziehen – es sei denn, er kontert mit einer weiteren Sieben, wodurch der Übernächste gleich vier Karten schlucken muss, oder der Über-übernächste sechs.
  • Achten: Der nächste Spieler muss einmal komplett aussetzen.
  • Neunen: Kehren die Spielrichtung um.

Wer seine vorletzte Karte ausspielt, muss laut »Mau« rufen, und bei der letzten Karte folgt das erlösende »Mau-Mau«. Wer das im Eifer des Gefechts vergisst, wird gnadenlos mit zwei Strafkarten gehandikapt. Gewonnen hat, wer als Erster blank ist. Das Spiel ist unkompliziert, geht rasend schnell und ist mit der richtigen Besetzung ein Garant für feurige Wortgefechte und laute Lacher.

Selbst für unsere generell sehr ausgelassene Truppe war das ein außergewöhnlich amüsanter Nachmittag. Wir bekamen vor lauter Lachen regelrecht Bauchschmerzen und gerieten mehrfach in echte Lachkrämpfe. Insgesamt spielten wir sechs Runden, amüsierten uns köstlich und lachten uns schlapp darüber, dass der arme Sascha nicht ein einziges Mal gewann. 

 

»Delfine an Steuerbord voraus!«, rief Bella plötzlich, und natürlich stürmten wir sofort alle an die Reling. Ganz gleich, wie oft man das auf See schon erlebt hat: Eine Delfin-Eskorte, die minutenlang mit dem Boot um die Wette schwimmt oder in der Bugwelle spielt, ist für Seefahrer jedes Mal ein magischer Moment. Ganz besonders für Fahrtensegler auf ihren vergleichsweise kleinen, schwankenden, den Elementen ausgelieferten Booten, irgendwo auf der endlosen See.

»Oooooch Mensch, ich wollte am liebsten direkt reinspringen und mit ihnen schwimmen!«, seufzte Kasha mit glänzenden Augen. »Das ist bestimmt ein gutes Omen – bald bekommen wir wieder besseren Wind!«

»Was wettest du darauf?«, grinst Sascha. »Hoffen wir’s! Ich hasse es, motoren zu müssen.«

»Ja, hoffen wir es. Wie ihr wisst, hasse ich es noch viel mehr, ein Segelboot unter Maschinenkraft zu bewegen.«

Freudig schauten wir sicher fünf Minuten lang den unglaublich elegant durchs Wasser flitzenden Delfinen zu, die immer wieder kraftvoll auftauchten. Einer von ihnen vollführte sogar einen geradezu weltmeisterlichen Hochsprung mit unzählig vielen, blitzschnellen Drehungen um die eigene Achse. Offenbar in voller Absicht tauchte er keineswegs lautlos wieder ein – was Delfine spielend leicht beherrschen –, sondern klatschte mit einem gewaltigen Bauchplatscher zurück ins Meer.

Die Wissenschaft ist sich bis heute nicht ganz einig, ob sie solche Akrobatik aus purer Lebens- und Spielfreude machen oder eher, um lästige Parasiten von der Haut zu schütteln. Vielleicht ja aus beiden Gründen. Auf den Betrachter wirkt es jedenfalls wie pure Daseinsfreude – und ich mag diesen Gedanken, ganz gleich, was die Biologie dazu sagt.

Eine Stunde später schenkte uns der Atlantik ein fast unwirklich schönes Lichtspiel, wie man es wohl nur draußen auf See in dieser Intensität erleben kann. Goldene Sonnenstrahlen brachen durch mächtige Wolkenbänke und zauberten ein atemberaubendes Schauspiel an den Himmel, den Horizont und das Meer darunter. Ich sage es ja immer wieder: Wirklich langweilig wird es auf See nie, wenn man die Antennen für solche Momente und Naturschauspiele besitzt, die kleinen Dinge des Lebens genießen kann.

 

»Auf was für einem wunderschönen, kleinen Planeten wir doch leben dürfen… und leider gibt es so viele Idioten, die in endloser, egoistischer Gier unverdrossen daran arbeiten, unsere winzige Biosphäre zu zerstören«, philosophierte ich nachdenklich vor mich hin.

»Oho, unser lieber Kapitäns-Philosoph wieder…«, lächelte Bella mit einem tiefen, anerkennenden Blick. »…und wie recht er leider hat.«

Den Abend ließen wir ganz gemütlich ausklingen. Die Wachhabenden wechselten sich im gewohnten Rhythmus ab, und jeder döste oder schlief so, wie es dem eigenen Biorhythmus gerade am besten entsprach. Je nach Windlage – aktuell schob uns eine leise Brise mit rund 5 Knoten aus Ost voran – erreichen wir morgen Abend, in der Nacht oder vielleicht erst übermorgen die spanische Küste.

Bis denne… 😊

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Île-Molène. Bordbesuch, Ankunft und bewegende Jugenderinnerungen

 

#26.09.10 – Île-Molène. Bordbesuch, Ankunft und bewegende Jugenderinnerungen

»Ooooch… guckt mal, was für einen süßen Besucher wir haben!«, rief Kasha plötzlich von oben aus dem Cockpit hinunter zu uns dreien im Saloon.

»Was? Wer denn?«, war Bella neugierig als Erste auf den Beinen; Sascha und ich folgten ihr die Niedergangsstufen hinauf.

»Da drüben auf der Reling, schaut… piep, piep! Hallo süßes Vögelchen, herzlich willkommen an Bord«, strahlte Kasha übers ganze Gesicht. Zusammen mit Bella richtete sie in einer kleinen Schale behutsam eine Portion Süßwasser sowie ein paar ungesalzene Krümel und Haferflocken her. Schließlich wollten die Mädels den feingliedrigen Gast mit gewöhnlichem Brot- oder Keksgebäck nicht mit ungesundem Salz oder Zucker belasten, und ihn keinesfalls erschrecken oder verscheuchen.

 

Keiner von uns vier ist Ornithologe, doch per digitaler Bildsuche identifizierten wir den kleinen Piepmatz rasch als Schafstelze (Motacilla flava) – genauer gesagt sehr wahrscheinlich ein Weibchen oder ein Jungvogel, gut erkennbar am etwas blasseren Gefieder und dem grau-olivfarbenen Köpfchen.

Schafstelzen sind ausgeprägte Langstreckenzieher, die im Spätsommer und Frühherbst – etwa im August und September – aus ihren europäischen Brutgebieten gen Afrika wandern. Auf ihrer kräftezehrenden Etappe über das offene Meer, wie hier über den Ärmelkanal oder die Biskaya, nutzen sie friedlich treibende Segelschiffe liebend gerne als schwimmende Rastplätze, um ein wenig durchzuatmen. Reicht man dem erschöpften Kerlchen ein flaches Schälchen Wasser und artgerechte Nahrung, zeigen sich diese Vögel oft bemerkenswert zutraulich. Sie naschen dankbar, ruhen einige Minuten aus und ziehen anschließend frisch gestärkt weiter.

»Ach wie knuffig… gute Reise, little Birdie!«, riefen alle lächelnd dem goldigen Piepmatz hinterher, als er tatsächlich ein paar Flocken gepickt, etwas Wasser geschlürft und schließlich wieder Schwung aufgenommen hatte.

Nur noch eine gute Stunde vom Archipel und unserem per E-Mail vorbestellten Mooringplatz in der Lagune entfernt lagen, hätte das Vögelchen auch dorthin weiterfliegen können; an Land hätte es alles gefunden, was es benötigt. Doch gerade Segelyachten, die ohne dröhnendes Maschinengeräusch und ohne stinkende Abgasfahne durchs Wasser gleiten, genießen bei solchen Vögeln für einen kurzen Zwischenstopp hohes Ansehen.

Sämtliche Fahrtensegler, die ich im Laufe der Jahre näher kennenlernen durfte, begegnen solchen gefiederten Gästen auf See mit einer ehrlichen Gastfreundschaft. Einige Tiere scheinen im Laufe der Zeit gelernt zu haben, wie leicht sich bei den zweibeinigen Crews Wasser und Proviant abstauben lassen. Dennoch bleibt ein solcher Bordbesuch mitten auf dem Meer selten – und erzeugt weit draußen auf See jedes Mal eine ähnlich magische Stimmung wie eine Schule Delphine, die unbeschwert in der Bugwelle mitschwimmt. lächel

Bald darauf liefen wir in das Archipel ein. Das Festmach-Manöver an der Boje klappte auf Anhieb nahezu perfekt – was bei Gezeitenströmung und Wind keineswegs selbstverständlich ist, da das Einfädeln der Mooringleine mit einem schwerfälligen Schiffsrumpf spürbares Fingerspitzengefühl verlangt. Aktuell verzeichneten wir im Schnitt 16 bis 22 Knoten Wind aus Nordwest, in den Spitzen über 25 Knoten. 


 

Dadurch konnten wir das letzte Drittel der Kanalpassage richtig zügig segeln. Die schwere Hans Christian 48T schnitt mit bis zu 8 Knoten vergleichsweise ruhig durch die rund 2,5 Meter hohen Wellenberge, wobei nur gelegentlich feines Spritzwasser über das Vorschiff stob. Die Meteorologen meldeten für die Île-Molène tagesüber milde 15 bis 19 Grad, zunächst wechselnd bewölkt mit sonnigen Abschnitten, gen Nachmittag und Abend von Westen her zunehmend bedeckt.

Molène bildet das historische Tor zur Biskaya und gilt als der letzte vorgeschobene Außenposten der Bretagne. Wer die strapaziöse Kanal-Passage hinter sich gebracht hat, steht gewöhnlich vor einer Grundsatzfrage: Sollen wir uns wirklich stundenlang durch das Goulet de Brest quälen, nur um im trubeligen Großstadthafen festzumachen? Oder nutzen wir lieber eine der faszinierendsten Absprungbasen Nordwesteuropas?

Unsere Wahl für den Zwischenstopp vor dem Biskaya-Sprung fiel eindeutig aus: Die Île Molène, eine winzige, von reißenden Gezeiten umspülte Insel im Chenal du Four, die manch einer beim flüchtigen Blick auf die Karte glatt übersehen könnte. Wer hier an den Bojen festmacht, taucht augenblicklich in eine vollkommen entschleunigte Gegenwelt ein.

Was den Besucher auf Molène im September erwartet: Zu dieser Jahreszeit stellt sich auf dem Eiland ein spürbar ruhiger Zauber ein. Die großen Touristenscharen des Hochsommers sind schlagartig abgeebbt. Die Passagierfähren bringen nur noch vereinzelte Tagesgäste hinüber, und der gesamte Alltag auf dem Felsen schaltet zwei Gänge zurück.

Ausgestorben wirkt es aber keineswegs. An den gelben Besucherbojen trifft man im September vor allem die echten Langstreckenfahrer unter den Wassersportlern: Durchreisende Fahrtensegler, die genau wie wir den Ärmelkanal im Kielwasser haben und nun gelassen auf das passende Wetterfenster für den Biskaya-Schlag warten. Die Stimmung an Land präsentiert sich herrlich entspannt – man kommt sofort mit Gleichgesinnten ins Gespräch.

Ein praktischer kulinarischer Tipp fürs Essen an Land: Das Inselleben gehorcht eigenen Gesetzen, namentlich bei den Öffnungszeiten der Gastronomie. Wenn das Bar-Restaurant Ô Caillou mittwochs Ruhetag einlegt, weichen alle Hungrigen ins Au Vent des Îles aus. Hier serviert das Team ehrliche, bodenständige bretonische Küche, frischen Fisch sowie erstklassige Galettes. Aber Achtung: Eine Reservierung vor dem Landgang ist schlicht Pflicht, sonst bleibt der Teller nach dem Anlegen womöglich leer! Am besten meldet man sich bereits Stunden oder einen Tag vor dem Einlaufen in die Lagune telefonisch oder per Mail an.

Öffnungszeiten am Mittwoch (September):

  • Mittagstisch: 10:00 – 15:00 Uhr (Küche gewöhnlich von ca. 12:00 bis 14:00/14:30 Uhr)
  • Abendessen: 18:45 – 20:00 / 20:30 Uhr (Dienstags hat das Au Vent des Îles Ruhetag, womit die Insellokale sich geschickt abwechseln).
  • Küche & Spezialität: Bodenständige, traditionelle bretonische Küche, frische Meeresfrüchte, lokale Fischgerichte sowie deftige Galettes und süße Crêpes.
  • Lage: Zu finden im Ortsteil Mez ar Vilin (nur wenige Gehminuten vom kleinen Hafen und dem Anleger entfernt).
  • Kontakt für Reservierungen: Telefon: +33 (0)2 98 07 37 08 | Mobil: +33 (0)6 76 07 29 96 | E-Mail: au-ventdesiles@orange.fr

Mythen, Meeresleuchten & Seenotretter – die Geschichte des Archipels: Molène ist nicht einfach nur ein isolierter Granitfelsen im Ozean, sondern das Herzstück eines kompletten Insel-Archipels, das seit 2007 als UNESCO-Biosphärenreservat geschützt steht. Die Historie dieses Fleckchens Erde präsentiert sich rau, packend und tief mit den Schicksalen der Seefahrt verwoben:

  • Die Hüter der Schiffsbrüchigen: Die Passagen rund um Molène galten seit jeher als eine der tückischsten Schifffahrtsstraßen Europas. Versteckte Felsrippen, bis zu 6 Knoten Gezeitenstrom und schlagartig einfallender Nebel, forderten im Laufe der Jahrhunderte hunderte Seeschiffe. Ohne moderne elektronische Kartenplotter und genaues GPS gerieten hier selbst abgebrühte Kapitäne in gewaltige Nöte; doch auch heutzutage bleibt das Navigieren zwischen den Untiefen reine Konzentrationssache. Die Insulaner erlangten Weltruhm für ihren furchtlosen Einsatz bei der Seenotrettung – allen voran beim tragischen Untergang des Passagierschiffs SS Drummond Castle im Jahr 1896, als die einheimischen Fischer unter eigenem Lebensrisiko Überlebende aus den eisigen Fluten bargen.
  • Das Land der Seegras-Wurst (Saucisse de Molène): Eine kulinarische Besonderheit der Inselhistorie: Da es auf dem kargen Felsen kaum Brennholz gab, räucherten die Bewohner ihre Vorräte historisch über getrocknetem Seegras und Tang. Die berühmte Saucisse de Molène wird bis zum heutigen Tag nach genau diesem Verfahren verarbeitet und zeichnet sich durch ein unnachahmliches, fein-rauchiges und zart maritimes Aroma aus, das man andernorts vergeblich sucht.
  • Ein El Dorado für Naturbeobachter: Wer mit dem Tender durch die flachen Lagunen tastet, teilt sich das Ozeanwasser mit einer der bedeutendsten Kegelrobben-Kolonien Europas sowie verspielten Großen Tummlern. Das Meereswasser präsentiert sich glasklar – ideal, um die schiffseigenen Bordsysteme wie den Wassermacher einmal mit sauberem Atlantikwasser durchzuspülen.

Falls ihr Molène selbst einmal ansteuern wollt, behaltet diese drei Faustregeln im Hinterkopf:

1.     Ankern verboten, Boje Pflicht: Der Meeresgrund besteht aus glattem Fels und geschützten Seegraswiesen (Zostera). Ein Anker findet hier bei kabbeligem Gezeitenstrom kaum Halt. Nutzt zwingend die gelben oder weißen Besucherbojen (ca. 15–20 €/Nacht). Achtet mit tiefgehenden Kielen zwingend auf die Gezeiten – bei Niedrigwasser während der Springtide sollte man die inneren Plätze tunlichst meiden.

2.     Der Dinghy-Motor ist Pflicht: Versucht gar nicht erst, gegen 4 Knoten Gezeitenstrom zum Anleger zu rudern. Ohne einen verlässlichen Außenborder wird der Landgang in diesen Gewässern schnell zum gefährlichen Glücksspiel!

3.     Die perfekte Biskaya-Startrampe: Der unschlagbare Pluspunkt! Sobald der Wind passend dreht und das Wetterfenster aufbricht, löst man schlicht die Bojenleine und befindet sich binnen Minuten auf freiem Kurs nach Süden – ohne stundenlanges Verholen aus tief eingeschnittenen Meeresbuchten.

»Juhuuu…, jetzt an Land die Beine vertreten, dann Einlaufdrinks und lecker französisches Essen!«, freute sich Kasha, nachdem wir innerhalb einer guten halben Stunde das Boot aufgeklart hatten und die Hans Christian sicher an der Boje eingerastet lag. »Los kommt schon, ihr Trödelsusen, haha!«

 


Schon kletterte sie lachend voraus ins Beiboot, das wir mitsamt dem 20-PS-Außenborder bereits zu Wasser gelassen hatten. Wir anderen folgten der Frechen etwas gemächlicher nach und setzten zunächst für einen ausgedehnten Erkundungsgang an Land über. Inzwischen erreichte die Ebbe fast ihren Tiefstand, wodurch die hier um Molène zeitweise brachialen Gezeitenströmungen auf moderate 2 Knoten nachgelassen hatten.

Dennoch – und vor allem wenn man länger an Land verweilt und später bei auflaufendem Wasser mit den massiven Strömungen zurück zum Schiff muss – sollte man zwingend ein ordentlich motorisiertes Beiboot nutzen. Ein leiser, geruhsamer E-Antrieb wie etwa von ePropulsion stößt in diesem speziellen Revier schnell an seine Grenzen und wird potenziell gefährlich. Mit umgerechnet knapp 3 PS Schubleistung bringt der Tender inklusive Zusatztank, Ausrüstung und vier Personen gut 400 Kilogramm Gesamtmasse auf die Waage; diese Fülle sicher gegen 4 bis 6 Knoten Gezeitenstrom und womöglich kabbeligen Gegenwind zu drücken, verlangt nach echter Motorkraft. Ich war jedenfalls heilfroh über unseren verlässlichen 20-PS-Yamaha-Viertakter am Heck.

Gut gelaunt plaudernd, scherzend und die frische Seeluft genießend schlenderten wir über das karge Eiland, auf dem es von Natur aus eher ruhig zugeht. Auf der Île-Molène zählen die Behörden aktuell gerade einmal etwa 160 bis 170 Einwohner mit dauerhaftem Hauptwohnsitz. Das Archipel bildet gewissermaßen den Gegenentwurf zum hektischen Treiben auf dem Festland – eingebettet in anspruchsvolle Gewässer mit meist rauer Witterung. Die verbleibende Bevölkerung bestreitet ihren Lebensunterhalt hauptsächlich aus folgenden Pfeilern:

  • Insel-Tourismus & Gastronomie: Obwohl der Massentourismus ausbleibt, bilden Tagesgäste, Fahrtensegler, Ferienhausbesitzer und der Sommertourismus das wirtschaftliche Rückgrat (Gastronomie, Unterkünfte, Kunsthandwerk, Bäcker).
  • Algenwirtschaft (Algoculture): Das Revier zählt zu den bedeutendsten Algenabbaugebieten Europas. Der professionelle Ernte- und Verarbeitungssektor von Braunalgen und Tang für die Kosmetik-, Lebensmittel- und Pharmaindustrie stellt einen wichtigen regionalen Arbeitgeber dar.
  • Öffentlicher Dienst & Infrastruktur: Ein spürbarer Teil der Bewohner arbeitet direkt für die Infrastruktur der Inselgemeinde (Gemeindeverwaltung, Müll- und Wasserwirtschaft, Kraftwerk, Grundschule, Hafendienste, Post).
  • Dienstleistungen & Handwerk: Lokale Handwerker (Bau, Instandhaltung, Bootsservice) leben von der Pflege der Gebäude, Infrastruktur und Bootseinrichtungen.
  • Pensionäre & Ruhestand: Ein großer Anteil der ganzjährigen Einwohner besteht aus Senioren und Rückkehrern, die ihren Ruhestand auf der Insel verbringen und ihr Einkommen aus Rente oder Ersparnissen beziehen.

Wir besichtigten aufmerksam das Areal rund um den Leuchtturmkomplex sowie die historischen Überreste der alten Sakralbauten. Die sichtbaren Spuren der früheren Gotteshäuser auf Molène erzählen ein eigenes Kapitel der lokalen Kirchenhistorie und der Vorgängerbauten der heute genutzten Église Saint-Ronan:

1.     Die ursprüngliche Chapelle Notre-Dame: Vor dem Bau der heutigen Pfarrkirche stand an der Stelle des alten Inselfriedhofs eine kleine, der Maria geweihte Kapelle (Chapelle Notre-Dame). Diese stammte noch aus dem Mittelalter und diente über etliche Jahrhunderte auch den Mönchen der mächtigen Abbaye de Saint-Mathieu vom Festland als Stützpunkt, wenn sie für Zeremonien auf die Insel übersetzten. Aus dieser Kapelle blieben sogar geschnitzte Chorgestühle (Stalles) erhalten, die im heutigen Kirchenraum verbaut wurden.

2.     Der Zwischenbau von 1776 und der Neubau (1878–1881): Im Jahr 1776 wurde die alte Kapelle durch ein größeres Kirchengebäude ersetzt. Da die Inselbevölkerung im 19. Jahrhundert jedoch wuchs und das raue Atlantikwetter dem Bauwerk stark zusetzte, entstand zwischen 1878 und 1881 nach Plänen des Architekten Ernest Le Guerrannic die heutige Église Saint-Ronan. Die Steine und Grundmauern der alten Kapelle wurden im Zuge dessen teilweise abgetragen oder geschickt integriert.

Was man heute vor Ort sieht:

  • Reste der alten Kapelle / Enclos: Im Bereich des alten Friedhofs und rund um die heutige Kirche stößt man auf die sichtbaren Grundmauern, alten Einfassungsmauern (Enclos) sowie verwitterte Grabsteine der ursprünglichen Chapelle Notre-Dame.
  • Aufbewahrte Relikte: Betritt man die heutige Kirche, erblickt man Kunstschätze, die direkt aus der abgerissenen Kapelle gerettet wurden – darunter hölzerne Heiligenstatuen aus dem 17. und 18. Jahrhundert (u. a. eine Vierge à l'Enfant) sowie das historische Reliquiar.

Es ist ein eindrucksvoller Ort für einen kurzen Landgang-Spaziergang: Die alten Steinreste vor dem Atlantikpanorama lassen erahnen, wie isoliert und rau das Glaubens- und Inselleben der Molénais früher gewesen sein muss.


 

Beim leckeren Mittagessen im Au Vent des Îles – einem hübschen, schnörkellosen, aber guten Insel-Restaurant mit aufmerksamem Personal – erzählte ich der Crew bei Speis und Trank, wie ich ursprünglich zum Segler wurde. Als Jugendlicher verschlang ich beispielsweise die historisch akkuraten Romane von C.S. Forester aus der Horatio Hornblower-Reihe sowie die Reiseberichte von Eric und Susan Hiscock. Das Ehepaar berichtete aus einer Epoche, als Fahrtensegeln noch kein Massenphänomen war, sondern ein echtes Abenteuer voller Unwägbarkeiten, wie man es sich heutzutage mit all der modernen Elektronik und tausenden Yachten kaum mehr vorstellen kann.

»Ach wie spannend…, tief im Herzen bist du ein unverbesserlicher Romantiker und Abenteurer, stimmts?«, lächelte Bella sanft. Ich konnte nur nickend zustimmen, bewegt von hochkommenden Erinnerungen an jene Tage, als ich als Binnenland-Junge von der weiten See träumte.

»Nie gehört – wer waren die beiden überhaupt?«, hakte Kasha neugierig nach. Ich holte etwas weiter aus:

Das britische Ehepaar zählt zu den absoluten Pionieren des modernen Blauwasser- und Langstreckensegelns. Mit ihren legendären Yachten – allen voran den Holzschiffen Wanderer III (einer 30-Fuß-Sloop, gezeichnet von Laurent Giles) und später Wanderer IV – umsegelten sie mehrmals den Globus. Ihre Bücher wie »Cruising Under Sail« oder »Around the World in Wanderer III« gerieten für Generationen von Binnenland-Träumern und angehenden Weltumseglern zur Fach-Bibel der Ozeansegelei. Eric schrieb unverblümt, extrem praxisnah und mit feinem britischen Humor über Seemannschaft, Navigation und das raue Leben an Bord.

»Aber noch viel mehr faszinierte mich Bernard Moitessiers Geschichte im Buch 'Der verschenkte Sieg', die mir damals direkt aus der Seele sprach«, erzählte ich weiter:

Das Werk beschreibt einen der legendärsten Momente der gesamten Fahrtensegler-Historie, während des berühmten Sunday Times Golden Globe Race 1968/69 – der allerersten Nonstop-Einhand-Regatta um die Erde. Bernard vollzog dabei den wohl berühmtesten Kurswechsel der Segelgeschichte. Moitessier lag mit seiner stählernen Ketsch Joshua grandios im Rennen. Er hatte die drei großen, berüchtigten Kaps (Kap der Guten Hoffnung, Kap Leeuwin und Kap Hoorn) bereits erfolgreich gerundet. Als er wieder den Atlantik erreichte, hätte er eigentlich nur noch nach Norden abbiegen und zurück nach England segeln müssen.

Der Sieg, unermesslicher Ruhm und ein hohes Preisgeld waren ihm so gut wie sicher. Doch die Monate in der Einsamkeit auf See hatten ihn tief verändert. Er spürte eine tiefe Abneigung gegen den kommerziellen Betrieb, den Presserummel und das, was er die 'falschen Götter' der modernen Konsumgesellschaft nannte.

Anstatt nach Norden zum Ziel abzudrehen, hielt er den Bug einfach weiter nach Osten. Da er kein Funkgerät an Bord führte, katapultierte er auf Höhe von Kapstadt im März 1969 eine Nachricht mit einer Steinschleuder auf das Deck eines vorbeifahrenden Frachters. Seine geschriebenen Zeilen gingen um die Welt:

»Ich setze die Fahrt nonstop fort bis zu den Inseln im Pazifik, weil ich auf See glücklich bin und vielleicht auch, um meine Seele zu retten.«

Von Südafrika aus überquerte er ein zweites Mal den Indischen Ozean und warf schließlich nach einer anderthalbfachen Erdumrundung und 303 Tagen ununterbrochener Fahrt vor Tahiti den Anker. Den sicheren Sieg überließ er damit dem Engländer Robin Knox-Johnston. In »Der verschenkte Sieg« (im französischen Original treffend »La Longue Route« – Der lange Weg) beschreibt er genau diese Zerreißprobe und warum er die persönliche Freiheit dem Ruhm vorzog.

»Ich wette, hihi, unser Captain würde uns am liebsten an Land aussetzen, alle moderne Technik über Bord schmeißen und genau das Gleiche wie Bernard machen?!«, kicherte Kasha süß-frech wie eh und je.

»Und seine Botschaft würde lauten: 'Ich setze die Fahrt nonstop fort, weil ich auf See glücklich bin und vielleicht auch, um unterwegs eine Meerjungfrau zu retten.' Stimmts, hahaha?«, lachte Bella herzlich, aber mit einem verständnisvollen, geradezu bewundernden Funkeln in den Augen.

»Nur eine Meerjungfrau?«, grinste ich breit, spürbar gerührt von den Erinnerungen an meine jugendlichen Empfindungen beim Lesen dieser Segelbücher aus alter Zeit. »Na gut, immerhin könnte ich sie jederzeit über Bord schmeißen, wenn sie zu frech wird, und mir Ersatz angeln, hoho.«

»Aaaahaha… was für ein Gauner!«, brachte mir diese Bemerkung sogleich zwei kräftige Knuffe in beide Seiten von Bella und Kasha ein. Sascha grinste komplizenhaft hinüber, und sein Blick verriet, dass auch er dieser Vorstellung durchaus etwas Reizvolles abgewinnen konnte.

»Autsch, dass ihr Frauen immer gleich so brutal werden und den armen, lieben Skipper verprügeln müsst?!«

Lachend und gut gesättigt spazierten wir den verbleibenden Nachmittag über die karge Insel. Natürlich schoss ich auch noch ein paar sexy-freche, softerotische Pics von Bella, da sie ständig Nachschub für ihre treue Online-Community benötigt. Erst in der Abenddämmerung kurz vor 20 Uhr kehrten wir an Bord zurück und machten es uns in der Kajüte gemütlich.


 

Nach den aktualisierten Vorhersagen können wir uns auch morgen noch ausgiebig ausruhen, da Winde aus Südwest für die Weiterreise natürlich denkbar unpassend wären. Am Freitag sollen wir dann die angekündigten Nordwestwinde bekommen – allerdings spürbar schwächer, als noch vor wenigen Tagen prognostiziert. Und mit etwas Pech werden wir Samstag nicht an der Südkante des Hoch-Ausläufers liegen, sondern nahezu mitten im Kern. Das bedeutet Schwachwind aus wechselnden Richtungen bis hin zur Flaute sowie Motoren mit dem Diesel statt schickem Segeltrimm.

Nun ja, immer noch besser, die berüchtigte Biskaya bei ruhigen Wetter- und Seebedingungen mit Maschinenkraft zu durchqueren, als in einen üblen Herbststurm zu geraten. Schauen wir mal, wie es sich tatsächlich entwickelt; das Seewetter fällt bekanntlich oft anders aus als vorhergesagt. Jedenfalls habe ich keineswegs vor, hier länger als nötig abzuwarten.

Nach einem lustigen Gesellschafts-Kartenspiel – im Deutschen schlicht Mau-Mau genannt – zogen sich alle in ihre jeweiligen Ecken oder Kojen zurück und kümmerten sich um ihre Privatangelegenheiten. Bella widmete sich dem Upload ihrer Pics, wozu sie sich noch eine verlockend-verführerische Aufnahme im »Sleeping Beauty«-Stil wünschte.

Völlig nackt, aber so posierend – oder vielmehr so tuend, als würde sie tatsächlich schlummern –, dass es kein bisschen schmuddelig oder gar pornografisch wirkt. Auch nicht wie eine plumpe Zurschaustellung weiblicher Nacktheit, sondern als fantasieanregendes Kopfkino auslösende, einfach schöne Fraulichkeit in ihrer natürlichsten Form.

»Supi, genau so wollte ich es haben… und?«, lächelte sie verschmitzt, ein bisschen provokant-herausfordernd, und nahm die Hand von ihrer Scham, mit der sie ihr Intimstes bis dahin verborgen hatte. Natürlich wusste ich sofort, worauf sie hinauswollte, stellte mich aber demonstrativ doof.

»Und?«

»Haha, tu mal nicht so!«, durchschaute sie mich augenblicklich. »Willst du jetzt nur knipsen und mich anglotzen, statt etwas sehr Schönes zu tun?!«

»Wenn du so fragst, hoho…«, legte ich die Kamera beiseite und stürzte mich nach Art von »Beauty and the Beast« als hungriger Bär auf die Schöne.

Wir liebten uns sinnlich-zärtlich und verspielt, begleitet von Lachen und Scherzen – keine Ahnung wie lange, wohl eine gute Stunde. Typische Geräusche aus dem Bugbereich deuteten darauf hin, dass Kasha und Sascha wohl genau das Gleiche taten. Wie meistens in unserer sehr lockeren Bordgemeinschaft hatten wir keine der Schott-Türen geschlossen.

Auf dieser massiv gebauten Hans Christian 48T könnte man damit zwar gut abgeschottete Intimsphären schaffen, denn das Schiff ist keineswegs so hellhörig wie viele moderne Serienyachten, auf denen man selbst bei geschlossenen Schotts jedes Husten der Crew hört. Aber uns vieren ist eine strikte Intimsphäre ziemlich egal. Bei uns geniert sich niemand, und dass zwei sich auch mal etwas lautstärker lieben, empfinden wir als das Natürlichste der Welt. Deshalb schließen wir nur selten die Schotts.

Frisch geduscht machten wir uns kurz nach 23 Uhr bettfertig. Ich rauchte noch eine letzte Zigarette an Deck und kontrollierte die aktuellen Windvorhersagen. Die Modelle hatten sich schon wieder leicht verändert: Jetzt sah es danach aus, als ob wir am Freitag doch guten Segelwind durch die Biskaya bekommen – vorausgesetzt, wir halten uns nordwestlich einer diagonal verlaufenden Trennungslinie.

 

Nördlich davon versprach das Wettermodell ideale nord- bis nordwestliche Winde, südlich davon hingegen sehr ungünstigen Wind aus Südwest.

Meteorologisch spricht man hier von einem lokalen Mesotief beziehungsweise Meso-Hoch oder einem abgeschnürten Hochdruckkern (Bubble High / Mesoscale Anticyclone). Solche Phänomene entstehen kurzzeitig, wenn der großräumige Hochdruckkeil durch die mächtigen Hochlagen der Kantabrischen Kordillere in Nordspanien und der Pyrenäen blockiert und gewissermaßen einknickt. Die Luftstau- und Lee-Effekte der gebirgigen Küste pressen das Windfeld dann lokal in so eine kreisförmige Wirbelstruktur.

Ich sagte es ja schon: Seewetter ist gerade in Regionen wie der Biskaya oft unerwartet dynamisch. Eine derart scharfe, ausgedehnte Windtrennung diagonal über die gesamte Bay of Biscay habe ich auf Vorhersageplattformen wie Windy auch noch selten gesehen. Aber ich segelte zuletzt vor vielen Jahren durch die Biskaya und damals konnten man von so hochauflösenden Wettermodellen, wie auf Windy, noch nicht mal träumen. Wir dürfen also gespannt sein, wie es am Freitag draußen auf See tatsächlich aussieht!

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