#26.09.10 – Île-Molène. Bordbesuch, Ankunft und bewegende Jugenderinnerungen
»Ooooch… guckt mal, was für einen süßen Besucher wir haben!«, rief Kasha plötzlich von oben aus dem Cockpit hinunter zu uns dreien im Saloon.
»Was? Wer denn?«, war Bella neugierig als Erste auf den Beinen; Sascha und ich folgten ihr die Niedergangsstufen hinauf.
»Da drüben auf der Reling, schaut… piep, piep! Hallo süßes Vögelchen, herzlich willkommen an Bord«, strahlte Kasha übers ganze Gesicht. Zusammen mit Bella richtete sie in einer kleinen Schale behutsam eine Portion Süßwasser sowie ein paar ungesalzene Krümel und Haferflocken her. Schließlich wollten die Mädels den feingliedrigen Gast mit gewöhnlichem Brot- oder Keksgebäck nicht mit ungesundem Salz oder Zucker belasten, und ihn keinesfalls erschrecken oder verscheuchen.
Keiner von uns vier ist Ornithologe, doch per digitaler Bildsuche identifizierten wir den kleinen Piepmatz rasch als Schafstelze (Motacilla flava) – genauer gesagt sehr wahrscheinlich ein Weibchen oder ein Jungvogel, gut erkennbar am etwas blasseren Gefieder und dem grau-olivfarbenen Köpfchen.
Schafstelzen sind ausgeprägte Langstreckenzieher, die im Spätsommer und Frühherbst – etwa im August und September – aus ihren europäischen Brutgebieten gen Afrika wandern. Auf ihrer kräftezehrenden Etappe über das offene Meer, wie hier über den Ärmelkanal oder die Biskaya, nutzen sie friedlich treibende Segelschiffe liebend gerne als schwimmende Rastplätze, um ein wenig durchzuatmen. Reicht man dem erschöpften Kerlchen ein flaches Schälchen Wasser und artgerechte Nahrung, zeigen sich diese Vögel oft bemerkenswert zutraulich. Sie naschen dankbar, ruhen einige Minuten aus und ziehen anschließend frisch gestärkt weiter.
»Ach wie knuffig… gute Reise, little Birdie!«, riefen alle lächelnd dem goldigen Piepmatz hinterher, als er tatsächlich ein paar Flocken gepickt, etwas Wasser geschlürft und schließlich wieder Schwung aufgenommen hatte.
Nur noch eine gute Stunde vom Archipel und unserem per E-Mail vorbestellten Mooringplatz in der Lagune entfernt lagen, hätte das Vögelchen auch dorthin weiterfliegen können; an Land hätte es alles gefunden, was es benötigt. Doch gerade Segelyachten, die ohne dröhnendes Maschinengeräusch und ohne stinkende Abgasfahne durchs Wasser gleiten, genießen bei solchen Vögeln für einen kurzen Zwischenstopp hohes Ansehen.
Sämtliche Fahrtensegler, die ich im Laufe der Jahre näher kennenlernen durfte, begegnen solchen gefiederten Gästen auf See mit einer ehrlichen Gastfreundschaft. Einige Tiere scheinen im Laufe der Zeit gelernt zu haben, wie leicht sich bei den zweibeinigen Crews Wasser und Proviant abstauben lassen. Dennoch bleibt ein solcher Bordbesuch mitten auf dem Meer selten – und erzeugt weit draußen auf See jedes Mal eine ähnlich magische Stimmung wie eine Schule Delphine, die unbeschwert in der Bugwelle mitschwimmt. lächel
Bald darauf liefen wir in das Archipel ein. Das Festmach-Manöver an der Boje klappte auf Anhieb nahezu perfekt – was bei Gezeitenströmung und Wind keineswegs selbstverständlich ist, da das Einfädeln der Mooringleine mit einem schwerfälligen Schiffsrumpf spürbares Fingerspitzengefühl verlangt. Aktuell verzeichneten wir im Schnitt 16 bis 22 Knoten Wind aus Nordwest, in den Spitzen über 25 Knoten.
Dadurch konnten wir das letzte Drittel der Kanalpassage richtig zügig segeln. Die schwere Hans Christian 48T schnitt mit bis zu 8 Knoten vergleichsweise ruhig durch die rund 2,5 Meter hohen Wellenberge, wobei nur gelegentlich feines Spritzwasser über das Vorschiff stob. Die Meteorologen meldeten für die Île-Molène tagesüber milde 15 bis 19 Grad, zunächst wechselnd bewölkt mit sonnigen Abschnitten, gen Nachmittag und Abend von Westen her zunehmend bedeckt.
Molène bildet das historische Tor zur Biskaya und gilt als der letzte vorgeschobene Außenposten der Bretagne. Wer die strapaziöse Kanal-Passage hinter sich gebracht hat, steht gewöhnlich vor einer Grundsatzfrage: Sollen wir uns wirklich stundenlang durch das Goulet de Brest quälen, nur um im trubeligen Großstadthafen festzumachen? Oder nutzen wir lieber eine der faszinierendsten Absprungbasen Nordwesteuropas?
Unsere Wahl für den Zwischenstopp vor dem Biskaya-Sprung fiel eindeutig aus: Die Île Molène, eine winzige, von reißenden Gezeiten umspülte Insel im Chenal du Four, die manch einer beim flüchtigen Blick auf die Karte glatt übersehen könnte. Wer hier an den Bojen festmacht, taucht augenblicklich in eine vollkommen entschleunigte Gegenwelt ein.
Was den Besucher auf Molène im September erwartet: Zu dieser Jahreszeit stellt sich auf dem Eiland ein spürbar ruhiger Zauber ein. Die großen Touristenscharen des Hochsommers sind schlagartig abgeebbt. Die Passagierfähren bringen nur noch vereinzelte Tagesgäste hinüber, und der gesamte Alltag auf dem Felsen schaltet zwei Gänge zurück.
Ausgestorben wirkt es aber keineswegs. An den gelben Besucherbojen trifft man im September vor allem die echten Langstreckenfahrer unter den Wassersportlern: Durchreisende Fahrtensegler, die genau wie wir den Ärmelkanal im Kielwasser haben und nun gelassen auf das passende Wetterfenster für den Biskaya-Schlag warten. Die Stimmung an Land präsentiert sich herrlich entspannt – man kommt sofort mit Gleichgesinnten ins Gespräch.
Ein praktischer kulinarischer Tipp fürs Essen an Land: Das Inselleben gehorcht eigenen Gesetzen, namentlich bei den Öffnungszeiten der Gastronomie. Wenn das Bar-Restaurant Ô Caillou mittwochs Ruhetag einlegt, weichen alle Hungrigen ins Au Vent des Îles aus. Hier serviert das Team ehrliche, bodenständige bretonische Küche, frischen Fisch sowie erstklassige Galettes. Aber Achtung: Eine Reservierung vor dem Landgang ist schlicht Pflicht, sonst bleibt der Teller nach dem Anlegen womöglich leer! Am besten meldet man sich bereits Stunden oder einen Tag vor dem Einlaufen in die Lagune telefonisch oder per Mail an.
Öffnungszeiten am Mittwoch (September):
- Mittagstisch: 10:00 – 15:00 Uhr (Küche gewöhnlich von ca. 12:00 bis 14:00/14:30 Uhr)
- Abendessen: 18:45 – 20:00 / 20:30 Uhr (Dienstags hat das Au Vent des Îles Ruhetag, womit die Insellokale sich geschickt abwechseln).
- Küche & Spezialität: Bodenständige, traditionelle bretonische Küche, frische Meeresfrüchte, lokale Fischgerichte sowie deftige Galettes und süße Crêpes.
- Lage: Zu finden im Ortsteil Mez ar Vilin (nur wenige Gehminuten vom kleinen Hafen und dem Anleger entfernt).
- Kontakt für Reservierungen: Telefon: +33 (0)2 98 07 37 08 | Mobil: +33 (0)6 76 07 29 96 | E-Mail: au-ventdesiles@orange.fr
Mythen, Meeresleuchten & Seenotretter – die Geschichte des Archipels: Molène ist nicht einfach nur ein isolierter Granitfelsen im Ozean, sondern das Herzstück eines kompletten Insel-Archipels, das seit 2007 als UNESCO-Biosphärenreservat geschützt steht. Die Historie dieses Fleckchens Erde präsentiert sich rau, packend und tief mit den Schicksalen der Seefahrt verwoben:
- Die Hüter der Schiffsbrüchigen: Die Passagen rund um Molène galten seit jeher als eine der tückischsten Schifffahrtsstraßen Europas. Versteckte Felsrippen, bis zu 6 Knoten Gezeitenstrom und schlagartig einfallender Nebel, forderten im Laufe der Jahrhunderte hunderte Seeschiffe. Ohne moderne elektronische Kartenplotter und genaues GPS gerieten hier selbst abgebrühte Kapitäne in gewaltige Nöte; doch auch heutzutage bleibt das Navigieren zwischen den Untiefen reine Konzentrationssache. Die Insulaner erlangten Weltruhm für ihren furchtlosen Einsatz bei der Seenotrettung – allen voran beim tragischen Untergang des Passagierschiffs SS Drummond Castle im Jahr 1896, als die einheimischen Fischer unter eigenem Lebensrisiko Überlebende aus den eisigen Fluten bargen.
- Das Land der Seegras-Wurst (Saucisse de Molène): Eine kulinarische Besonderheit der Inselhistorie: Da es auf dem kargen Felsen kaum Brennholz gab, räucherten die Bewohner ihre Vorräte historisch über getrocknetem Seegras und Tang. Die berühmte Saucisse de Molène wird bis zum heutigen Tag nach genau diesem Verfahren verarbeitet und zeichnet sich durch ein unnachahmliches, fein-rauchiges und zart maritimes Aroma aus, das man andernorts vergeblich sucht.
- Ein El Dorado für Naturbeobachter: Wer mit dem Tender durch die flachen Lagunen tastet, teilt sich das Ozeanwasser mit einer der bedeutendsten Kegelrobben-Kolonien Europas sowie verspielten Großen Tummlern. Das Meereswasser präsentiert sich glasklar – ideal, um die schiffseigenen Bordsysteme wie den Wassermacher einmal mit sauberem Atlantikwasser durchzuspülen.
Falls ihr Molène selbst einmal ansteuern wollt, behaltet diese drei Faustregeln im Hinterkopf:
1. Ankern verboten, Boje Pflicht: Der Meeresgrund besteht aus glattem Fels und geschützten Seegraswiesen (Zostera). Ein Anker findet hier bei kabbeligem Gezeitenstrom kaum Halt. Nutzt zwingend die gelben oder weißen Besucherbojen (ca. 15–20 €/Nacht). Achtet mit tiefgehenden Kielen zwingend auf die Gezeiten – bei Niedrigwasser während der Springtide sollte man die inneren Plätze tunlichst meiden.
2. Der Dinghy-Motor ist Pflicht: Versucht gar nicht erst, gegen 4 Knoten Gezeitenstrom zum Anleger zu rudern. Ohne einen verlässlichen Außenborder wird der Landgang in diesen Gewässern schnell zum gefährlichen Glücksspiel!
3. Die perfekte Biskaya-Startrampe: Der unschlagbare Pluspunkt! Sobald der Wind passend dreht und das Wetterfenster aufbricht, löst man schlicht die Bojenleine und befindet sich binnen Minuten auf freiem Kurs nach Süden – ohne stundenlanges Verholen aus tief eingeschnittenen Meeresbuchten.
»Juhuuu…, jetzt an Land die Beine vertreten, dann Einlaufdrinks und lecker französisches Essen!«, freute sich Kasha, nachdem wir innerhalb einer guten halben Stunde das Boot aufgeklart hatten und die Hans Christian sicher an der Boje eingerastet lag. »Los kommt schon, ihr Trödelsusen, haha!«
Schon kletterte sie lachend voraus ins Beiboot, das wir mitsamt dem 20-PS-Außenborder bereits zu Wasser gelassen hatten. Wir anderen folgten der Frechen etwas gemächlicher nach und setzten zunächst für einen ausgedehnten Erkundungsgang an Land über. Inzwischen erreichte die Ebbe fast ihren Tiefstand, wodurch die hier um Molène zeitweise brachialen Gezeitenströmungen auf moderate 2 Knoten nachgelassen hatten.
Dennoch – und vor allem wenn man länger an Land verweilt und später bei auflaufendem Wasser mit den massiven Strömungen zurück zum Schiff muss – sollte man zwingend ein ordentlich motorisiertes Beiboot nutzen. Ein leiser, geruhsamer E-Antrieb wie etwa von ePropulsion stößt in diesem speziellen Revier schnell an seine Grenzen und wird potenziell gefährlich. Mit umgerechnet knapp 3 PS Schubleistung bringt der Tender inklusive Zusatztank, Ausrüstung und vier Personen gut 400 Kilogramm Gesamtmasse auf die Waage; diese Fülle sicher gegen 4 bis 6 Knoten Gezeitenstrom und womöglich kabbeligen Gegenwind zu drücken, verlangt nach echter Motorkraft. Ich war jedenfalls heilfroh über unseren verlässlichen 20-PS-Yamaha-Viertakter am Heck.
Gut gelaunt plaudernd, scherzend und die frische Seeluft genießend schlenderten wir über das karge Eiland, auf dem es von Natur aus eher ruhig zugeht. Auf der Île-Molène zählen die Behörden aktuell gerade einmal etwa 160 bis 170 Einwohner mit dauerhaftem Hauptwohnsitz. Das Archipel bildet gewissermaßen den Gegenentwurf zum hektischen Treiben auf dem Festland – eingebettet in anspruchsvolle Gewässer mit meist rauer Witterung. Die verbleibende Bevölkerung bestreitet ihren Lebensunterhalt hauptsächlich aus folgenden Pfeilern:
- Insel-Tourismus & Gastronomie: Obwohl der Massentourismus ausbleibt, bilden Tagesgäste, Fahrtensegler, Ferienhausbesitzer und der Sommertourismus das wirtschaftliche Rückgrat (Gastronomie, Unterkünfte, Kunsthandwerk, Bäcker).
- Algenwirtschaft (Algoculture): Das Revier zählt zu den bedeutendsten Algenabbaugebieten Europas. Der professionelle Ernte- und Verarbeitungssektor von Braunalgen und Tang für die Kosmetik-, Lebensmittel- und Pharmaindustrie stellt einen wichtigen regionalen Arbeitgeber dar.
- Öffentlicher Dienst & Infrastruktur: Ein spürbarer Teil der Bewohner arbeitet direkt für die Infrastruktur der Inselgemeinde (Gemeindeverwaltung, Müll- und Wasserwirtschaft, Kraftwerk, Grundschule, Hafendienste, Post).
- Dienstleistungen & Handwerk: Lokale Handwerker (Bau, Instandhaltung, Bootsservice) leben von der Pflege der Gebäude, Infrastruktur und Bootseinrichtungen.
- Pensionäre & Ruhestand: Ein großer Anteil der ganzjährigen Einwohner besteht aus Senioren und Rückkehrern, die ihren Ruhestand auf der Insel verbringen und ihr Einkommen aus Rente oder Ersparnissen beziehen.
Wir besichtigten aufmerksam das Areal rund um den Leuchtturmkomplex sowie die historischen Überreste der alten Sakralbauten. Die sichtbaren Spuren der früheren Gotteshäuser auf Molène erzählen ein eigenes Kapitel der lokalen Kirchenhistorie und der Vorgängerbauten der heute genutzten Église Saint-Ronan:
1. Die ursprüngliche Chapelle Notre-Dame: Vor dem Bau der heutigen Pfarrkirche stand an der Stelle des alten Inselfriedhofs eine kleine, der Maria geweihte Kapelle (Chapelle Notre-Dame). Diese stammte noch aus dem Mittelalter und diente über etliche Jahrhunderte auch den Mönchen der mächtigen Abbaye de Saint-Mathieu vom Festland als Stützpunkt, wenn sie für Zeremonien auf die Insel übersetzten. Aus dieser Kapelle blieben sogar geschnitzte Chorgestühle (Stalles) erhalten, die im heutigen Kirchenraum verbaut wurden.
2. Der Zwischenbau von 1776 und der Neubau (1878–1881): Im Jahr 1776 wurde die alte Kapelle durch ein größeres Kirchengebäude ersetzt. Da die Inselbevölkerung im 19. Jahrhundert jedoch wuchs und das raue Atlantikwetter dem Bauwerk stark zusetzte, entstand zwischen 1878 und 1881 nach Plänen des Architekten Ernest Le Guerrannic die heutige Église Saint-Ronan. Die Steine und Grundmauern der alten Kapelle wurden im Zuge dessen teilweise abgetragen oder geschickt integriert.
Was man heute vor Ort sieht:
- Reste der alten Kapelle / Enclos: Im Bereich des alten Friedhofs und rund um die heutige Kirche stößt man auf die sichtbaren Grundmauern, alten Einfassungsmauern (Enclos) sowie verwitterte Grabsteine der ursprünglichen Chapelle Notre-Dame.
- Aufbewahrte Relikte: Betritt man die heutige Kirche, erblickt man Kunstschätze, die direkt aus der abgerissenen Kapelle gerettet wurden – darunter hölzerne Heiligenstatuen aus dem 17. und 18. Jahrhundert (u. a. eine Vierge à l'Enfant) sowie das historische Reliquiar.
Es ist ein eindrucksvoller Ort für einen kurzen Landgang-Spaziergang: Die alten Steinreste vor dem Atlantikpanorama lassen erahnen, wie isoliert und rau das Glaubens- und Inselleben der Molénais früher gewesen sein muss.
Beim leckeren Mittagessen im Au Vent des Îles – einem hübschen, schnörkellosen, aber guten Insel-Restaurant mit aufmerksamem Personal – erzählte ich der Crew bei Speis und Trank, wie ich ursprünglich zum Segler wurde. Als Jugendlicher verschlang ich beispielsweise die historisch akkuraten Romane von C.S. Forester aus der Horatio Hornblower-Reihe sowie die Reiseberichte von Eric und Susan Hiscock. Das Ehepaar berichtete aus einer Epoche, als Fahrtensegeln noch kein Massenphänomen war, sondern ein echtes Abenteuer voller Unwägbarkeiten, wie man es sich heutzutage mit all der modernen Elektronik und tausenden Yachten kaum mehr vorstellen kann.
»Ach wie spannend…, tief im Herzen bist du ein unverbesserlicher Romantiker und Abenteurer, stimmts?«, lächelte Bella sanft. Ich konnte nur nickend zustimmen, bewegt von hochkommenden Erinnerungen an jene Tage, als ich als Binnenland-Junge von der weiten See träumte.
»Nie gehört – wer waren die beiden überhaupt?«, hakte Kasha neugierig nach. Ich holte etwas weiter aus:
Das britische Ehepaar zählt zu den absoluten Pionieren des modernen Blauwasser- und Langstreckensegelns. Mit ihren legendären Yachten – allen voran den Holzschiffen Wanderer III (einer 30-Fuß-Sloop, gezeichnet von Laurent Giles) und später Wanderer IV – umsegelten sie mehrmals den Globus. Ihre Bücher wie »Cruising Under Sail« oder »Around the World in Wanderer III« gerieten für Generationen von Binnenland-Träumern und angehenden Weltumseglern zur Fach-Bibel der Ozeansegelei. Eric schrieb unverblümt, extrem praxisnah und mit feinem britischen Humor über Seemannschaft, Navigation und das raue Leben an Bord.
»Aber noch viel mehr faszinierte mich Bernard Moitessiers Geschichte im Buch 'Der verschenkte Sieg', die mir damals direkt aus der Seele sprach«, erzählte ich weiter:
Das Werk beschreibt einen der legendärsten Momente der gesamten Fahrtensegler-Historie, während des berühmten Sunday Times Golden Globe Race 1968/69 – der allerersten Nonstop-Einhand-Regatta um die Erde. Bernard vollzog dabei den wohl berühmtesten Kurswechsel der Segelgeschichte. Moitessier lag mit seiner stählernen Ketsch Joshua grandios im Rennen. Er hatte die drei großen, berüchtigten Kaps (Kap der Guten Hoffnung, Kap Leeuwin und Kap Hoorn) bereits erfolgreich gerundet. Als er wieder den Atlantik erreichte, hätte er eigentlich nur noch nach Norden abbiegen und zurück nach England segeln müssen.
Der Sieg, unermesslicher Ruhm und ein hohes Preisgeld waren ihm so gut wie sicher. Doch die Monate in der Einsamkeit auf See hatten ihn tief verändert. Er spürte eine tiefe Abneigung gegen den kommerziellen Betrieb, den Presserummel und das, was er die 'falschen Götter' der modernen Konsumgesellschaft nannte.
Anstatt nach Norden zum Ziel abzudrehen, hielt er den Bug einfach weiter nach Osten. Da er kein Funkgerät an Bord führte, katapultierte er auf Höhe von Kapstadt im März 1969 eine Nachricht mit einer Steinschleuder auf das Deck eines vorbeifahrenden Frachters. Seine geschriebenen Zeilen gingen um die Welt:
»Ich setze die Fahrt nonstop fort bis zu den Inseln im Pazifik, weil ich auf See glücklich bin und vielleicht auch, um meine Seele zu retten.«
Von Südafrika aus überquerte er ein zweites Mal den Indischen Ozean und warf schließlich nach einer anderthalbfachen Erdumrundung und 303 Tagen ununterbrochener Fahrt vor Tahiti den Anker. Den sicheren Sieg überließ er damit dem Engländer Robin Knox-Johnston. In »Der verschenkte Sieg« (im französischen Original treffend »La Longue Route« – Der lange Weg) beschreibt er genau diese Zerreißprobe und warum er die persönliche Freiheit dem Ruhm vorzog.
»Ich wette, hihi, unser Captain würde uns am liebsten an Land aussetzen, alle moderne Technik über Bord schmeißen und genau das Gleiche wie Bernard machen?!«, kicherte Kasha süß-frech wie eh und je.
»Und seine Botschaft würde lauten: 'Ich setze die Fahrt nonstop fort, weil ich auf See glücklich bin und vielleicht auch, um unterwegs eine Meerjungfrau zu retten.' Stimmts, hahaha?«, lachte Bella herzlich, aber mit einem verständnisvollen, geradezu bewundernden Funkeln in den Augen.
»Nur eine Meerjungfrau?«, grinste ich breit, spürbar gerührt von den Erinnerungen an meine jugendlichen Empfindungen beim Lesen dieser Segelbücher aus alter Zeit. »Na gut, immerhin könnte ich sie jederzeit über Bord schmeißen, wenn sie zu frech wird, und mir Ersatz angeln, hoho.«
»Aaaahaha… was für ein Gauner!«, brachte mir diese Bemerkung sogleich zwei kräftige Knuffe in beide Seiten von Bella und Kasha ein. Sascha grinste komplizenhaft hinüber, und sein Blick verriet, dass auch er dieser Vorstellung durchaus etwas Reizvolles abgewinnen konnte.
»Autsch, dass ihr Frauen immer gleich so brutal werden und den armen, lieben Skipper verprügeln müsst?!«
Lachend und gut gesättigt spazierten wir den verbleibenden Nachmittag über die karge Insel. Natürlich schoss ich auch noch ein paar sexy-freche, softerotische Pics von Bella, da sie ständig Nachschub für ihre treue Online-Community benötigt. Erst in der Abenddämmerung kurz vor 20 Uhr kehrten wir an Bord zurück und machten es uns in der Kajüte gemütlich.
Nach den aktualisierten Vorhersagen können wir uns auch morgen noch ausgiebig ausruhen, da Winde aus Südwest für die Weiterreise natürlich denkbar unpassend wären. Am Freitag sollen wir dann die angekündigten Nordwestwinde bekommen – allerdings spürbar schwächer, als noch vor wenigen Tagen prognostiziert. Und mit etwas Pech werden wir Samstag nicht an der Südkante des Hoch-Ausläufers liegen, sondern nahezu mitten im Kern. Das bedeutet Schwachwind aus wechselnden Richtungen bis hin zur Flaute sowie Motoren mit dem Diesel statt schickem Segeltrimm.
Nun ja, immer noch besser, die berüchtigte Biskaya bei ruhigen Wetter- und Seebedingungen mit Maschinenkraft zu durchqueren, als in einen üblen Herbststurm zu geraten. Schauen wir mal, wie es sich tatsächlich entwickelt; das Seewetter fällt bekanntlich oft anders aus als vorhergesagt. Jedenfalls habe ich keineswegs vor, hier länger als nötig abzuwarten.
Nach einem lustigen Gesellschafts-Kartenspiel – im Deutschen schlicht Mau-Mau genannt – zogen sich alle in ihre jeweiligen Ecken oder Kojen zurück und kümmerten sich um ihre Privatangelegenheiten. Bella widmete sich dem Upload ihrer Pics, wozu sie sich noch eine verlockend-verführerische Aufnahme im »Sleeping Beauty«-Stil wünschte.
Völlig nackt, aber so posierend – oder vielmehr so tuend, als würde sie tatsächlich schlummern –, dass es kein bisschen schmuddelig oder gar pornografisch wirkt. Auch nicht wie eine plumpe Zurschaustellung weiblicher Nacktheit, sondern als fantasieanregendes Kopfkino auslösende, einfach schöne Fraulichkeit in ihrer natürlichsten Form.
»Supi, genau so wollte ich es haben… und?«, lächelte sie verschmitzt, ein bisschen provokant-herausfordernd, und nahm die Hand von ihrer Scham, mit der sie ihr Intimstes bis dahin verborgen hatte. Natürlich wusste ich sofort, worauf sie hinauswollte, stellte mich aber demonstrativ doof.
»Und?«
»Haha, tu mal nicht so!«, durchschaute sie mich augenblicklich. »Willst du jetzt nur knipsen und mich anglotzen, statt etwas sehr Schönes zu tun?!«
»Wenn du so fragst, hoho…«, legte ich die Kamera beiseite und stürzte mich nach Art von »Beauty and the Beast« als hungriger Bär auf die Schöne.
Wir liebten uns sinnlich-zärtlich und verspielt, begleitet von Lachen und Scherzen – keine Ahnung wie lange, wohl eine gute Stunde. Typische Geräusche aus dem Bugbereich deuteten darauf hin, dass Kasha und Sascha wohl genau das Gleiche taten. Wie meistens in unserer sehr lockeren Bordgemeinschaft hatten wir keine der Schott-Türen geschlossen.
Auf dieser massiv gebauten Hans Christian 48T könnte man damit zwar gut abgeschottete Intimsphären schaffen, denn das Schiff ist keineswegs so hellhörig wie viele moderne Serienyachten, auf denen man selbst bei geschlossenen Schotts jedes Husten der Crew hört. Aber uns vieren ist eine strikte Intimsphäre ziemlich egal. Bei uns geniert sich niemand, und dass zwei sich auch mal etwas lautstärker lieben, empfinden wir als das Natürlichste der Welt. Deshalb schließen wir nur selten die Schotts.
Frisch geduscht machten wir uns kurz nach 23 Uhr bettfertig. Ich rauchte noch eine letzte Zigarette an Deck und kontrollierte die aktuellen Windvorhersagen. Die Modelle hatten sich schon wieder leicht verändert: Jetzt sah es danach aus, als ob wir am Freitag doch guten Segelwind durch die Biskaya bekommen – vorausgesetzt, wir halten uns nordwestlich einer diagonal verlaufenden Trennungslinie.
Nördlich davon versprach das Wettermodell ideale nord- bis nordwestliche Winde, südlich davon hingegen sehr ungünstigen Wind aus Südwest.
Meteorologisch spricht man hier von einem lokalen Mesotief beziehungsweise Meso-Hoch oder einem abgeschnürten Hochdruckkern (Bubble High / Mesoscale Anticyclone). Solche Phänomene entstehen kurzzeitig, wenn der großräumige Hochdruckkeil durch die mächtigen Hochlagen der Kantabrischen Kordillere in Nordspanien und der Pyrenäen blockiert und gewissermaßen einknickt. Die Luftstau- und Lee-Effekte der gebirgigen Küste pressen das Windfeld dann lokal in so eine kreisförmige Wirbelstruktur.
Ich sagte es ja schon: Seewetter ist gerade in Regionen wie der Biskaya oft unerwartet dynamisch. Eine derart scharfe, ausgedehnte Windtrennung diagonal über die gesamte Bay of Biscay habe ich auf Vorhersageplattformen wie Windy auch noch selten gesehen. Aber ich segelte zuletzt vor vielen Jahren durch die Biskaya und damals konnten man von so hochauflösenden Wettermodellen, wie auf Windy, noch nicht mal träumen. Wir dürfen also gespannt sein, wie es am Freitag draußen auf See tatsächlich aussieht!
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