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Algarve. Sirenen, Stylings und eine schwedisch-norddeutsche Deern

 

#26.09.28 – Algarve. Sirenen, Stylings und eine schwedisch-norddeutsche Deern

Das Wochenende war nicht ganz so heiß wie die Tage zuvor. Meist bewegten sich die Temperaturen knapp um die 30-Grad-Marke, begleitet von Schleierwolken, die den Sonnenschein etwas dämpften, und einem kühlenden Wind von 3 bis 5 Beaufort. Trotzdem gab es reichlich Sonne und zwischendurch Abschnitte mit strahlend blauem Himmel. In diesen Phasen brannten die Sonnenstrahlen nach wie vor mit viel Kraft herunter, aber insgesamt ließ es sich auch draußen wieder gut aushalten.

»Nimmst du mich im Beiboot mit rüber? Ich will eine Freundin am anderen Ufer besuchen«, fragte Emilia auf ihre ganz spezielle Art – gleichzeitig leicht zurückhaltend und dennoch verführerisch lockend.

»Natürlich, gern. Ich gehe schon mal raus und rauche eine Zigarette, während du dich fertig machst.«

»Ist gut, ich komme gleich nach«, sagte sie und ging sich umziehen.

Am Kai gibt es zwar das sogenannte Táxi Ferry, ein kleines Transferboot, das zwischen Ferragudo am linken und Portimão am rechten Ufer des Arade pendelt. Das ist kein öffentlicher Nahverkehr, sondern ein privates Unternehmen, das Einheimische und Touristen zwischen 10:00 Uhr und Mitternacht für etwa 7 bis 10 Euro in rund 11 Minuten über den Fluss bringt. Billiger geht es nur mit den Bussen, die allerdings bloß alle 3 bis 4 Stunden fahren.

Die Bootsbetreiber lassen insbesondere bei Einheimischen, Kindern und Jugendlichen mit sich handeln, wenn diese regelmäßig hin- und herpendeln; dann wird es deutlich günstiger. Aber wieso sollte Emilia überhaupt Geld dafür ausgeben, wenn ich sowieso mit dem Yachtbeiboot übersetzen wollte? Klar, das ist nicht ganz so bequem, deutlich wackeliger und bei höheren Wellen durch überkommendes Spritzwasser auch mal nasser – doch gerade junge Leute stört so etwas gar nicht, sie finden es eher spaßig.

Gerade hatte ich zu Ende geraucht, da fiel mir ein, dass ich den kleinen Insektenstich-Heiler von Beurer im Zimmer vergessen hatte. Das Ding ist so kompakt, dass es in jede Tasche oder an den Schlüsselbund passt, woran ich es gleich darauf befestigte. Die Stiche von Herbstmücken oder Moskitos jucken meist besonders schlimm, weshalb ich das Teil vor allem in den Morgen- und Abendstunden, wenn die Biester schwärmen, immer dabeihaben möchte.

Also ging ich noch einmal hinein. Ich fand das Gerät – und Emilia, die inzwischen fertig hergerichtet an einem verblüffend alten, klobig wirkenden Laptop saß. Sie dachte wohl, ich wäre wegen ihr ungeduldig zurück ins Haus gekommen, und meinte entschuldigend:

»Tut mir leid, Steve, ich komme sofort. Ich habe nur gerade eine wichtige Mail bekommen, die ich noch kurz beantworten wollte.«

»Kein Problem, lass dir Zeit«, lächelte ich. Innerlich musste ich schmunzeln: „Wichtig“ kann bei jungen Menschen schließlich alles bedeuten – von den Schuhen oder dem Styling einer Freundin über Jungs und Cliquen-Ereignisse bis hin zu etwas wirklich Relevantem.

Während sie noch tippte, beobachtete ich ihre Erscheinung. Die Hübsche hatte sich die Haare zum Pferdeschwanz zurückgebunden und zusätzlich einen Kunstperlen-Haarreif aufgesteckt. Dazu trug sie eine dunkle Hemdbluse mit dezenten Puffärmeln und Raffungen an den Schultern, was auf mich ziemlich altmodisch wirkte. Vielleicht als bewussten Kontrast trug sie untenrum einen sehr kurzen, klassischen Minirock, der viel von ihren schlanken Beinen zeigte und perfekt in die späten Sechziger- oder frühen Siebzigerjahre gepasst hätte. Bequeme Slipper an den Füßen und ein zum Haarreif passendes Kunstperlen-Armband machten das Outfit komplett. Das scheint ihr bevorzugter Stil zu sein, mit dem junge Leute gern ein bisschen auffallen wollen, denn ähnlich gekleidet hatte ich sie nun schon mehrmals gesehen.

 

Später im Beiboot sprach ich sie neugierig auf ihren Look an. Emilia bestätigte meine Vermutung auf diese typische, ein klein wenig überheblich wirkende Art junger Menschen – aber auf eine nette, augenzwinkernde Weise, frei nach dem Motto: »Wie kann man das bitte nicht wissen, Steve?«, schmunzelte sie.

Bei diesem Minirock-Outfit, dem Klettern in und aus dem Zodiac 310 Dinghy sowie beim Sitzen im Boot war es natürlich unvermeidlich, dass ich neben ihren schlanken Beinen auch mehrmals ihren schneeweißen Slip darunter sah; sowas wirkt auf Männer immer sehr reizvoll. Dass sie unter dem dunklen Stoff von Bluse und Rock eine weiße Unterwäsche wählte, die dadurch kontrastierend und unübersehbar aufblitzte, war fraglos mit weiblicher Raffinesse ebenso gut überlegt und erwünscht. Ja, man darf sich von Emilia nicht täuschen lassen! Sie ist eindeutig auch ein „raffiniertes Biest“, wie man so sagt und setzt ihr reizvolles Sexappeal als hübsche, junge Frau mit toller Figur sehr gezielt ein. schmunzel

Was ich in dem Moment allerdings völlig vergaß zu fragen: Was hatte es eigentlich mit diesem steinalten, dicken Laptop-Knochen auf sich? Normalerweise rennt die Jugend doch jedem neuen Smartphone hinterher. Da ich das modische Rätsel unbedingt lösen wollte, hakte ich später am Abend mal bei einer KI nach. Und siehe da: Die digitale Welt hatte eine verblüffende Erklärung parat.

Laut der KI ist Emilias gesamter Auftritt – inklusive des klobigen Computers – absolut am Puls der Zeit. Das Ganze nennt sich in der aktuellen Jugendkultur „Office Siren“ (Büro-Sirene) kombiniert mit dem neuesten Schrei: „Retro Tech“. Was auf mich bieder oder veraltet wirkte, ist bei der Gen Z gerade ein riesiger Trend:

  • Der epochenübergreifende Stil-Mix: Es ist total angesagt, Elemente der späten 2000er (wie die Puffärmel-Bluse) mit den späten 1960ern (dem Minirock) zu mixen. Junge Menschen würfeln die Jahrzehnte heute zu einer ganz eigenen Identität zusammen.
  • Klobige Technik als Kultobjekt: Während neue Laptops alle gleich flach, grau und langweilig aussehen, gilt ein dicker Laptop aus den frühen 2000ern heute als Design-Statement mit Charakter. Zudem nutzen viele junge Leute alte Geräte ganz bewusst als „digitalen Detox“ – um beim Tippen Ruhe vor der ständigen App- und Benachrichtigungsflut moderner Geräte zu haben. Monotasking statt Dauerstress.
  • Auffallen durch Biederkeit: Heute sticht man oft nicht mehr durch schrille Farben hervor, sondern paradoxerweise durch einen Look, der fast schon „zu ordentlich“ oder „zu brav“ wirkt – in der Modewelt läuft das unter Begriffen wie Geek Chic oder Twee.

Wer hätte das gedacht? Die junge Frau nutzt diesen nostalgischen Mix aus Mode und Technik also ganz gezielt und clever als ihr persönliches Statement.


 

Nachdem ich sie abgesetzt hatte, schipperte ich weiter zur großen Marina de Portimão mit ihren gut 620 Liegeplätzen. Dort konnte ich das Beiboot an einem Dinghy-Dock sicher liegen lassen, um in die Stadt zu gehen. Während ich mit geringer Geschwindigkeit durch die langen Reihen glitt, um keine störenden Wellen für die festgemachten Yachten zu verursachen, fiel mir eine Hallberg-Rassy mit ihrem unverwechselbaren, klassisch-soliden Aussehen auf. Das war doch eindeutig das Fahrtenboot von Leonie und ihrem Opa, die ich vor einigen Tagen in Vigo kennengelernt hatte!

Als der Tender sicher vertäut war, beschloss ich spontan nachzuschauen, ob jemand an Bord war, und Hallo zu sagen – wie man es unter bekannten Seglern immer gern tut. Tatsächlich saß Leonie an Deck und spleißte gerade Tauwerk. Auf meinen lauten Gruß hin schob die ungestylte Naturschönheit bezaubernd lächelnd ihre Sonnenbrille hoch:

»Steve… na so eine Überraschung! Liegt ihr etwa auch in dieser Marina? Wo ist deine Crew? Hey, magst du an Bord kommen und einen Kaffee oder so mit mir trinken?« Sie freute sich eindeutig aufrichtig und strich sich die blonden Haare zurück, deren Strähnen ständig vom Wind verweht wurden; sie schien große Lust auf eine nette Plauderei zu haben.

»Sehr gern…«, antwortete ich, kletterte an Deck der schicken HR und erklärte ihr, dass die Crew heimgeflogen und ich momentan allein unterwegs war.

»Oh, wie schade! Ich auch… Opi musste ebenfalls zu einer wichtigen Untersuchung nach Hause. Leider ist der Arme in einem Alter mit den typischen Beschwerden, in dem er nur noch selten längere Zeit auf seinem geliebten Boot bleiben kann«, seufzte sie und ging in die Kombüse unter Deck, um Kaffee zuzubereiten.

Ich blieb im Mittelcockpit sitzen, um eine Zigarette zu rauchen. Durch die weit geöffneten Niedergangsluken konnten wir uns problemlos weiter unterhalten. Wie es so meine Art als Profifotograf und Gentleman-Genießer holder Weiblichkeit ist, studierte ich aufmerksam ihr Outfit:

Sie verkörperte den perfekten, ungezwungenen Maritim-Look einer natürlichen Seglerin. Leonie trug ein roséfarbenes Top mit einer kleinen Knopfleiste am Ausschnitt, darüber ein locker drübergeworfenes, kariertes Hemd in Beere- und Brauntönen mit hochgekrempelten Ärmeln, kombiniert mit einer schlichten, weißen Hose. Ihr langes, blondes Haar fiel offen und unkompliziert über die Schultern, während eine feine Kette mit einem kleinen dunklen Anhänger ihr Dekolleté zierte. Dazu die stylische Piloten-Sonnenbrille, die sie lässig ins Haar geschoben hatte – völlig unaufgeregt, aber gerade durch diese sympathische, sportliche Natürlichkeit unheimlich attraktiv. 

 

»Wie alt ist dein Opi denn inzwischen?«, hakte ich nach und paffte genüsslich an meiner Zigarette, während der leichte Seewind meine Rauchfahnen sogleich verwehte. Am Himmel kreischten unter einigen Schleier- und Schäfchenwolken ein paar Seevögel, Fallen klapperten an den Aluminiummasten anderer Segelboote gegen das Metall und ein rücksichtsloser Zeitgenosse in einem lautstarken Motorboot verursachte durch viel zu hohes Tempo unnötigen Schwell zwischen den dicht gepackten Yachten in der Marina.

»86… so ein dämlicher Kerl! Immer diese Rennbootfahrer!«, meinte Leonie verärgert über den rücksichtslosen Skipper. Aber selbst ein solches Aufbegehren kam bei ihrem hübschen Gesicht auf eine sympathisch-lächelnde Art herüber. Ich erwähnte ja schon bei unserer ersten Begegnung in Vigo, dass sie eine sehr bezaubernde Wesensart besitzt. Auch jetzt erinnerte sie mich wieder stark an eine Schulliebe aus meiner Jugend. Längst vergessen geglaubte Erinnerungen ploppten plötzlich aus dem Unterbewusstsein auf – oder wo immer das Gehirn solche Momente über die Jahre aufbewahrt.

»So alt schon?! Dann ist es wirklich bewundernswert, dass er seiner Leidenschaft für das Segeln überhaupt noch ab und zu nachkommen kann«, meinte ich anerkennend.

Gleich darauf servierte sie zwei hervorragende Café Crèma mit einem feinen Schuss Karamellgeschmack. »Danke, Leonie.«

»Sehr gern! Ich freue mich wirklich über dein Auftauchen. Wo liegt denn dein schönes Boot?«, lächelte sie erneut so umwerfend, während wir im Cockpit unter dem schattenspendenden Bimini genüsslich den heißen Kaffee schlürften. »Puh, ganz schön heiß… Ja, mein lieber Opi liebt das Fahrtensegler-Leben genauso sehr wie ich.«

»Die Globetrotter steht an Land und bekommt Coppercoat auf den Rumpf. Das hast du fraglos von ihm geerbt oder übernommen, stimmts? Hattest du nicht erzählt, schon als junges Mädchen mit ihm über den Atlantik bis in die Karibik und zurück gesegelt zu sein?«, fragte ich und sah zu, wie sie bei mittlerweile etwa 27 °C aus ihrem karierten Überhemd schlüpfte. Obenrum trug sie nun nur noch das rosa Trägertop, das ihre weiblichen Konturen vorteilhaft betonte. In ihrer völlig unbeschwerten Natürlichkeit wirkte sie dadurch nur noch bezaubernder.

»Oh ja, von ihm und meinen Eltern, die ebenfalls leidenschaftliche Segler sind«, lächelte sie entzückend. »Mein Studium habe ich eigentlich nur gemacht, um einen guten Abschluss in der Tasche zu haben. Am allerliebsten lebe ich ständig als Fahrtenseglerin an Bord! Es gibt wirklich nichts auf der Welt, was ich lieber täte! WOW, Coppercoat! Ist das wirklich so genial, wie man hört?«

»In meinem letzten Blog schrieb ich ausführlich über Coppercoat; das kannst du nachlesen, wenn es dich interessiert. Spoiler: Ja, wenn es richtig gemacht wird, ist es definitiv viel besser als früheres Antifouling. Genauso schätze ich dich auch ein, als am liebsten Dauerseglerin. Was hast du denn studiert, wenn ich fragen darf?«

»Über die dudesche Hanse, mit einem 1,6er-Masterabschluss – falls dir das etwas sagt?«, verkündete sie mit berechtigtem Stolz und vermutlich auch als kleiner, amüsierter Test meines historischen Allgemeinwissens.

»Aber natürlich! Die Geschichte der Hanse hat mich schon als junge Binnenlandratte fasziniert«, zwinkerte ich schmunzelnd zurück. »Ne 1,6, gratuliere und ein sehr passendes Thema für eine so leidenschaftliche Seglerin wie dich.«

Für all jene Leserinnen und Leser, die sich mit der Sprachgeschichte Norddeutschlands nicht ganz so detailliert auskennen, sei dieser historische Begriff kurz erläutert:

Die Schreibweise „dudesche Hanse“ (in alten Quellen oft auch düdesche hense oder dǖdesche hanse) ist schlichtweg der mittelniederdeutsche Ausdruck für „deutsche Hanse“. Die Bezeichnung leitet sich historisch wie folgt ab:

  • Sprachliche Herkunft: Das alt- und mittelniederdeutsche Wort düdesch oder dudesch bedeutete „deutsch“ (verwandt mit dem althochdeutschen thiudisk, was ursprünglich „zum Volk gehörig“ bedeutete, um die Sprache des einfachen Volkes vom Latein der Gelehrten abzugrenzen).
  • Historischer Kontext: Die Kaufleute und Städte im norddeutschen Raum sprachen damals kein Hochdeutsch, sondern Mittelniederdeutsch – die damalige Lingua franca des gesamten Nord- und Ostseeraums. Sie selbst nannten ihren mächtigen Städtebund in ihrer eigenen Sprache daher offiziell „Stede van der dudeschen Hanse“ (Städte der deutschen Hanse).

Der Begriff tauchte im Jahr 1358 in Lübeck zum allerersten Mal in einem offiziellen Dokument auf, als sich die Hansestädte für einen gemeinsamen Handelsboykott gegen Flandern zusammenschlossen und einen einheitlichen Namen brauchten. Im Ausland (etwa an den Kontoren in London oder Nowgorod) wurden die Kaufleute von den Einheimischen zuvor meist einfach auf Latein als „Easterlings“ („Ostleute“) oder als „Hansa Teutonica“ bezeichnet.

 

»Oho, Captain Steve kennt sich aber wirklich aus!«, lachte Leonie amüsiert darüber, wie ich ihren kleinen Test gekontert hatte. »Ja, ich fand diese Geschichte im Studium auch unheimlich faszinierend, spannend und genau passend. Aber Karriere werde ich damit wohl kaum machen können.«

»Sag das nicht so pauschal, Leonie. Du hättest durchaus gute Chancen – wenn auch vielleicht nicht direkt als Hanse-Expertin.« Ihre Aussage stimmte natürlich, wenn man „Karriere“ rein als linearen Aufstieg im exakten Studienfach definiert. Sie ist jedoch falsch, wenn man darunter eine erfolgreiche, gut bezahlte Laufbahn in der modernen Arbeitswelt versteht. Der Einstieg erfordert zwar oft etwas Eigeninitiative und Praktika, aber die Decke nach oben ist weit offen. »Aber wenn ich dich richtig eingeschätzt habe, willst du sowieso nichts anderes machen als Fahrtensegeln, oder?«

»Genau, Steve! Opa hat mir sogar schon seine Yacht überschrieben.«

»Donnerwetter, dann bist du ja jetzt schon stolze Yacht-Eignerin! Gratuliere dir von Herzen!«, lächelte ich ehrlich für sie erfreut, hakte aber doch vorsichtig nach: »Kannst du es dir denn leisten, eine 22 Jahre alte Hallberg-Rassy zu unterhalten? Das ist ja durchaus ein teures Vergnügen… aber entschuldige, das geht mich natürlich nichts an.«

»Ach was, das ist doch kein Staatsgeheimnis!«, lachte sie so unbekümmert und strahlend wie die aufgehende Frühlingssonne. »Ich habe das große Glück, in einer wohlhabenden und sehr lieben Familie aufgewachsen zu sein. Die haben mir schon bei der Geburt einen Treuhandfonds eingerichtet, der mir monatlich eine nette Summe ausschüttet. Nicht Unmengen – reich bin ich garantiert nicht, haha –, aber es reicht zum Leben und für den Unterhalt des Bootes, wenn man wie ich genügsam darauf wohnt. Ich habe keine teuren Ansprüche, Luxus interessiert mich nicht und etwas dazuverdienen kann ich natürlich auch immer. Und wenn es wegen größerer Reparaturen doch mal eng wird, unterstützt mich die Familie.«

»Glückliche Leonie! Das freut mich wirklich für dich. Das ist ein großes Privileg, für das du sehr dankbar sein solltest.«

»Oh ja, das bin ich! Vor allem Opa und meinen Eltern, aber auch unserer internationalen Großfamilie in Deutschland und Schweden. Alles herzensgute Menschen, deren Kindern es wirklich außergewöhnlich gut geht«, erzählte sie völlig offen, als wäre ich ein langjähriger Vertrauter.

Im Stillen hoffte ich allerdings, dass diese bezaubernde Naturschönheit nicht jedem gegenüber so vertrauensselig auftritt. Bekanntlich leben wir in einer harten, brutal kapitalistischen Welt mit leider auch so manchem üblen Zeitgenossen. Für die wäre eine etwas zu naive, behütete Tochter aus gutem Hause ein leichtes Opfer.

Während die Temperaturen langsam an der 30-Grad-Marke kratzten, verplauderten wir uns so angeregt, dass wir völlig die Zeit vergaßen. Plötzlich stellten wir überrascht fest, dass es längst Zeit fürs Mittagessen war. Leonie ließ sich nicht lange bitten und von mir einladen.

 

Zunächst kamen wir an der direkt vor der Marina gelegenen Bar do Clube Portimão an der Av. Rio Arade unterhalb von Portimão vorbei. Das ist ein eher einfaches Lokal mit günstigen Preisen und einer Durchschnittsbewertung von 4,1 Sternen auf Google. Das klingt im ersten Moment passabel, aber beim ersten Blick auf die Teller der anderen Gäste erkannte ich sofort, dass ich hier nicht speisen wollte – kulinarisch wirkte das eher wie mäßige 3,5 Sterne. Bei all den guten bis sehr guten Restaurants in der Nähe gab es keinen Grund, ausgerechnet hier einzukehren. Leonie fand zwar, ich urteile etwas zu hart, und kraulte erst einmal vergnügt einem drolligen Hund die Ohren. Dennoch folgte sie mir willig zu einer deutlich besseren Adresse.

Das hübsche Restaurant Dutchman’s Snails an der R. Eng. Duarte Pacheco 5 bietet exzellente Gerichte in sehr üppigen Portionen zu verblüffend fairen Preisen. Selbst inklusive Getränk gibt man dort selten mehr als 15 bis 20 Euro pro Person aus, sonst platz man. Das Ganze wird serviert in einer gemütlich-rustikalen Wohlfühlatmosphäre mit ausgesprochen sympathischem Personal.

»Ach, ist das gut und lecker!«, freute sich Leonie nun doch, dass sie meinem Urteil gefolgt war. »Ich war schon öfter in Portimão, aber die Holländischen Schnecken kannte ich noch gar nicht. Wie hast du das denn entdeckt, du Gourmet-Vielfraß?«

»Purer Zufall bei meinem letzten Aufenthalt im Sommer«, schmunzelte ich vergnügt – und ehrlich gesagt auch ein wenig verzaubert vom natürlichen Liebreiz dieser etwa 23-jährigen Seglerin. »Aber jetzt musst du auch brav aufessen!«

»Um Himmels willen, willst du mich etwa umbringen?«, lachte sie unbeschwert mit funkelnden Augen. »Wenn ich den Berg vor mir komplett schaffe, musst du mich direkt in die Notaufnahme bringen!«

»Hmm… okay, das wäre dann doch zu schade um so eine hübsche, norddeutsch-schwedische Deern«, gluckste ich mit ihr und langte selbst ordentlich zu. Das Essen war wirklich ausgezeichnet. »Und außerdem würde mich wohl der Fahrtensegler-Geist deines Opas über alle Weltmeere verfolgen – das Risiko gehe ich lieber nicht ein.«

»Oh ja, und Papa und Mama gleich mit! Du hättest absolut keine Chance! Also riskier lieber nicht dein wunderschönes Boot und sei ganz lieb zu mir!«

»Bin ich das etwa nicht schon die ganze Zeit?«, fragte ich und setzte gespielt meinen besten „Beleidigter Dackelblick“-Gesichtsausdruck auf.

»Doch, hihi, bist du wohl immer: ein lieber, charmanter Brummelbär-Kapitän!«, zwinkerte sie mir herzlich zu. 

 

Herrje, das faszinierende „Problem“ mit Leonie ist tatsächlich, dass bei ihr absolut nichts aufgesetzt, berechnend oder weiblich raffiniert ist. Schönen Frauen ihrer Art ist oft gar nicht bewusst, wie bezaubernd sie auf ihr Umfeld wirken. Oder besser gesagt: Natürlich ist Leonie viel zu clever, um nicht zu wissen, dass sie sehr attraktiv ist. Aber sie denkt schlichtweg nicht dauernd darüber nach und setzt ihren Charme nicht gezielt oder taktisch ein, wie es beispielsweise die jüngere Emilia bereits tut. Leonie ist einfach völlig authentisch sie selbst. Diese gelassene, beinahe unschuldige Natürlichkeit macht ihren Liebreiz erst recht unwiderstehlich.

»Uuuufff…, jetzt brauche ich aber unbedingt einen ausgiebigen Spaziergang! Danke für diese wunderbare Einladung und das tolle Erlebnis im Dutchman’s Snails!« Leonie reckte ihre vielleicht 1,68 Meter an meiner fast 1,90 Meter messenden Bärenstatur hoch und drückte mir ein ganz liebes, süßes Küsschen auf die Wange. »Begleitest du mich?«

»Mit dem größten Vergnügen, hübsche Deern«, zwinkerte ich. »Körperliche Bewegung tut nach dieser Schlemmerorgie wirklich not!«

»Sag ich doch, haha! Ach, sag mal, wo wohnst du eigentlich, während dein Boot an Land steht? Bestimmt nicht an Bord, oder?«

»Nein, natürlich nicht, das wäre mir zu unbequem. Ein bekannter Einheimischer mit einer sehr netten Familie vermietet zwei Gästezimmer wie eine kleine Pension; dort auf der anderen Flussseite bin ich mit Familienanschluss untergekommen. Wirklich hübsch, pikobello sauber und die Familie ist supernett«, erklärte ich.

»Hey, das klingt ja supi! Weißt du, ich will mein Boot hier auch an Land stellen – Unterwasserschiffreinigung und ein paar Wartungsarbeiten, du weißt schon. Dazu bräuchte ich auch eine Landunterkunft. Ist das zweite Zimmer noch frei?«, überlegte Leonie und ergänzte sogleich: »Die Ostseite passt sowieso viel besser, dort liegt ja auch das Werftzentrum. Und Familienanschluss wäre mir tausendmal lieber als irgendeine anonyme Bude.«

»Momentan ist es frei. Wenn du möchtest, kann ich gleich nachfragen, ob es für die nächsten Tage nicht bereits vergeben ist. Für wie viele Tage schätzt du denn?«, fragte ich, während wir flotten Schrittes entlang der hübschen Uferpromenade spazierten.

»Ja bitte, ruf ihn mal an! Hmm…, ich schätze so fünf bis acht Tage…« Überlegte sie angestrengt mit leicht gerunzelter Stirn, was bei ihr irgendwie auch zauberhaft weiblich wirkte.


 

Also rief ich Manolo an. Er war sofort einverstanden und freute sich, auch Leonie aufzunehmen. Allerdings nur bis maximal 9. Oktober, da danach eine Familie als neue Gäste gebucht hat, die beide Zimmer benötigt. Doch das ist kein Problem – bis dahin sollten unsere beiden Boote längst wieder im Wasser schwimmen und wir zurück an Bord leben.

Das führte nun natürlich sofort zu genauerer Planung, denn Leonie wollte im Innenraum ihrer Yacht auch einige schmutzige Arbeiten erledigen und deshalb möglichst viele Sachen an Land deponieren. Mit dem maritimen Dienstleistungszentrum hatte sie bereits vereinbart, dass sie nach dem Kranen der HR am Montag einiges in einem Schuppen auf dem Gelände unterbringen kann. Vieles von ihrem Privatkram wollte sie jedoch verständlicherweise lieber mit in die Unterkunft nehmen.

Da konnte ich als momentan ohnehin nicht ausgelasteter Gentleman selbstverständlich gar nicht anders, als ihr sofort meine Hilfe anzubieten. Mit ihrem und meinem Beiboot schafften wir später am Nachmittag alles zu Manolos Haus, was sie dort nötiger brauchte – und wo es deutlich sauberer lagert als in einem staubigen Werftschuppen. Besonders Kleidung, empfindliche Dinge und Lebensmittel waren im Haus wesentlich besser aufgehoben.

Das war eine ganze Menge Zeug, und so waren wir locker bis zum frühen Abend beschäftigt, wobei viel gescherzt und gelacht wurde. Manolos Familie nahm Leonie genauso herzlich auf wie mich, und sie fühlte sich auf Anhieb wohl. Die beiden jüngeren Brüder von Emilia – einer davon mitten in den Wirren der hormonüberfluteten Pubertät – waren sofort hin und weg. Sie verknallten sich auf der Stelle in die bezaubernde Leonie und halfen nach Kräften mit. Leonie fand das sehr amüsant und ging vergnügt und very charming mit den Jungs um, als wären sie bereits gestandene Kavalier-Verehrer.

Den Abend verbrachten wir gemütlich mit der Familie bei lustigen Gesellschaftsspielen. Vor allem Mau-Mau und Mensch ärgere Dich nicht fanden die Jungs großartig. Clever und einfühlsam, wie Leonie ist, hatte sie das Brettspiel extra für die Brüder von Bord mitgebracht.

Die Jugendlichen wiederum brachten uns ein Brettspiel bei, das in Portugal jedes Kind kennt, in Deutschland meines Wissens aber völlig unbekannt ist: Es heißt „Paga e Cala“ (auf Deutsch: „Zahl und schweig!“) vom traditionellen portugiesischen Spielehersteller Majora.

(Für Neugierige kurz zur Erklärung:)

  • Wie es funktioniert: Das Spielfeld hat 31 Felder, die die Tage eines Monats darstellen. Ziel ist es, am Monatsende das meiste Geld übrigzuhaben. Man würfelt sich durch den Monat und zieht ständig Ereigniskarten.
  • Der Humor: Es simuliert auf herrlich sarkastische Weise das echte Leben. Fast jedes Feld zwingt einen zu absurden Ausgaben (Miete, ungeplante Einkäufe, Strafzettel), während man nur selten im Lotto gewinnt. Wer pleitegeht, muss Kredite aufnehmen und Zinsen zahlen. Eine Mischung aus Monopoly und dem reinen, chaotischen Überlebenskampf eines Erwachsenen – worüber sich portugiesische Jugendliche beim Spielen köstlich amüsieren können!

 

Es war ein sehr spaßiger, rundum gelungener Abend, wobei wir uns mehrmals halb Tod lachten. Auch über die Jungs, die sich typischerweise vor Leonie bemühten möglichst erwachsen zu wirken, aber auch so herrlich unbeschwert wie Jugendliche nun mal sind, mitreißend kichern und lachen konnten. Höchst amüsiert nahm ich auch zur Kenntnis, dass es sie diebisch freute, mich bei dem ihnen fremde Mensch-ärgere-dich-nicht! rauskickten, aber versuchten Leonie Vorteile zu verschaffen.

Gegen Mitternacht gingen wir in unsere jeweiligen Gästezimmer. Wir schmunzelten immer noch über die verknallten Jungs, und Leonie verabschiedete mich mit einem sehr lieben Wangenküsschen:

»Danke für den wunderschönen Tag und Abend!«, lächelte sie und dachte offenbar erneut keine Sekunde daran, wie reizvoll sie auf mich wirkte, als sie sich an mir hochreckte und ich für einen kurzen Moment die entzückenden Formen ihres schlanken Körpers spüren durfte. Oder doch? Unterschätze ich etwa ihre weibliche Raffinesse? Egal, jedenfalls fühlte sie sich verdammt gut an und duftete dabei verlockend weiblich.

»Nichts zu danken, Deern! Es war auch für mich ein großes Vergnügen«, lächelte ich und hielt sie für einen kurzen Augenblick in einer warmen Bärenumarmung, was ihr spürbar nicht unangenehm war. Dann verschwanden wir in unseren Zimmern, und ich schlief mit einem Lächeln auf den Lippen ein.

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