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Iberien. Törn Vigo - Nazaré, Schlemmerorgie & Sightseeing

 

#26.09.19-20 – Iberien. Törn Vigo - Nazaré, Schlemmerorgie & Sightseeing

»Ein Über-Nacht-Törn, wie romantisch!«, zwinkerte Kasha in ihrer typischen Frechdachs-Art. »Bestimmt will unser Skipper-Gauner das zum Schmusen und Fummeln bei den Wachhabenden nutzen, hihi.«

»Bring Steve nicht noch auf Ideen, Kasha, haha!«, lachte Bella belustigt.

»Und hoffentlich nicht, wenn ich Wache habe!«, grinste Sascha breit. Vor allem darüber mussten wir alle heftig lachen.

Damit war mein Vorschlag beim Frühstück bereits angenommen, etwas längere Törns zu machen, um ein bisschen mehr Zeit für Besichtigungen vor Ort zu haben. Bei der aktuellen Wind- und Wetterlage sollten wir die 180 nautischen Meilen bis Nazaré in etwa 27 Stunden schaffen. Dort angekommen, werden wir uns ein bisschen Land und Leute anschauen. Während des Törns – wir legten kurz darauf ab und segelten los – recherchierten wir schon mal über diesen Küstenort, in dem noch keiner von uns bisher gewesen war.

In Nazaré gibt es mehr als nur die berühmten Monsterwellen des weltweit bekannten Surfer-Hotspots. Es ist ein klassischer portugiesischer Fischerort an der Costa de Prata, der durch die gigantischen Wellen weltweit berühmt wurde. Die Gemeinde hat rund 15.000 bis 17.000 Einwohner, der eigentliche Ort ist deutlich kleiner und wirkt außerhalb der Hauptsaison noch authentischer.

Das Besondere ist die Geografie: Ein steiler Felsvorsprung teilt die Küste in zwei Welten. Unten liegt der lange, goldene Sandstrand Praia da Nazaré, oben thront das historische Viertel Sítio auf etwa 110 Metern Höhe. Davor fällt der Atlantik abrupt in den Nazaré Canyon ab – Europas größten Unterwassercanyon. Genau der sorgt dafür, dass die Wellen hier so extrem werden können. Die Umgebung ist eine Mischung aus steilen Klippen, Pinienwäldern und flachen landwirtschaftlichen Flächen im Hinterland.

Ein absoluter Klassiker ist die Fahrt mit der alten Standseilbahn Ascensor hoch nach Sítio. Oben angekommen hat man den berühmten Blick vom Miradouro do Suberco über den ganzen Ort und die Bucht – das Postkartenmotiv schlechthin. Direkt daneben stehen das Heiligtum Nossa Senhora da Nazaré und die kleine Ermida da Memória. Beide hängen mit einer alten Legende zusammen: Ein Ritter soll 1182 auf der Jagd beinahe mit seinem Pferd über die Klippe gestürzt sein und wurde durch die Jungfrau gerettet. Daraus entstand über Jahrhunderte ein wichtiger Wallfahrtsort.

Weiter draußen auf dem Felsen liegt das Forte de São Miguel Arcanjo mit Leuchtturm. Von hier schaut man direkt auf die Praia do Norte – die große Wellen-Seite. Im Fort gibt es heute ein kleines Museum rund um die Big-Wave-Geschichte. Unten im Ort lohnt sich ein Spaziergang entlang der Strandpromenade, ein Blick auf die bunten, traditionellen Fischerboote und der Besuch des Marktes. Nazaré lebt immer noch vom Fisch – getrockneter Fisch gehört zum Straßenbild, und die Meeresfrüchte in den einfachen Restaurants sind meist hervorragend.

Tagsüber kann es an den Aussichtspunkten voll werden, vor allem wenn große Wellen angesagt sind. Abseits davon und außerhalb der Hochsaison bleibt Nazaré ein eher bodenständiger Küstenort mit Fischgeruch, engen Gassen und dem typischen portugiesischen Mix aus Alltag und Tourismus. Die Praia da Nazaré selbst ist zum Baden deutlich besser geeignet als die berühmte Nordseite.

Die berühmte Big-Wave-Saison in Nazaré läuft ungefähr von Oktober bis März. Die höchste Wahrscheinlichkeit für wirklich große Wellen mit 15 bis 30 Metern und mehr liegt in den Kernmonaten November bis Februar, besonders Dezember und Januar. Es geht weniger um lokale Starkwinde vor Ort, sondern um die großen Tiefdruckgebiete weit draußen im Nordatlantik. Die erzeugen lange, energiereiche Dünung mit langer Wellenperiode, die dann vom Nazaré-Canyon massiv verstärkt wird. Perfekte Bedingungen brauchen zusätzlich oft ablandigen Wind – meist aus Ost/Nordost –, damit die Wellen sauber stehen.

 

Hier ein Beispielfoto vom Januar 2022. Diese Naturgewalten kann man sich selbst mit blühender Fantasie oder beim Anschauen einer tollen Video- oder Fernseh-Doku kaum ausmalen; das muss man in echt sehen, um es einigermaßen begreifen zu können. Und um die Surfer zu bestaunen, die sich tatsächlich in diesen Wahnsinn stürzen. Aber wer nur wegen der Wellen kommt, verpasst den eigentlichen Charme – den Kontrast zwischen dem dramatischen Felsen, dem alten Wallfahrtsort oben und dem lebendigen Fischerdorf unten.

»Delfine!«, rief Sascha, der sie zuerst entdeckte, und wieder mal liefen alle zur Bugreling.

»Schon die zweite Delfin-Eskorte auf diesem Törn, wir sind Glückspilze und hahaha…«, lachte Kasha. »…jetzt wollen wir doch mal gucken, ob des Captains nackige Bugspriet-Tanz-Idee wirkt!«

Tja, was soll ich sagen oder schreiben? Der Frechdachs machte sich bei 22 Grad und kühlendem, kräftigem Nordwind doch tatsächlich splitternackig, um ganz vorne im Bugkorb für die Delfine einen verlockend lasziven Tanz aufzuführen. Natürlich beeindruckte das die wie immer sehr flink in der Bugwelle spielenden Tiere kein bisschen, was auch Kasha genau wusste. Aber darum ging es ihr ja auch gar nicht, sondern um den frechen Mordsspaß, so etwas wirklich zu tun. So ist die dabei strahlend lächelnde, gertenschlanke und bildhübsche Freche einfach drauf – solche exhibitionistischen Frechheiten liebt sie total. Schmunzel


 

»Schade, dass dieses Schauspiel nur für die Delfine gedacht ist«, grinste ich breit, während wir alle über sie schmunzelten. »Der Skipper hätte eine solche Aufführung eigentlich auch verdient!«

»Paaahaha… Als ob du nicht dauernd noch viel mehr von Bella und mir zu sehen bekommst?!«, lachte sie nur und tanzte extra provokant auch noch auf dem Seitendeck für mich. Bei aktuell nur 13 bis 15 Knoten Wind – also quasi gemütlichem Schönwetter-Segeln und gemächlichen Bewegungen des schweren Langkielers in der See – war das nicht weiter gefährlich, aber trotzdem etwas, was man so draußen auf dem Meer eigentlich nicht tun sollte.

Ständige, altkluge Skipper-Ermahnungen wären jedoch eher kontraproduktiv, weshalb ich nichts sagte. Kasha mag manchmal allzu leichtsinnig-lebensfroh agieren und hat noch wenig Erfahrung auf Hochseetörns. Dennoch ist sie kein Dummerchen, sportlich fit und achtet schon darauf, möglichst immer etwas Stabiles zum Festhalten in Reichweite zu haben. Und wie das bei jungen Menschen eben so ist: Zu viele Ermahnungen, vorsichtiger zu sein, können genau gegenteilige Trotzreaktionen auslösen und sie zu noch leichtsinnigerem Verhalten animieren.

Später tauchte Sascha mal in die Tiefen der Bilge ab und machte oder kontrollierte irgendwas. Das verlockte mich zu der neugierigen Frage: »Was hast du gemacht?«

»Hab die Wellendichtung angeschaut. Kein einziger Tropfen, die Bilge ist knochentrocken«, brummte er erklärend. Das war wahrscheinlich seine x-te Kontrolle in den letzten Wochen.

 

Wenn Kasha kaum etwas lieber tut, als mit ihrem entzückenden Sexappeal zu spielen, dann macht Sascha kaum etwas lieber, als alles an Bord ständig zu kontrollieren und zu warten. Dass derzeit alles so top funktioniert und es nichts für ihn zu reparieren oder basteln gibt, bedauert er schon fast. Wir haben übrigens eine PSS-Gleitringdichtung an der Welle, die 2025 erneuert wurde und bei guter Wartung mindestens fünf Jahre halten sollte – aber Kontrollen schaden nie.

Der Grund dafür liegt im Materialverhalten: Der kritischste Punkt bei einer PSS-Gleitringdichtung ist der Neopren-Faltenbalg. Gummi altert, verliert im Laufe der Jahre seine Weichmacher und wird spröde oder verformt sich dauerhaft unter der ständigen Kompression. Ein Balg kann von außen noch tiefschwarz, sauber und optisch makellos aussehen, obwohl das Material durch Alterung bereits Mikrorisse aufweist oder nicht mehr die nötige Elastizität hat, um den Grafitring mit ausreichendem Druck gegen den Edelstahlrotor zu pressen.

Eine knochentrockene Bilge zeigt zwar, dass die Gleitringdichtung aktuell perfekt abdichtet, ist bei diesem Systemtyp jedoch kein verlässlicher Indikator für den Alterungszustand oder die verbleibende Restlebensdauer. Das liegt an der spezifischen Konstruktionsweise der Gleitringdichtung:

  • Kein schleichender Verschleißindikator: Anders als bei der klassischen Stopfbuchse (die über Monate hinweg immer ein bisschen mehr tropft) halten Gleitringdichtungen bauartbedingt bis zum letzten Tag zu 100 % dicht.
  • Das plötzliche Versagensmuster: Verschleiß oder Materialermüdung kündigt sich hier selten durch Tropfen an. Wenn ein Schadensfall eintritt, geschieht dies meist schlagartig – etwa wenn der Gummibalg altert und seine Federspannung verliert, die Fixierschrauben des Edelstahlrotors auf der Welle rutschen oder der Balg spröde wird und reißt.

Drei Punkte zur Beurteilung des tatsächlichen Zustands:

1.     Alter des Gummibalgs: Der Hersteller (PYI/PSS) empfiehlt dringend, den Neopren-Faltenbalg sowie die O-Ringe im Edelstahlrotor alle sechs Jahre präventiv komplett auszutauschen. Wenn unklar ist, wie alt der Balg beim Kauf der Yacht war, sollte dieser Frist-Check oberste Priorität haben.

2.     Vorspannung des Balgs: Der Edelstahlring muss den Gummibalg um ein genau definiertes Maß (meist ca. 10 bis 12 mm) zusammendrücken, um den nötigen Anpressdruck auf den Grafitring auszuüben. Hat sich die Fixierung auf der Welle minimal verschoben, sinkt der Anpressdruck.

3.     Zustand der Kontaktflächen: Solange keine Fremdkörper oder Kalkablagerungen zwischen Edelstahlrotor und Grafitring geraten, bleibt das System trocken.

Fazit: Die Trockenheit der Bilge bestätigt, dass das System momentan ordnungsgemäß arbeitet und die Kühlung/Entlüftung funktioniert. Um jedoch sicher zu sein, dass sie auch auf langen Schlägen zuverlässig bleibt, entscheiden allein das Alter des Gummibalgs und die korrekte Vorspannung des Rotors auf der Welle.

 

Durchschnittlicher SOG und Törnverlauf

Kategorie

Wert

Gesamtdistanz

180,16 Nm

Gesamtzeit

1 Tag 2 Std 40 Min (26 Std 40 Min)

Durchschnitts-SOG

6,76 kn

Ein gleichmäßiger und effizienter Törn mit einer starken Durchschnittsgeschwindigkeit von 6,76 Knoten über 180 Seemeilen.

Ziemlich genau nach Plan erreichten wir unser Ziel am nächsten Mittag und liefen in den kleinen Hafen zur Marina Clube Naval da Nazaré auf 39° 35.15' N, 9° 4.33' W ein. Das ist einer der besten Yachthäfen an der iberischen Westküste und wird von vielen Seglern hoch gelobt. Eine Bewertung von »Alexander« bringt alles Wesentliche auf den Punkt, was ich nach unserem Aufenthalt nur bestätigen kann:



 

»Ein fantastischer Yachthafen, einer der besten in Europa. Nicht riesig, aber sehr geschützt und windgeschützt. Das Personal ist sehr freundlich und aufmerksam. Nachts ist es meist ruhig, da kaum Wellengang herrscht. Gelegentlich kann es jedoch aufgrund der Fischereifahrzeuge auf der anderen Seite des Hafenbeckens nach Fisch riechen. Die Sanitäranlagen sind modern und sauber, mit gutem Warmwasser und Wasserdruck. Die Kommunikation verlief reibungslos, die Buchung über Navily klappte problemlos, die Mitarbeiter waren über Funk schnell erreichbar und zwei Mitarbeiter begrüßten uns herzlich am Steg und halfen uns beim Anlegen. Der Yachthafen liegt direkt vor den Toren von Nazaré, nur wenige Gehminuten vom Strand entfernt. Auch die Stadt mit ihren zahlreichen Restaurants und guten Einkaufsmöglichkeiten ist bequem zu Fuß erreichbar.«

Da bereits Mittagszeit war und wir ordentlich Appetit hatten, klarten wir das Boot schnell auf. Die Schönen richteten sich sexy her, um voller Vorfreude auf lokale Köstlichkeiten die Invasion des Ortes zu starten. Man konnte den Einheimischen nur dringend empfehlen, sofort bedingungslos zu kapitulieren und sich dieser überwältigenden Streitmacht zu ergeben! schmunzel

»Achtung, Nazaré: Bella und Kasha kommen mit treuen Kriegern in die Stadt, haha!«, lachten sie gemeinsam und kommandierten ihre Truppen – also Sascha und mich – wie strategieerfahrene Feldherren herum.

»Die armen einheimischen Männer tun mir jetzt schon leid, hoho«, glucksten wir mit ihnen, ehe Sascha nachhakte:

»Welches Lokal hast du für uns ausgesucht, Bella?«

»Lasst euch überraschen! Wenn die Rezensionen und Fotos stimmen, werden wir dort köstlich satt!«, zwinkerte sie.


 

Und so war es auch. Das Paris Latino an der Av. Vieira Guimarães 69, könnte man glatt als Gourmet-Geheimtipp klassifizieren. Von draußen und drinnen eher unscheinbar wie ein einfaches Bistro eingerichtet, bringt dort freundliches und flinkes Personal erstklassige Speisen aus der Küche zu den Gästen. Auf Google halten sie bei über 400 Bewertungen einen hohen Schnitt von 4,6 Sternen – für die Speisen selbst würde ich ihnen sogar exzellente 4,8 Sterne geben. Und das zu erstaunlich günstigen Preisen. Besonders die Meeresfrüchte-Gerichte sind zu empfehlen, und man kann mit viel Genuss schlemmen, bis nichts mehr reingeht.

»Diese gegrillten Mini-Calamares sind, glaube ich, die besten, die ich je gegessen habe. Genial!«, seufzte Bella voller Genussfreude. Wie üblich hatten wir verschiedene Gerichte bestellt, um reihum probieren zu können. Die üppig portionierten Speisen schmeckten allesamt derart lecker, dass vor allem ich mich mal wieder arg zusammenreißen musste, um nicht viel zu viel zu futtern.

»Wenn du denkst, die allein auffuttern zu können, irrst du dich, haha!«, schnappten sich Kasha und ich gleichzeitig je einen Happen von dem Teller, der gerade vor Bella stand.

Das war natürlich alles nur Spaß, denn wir ließen die Gerichte ohnehin reihum gehen. Unsere Bedienung und ein junger Mann hinter der Theke amüsierten sich eindeutig über uns – und Letzterer verschlang die blonden Schönen in ihren sexy Kleidern förmlich mit den Augen. Beide registrierten das mit ihren weiblichen Instinkten natürlich sofort und zwinkerten ihm strahlend zu. Wie schon erwähnt: Nicht zufällig ist »Smiling-Kasha« ihr Spitzname, denn sie kann wirklich überwältigend bezaubernd lächeln.

Am Ende hatten wir eine ordentliche Auswahl verputzt. Wie sich auf der Fotocollage erkennen lässt, waren die Portionen wirklich nicht knapp bemessen – ein Schmaus für Auge und Gaumen zugleich:

  • Lulas grelhadas: Gegrillte Tintenfische mit frischem Salat aus Blattsalat, Karottenraspeln und Kirschtomaten – ein zeitloser, einfacher portugiesischer Klassiker.
  • Costelas de porco grelhadas (Entrecosto grelhado): Dicke, saftige gegrillte Schweinerippenstücke, serviert mit Pommes frites, einem kleinen Salat und frischen Zitronen- sowie Orangen Scheiben.
  • Polvo à Lagareiro: Gegrillter und geschmorter Oktopus mit kleinen Kartoffeln, Zwiebeln, Paprika und Blattgemüse. Das typisch portugiesische Oktopus-Gericht besticht durch feines Olivenöl und eine feine Knoblauchnote.
  • Amêijoas à Bulhão Pato: Die klassische Muschel-Zubereitung mit Knoblauch, Koriander, Weißwein und hochwertigem Olivenöl.

Zum Abschluss konnten die Frauen nicht widerstehen und wollten unbedingt noch ein Dessert probieren. Bolo de Amêndoa com Doce de Ovos ist in Portugal sehr typisch – besonders in Pastelarias und bei festlichen Anlässen. Die leuchtend orangefarbene, leicht kristalline Oberfläche stammt von der Eigelbcreme, die beim Abkühlen diese charakteristische Farbe und Textur annimmt. Wir probierten alle einen Happen davon und fanden den Kuchen ebenfalls ausgesprochen lecker: nicht zu süß und mit kräftigem Mandelgeschmack.

Geöffnet hat das Paris Latino täglich von 07:30 bis 23:00 Uhr. Man kann dort inklusive Getränk bereits für 15 bis 20 Euro hervorragend satt werden. Uns wurden am Ende – inklusive einer Flasche Weißwein, zwei Flaschen Mineralwasser und vier guten Espressi – deutlich unter 100 Euro berechnet. Das habe ich mit Trinkgeld natürlich gerne aufgerundet, denn wir waren mehr als zufrieden. Für vier Personen und ausgiebiges Schlemmen exzellenter Köstlichkeiten, ist das in der heutigen Zeit geradezu ein Schnäppchen.


 

Bei inzwischen überraschend richtig warmen 29-30 Grad unternahmen wir anschließend einen ausgiebigen Verdauungsspaziergang; zunächst entlang des Strandabschnitts Praia da Nazaré, der mit etlichen Badegästen belebt war. Für etwas mehr körperliche Bewegung wären wir an sich gern auch noch auf die hohen Klippen geklettert, aber:

»Och nö, die Bahn sieht so hübsch aus, damit will ich hochfahren!«, protestierte Kasha. Der Ascensor da Nazaré, eine klassische Standseilbahn (Funicular), verlockte uns andere schließlich ebenfalls dazu, sie auszuprobieren.

»Yup, das macht Fun, lasst uns die Bahn nehmen!«, unterstützte Sascha sie sogleich, gefolgt von Bella. Und ehrlich gesagt reizte mich das Vehikel genauso – es macht tatsächlich Spaß, damit den Berg hoch oder runter zu zuckeln.

Zwei Kabinen sind über ein Seil miteinander verbunden und fahren gegenläufig: Wenn eine hochfährt, fährt die andere hinab. Die Strecke ist eingleisig und teilt sich nur in der Mitte für die Ausweichstelle. Die Trasse und die Grundkonstruktion stammen aus dem Jahr 1889 (Eröffnung am 28. Juli 1889).

Der Ingenieur war Raul Mesnier du Ponsard – derselbe Konstrukteur, der auch mehrere der berühmten Lissabonner Aufzüge und Standseilbahnen entworfen hat. Die Kabinen selbst sind deutlich moderner; sie wurden vor allem bei der großen Modernisierung 2001/2002 sowie späteren Überarbeitungen erneuert. Deshalb wirken die blauen Wagen im Kontrast zur steilen, historischen Trasse mit ihren sichtbaren Schienen und dem offenen Seil manchmal etwas modern-fremd. Die Strecke selbst ist somit schon über 135 Jahre alt.


 

Eckdaten zum Ascensor da Nazaré:

  • Länge: ca. 318 Meter
  • Steigung: 42 %
  • Höhenunterschied: rund 100 Meter
  • Fahrzeit: etwa 2 bis 3 Minuten
  • Betriebszeiten & Preis: Täglich von 07:15 Uhr bis Mitternacht; einfache Fahrt 2,50 €

Ursprünglich dampfbetrieben, wurde die Bahn in den 1960er-Jahren elektrifiziert. Sie funktioniert nach demselben Prinzip wie die bekannteren Bahnen in Lissabon. Beide Kabinen halten sich über das Zugseil gegenseitig in der Waage. Der große Unterschied liegt vor allem in der Umgebung und der extremen Steigung: In Nazaré ist die Strecke kürzer, steiler und landschaftlich spektakulärer, während die Lissabonner Bahnen mitten durch enge Stadtgassen führen. Technisch und historisch gesehen sind sie jedoch enge Verwandte.


 

Die hübsche Kirche Santuário de Nossa Senhora da Nazaré in der Oberstadt besichtigten wir natürlich ebenfalls. Im Jahr 1377 ließ König D. Fernando I. hier die erste größere Kirche errichten. Der Grund: Die bereits bestehende, kleine Ermida da Memória (Kapelle der Erinnerung, erbaut 1182 nach dem legendären Wunder mit Dom Fuas Roupinho) war für die wachsende Zahl der Pilger schlicht zu klein geworden. Das heutige Erscheinungsbild ist das Ergebnis mehrerer Jahrhunderte von Umbauten:

  • Anfang 17. Jahrhundert (ca. 1626–1636): Erste große Rekonstruktion unter dem königlichen Architekten Luís de Frias, bei der auch die Ausrichtung der Kirche verändert wurde.
  • Spätes 17. Jahrhundert (1680–1691): Umfangreiche Erweiterung und Umgestaltung unter dem Bischof von Leiria, durchgeführt vom Architekten António Rodrigues de Carvalho und dem Bildhauer Manuel Garcia. In dieser Phase erhielt die Kirche ihre heutige Form als lateinisches Kreuz.
  • 1717: Erneuerung der Fassade und Bau der beiden charakteristischen Glockentürme.
  • 1708/1709: Bestellung der berühmten blau-weißen holländischen Azulejos (über 6.500 Fliesen) von Willem van der Kloet für den Querhausbereich.

Das Heiligtum beherbergt die berühmte schwarze Madonna Nossa Senhora da Nazaré, eine kleine holzgeschnitzte Figur, die der Legende nach bereits seit dem 8. Jahrhundert an diesem Ort verehrt wird. Es gilt als einer der ältesten und bedeutendsten marianischen Wallfahrtsorte Portugals. Ein marianisches Heiligtum bezeichnet einen Ort, an dem die Verehrung der Jungfrau Maria im Mittelpunkt steht, abgeleitet vom lateinischen Marianus = der Maria zugehörig.

Aus meiner streng atheistischen Sicht wirken solche Prachtbauten in einer damals bettelarmen Region immer etwas paradox, geradezu obszön. Nazaré war über Jahrhunderte in erster Linie ein Fischerdorf; die große Mehrheit der Einwohner lebte von der beschwerlichen Fischerei und hatte wenig Geld. Dennoch entstand genau dort ein prächtiger Wallfahrtsort. Ein paar historische Hintergründe erklären diesen Umstand:

  • Königliche Förderung: Der Bau und die Umbauten wurden stark von den portugiesischen Königen finanziert. Es war kein reines Dorfprojekt, sondern ein königlich gefördertes Heiligtum.
  • Wallfahrt als Wirtschaftsfaktor: Die Legende und die schwarze Madonna zogen über Jahrhunderte Pilger aus ganz Europa an. Das brachte Spenden, Handel und Übernachtungsgäste – also frisches Kapital von außen.
  • Zeitgeist: Im Mittelalter und der frühen Neuzeit war es üblich, dass selbst in armen Regionen repräsentative Sakralbauten entstanden. Religion und Gemeinschaftsidentität spielten eine zentrale Rolle. Oft finanzierten Adelige oder reiche Bruderschaften den Großteil, während die lokale Bevölkerung Bauarbeiten verrichtete.

Aus heutiger, säkularer Perspektive erscheint der Aufwand für einen solchen Prachtbau in einem armen Fischerdorf dennoch wie eine Verschwendung. Historisch gesehen war er jedoch Teil eines Systems, in dem religiöse Bedeutung, königliche Repräsentation und wirtschaftliche Impulse eng miteinander verknüpft waren. Im Grunde läuft es heute nicht viel anders – nur dass statt Prachtkirchen eben riesige Bankentürme, Megayachten und private Riesenresidenzen für Milliardäre gebaut werden, während Milliarden Menschen kaum genug zu fressen haben.

»Stimmt schon, du Philosoph«, zwinkerte Bella und stellte sich in Positur. »Aber du musst zugeben, dass mein blaues Kleid perfekt zu den blauen Kacheln passt, haha!«

»Stimmt. Aber für ein derart sexy Kleid mit dir als Inhalt wärst du damals von der Inquisition als Hexe verbrannt worden – und auch heute rümpfen garantiert noch einige Katholiken die Nase darüber, dass du so gekleidet eine Kirche besuchst!«, grinste ich.

Sie zog es absichtlich zum „kürzer geht nicht mehr!“ Minikleid hoch und schlüpfte für Fotos rasch in hochhackige Schuhe, die sie extra aus ihrer Umhängetasche gezaubert hatte. Nur Frauen und besonders Models kommen wohl auf die Idee, neben bequemen Laufschuhen für das Sightseeing auch noch Stilettos mitzuschleppen! Für diese sexy-provokante Fotos suchten wir uns natürlich eine ungestörte Ecke in der Kirche ohne Zuschauer. Danach wechselte sie wieder ins bequeme Schuhwerk und zog den Stoff bis zur Mitte der Oberschenkel herunter. Verdammt sexy und eigentlich immer noch etwas zu reizvoll gestylt für einen Kirchenbesuch, sah sie trotzdem aus.


 

Genau solche Foto-Provokationen sind aber auch beliebte Hingucker für ihre Fans, Follower und zahlenden Abonnenten. Außerdem sieht man es in der Sommerhitze heutzutage öfter, dass junge Touristinnen wie auch unbekümmerte Einheimische, eigentlich zu freizügig bekleidet in Kirchen unterwegs sind, ohne sich groß Gedanken zu machen. Mir persönlich ist das ohnehin gleichgültig – ich möchte nur nicht unnötig das Moralempfinden Gläubiger stören, weshalb ich schon darauf achte, wo, wann und wie wir solche Pics schießen.

Bis zum Sonnenuntergang um 19:38 Uhr lokaler Zeit schlenderten wir noch weiter umher, schauten uns dies und das an und besuchten am Abend die originelle, beliebte Burger-Bude Le petit chef belge. Das ist eigentlich kaum mehr als ein kleiner Kiosk, mit im Freien dauerhaft aufgebauten Holztischen und -stühlen. Es ist ein sehr beliebter Treffpunkt bei jüngeren Einheimischen, Touristen und ganz besonders bei den Surfern und Wassersportlern während der Wellensaison. Manchmal kann man dort tatsächlich echte Surfer-Berühmtheiten antreffen, wie sie mit ihren Kumpels die riesigen, preiswerten Burger und sonstigen Gerichte verdrücken.

Angesichts der Portionsgrößen bei anderen Gästen und unserem üppigen Mittagessen, bestellten wir uns nur zwei sehr leckere Burger-Gerichte samt Cocktails und kamen sofort mit anderen, lockeren Besuchern ins Gespräch. Das Lokal liegt übrigens oben, nahe der südlichen Klippenkante, und bietet einen fantastischen Ausblick auf das derzeit recht ruhige Meer, den Strand und die Unterstadt. 

 

Das ist eine dieser einfachen, bodenständigen Lokalitäten, die einfach Spaß machen – vorausgesetzt, man ist kein sturer Bock oder will nicht ständig nur arrogant als eleganter Gourmet-Genießer auftreten. Die Leute dort sind überwiegend vollkommen locker drauf, kommen aus fast allen Ecken der Welt und wollen einfach eine gute Zeit haben. Und genau die hatten wir auch.

Die echten Surfer-Pros und Fanatics – selbst viele Amateure – bilden allerdings meist eine recht geschlossene Gemeinschaft, egal wo auf der Welt man sie antrifft. Alle außerhalb ihrer Surfer-Welt betrachten sie häufig eher als unwillkommene Außenseiter und geben sich vorwiegend mit Leuten aus ihren eigenen Cliquen ab. Sie sind nicht direkt arrogant; sie haben schlicht kaum Interesse an der normalen Welt außerhalb ihrer Surfer-Leidenschaft. Das ist mir schon an ganz unterschiedlichen Orten aufgefallen, wenn ich auf Surfer-Gruppen traf.

Aber von diesen waren jetzt ohnehin keine oder nur sehr wenige vor Ort; die versammeln sich in Nazaré bekanntlich vor allem im Winter. Wir hatten jedenfalls jede Menge Spaß und einige richtig gute Unterhaltungen. Darunter war ein Gespräch mit einer sehr sportlichen, sexy-hübschen Amateur-Surferin aus Australien, die unbedingt Pro werden will, zugleich aber auch einen Spitzen-Abi-Abschluss und eine beachtliche Bildung mitbrachte.

Ebenso unterhielten wir uns prächtig mit einem japanischen Paar mittleren Alters, das sich den Sommer über frei genommen hatte, um eine große Europa-Tournee durch viele Länder zu machen. Portugal war in den nächsten Tagen in Lissabon ihr Endpunkt, bevor es für sie wieder nach Hause ging. Wie viele Asiaten, besonders Japaner und Chinesen, sind sie fasziniert von der »alten Welt« Europas – obwohl ihre eigenen Zivilisationen mindestens ähnlich alt sind. Beide sind sehr gebildete, finanziell gut gestellte Akademiker aus Kobe. Typisch japanisch traten sie überaus höflich auf, auch wenn sie sich auf amüsante Art bemühten, sich dem lockeren, westlichen Lebensstil anzupassen.

Seit ich als Jugendlicher die berühmten, später verfilmten Shōgun-Romane von James Clavell verschlungen habe, bin ich fasziniert von dieser für uns Westler oft schwer verständlichen Kultur Japans. Wer schon länger im Blog mitliest, weiß auch, dass ich erst letztes Jahr mehrere Monate geschäftlich in Japans Südprovinzen unterwegs war. Also unterhielt ich mich sehr gern und ausführlich mit diesen perfekt Englisch sprechenden Japanern. Sie freuten sich eindeutig darüber, dass ich so viel von ihrem Heimatland weiß und tiefere Einblicke in ihre Kultur habe – was bei Westlern nur selten vorkommt.


 

Schließlich kamen wir bester Laune gegen 23 Uhr zurück an Bord, machten uns gleich bettfertig und krochen unter die Decken. Dieser hübsche Yachthafen ist für seine Lage ungewöhnlich ruhig, und was mich betraf: Ich schlummerte mit einem feinen Lächeln im Gesicht innerhalb kürzester Zeit tief und fest ein.

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